Kontrollzwang? Wie breche ich aus?

Benutzer91095 

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Hallo,

eigentlich kein so wirkliches Kummerkasten-Thema, aber es beschäftigt mich seit einigen Wochen. Folgendes:

Ich bin ein Mensch, der sich oft freiwillig in herausfordernde Situationen bringt, sei es arbeitstechnisch, sei es in meinem Privatleben. Ich bin mir nicht sicher, ob ich das gerne habe, aber es gibt mir einen gewissen Kick, mich in Situationen zu begeben, die neu für mich sind, um zu sehen, wie ich reagiere und wie ich damit umgehen kann.

Erstaunlicherweise muss ich sagen, dass es selten passiert, dass ich anders reagiere, als ich es vorhergesagt habe. Dass etwas anders läuft, als ich es mir selbst prognostiziert habe, dass ich eine neue Seite an mir entdecke, die ich vorher noch nie wahrgenommen habe. Es läuft immer irgendwie alles nach (meinem) Plan. Auch das Verhalten anderer Menschen läuft häufig nach Plan. Das irritiert mich ein wenig. Ich möchte mich selbst einmal überraschen, aber es gelingt mir nicht. Ich möchte meinen Kopf einmal überlisten, aber es klappt einfach nicht. Ich möchte, dass andere mich mal überraschen, aber letztendlich läuft es doch so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Und dadurch, dass ich mich in verschiedenste Situationen begebe, wird mein Horizont an Erlebtem auch immer breiter und ich bin immer weniger überrascht davon, dass etwas sowieso so läuft, wie ich mir gedacht habe. Das kann irgendwie nicht gesund sein.

Eigentlich ist es ja gut so und ich sollte mich darüber freuen. Dennoch fehlt mir das Unberechenbare und ich habe das Gefühl, ich kenne mich zu gut, weiß zu gut, was ich will und was nicht, was ich mag und was nicht, wie ich mit mir selbst umgehe, damit es mir gut geht, und wie ich das beste aus der Situation mache. Ich meine, ja, die negativen Überraschungen bleiben mir dadurch weitgehend erspart, aber die positiven eben auch. So lebe ich eigentlich auch ganz gut und bin recht zufrieden mit mir und meinem Dasein. Beschweren kann ich mich bestimmt nicht, aber es irritiert mich eben enorm. Ich bin mir nicht sicher, ob ich mich selbst wirklich gut kenne oder ob ich einfach meine Gefühle und mein Verhalten zu gut unter Kontrolle habe und irgendetwas unterdrücke. Ich weiß es nicht. Auch bin ich mir nicht ganz sicher, ob ich einfach gut Menschen einschätzen kann (eigentlich dachte ich, ich könnte es gar nicht), oder ob ich mir einfach unbewusst welche suche, die sich von mir und meinem Verhalten beeinflussen lassen, sodass letztendlich das raus kommt, was ich haben will bzw. womit ich gerechnet habe und umgehen kann.

Tja, momentan bin ich ratlos. Ich weiß auch nicht ganz, wie ihr mir da helfen könnt, aber ich freu mich auf jeden Fall über euren Input! Vielleicht geht es ja wem ähnlich... Oder vielleicht ist es ja normal?
 

Benutzer50955 

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Der Threadtitel ist irgendwie unglücklich gewählt, finde ich. Bei so einer Überschrift im Kummerkasten denkt man eher an einen Beitrag über Kontrollzwänge. "Ich will mehr Abwechelung im Leben" trifft es doch eigentlich eher, oder?
 

Benutzer91095 

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Der Threadtitel ist irgendwie unglücklich gewählt, finde ich. Bei so einer Überschrift im Kummerkasten denkt man eher an einen Beitrag über Kontrollzwänge. "Ich will mehr Abwechelung im Leben" trifft es doch eigentlich eher, oder?

Hab ich mir auch überlegt. Allerdings will ich nicht mehr Abwechslung :grin: Ich hab eigentlich enorm viel Abwechslung... Da kann ich mich nicht beschweren. Bin aber offen für andere Theadtitelvorschläge, denn ja, dieser ist suboptimal.
 

Benutzer42813 

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Hey, erst mal ist das, was du da beschreibst, eine große Stärke! Du kennst dich selbst, du kennst dein Umfeld, du kannst Reaktionen gut vorherberechnen... Ein bisschen kenne ich das auch, dass die Dinge immer so gehen, wie ich das plane und mir vorher überlege :zwinker:.

Nur dass ich diese Fähigkeit halt in den Dienst meines großen Lebenszieles gestellt habe: Schriftstellerin werden. Als ich siebzehn war und mit meiner Mutter ernsthaft über Zukunftplanung diskutierte, gab sie mir den guten Ratschlag, erst mal etwas zu erleben, worüber man schreiben kann. Ich behielt das im Hinterkopf und organisierte in den nächsten zehn Jahren mein Leben so, dass ich möglichst intensive Gefühle erleben würde, Verzweiflung, Triumph, Liebe, Verzweiflung, Selbstaufgabe, Eiseskälte, Versagen, Erfolg, Workoholic-Leben, In-den-Tag-Treiben-Lassen, Liebe wider jede Vernunft, Sex-Affären... Aber mit 28, das wusste ich auch immer im Hinterkopf, wäre ich damit so weit durch und könnte mit der nächsten Phase beginnen, die dann eben Glück, Gesetztheit und beruflichen Erfolg nicht zuletzt als Schriftstellerin mit sich bringen würde.

Mir wurde erst vor ein oder zwei Jahren klar, dass die meisten anderen Menschen ihr Leben nicht auf diese Weise durchorganisieren bzw. genau berechneten Raum für sinnvolle Fehler und sinnvolle Erfahrungen lassen, um auf diese Weise das eigene große Lebensziel zu erreichen ^^.

Mit vierzig werde ich dann richtig erfolgreich werden, vermute ich anhand meiner "Vorrausschau".

***

Auf dein Leben übertragen würde ich sagen, dass diese Fähigkeit der Selbstkontrolle, Selbsterkenntnis und Vorherberechnung erst mal nur eine Eigenschaft, eine Fähigkeit ist, die weder gut noch schlecht ist. Genau wie Impulsivität kann es das Leben erfüllender machen, aber eben auch stark einschränken. Es liegt immer daran, was du daraus machst.

In vieler Hinsicht profitierst du davon. Warum soll es "nicht gesund" sein, wenn dein Horizont immer breiter wird und die Dinge immer öfter so ablaufen, wie du es vorherberechnet hast? Das kenne ich auch von mir. Es ist eine Mischung aus (Selbst-)Empathie, analytischen Fähigkeiten, Menschenkenntnis, einem Gespür für psychische und gruppendynamische Abläufe.

Mit Sicherheit unterdrückst du manchmal etwas - das tut jeder. Gerade bei einer solchen Berechnungspersönlichkeit ist natürlich eine gewisse Gefahr vorhanden, mehr zu unterdrücken als man eigentlich möchte.

Ich würde dir raten, diese Fähigkeiten, die du da hast, erst mal als Stärke zu sehen. In vieler Hinsicht können sie dir das Leben erleichtern. Manchmal tun sie auch tierisch weh - wenn man z.B. sieht, wie zwei geschätzte Menschen sich auseinanderleben, sich in dummen Streitereien verlieren und man bereits sieht, dass sie in sechs bis acht Wochen auseinandergehen werden (es waren dann sieben Wochen). Wenn man Dinge sieht, aber keinen Einfluss drauf nehmen kann, muss man manchmal die Wahrnehmung, aber auch die Frustration und Hilflosigkeit deswegen unterdrücken. Vielleicht meinst du das.

Vielleicht hast du auch gewisse Aspekte deiner Persönlichkeit zu sehr unterdrückt, wie Leidenschaftlichkeit, Temperament, Hilflosigkeit, demütiges Anerkennen der eigenen Unvollkommenheit, Unsicherheit, was-weiß-ich? Vielleicht kommt dein Gefühl von Unsicherheit daher, dass bestimmte Dinge deiner Persönlichkeit noch mehr Raum bekommen müssten, den du dir selbst im Moment dafür nicht zugestehst? Nutz deine analytischen Fähigkeiten mal, um da mal bei dir selbst ein bisschen zu überlegen, was für ein Gefühl von "innerer Vollständigkeit" fehlt, wäre meine Idee. Du selbst kannst da bestimmt mehr entdecken als ich hier via Ferndiagnose.

Letztlich ist es auch egal, ob du gut Menschen beeinflussen kannst oder dir unbewusst immer wieder welche aussuchst, die sich von dir beeinflussen lassen - beides funktioniert nicht ohne eine gewisse Empathie, Verletzlichkeit, Sensitivität, die einen als Kind meist viel zu verletzlich macht und die man daher immer erst mal gerne verdrängt und unterdrückt und dann nur noch indirekt über den "analytischen Denkkanal" nutzen mag. Vielleicht ist ja alles, was du im Moment brauchst, das Selbsteingeständnis deiner angeborenen Empathie und Sensitivität für andere Menschen bei gleichzeitig hoher Intelligenz, kombiniert mit analytischen Fähigkeiten?

Daran ist nichts Schlimmes. Das macht einen zwar verletzlich, aber wenn man es erst mal richtig einsetzen kann, stärkt es einen auch und hilft einem, andere Menschen ebenfalls zu stärken.
 

Benutzer50955 

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Wie wäre es mit "Buh! *Schreck* Lotusknospe möchte überrascht werden" :tongue:


Irgendwie ist mir noch nicht so recht klar, was du nun möchtest. Du willst also Situationen erleben ,die dich überraschen, die du so noch nicht erlebt hast und dich mit was neuem konfrontieren, richtig? Hattest du nicht mal gesagt, dass du dir mal vornehmen wolltest, Erfahrungen mit einer Frau zu sammeln? Dann zieh dich jetzt mal schick an, und geh zu einem Frauenschwof (Disco für Lesben). Auch wenn es sehr jugendfrei bleiben sollte, dürfte die Quote der neuen Erfahrungen pro Stunde enorm sein :zwinker:
 

Benutzer91095 

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@Flame: Ich glaube, du verstehst mich in der Tat. Allerdings: Hast du nie ein schlechtes Gewissen, dass du so berechnend bist? Ich fühle mich da durchaus manchmal schlecht und gute Freunde von mir finden es bedenklich, weil ich quasi nicht aus der Fassung zu bringen bin. Ich fühl mich außerdem ungefähr 15 Jahre älter als ich eigentlich bin.

Ansonsten kann ich sagen, dass mir früher tatsächlich so etwas wie Leidenschaft und Impulsivität gefehlt hat. Mittlerweile ist das aber nicht so. Ich halte mich für recht impulsiv und scheine dabei sogar ein gutes Bauchgefühl zu haben, wann Impulsivität gut und richtig ist. Leidenschaft habe ich früher unterdrückt, aber mittlerweile lebe ich sie gezielt und sehr bewusst aus. Und ansonsten kann ich auch nicht sagen, dass ich mich unsicher (ganz im Gegenteil) oder unvollkommen fühle. Ich fühle mich eigentlich ganz gut! Nur im Vergleich mit anderen komme ich mir selbst sehr seltsam vor. Wie ein Puppenspieler, der alle Fäden in der Hand hat und gelegentlich an ihnen zieht. Und ich merke diesen Drang nach Extremsituationen, der einfach nicht gesund sein kann. Früher oder später muss ich da doch mal gehörig auf die Nase fliegen. Und ich warte und warte drauf, aber es passiert nicht. Es ist ein bisschen so, als würde ich das Schicksal herausfordern wollen, dass mal etwas Unvorhergesehenes passiert. Und eigentlich will ich das nicht tun.

@Shelby: Ich nehme die Situationen so, wie sie kommen. Ich bastle sie mir nicht, wenn ich keine Lust darauf habe. Außerdem geht es nicht um die Neuheit der Situation. Neue Situationen und Erfahrungen gibt es genügend, nur sind sie selten anders, als ich es erwarten würde. Wenn ich Frauenerfahrungen sammeln will, dann passiert das schon :tongue: Momentan bin ich aber bedient :zwinker:
 

Benutzer103916 

Meistens hier zu finden
naja vielleicht solltest du aufhören zu planen überrascht zu werden? irgendwann wird die überraschung dich sicherlich erwischen, dann, wenn du nicht damit rechnest :zwinker:
 

Benutzer39497 

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Ich dachte zuerst auch, dass es hier um Zwänge und Kontrollsucht geht.

Also ich finde das hier geschilderte "Problem" eigentlich nicht so ungewöhnlich, sondern eher normal, dass es im Leben vieler Menschen oft so läuft oder viele Leute zumindest es so empfinden, dass es bei ihnen bisher immer so lief.

Ich glaube da hängt auch viel mit dem persönlichen Empfinden und den Erwartungen zusammen, die du an dich selbst, an das Verhalten der Mitmenschen und an bestimmte Situationen, in die du dich begeben wirst, stellst.

Wenn du vor hast dich mit einer Sache auseinanderzusetzen, die neu für dich ist, dann stellt sich erst einmal die Frage, wie sehr du dich vorher innerlich damit auseinandersetzt, wie es für dich sein wird genau in dieser Situation zu sein und genau dies zu erleben. Selbst wenn du dich später in die Situation begibst und du es tatsächlich so bewertest, dass alles so gelaufen ist wie du dir vorgestellt hast, es genau nach deinen Vorstellungen empfunden hast und genauso reagiert hast, so wirst du vielleicht erkennen, dass wenn du rückblickend alles mal wirklich im Detail betrachtest, sich die ganze Sache nur in groben Zügen so abgespielt hat wie du dir vorgestellt hast, dass im Detail aber auch Vieles geschehen ist, was du gar nicht vorhersehen konntest, was dich vielleicht aber nur nicht überrascht hat, weil du es als selbstverständlich hinnimmst, dass laufend unvorhergesehene Faktoren hinzukommen, und dass du die Dinge erst hautnah erleben musst, um wirklich sicher einschätzen zu können wie sind, weil die Vorstellung alleine dafür eben doch nicht genügt. Auch du siehst das wohl so, sonst würdest du nicht schreiben, dass dein Horizont durch das Erlebte immer breiter wird. Wüsstest du immer vorher ganz genau wie alles abläuft oder wärst dir dessen sicher, bräuchtest du ja nicht das Gefühl etwas erst erleben oder erfahren zu müssen, um deinen Horizont damit zu erweitern.

Selbst wer ein sehr routinemässiges und abwechslungsarmes Leben führt oder sogar praktisch nie neue Dinge ausprobiert, führt sein Leben nicht völlig nach Plan, sondern macht laufend unvorhergesehene Entdeckungen und Begegnungen. Und niemand ist letztlich davor gefeit vom Leben plötzlich so sehr überrascht zu werden, dass es ihn quasi aus der Bahn wirft, seien die Überraschungen nun positiver oder negativer Natur.

Die Frage stellt sich also in welcher Form das Unvorhergesehene bei dir durch die Erfahrung eintreten müsste, damit du das Gefühl hättest positiv oder negativ überrascht zu werden und in welcher Intensität dies eintritt, damit es bei dir diesen Überraschungseffekt auslöst.

Vielleicht sind deine Grenzen da relativ hoch angesetzt, weil du dich vorher innerlich stark damit auseinandersetzt, wie etwas sein wird und weil du bereits einiges an Erfahrung gesammelt hast, treten dann keine Aha-Erlebnisse mehr ein, wenn du etwas Neues erlebst, was vielleicht sogar Ähnlichkeit mit andere Dingen hat, die du bereits erlebt hast.

Es gibt nun mal Menschen, die sind von Natur aus keine Ausprobier-Typen, weil sie rein intuitiv schon vorher in etwa wissen wie etwas sein wird, welche Sache ihnen Spass machen wird und welche nicht, ohne mit dieser schon in Berührung gekommen zu sein. Und wenn sie sich damit dann auseinandersetzen, dann erkennen sie stets, dass ihre Vorstellung der Realität entsprach. Andere haben laufend viele Erfahrungen gemacht und verknüpfen Vieles davon mit neuen Erfahrungen, die sie machen, werden dadurch automatisch sicherer Neuem gegenüber, bekommen einen vorausschauenden Blick dafür und werden folglich auch nicht mehr so sehr davon überrascht, wie das vielleicht der Fall war, als sie noch jünger waren und weniger Lebenserfahrung hatten.

Entweder du konzentrierst dich auf neue Herausforderungen und freust dich darüber, wenn alles nach Plan läuft, nimmst es dann aber auch so hin, wenn es mal nicht so sein sollte und siehst diese Erfahrung so oder so als wertvoll an. Und auch wenn du dir einer Sache sicher bist, kannst du immer noch versuchen sicherer zu werden, indem du dich darin perfektionierst.

Oder aber du konzentrierst dich auf Sachen, die so neu und unbekannt für dich sind, dass du das Gefühl hast, dass du damit an deine Grenzen gehst oder sogar über diese hinausgehen könntest. Wo du eine gewisse Erfurcht, eine Unsicherheit dabei verspürt und ein flaues Gefühl im Magen hast. Die Wahrscheinlichkeit, dass du dann auf viele unbekannte Faktoren und Unvorhergesehenes stösst, ist dann um einiges grösser. Vielleicht ist das aber auch etwas, was du eigentlich fürchtest?

Dass du Vieles an Menschen und deren Verhalten vorhersehen kannst ist eigentlich auch nicht so ungewöhnlich, wenn die Menschen eben nach bestimmten Mustern funktionieren, die du schon bald durchschaust. Vielleicht suchst du dir tatsächlich solche Menschen (unbewusst) aus und hältst eher Abstand zu eher schwierigen Menschen. Denn diese Menschen gibt es wahrlich auch, die so unberechenbar und sprunghaft sind, dass sie einen stets immer wieder aufs Neue überraschen, wenn man glaubt, man könnte sie zumindest in gewisser Weise einschätzen. Somit gibt man irgendwann frustriert auf, sie wirklich einschätzen zu wollen oder zu glauben, man könnte im Voraus wissen wie sie in dieser oder jener Situation reagieren würden, weil einfach immer wieder unbekannte Faktoren eintreten, die von der momentanen Stimmung derjenigen abhängig sind. Ein bisschen ist es ja schon so, dass man Menschen so gut einschätzen kann, wie diese von ihrem Umfeld eingeschätzt werden wollen und dementsprechend auch ihr Leben nach aussen hin darstellen, so dass man schnell Einblick darin bekommt oder eben nicht.
 

Benutzer42813 

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@Flame: Ich glaube, du verstehst mich in der Tat. Allerdings: Hast du nie ein schlechtes Gewissen, dass du so berechnend bist?

Habe ich. Richtig schlimm wird dieses schlechte Gewissen, wenn ich "heimlich vorblättere", so nenne ich das immer, nämlich in einer anstrengenden oder schwierigen Situation mal eben ein paar Jahre in die Zukunft gehe und zurückblicke, wie das ganze ausgegangen ist... Keine Ahnung, wie ich das genau beschreiben soll, es ist halt wie in einem Buch, in dem man vorblättert, um den Schluss zu lesen - und wenn er einem nicht gefällt, dann geht man zurück und guckt, an welchen Stellen man Änderungen vornehmen muss, um zu einem besseren Schluss zu kommen.

Ich hatte immer das Gefühl, dass ich mir damit einen unfairen Vorteil gegenüber meinen Mitmenschen verschaffe.

Dieses schlechte Gewissen wurde besser, als ich erfahren habe, dass genau das eine Technik ist, mit der man in Beratungsstellen bei Menschen in Lebenskrisen arbeitet - nur, dass die sich eben nicht das Buch vorstellen, in dem sie vorblättern, sondern da unterstützt man es mit visuellen Hilfen und so.

***

Dieses schlechte Gewissen verschwand völlig, als ich anfing, diese "Berechnungsfähigkeit" eben auch in manchen Situationen (da, wo es "laut meinen Berechnungen" keinen Schaden in der Selbstwahrnehmung anderer anrichten sollte) zum Wohl von anderen Menschen einzusetzen. Wenn Freundinnen sich ausheulen, dann eben erst mal zustimmen, dass die Situation sehr kompliziert ist, und dann mit ihr zusammen zwei oder drei mögliche Zukunftswege überlegen, von denen sie dann einen wählen kann und logischerweise auch wählen wird.

Ebenfalls sinnvoll einsetzen kann ich das auf meiner Arbeit an der Förderschule im Brennpunkt. Die Schüler sind lernbehindert, also "dumm" und wenig selbstreflektiert, sehr nah dran an ihren Emotionen und kommen häufig aus unglaublich schwierigen Situationen. Das alles kriege ich ab. In dem Moment, wo ich dann meine "Berechnungs- und Analysefähigkeiten" nutze, um meine Wahrnehmung dafür zu stärken, wo das bei ihnen herkommt, was das bei mir auslöst, wie unser Verhältnis sich dadurch verändert - da ist es richtig, richtig gut und sinnvoll, wenn man zwischendurch mal "nach vorne blättern" kann und schauen, wie es ausgeht, wenn man sich so verhält, wenn man sich anders verhält, wenn man sich noch anders verhält...

Seitdem habe ich kein schlechtes Gewissen mehr. Und ich habe auch kein schlechtes Gewissen, wenn ich meine Manipulierfähigkeiten dafür zu nutzen versuche, eine Atmosphäre voller gegenseitigem Respekt in meiner Klasse zu schaffen, um jedem Schüler das Gefühl zu vermitteln, dass er von mir respektiert wird, dass er wertvoll ist, dass er Potential hat, aus seinem Leben was zu machen.

***

Soll ich dir noch was verraten?

Seit ich das so mache, habe ich die Grenzen dieser "Fähigkeit" auf die verdammt harte Tour kennengelernt ^^. Es klappt nämlich längst nicht immer. Die Menschen lassen sich längst nicht so gut manipulieren, wie ich das immer dachte.

gute Freunde von mir finden es bedenklich, weil ich quasi nicht aus der Fassung zu bringen bin.

Hier hilft ein wenig Schauspielerei. Ganz gezielt anfangen damit, gelegentlich einfach mal Schwächen zu zeigen, zu präsentieren, davon zu erzählen... Garantiert hast du auch welche, garantiert hast du auch manchmal Angst, garantiert hat dich auch schon mal jemand geärgert... Erzähle gezielt davon, mit dem Ziel, dass du eben stärker als menschliches Wesen mit Stärken und Schwächen wahrgenommen wirst.

Wenn man das ein bisschen übt, verzeihen einem die Leute ne Menge geistiger Überlegenheit. Man ist ja schließlich trotzdem nur ein Mensch wie jeder andere, mit der gleichen Sehnsucht nach Dazugehörigkeit, Anerkennung, Selbstständigkeit, Freundschaft, Nähe, gemeinsamem Lachen etc...

Wenn man das ein bisschen übt, verinnerlicht man es nach ein, zwei Jahren und merkt auf einmal: Das ist gar keine Schauspielerei, ich bin ja tatsächlich so! Ich musste nur erst mal lernen, das auch zu zeigen.

Ich fühl mich außerdem ungefähr 15 Jahre älter als ich eigentlich bin.

Das kenne ich ebenfalls gut. Dagegen hilft es, manchmal richtig "kindische" bzw. "kindliche" Dinge zu machen: Auf einen Baum klettern und dem Wind zuhören, Fahrradfahren im Regen, Puzzlen, sich verkleiden, mit Ton arbeiten (die erwachsene Form von im Dreck panschen), einfach mal gezielt Raum schaffen, um die eigenen Emotionen so unbefangen udn absolut zu leben wie ein Kind das tut...

Ansonsten kann ich sagen, dass mir früher tatsächlich so etwas wie Leidenschaft und Impulsivität gefehlt hat. Mittlerweile ist das aber nicht so. Ich halte mich für recht impulsiv und scheine dabei sogar ein gutes Bauchgefühl zu haben, wann Impulsivität gut und richtig ist. Leidenschaft habe ich früher unterdrückt, aber mittlerweile lebe ich sie gezielt und sehr bewusst aus. Und ansonsten kann ich auch nicht sagen, dass ich mich unsicher (ganz im Gegenteil) oder unvollkommen fühle. Ich fühle mich eigentlich ganz gut! Nur im Vergleich mit anderen komme ich mir selbst sehr seltsam vor. Wie ein Puppenspieler, der alle Fäden in der Hand hat und gelegentlich an ihnen zieht. Und ich merke diesen Drang nach Extremsituationen, der einfach nicht gesund sein kann. Früher oder später muss ich da doch mal gehörig auf die Nase fliegen. Und ich warte und warte drauf, aber es passiert nicht. Es ist ein bisschen so, als würde ich das Schicksal herausfordern wollen, dass mal etwas Unvorhergesehenes passiert. Und eigentlich will ich das nicht tun.

Weißt du, wenn dich dieses Puppenspielergefühl stört (mich hat es früher gestört), dann hilft ein bisschen Kontakt mit der Wirklichkeit.

Spätestens dann, wenn du mit 7 Firmen nacheinander persönlich gesprochen hast und sie alle ablehnen, deinen Schülern einen Jahrespraktikumsplatz zu geben, wenn sie es nicht aussprechen, aber du ganz genau weißt, dass es daran liegt, dass sie Förderschüler sind...

Dann wirst du demütiger und merkst, dass du doch keine so gute Puppenspielerin bist wie du immer dachtest.

***

Daher rate ich dir, wenn du das Gefühl hast, dass deine Puppenspielerei dich von deinen Mitmenschen entfernt: Versuche, diese Fähigkeit wirklich gezielt für das Wohl deiner Mitmenschen einzusetzen - solcher, die schwächer sind als du. Du wirst ruckzuck an die Grenzen deiner Fähigkeiten kommen, anfangen, sie gezielt zu schulen und merken, dass es immer noch zu wenig ist...

Und dann, zack, bist du menschlich und überhaupt nicht mehr überlegen. Dann kannst du bei anderen Menschen darüber "jammern" bzw. erzählen, dass du gescheitert bist, obwohl du so viel Arbeit reingesteckt hast - und dieses Scheitern macht dich genauso menschlich wie jeden anderen von ihnen. Auf einmal existiert diese Barriere zwischen dir und deinen Freunden einfach nicht mehr. Auf einmal bist du nur noch eine junge Frau mit bestimmten Fähigkeiten, deine Freunde sind junge Menschen mit anderen bestimmten Fähigkeiten, jeder ist für sich genommen einzigartig und trotzdem fehlerhaft...

Auf einmal seid ihr auf diese Weise wieder "gleich", denn es ist ganz normal, ein bisschen verschieden zu sein.
 

Benutzer54457 

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also wir überraschen dich gerne, wenn du zum nächsten wiener planet-liebe-userInnentreffen kommst :smile: wolltest ja schon ein paar mal..
 

Benutzer91095 

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Danke an alle für eure Antworten. Ich glaube, da ist überall etwas dabei.

@Flame: Demütiger werden habe ich mir schon vorgenommen, denn ich wurde in der Vergangenheit schon ordentlich vor den Kopf gestoßen, weil ich die Menschen um mich herum unterschätzt hatte. Wobei ich jetzt auf die Problematik stoße, dass mir das tw. gar nicht abgenommen wird, sondern als falsche Bescheidenheit ausgelegt wird (was es tatsächlich nicht ist). Ich habe nämlich auch schon gemerkt, ganz so gut manipulieren kann man Menschen nicht (aber eben doch erstaunlich gut). Und das mit der Berechenheit ausnutzen... Tja... Ich fühle mich da leider wirklich schlecht, wenn ich ganz gezielt meine Schwächen zelebriere und mich "menschlich" zeige, denn ich kann es "imitieren" und weiß gleichzeitig, dass es eine Taktik ist. Fehler und Schwächen zugeben kann ich gut. Aber richtig meine Verletzlichkeit zu zeigen, nämlich unkontrolliert... das geht bei mir leider überhaupt nicht. Dafür bin ich offenbar zu stolz.

@Maxx: Danke auch für deine Worte. Ich hab mir auch überlegt, ob es nicht einfach normal ist und ich dem ganzen einfach Zeit lassen muss, bis das Leben da seine eigene Dynamik annimmt. Vielleicht ist es so. Mich irritiert es eben nur, wenn mir gute Freunde sagen, dass etwas mit mir nicht stimmt. Das nehme ich mir dann durchaus zu Herzen und denke über ihre Worte nach. Aber vielleicht hast du Recht und es ist im Grunde nichts Besorgniserregendes.

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also wir überraschen dich gerne, wenn du zum nächsten wiener planet-liebe-userInnentreffen kommst :smile: wolltest ja schon ein paar mal..

Ich bin ausgewandert :zwinker: Auch so eine Folge meiner Tendenz zu neuen, unwegsamen Situationen.
 

Benutzer68775  (36)

Planet-Liebe Berühmtheit
Ich kann dich auch recht gut verstehen... ich kenn die Problematik, immer das Gefühl zu haben, eine Ecke weiter zu sehen und zu handeln.
Allerdings bin ich wohl kein netter Mensch, da ich kein schlechtes Gewissen habe deswegen.

Meine Analysefähigkeit und mich Art Menschen und Situationen einzuschätzen sind eine Gabe, die ich bewusst geschult habe. etwas, dass mir aber als Talent mitgegeben wurde. Wäre ich eine tolle Musikerin, würde ich mich deswegen auch nicht schämen.
Ích fülle durchaus auch gezielt Rollen aus - die besten Lügner sind die, die für kompromisslos ehrlich gehalten werden, am besten kann man manipulieren, wenn keiner einem das zutraut.
Aber so war ich schon immer, immer um Ausgleich und Verständnis bemüht und darum, dass alle sich wohlfühlen - mit mehr oder weniger lauteren Mitteln.

Ich frage mich also, woher kommt das schlechte Gewissen, dein Talent zu leben? Deswegen stehst du ja nicht automatisch auch in andern dingen über allen. Meine Stärke ist Analyse und Rationalität, mit Emotionen zurecht kommen ist es nicht, gebe ich auch problemlos zu.
Darum, nur weil man ein Talent hat, dass nicht viele teilen, heißt es nicht automatisch in allen Bereichen anderen voraus zu sein.
Meine Strategie ist, solche Überlegungen für mich zu behalten und mir bewusst zu machen, wo ich Schwächen habe... dann fühle ich mich nicht arroganter, als jemand der ein besonderes Talent für Kunst oder Musik hat.
 

Benutzer42813 

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Hmm, mal die Frage: Was stört dich mehr - dein gefühlter Kontrollzwang oder was auch immer das jetzt ist - oder die Tatsache, dass dir nahestehende Menschen dich als "fremd", "kalt" oder sonstwas wahrnehmen?

Mit anderen Worten: Wäre es sinnvoller, dich selbst, deine Haltung, deine Art, dein Verhalten zu ändern, damit du dich im Innern anders "fühlst", oder wäre es sinnvoller deine Wirkung nach außen zu ändern, damit du anders "wirkst"?

Je nach Problemstellung müsste man ja nach unterschiedlichen Lösungen suchen - die du wahrscheinlich selbst am besten finden kannst, wenn du deinem Problem erst mal einen genauen Namen geben kannst.
 

Benutzer91095 

Team-Alumni
Also, erstmal: Ich fühl mich deswegen nicht besser als andere. Ganz und gar nicht. Das bin eben Ich, aber nicht besser oder schlechter als andere. In meinem Freundeskreis befinden sich viele Leute, die sehr intuitiv und emotional an ihr Leben herangehen und die - wenn sie mich mal besser kennen - wohl sehr schockiert sind, wie ich alles mit einer sehr rational-analytischen Sichtweise betrachte, auch zwischenmenschliche Liebesangelegenheiten, und da vor allem auch sehr konsequent bin. Das wirkt auf sie unmenschlich und kalt wie ein Eisschrank, auch weil ich als sehr korrekter Mensch wahrgenommen werde, der quasi in seinem Verhalten keine Fehler duldet und man mir so gesehen so gut wie nie etwas vorwerfen kann. Dabei weiß ich selbst, dass ich kein kalter Eisschrank bin, aber ich habe meine Gefühle eben sehr gut unter Kontrolle und bin sehr diszipliniert in meinem Verhalten. Ich will nicht wirklich anders auf andere Leute wirken als ich es tue. Denn das könnte ich vermutlich recht problemlos (wie gesagt: Imitieren war immer eine Stärke). Worum es mir geht ist nur, ob meine Freunde Recht haben, und bei mir im Kopf irgendwas schief läuft, in der Art, wie ich mein Leben lebe. Ob ich etwas verpasse, wenn ich mir immer alles so durchdenke. Und ob ich das Leben intensiver leben kann, wenn ich nicht immer an alle Konsequenzen meines Handels denken würde und vor allem die Verantwortung für das Handeln anderer Menschen übernehme (hier vor allem auf Zwischenmenschliches bezogen). Ich sehe mich selbst immer als Täter und nie als Opfer. Egal was mir passiert, ich bin selbst schuld daran. Wenn jemand mit mir falsch umgeht, dann ist es mein Fehler, dass ich es zugelassen oder sogar provoziert habe. Wenn ich ungerecht behandelt werde, dann ist es meine Schuld, dass ich es dazu kommen habe lassen. Wenn jemand sich einseitig in mich verliebt, dann bin ich schuld daran und bevormunde ihn, dass es nicht noch schlimmer wird. Und so weiter. Ich kann mir vorstellen, dass das auf Dauer ziemlich belastend sein wird. Aber es gibt mir irgendwie eine Art Befriedigung, das Gefühl zu haben, für alles selbst verantwortlich zu sein und die Zügel selbst in der Hand zu haben. Und falls ich mal falsch an den Zügeln ziehe, das nächste Mal aus dem Fehler zu lernen und es anders zu machen.

Ach, ich weiß auch nicht... Vielleicht ist es ja wirklich normal.
 

Benutzer86779  (36)

Sehr bekannt hier
Für mich klingt das eher so, dass du angst hast die kontrolle zu verlieren und nicht sie zu behalten. du hast gelernt, dass du situationen gut vorhersehen kannst und leute gut nach deiner pfeife tanzen lassen kannst.

das ist gut, aber damit hast du auch viel zu verlieren. ich würde das suchen herausfordernder situationen auch ein wenig als ängstliche reaktion deuten: du testest damit unterbewusst ob du es noch draufhast.

eine andere erklärung für deine bedenken kann ich mir im moment nicht ausmalen, denn eig. ist es ja eher positiv.

aber überlegenheit hat eben auch eine sehr beängstigende komponente: nämlich die gefahr sich damit zu identifizieren und die damit verbundende angst es zu verlieren.

ich sage jetztmal ganz frech: hättest du es wirklich gewollt deine grenzen zu überschreiten um kontrolle abzugeben hättest auch du es geschafft. vllt. tanzt du ja bewusst auf der grenze herum aber überschreitest sie nicht? denn das ist auch eine form von sicherheit.

just my 2 cents
 

Benutzer68775  (36)

Planet-Liebe Berühmtheit
Ja, ok, der Gedankengang kommt mir auch bekannt vor... viel eher, als der andere, den ich zuerst rausgelesen hab, nämlich die Problematik wie man von andern wahrgenommen wird.

Die Frage ob ich nicht etwas verpasse, wenn ich kein himmelhochjauchzend - zu tode betrübt kenne, sondern meine Ausschläge in positive wie negative Gefühle eher gering sind, hab ich mir auch oft schon gestellt.
Allerdings, könntest du es ändern, wenn du wolltest? Bewusst dich größeren Emotionen aussetzen?

Ich kanns nicht. Ich hatte ein recht übles Jahr 2010, in dem alles was ich anpackte schief ging. Gründlichst. Und obwohl ich auch der Überzeugung war, bis dahin, immer einzig und allein selbst verantwortlich zu sein, für alles, das mich betrifft... und wenn ich mir nur genug Mühe gebe, alles regeln zu können... musste ich da feststellen - manchmal eben nicht.
Mein Stress und Problemlösungslevel hat ein Maximum - eine Art Schwellenwert, wenn es so schlimm ist, dass es drüber geht - dann schlägt mein Empfindeneinfach um in Gleichgültigkeit. Egal wie sehr ich mich bewusst versuche den Dingen zu öffnen.
Bei positivem das selbe, dieses Maximum hab ich schon ein paar Jahre vorher gefunden... ich kann vieles problemos genießen - wenn es zu toll wird sucht mein Kopf den Haken. Hartnäckig.

Darum frag ich mich, KÖNNTEST du überhaupt "intensiver" leben? Oder zumindest das, was andre für intensiv halten - wenn man selbst keine großen emotionalen Überraschungen oder Schwankungen kennt, ist das immer ein Mysterium^^
Bist du noch nie an Grenzen gestoßen? An Situationen gekommen, die du einfach hinnehmen musstest, egal wie klar sie vorher schienen? Verlassen worden? Ein großer Streit gegen deinen Willen?
Und du selbst, KANNST du ausnahmslos so handeln, wie du weißt, dass es jetzt das sinnvollste wäre, um dein Ziel zu erreichen? Wenn ich tatsächlich mal in etwasemotional involviert bin, dann weiß die rationale Stimme schon sehr genau, was ich tun und sagen müsste, um mein Ziel zu erreichen. Aber ich KANN es einfach nicht. Ich weiß ich sollte ruhig leicht bissig etwas anbringen und die reaktion abbwarten, um drüber zu stehn, aber tatsächlich kann ich nicht aufhören zu heulen und werfe Dinge gegen die Wand^^ Was mich dann unglaublich ärgert, denn ich könnte mich ja blöde verhalten, wenn ich es nicht besser wüsste, aber wenn ich es doch weiß, warum zu Geier gehts bei manchen Menschen einfach nicht?
Allerdings zeigen mir solche Auszucker, dass ich nicht aus Stein bin und über alles erhaben, und dann frag ich mich eben, ob das bei meinem Naturell eben die Menschlichkeit und Verletzlichkeit ausmacht.
Kennst du das?

Ich muss auch hinzufügen, ich hoffe generell auch immer, dass ich "außergewöhnliche" Dinge erleben kann, nur um zu sehen wie ich damit fertig werde, da ich mich sowieso immer von außen betrachte. Allerdings sind es bei mir keine Zukunftsberechnungen von Situationen, sondern Vergangenheitsverständnis.
Dadurch erhalte ich mir zumindest die Spannung WIE die Menschen handeln, auf das Warum danach komm ich meist ziemlich schnell *seufz*
 

Benutzer42813 

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Ich sehe mich selbst immer als Täter und nie als Opfer. Egal was mir passiert, ich bin selbst schuld daran. Wenn jemand mit mir falsch umgeht, dann ist es mein Fehler, dass ich es zugelassen oder sogar provoziert habe. Wenn ich ungerecht behandelt werde, dann ist es meine Schuld, dass ich es dazu kommen habe lassen. Wenn jemand sich einseitig in mich verliebt, dann bin ich schuld daran und bevormunde ihn, dass es nicht noch schlimmer wird. Und so weiter. Ich kann mir vorstellen, dass das auf Dauer ziemlich belastend sein wird. Aber es gibt mir irgendwie eine Art Befriedigung, das Gefühl zu haben, für alles selbst verantwortlich zu sein und die Zügel selbst in der Hand zu haben. Und falls ich mal falsch an den Zügeln ziehe, das nächste Mal aus dem Fehler zu lernen und es anders zu machen.

Spezielle hierzu fällt mir noch ein Ansatzpunkt ein: Meine Mutter nannte das früher bei mir immer "kindliche Allmachtsphantasien". Kleine Kinder glauben immer, dass sie komplett bestimmen, wie sich die Welt verändert. Wenn sie ihr Mittagessen aufessen, bewirken sie damit Sonnenschein. Wenn sie das und das tun, bewirken sie damit gute Laune bei ihren Eltern. Wenn sie auf eine bestimmte Art und Weise lächeln, erlaubt der Papa ihnen, länger auzubleiben. usw usw usw.

Das Gefühl oder der Glaube daran, immer über alles die Kontrolle behalten zu können und für alle Dinge selbst verantwortlich zu sein (selbst für eine Vergewaltigung???), kann also durchaus auch ein Rest dieser kindlichen und völlig unrealistischen Allmachtsphantasien sein, den man jetzt in etwas realistischere Bahnen gelenkt hat.

Mitunter sind solche kindlichen Allmachtsphantasien auch ein Schutzmechanismus, mit dem ein Kind sich vor Hilflosigkeitn schützt. Es ist zum Beispiel belegt, dass Kinder, deren Eltern viel streiten, teilweise sehr, sehr schlechte Schulleistungen entwickeln, sich in schlechte Gesellschaft begeben, immer viel zu spät nach Hause kommen... Mit anderen Worten, die Kinder übernehmen die Rolle des Sündenbockes. Dann haben die Eltern einen Grund, über den sie sich streiten können. (Wenn die Eltern sich dann endlcih in Ehre und Anstand trennen, verbessern sich die Schulleistungen interessanterweise ein halbes Jahr später wieder! Und wenn eine Familie wegen eines "Sorgenkindes" in eine Familienberatung kommt, dann stellt sich sehr oft heraus, dass hier auch nur solche Mechanismen ablaufen und man gar nicht das Kind therapieren muss, sondern die Eltern. Daher weiß ich das.)

Als Ergebnis seiner "Manipulierfähigkeiten" muss das Kind nicht mehr so viel Angst haben, weil die Eltern völlig ohne Grund streiten und damit aus gefühlter Kindersicht sein Leben aufs Spiel setzen. (Ohne beide Eltern, glaubt ein sehr kleines Kind oft, muss es sterben, weil niemand mehr da ist, der scih um das Kind kümmert). Der Sündenbock ist dann nicht die fremde Frau, mit der Papa geschlafen hat, die niemand dem Kind gegenüber erwähnt (was zu Hilflosigkeit führt), der Sündenbock ist auch nicht die simple Tatsache, dass die Eltern sich auseinandergelebt haben und zwischen ihnen nur noch eisigies, liebloses Schweigen existiert (was zu Hilflosigkeit führt), der Sündenbock ist dann das Kind selber.

Das Kind selber ist der Sündenbock für alles, was schief läuft, das Kind selber hätte die Macht, dafür zu sorgen, dass es wieder besser wird, wenn es sich mit Hilfe seiner manipulatorischen Fähigkeiten dafür entscheiden würde... Das Kind darf sich dann natürlich nie seinen eigenen Emotionen hingeben, sondern muss darüber immer die Kontrolle behalten. Sonst hätte es ja nicht mehr die Macht, das Verhalten und die Emotionen seiner Eltern zu steuern - und dann wäre es wieder hilflos. Und die Hilflosigkeit wird halt vom Kind als ganz große Bedrohung und Lebensgefahr wahrgenommen.

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Möglicherweise sind solche Kontroll- und Manipuliermechanismen bei Erwachsenen auch schlicht und einfach "Reste" dieses kindlichen Verhaltens und dieser als Schutz vor der Hilflosigkeit gefühlten "Allmacht". Ich kann nicht völlig ausschließen, dass es bei mir auch ein bisschen so was war/ist ^^.

Das heißt natürlich nicht, dass das als Kind völlig eingebildet war! Diese Empathie, diese Fähigkeit, zu erkennen, was ich wo tun muss, um hier und da beeinflussen zu können, hatte ich ja wirklich. Wenn die Eltern stritten und es mir zu laut wurde, dann tappte ich barfuß im Nachthemd total verschlafen ins Wohnzimmer und log ihnen vor, ich hätte einen Alptraum gehabt, statt einfach die Frage zu stellen, warum sie sich streiten... Und sie hörten jedes Mal auf und wurden wieder total lieb! Nur, weil ich so gut manipulieren konnte!

Oder wenn die Mutter nach der Scheidung weinte, weil sie einen bösen Brief vom Anwalt bekommen hatte oder weil der Kollege sie auf der Arbeit belästigt hatte, dann erzählte ich von irgendwelchen Erfolgen auf der Schule oder fing fünf Minuten später einen Streit mit der Schwester an - und zack, wurde sie wieder die Mutter, stolz, selbstbewusst, schlichtend und füllte wieder die Rolle aus, die ich als Kind von ihr haben wollte.

Auch noch andere Dinge, viel subtiler...

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Das ist nur so eine Idee, wo so ein "kontrollieren" und "manipulieren" und "kontrolle behalten" möglicherweise herkommen kann, wo die Wurzeln davon liegen könnten - und warum dieses Gefühl in dir gleichzeitig das Gefühl auslöst, fünfzehn Jahre älter zu sein als du tatsächlich bist.

Wie gesagt, es ist nur ein weiterer Ansatzpunkt - hier wurde ja schon eine ganze Reihe von anderen guten genannt.
 

Benutzer68775  (36)

Planet-Liebe Berühmtheit
Also ich für mich kann Shiny da zustimmen, ich weiß, dass bei mir dieses "Verantwortung für alles übernehmen" daraus resultiert, weil ich dann das Gefühl habe, immer wenn ich nur wollte, nur genügend wollte, könnte ich Dinge besser machen.
Richtig machen - es liegt nur an mir, ich bin nicht andern ausgeliefert. Das schützt davor, sich eingestehen zu müssen, dass man in manchen Belangen einfach keine Wahl hat, außer Gegebenheiten hinzunehmen.

Natürlich klappt dieses Bild besser, je besser die eigene Empathie und Analysefähigkeit ist, da man dann ja tatsächlich sehr viel selbst bestimmt - allerdings ist es umso härter wenn man dann wirklich mal einsehen muss, dass man etwas nicht ändern kann. Egal welche Strategie man fährt, man hat es nicht in der Hand.

Achja, und je höher Empathie und Verständnis sind, je besser man Rollen ausfüllt, desto seltener wird man erkannt als hilflos und verletzlich erkannt.
Etwas, das andre manchmal irrtiert, und dich ja offensichtlich selbst...

Ich würde also sagen, für einen bestimmten Charaktertypen bist du nicht unnormal :smile: Die frage ist nur, bist du gern, wie du bist, oder möchtest du etwas dran ändern? Und wenn ja, wie Shiny schon fragte, ist es die Selbstwahrnehmung oder dein Wirken auf andre, das du änern möchtest?
 
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