Diskussion um den "Opfer"-Begriff

Benutzer77547 

Planet-Liebe Berühmtheit
Vielleicht habt Ihr ja auch schon darüber gelesen. In den Online-Zeitungen und darüber hinaus ist eine Diskussion um den Begriff "VergewaltigungsOPFER" entbrannt.

Ausgangspunkt war ein Artikel der Feministinnen Mithu Sanyal und Marie Albrecht in der "taz". Dort plädieren sie dafür, dass man bei Vergewaltigungen nicht nur von "Opfer" sprechen solle, sondern es auch andere Begriffe geben solle: z.B. "Erlebende sexualisierter Gewalt", weil "Opfer" stigmatisierend, in eine passive Rolle dränge und ja sogar bisweilen als Schimpfwort gebraucht wird.

Beschreibung sexualisierter Gewalt: Du Opfer!

Ich kann dieses Anliegen zwar überhaupt nicht nachvollziehen und schließe mich vollumfänglich dem Kommentar der Zeit-Autorin Marion Detje, die offensichtlich selbst als Mädchen vergewaltigt wurde, an.

Vergewaltigung: Gewalt ohne Namen

Ich teile mit Marion Detje neben der Kritik am Anliegen der beiden taz-Autorinnen, aber auch ihre Kritik am üblen shitstorm, den das ganze ausgelöst hat; nicht nur in irgendwelchen Foren, sondern auch in Artikeln in anderen online-Zeitungen etc. pp.
Da kamen dann solche Sachen wie, dass man den Autorinnen das "Erlebnis einer Massenvergewaltigung" wünscht usw. Teilweise wurde die Argumentation der Autorinnen, die ich zwar auch unverständlich finde, grotesk verdreht.

Mir ist diese "Diskussion" in ihrer Heftigkeit ein großes Rätsel.
Einerseits verstehe die Argumentation der taz-Autorinnen wie gesagt überhaupt nicht. Von was für einem Stigma hinsichtlich des "Opferbegriffs" reden die eigentlich? Sind Menschen, die eine Vergewaltigung erleben mussten - übrigens wie bei jeder Gewalttat - nicht NATURGEMÄSS erzwungenermaßen in eine passive Rolle gedrängt, über die sie keinerlei Kontrolle mehr haben? Macht das nicht gerade das WESEN jeder Gewalttat aus? Was soll ein anderer - noch dazu in diesem Zusammenhang extrem merkwürdiger - Begriff daran ändern?

Andererseits verstehe ich manche Reaktion auf diesen Artikel ebenfalls überhaupt nicht. Warum diese Heftigkeit? Warum diese Beschimpfungen und "Verdrehungen"? Dass die Autorinnen das Erleben einer Vergewaltigung nicht als "positives Erlebnis" bezeichnen wollen, ist doch sonnenklar! Sie haben auch keineswegs gefordert, dass niemand mehr den Begriff "Opfer" in Bezug auf Vergewaltigungen verwenden soll oder gar dürfe.
Ich bin die Frau, der alle eine Vergewaltigung wünschen

Kann vielleicht jemand mein Unverständnis bzgl. beider Sachverhalte (Argumentation der Autorinnen und/oder Heftigkeit der Reaktionen) etwas auflösen?
 

Benutzer91095 

Team-Alumni
Ich glaube, das kann man nicht losgelöst von Internet-Shitstorms gegenüber Frauen betrachten.

Frauen wird immer eine Vergewaltigung gewünscht, wenn sie etwas sagen, das jemandem nicht passt. Meistens aus einschlägiger Ecke (nämlich von Anti-SJWs, und bei denen staut sich seit Jahren einfach auch ein unbändiger Hass an, der jedes Mal bei solchen Geschichten wieder zelebriert wird. Daher die Heftigkeit).

Und wie es Shitstorms so an sich haben, springen die Internetuser halt auf Sachen an, die sehr starke Irritationen auslösen, ohne selbst gegenzuchecken, ob das eigentlich stimmt, was da wiedergegeben wurde (hier offenbar ein Artikel mit verzerrter Zusammenfassung des taz-Artikels).

Ich denke auch, dass das Mindset der Autorinnen des taz-Artikels nicht einfach zu verstehen ist, wenn man mit der Materie und der Perspektive, die sie einnehmen, nicht vertraut ist. Das ist meines Erachtens bei den meisten dieser Themen ein Problem. Ich persönlich hab in dem Bereich schon "gedacht", daher kann ich die Motivation der Gedankengänge der Autorinnen schon nachvollziehen :zwinker: Kann aber verstehen, dass solche Überlegungen gerade bei diesem sensiblen Thema nicht für jeden verträglich sind.
 

Benutzer50955 

Sehr bekannt hier
Ich denke auch, dass das Mindset der Autorinnen des taz-Artikels nicht einfach zu verstehen ist, wenn man der Materie und der Perspektive, die sie einnehmen, nicht vertraut ist. Das ist meines Erachtens bei den meisten dieser Themen ein Problem. Ich persönlich hab in dem Bereich schon "gedacht", daher kann ich die Motivation der Gedankengänge der Autorinnen schon nachvollziehen :zwinker: Kann aber verstehen, dass solche Überlegungen gerade bei diesem sensiblen Thema nicht für jeden verträglich sind.

Mir stellt sich da eher die Frage, ob abgehobene Semantik-Debatten mit solchen unmittelbar das Leben verändernden Ereignissen verbunden werden müssen. Unterschwellig schwingt da auch eine Portion arroganter "Wir erklären Euch jetzt mal, wie Ihr (Betroffenen) das sehen müsst"-Rhetorik mit.

Die Opfer werden zuerst ihrer körperlichen Selbstbestimmung beraubt - nun noch der sprachlichen.
 

Benutzer91095 

Team-Alumni
Mir stellt sich da eher die Frage, ob abgehobene Semantik-Debatten mit solchen unmittelbar das Leben verändernden Ereignissen verbunden werden müssen. Unterschwellig schwingt da auch eine Portion arroganter "Wir erklären Euch jetzt mal, wie Ihr (Betroffenen) das sehen müsst"-Rhetorik mit.

Die Opfer werden zuerst ihrer körperlichen Selbstbestimmung beraubt - nun noch der sprachlichen.

Hast du die verlinkten Artikel gelesen?

Hier mal ein Ausschnitt aus dem letzten:

Der Hintergrund für diese Fake News ist, dass ich am 1. Februar eine Lesung im taz-café aus meiner Kulturgeschichte der Vergewaltigung gemacht habe, auf der Betroffene von sexualisierter Gewalt darum gebeten haben, nicht als Opfer bezeichnet zu werden.

Sie haben daraufhin den Vorschlag gemacht „Erlebende sexualisierter Gewalt" genannt zu werden, weil dadurch eine Empathieverschiebung auf ihr Erleben stattfinden würde und die nächste Frage dann wäre: Wie hast du denn das Verbrechen erlebt? Als traumatisierend, als schrecklich etc. Und sie eben auch die Möglichkeit hätte zu sagen, sie hätten es durchlebt und nun hinter sich gelassen.

Ich habe ihnen daraufhin zusammen mit einer anderen Autorin angeboten, mit meinem Namen für diesen Vorschlag einzustehen und in Absprache mit ihnen einen Artikel für die taz geschrieben.
 

Benutzer50955 

Sehr bekannt hier
Hast du die verlinkten Artikel gelesen?

Hier mal ein Ausschnitt aus dem letzten:

Es geht doch aber bei solchen Vorschlägen, mit denennman in Zeiten des Internets nunmal sehr schnell unfassbare Menschenmassen erreicht, nicht um den Einzelfall. Eine Einzelperson kann immer bitten, anders benannt zu werden. Wer in den allgemeinen Meinungsmarkt der breiten Öffentlichkeit einsteigt, stellt seine Themen nunmal grundsätzlich zur Debatte. Und da ist das Echo eben eher...negativ.
 

Benutzer91095 

Team-Alumni
Es geht doch aber bei solchen Vorschlägen, mit denennman in Zeiten des Internets nunmal sehr schnell unfassbare Menschenmassen erreicht, nicht um den Einzelfall. Eine Einzelperson kann immer bitten, anders benannt zu werden. Wer in den allgemeinen Meinungsmarkt der breiten Öffentlichkeit einsteigt, stellt seine Themen nunmal grundsätzlich zur Debatte. Und da ist das Echo eben eher...negativ.

Geht ja nicht drum, dass es negativ ist, sondern in welcher Form sich den Autorinnen gegenüber ausgedrückt wurde.

Natürlich ist es berechtigt, dass man den Artikel kritisiert. Abgesehen davon ist der Vorschlag, eine weniger stigmatisierende Bezeichnung für Vergewaltigungsopfer zu finden, keine Einzelmeinung (deswegen gibt es ja die Begriffe "Überlebende" oder "Betroffene"). Hier wurde eben eine weitere Schattierung ins Spiel gebracht, die neutraler sein wollte. Die Autorinnen haben allerdings nicht berücksichtigt, dass "erleben" häufig positiv konnotiert verstanden wird, was in dem Kontext natürlich höchst unglücklich ist. Um eine Verharmlosung des Tatbestandes ist es den Autorinnen ja schließlich nicht gegangen.
 

Benutzer20579  (37)

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Ich bin vielleicht bei sowas zu pragmatisch, aber für mich ist das Wort "Opfer" insofern wertungsfrei, als dass ich nicht auf die Idee käme, jemanden insgesamt als Opfer zu sehen, wenn ihm etwas Schlimmes widerfährt - sondern eben nur als Opfer von XY, egal, was es nun sein mag.

Für mich ist ein Opfer das Gegenstück zum Täter und sagt gar nichts über andere Lebensbereiche aus. Wenn jemand beklaut wurde, sagt er doch auch: "Ich wurde Opfer eines Taschendiebs!" oder "Wir sind Opfer eines Einbruchs geworden!", ohne, dass man über den Begriff diskutieren muss.

Den Begriff des Erlebnisses finde ich nun persönlich deutlich unangebrachter, da ein Erlebnis ja nun auch etwas gewolltes und schönes sein kann. Man sagt doch eher ironisch: "Das war ein Erlebnis!", wenn einem etwas Blödes passiert ist - und sonst sind Erlebnisse meistens nicht neutral, sondern positiv besetzt. "Ich habe eine Vergewaltigung erlebt" finde ich nun sprachlich auch etwas eigenartig.

Allerdings kann ich auch nachvollziehen, dass es für Opfer einer Vergewaltigung natürlich auch schlimm sein kann, mit der Dauerbetroffenheit des Umfelds zu leben. Für viele Menschen ist eine Vergewaltigung einfach eine absolute Horrorvorstellung, sodass viele nun einmal gehemmt und beklommen reagieren, wenn sie von so etwas erfahren. Damit ist dann auch eine gewisse Hilflosigkeit verbunden, die das Opfer eben zusätzlich nochmal belasten kann. Und natürlich gefällt das keinem Menschen, der vielleicht "ansonsten" souverän und stark ist und sich keineswegs als Opfer seines eigenen Schicksals fühlt, weil er einfach das Gefühl hat, durch diese Tat ein gewisses Stigma als "kaputt" zu haben, was eben mit dieser Opferrolle einhergeht. Mir haben bereits zwei enge Freundinnen von derartigen Taten erzählt und ich wusste auch nicht, wie ich damit nun umgehen soll - und es kann schon schwierig sein, die selbstbewusste Freundin als Opfer einer solchen Tat zu sehen und das mit dem eigenen Bild von einer Person in Einklang zu bringen.

Ich vermute auch, das Teil der ganzen Geschichte auch ist, dass bei Sexualdelikten nicht unbedingt die Meinung vorherrscht, es könne "jeden treffen" - anders als bei Taschendiebstahl oder Einbrüchen eben. Sondern es wird häufig eine Erklärung gesucht, wie es dazu kommen konnte, nicht zuletzt auch auf Seite des Opfers. Oder man schiebt es auf verkorkste Verhältnisse, auf bestimmte andere äußere Umstände. Eventuell fühlen sich Betroffene dann einfach auch nochmal zusätzlich in Erklärungsnot oder mussten sich schon oft genug rechtfertigen - oder sind schlimmstenfalls mit ihrer Geschichte unbequem oder werden nicht ernstgenommen. Dann ist der Begriff "Opfer" natürlich je nach Konnotation auch nochmal ein Schlag ins Gesicht und mancher möchte sich dann vorsorglich von diesem Begriff abschirmen.
 

Benutzer77547 

Planet-Liebe Berühmtheit
Natürlich ist es berechtigt, dass man den Artikel kritisiert. Abgesehen davon ist der Vorschlag, eine weniger stigmatisierende Bezeichnung für Vergewaltigungsopfer zu finden, keine Einzelmeinung (deswegen gibt es ja die Begriffe "Überlebende" oder "Betroffene").

Ich verstehe nicht, weshalb der Begriff "Vergewaltigungsopfer" stigmatisiert. Dreizehn Dreizehn hat es gut ausgedrückt. "Opfer" ist bezogen auf die eine Tat der Gegenbegriff zu "Täter". Ich sehe diesbezüglich bei Vergewaltigungen auch keinen Unterschied zu anderen Gewaltverbrechen. Oder könnte man dort auch eine Stigmatisierung sehen?

Dass es vielleicht bisweilen Idioten gibt, die eine Art "Mitschuld" des Vergewaltigungsopfers insinuieren, hat m.E. nichts mit dem Begriff zu tun. Das kann man genauso gut machen, wenn ein anderer Begriff verwendet wird.
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Frauen wird immer eine Vergewaltigung gewünscht, wenn sie etwas sagen, das jemandem nicht passt. Meistens aus einschlägiger Ecke (nämlich von Anti-SJWs, und bei denen staut sich seit Jahren einfach auch ein unbändiger Hass an, der jedes Mal bei solchen Geschichten wieder zelebriert wird.
"Anti-SWJ" musste ich erstmal googeln:zwinker:.
Aber woher kommt dieser Hass?

"Hass" entsteht ja vor allem dann, wenn man sich oder etwas, das einem außerordentlich wichtig ist, bedroht sieht.
Wen oder was bedroht der Artikel dermaßen, dass bei manchen so die Emotionen hochkochen?
 

Benutzer91095 

Team-Alumni
Ich verstehe nicht, weshalb der Begriff "Vergewaltigungsopfer" stigmatisiert. Dreizehn Dreizehn hat es gut ausgedrückt. "Opfer" ist bezogen auf die eine Tat der Gegenbegriff zu "Täter". Ich sehe diesbezüglich bei Vergewaltigungen auch keinen Unterschied zu anderen Gewaltverbrechen. Oder könnte man dort auch eine Stigmatisierung sehen?

Ich vermute, das hat mit der Art der Straftat zu tun und wie sie von Opferseiten "erlebt" wird und wie die Gesellschaft damit umgeht. Während man als Opfer eines Diebstahls nicht als passiv wahrgenommen wird, sondern als "kannst nichts dafür/kann jedem passieren", wird man als Opfer sexueller Gewalt durch die Art der Straftat schon in eine sehr passive, kontrolllose Position hineingedrängt, bei der auch die Hälfte der Welt nicht versteht wie das passieren kann (Man muss bedenken, dass die meisten dieser Straftaten ja durch Bekannte/Verwandte verübt werden und das Verständnis, wie solche Verhältnisse ausgenutzt werden, häufig nicht vorhanden ist). Auch ohne dass es drum geht, hier dem Opfer eine Mitschuld zu unterstellen, betrifft eine solche Straftat ja nun mal den Kontrollverlust über die intimsten Grenzen, und mit dem Wort "Opfer" verstärkt man bei vielen Betroffenen vermutlich dieses Gefühl noch mehr. Dass viele Vergewaltigungsopfer mit dem Wort "Opfer" ein Problem haben, muss man mMn einfach so mal akzeptieren, denn das ist meines Wissens tatsächlich der Fall.

Das ganze ist natürlich losgelöst von der juristischen Debatte, wie man die beiden Parteien bezeichnen soll. Da ist natürlich klar: Opfer und Täter. Aber in diesem Feld arbeitet es sich ja auch konnotationsfrei.

Was die Sprachkritik in dem Artikel machen will, ist, eine Stimme für einzelne Vergewaltigungsopfer zu sein, die den Begriff "Opfer" kritisieren, weil sie sich nicht als Opfer sehen oder wahrnehmen wollen oder sich davon emanzipieren wollen, weil sie den Begriff als entmenschlichend und stigmatisierend wahrnehmen (wenn du mal Opfer sexueller Gewalt bist, kannst du davon nie wieder wegkommen, während eine "Überlebende sexueller Gewalt" viel optimistischer und aktionistischer klingt). Außerdem wollen sie den Blick von objektiv (also den Blick "auf das Opfer gerichtet") auf subjektiv umändern (Blick "aus der Perspektive des Opfers"). Die Überwindung einer solchen Erfahrung ist nun mal zentral an so einen Perspektivenwechsel geknüpft, das Opfer wird als Individuum in den Mittelpunkt gestellt, seine Bedürfnisse an erste Stelle gesetzt, was mMn dann eben auch zu solchen Debatten führt ("ein Opfer sagt, es will nicht so genannt werden, also reden wir mal drüber, warum man als Opfer nicht so genannt werden will und ob wir eine bessere Alternative finden").

Dass es vielleicht bisweilen Idioten gibt, die eine Art "Mitschuld" des Vergewaltigungsopfers insinuieren, hat m.E. nichts mit dem Begriff zu tun. Das kann man genauso gut machen, wenn ein anderer Begriff verwendet wird.

Jein. Es passiert manchen Wörtern schon eher als anderen. Gerade im Zusammenhang mit sexueller Gewalt kann ich schon verstehen, warum manchen der Begriff "Opfer" sauer aufstößt. Ob neue Wörter was bringen, weiß ich aber nicht.

"Anti-SWJ" musste ich erstmal googeln:zwinker:.Aber woher kommt dieser Hass?

"Hass" entsteht ja vor allem dann, wenn man sich oder etwas, das einem außerordentlich wichtig ist, bedroht sieht.
Wen oder was bedroht der Artikel dermaßen, dass bei manchen so die Emotionen hochkochen?

Der Artikel "triggert" nur. Die lassen sich nämlich sehr leicht triggern. Brauchst nur "Black lives matter" oder "Patriarchat" zu sagen, und die ticken schon aus. Anti-SJWs fühlen sich bedroht von jeglichem progressiven Gedankengut, weil es ihr Ideal einer Gesellschaft bedroht.
 

Benutzer77547 

Planet-Liebe Berühmtheit
Ich vermute, das hat mit der Art der Straftat zu tun und wie sie von Opferseiten "erlebt" wird und wie die Gesellschaft damit umgeht. Während man als Opfer eines Diebstahls nicht als passiv wahrgenommen wird, sondern als "kannst nichts dafür/kann jedem passieren", wird man als Opfer sexueller Gewalt durch die Art der Straftat schon in eine sehr passive, kontrolllose Position hineingedrängt, bei der auch die Hälfte der Welt nicht versteht wie das passieren kann (Man muss bedenken, dass die meisten dieser Straftaten ja durch Bekannte/Verwandte verübt werden und das Verständnis, wie solche Verhältnisse ausgenutzt werden, häufig nicht vorhanden ist). Auch ohne dass es drum geht, hier dem Opfer eine Mitschuld zu unterstellen, betrifft eine solche Straftat ja nun mal den Kontrollverlust über die intimsten Grenzen, und mit dem Wort "Opfer" verstärkt man bei vielen Betroffenen vermutlich dieses Gefühl noch mehr. Dass viele Vergewaltigungsopfer mit dem Wort "Opfer" ein Problem haben, muss man mMn einfach so mal akzeptieren, denn das ist meines Wissens tatsächlich der Fall.

Klar. Man muss es natürlich akzeptieren, wenn Betroffene den Begriff "Opfer" für sich ablehnen. Keine Frage.
Ich verstehe die Begründung aber trotzdem nicht. Wahrscheinlich müsste ich es mir wohl mal von einer betroffenen Person direkt erklären lassen.

Du schreibst, dass man als Opfer sexueller Gewalt durch die Straftat schon in eine sehr passive, kontrollose Position hineingedrängt wird, dass man einen Kontrollverlust über die intimsten Grenzen erlebt.

Ja, so ist es. Aber das ist doch das Wesen der Tat! Ein "Täter" nimmt dir die Kontrolle über dich selbst und deinen Körper und zwingt dich in eine passive Rolle. Das ist m.E. bei einer rein körperlichen Misshandlung doch nicht anders, oder doch? Wenn ich des nachts durch die Straße laufe und treffe auf Personen, die mich übelst verprügeln, wird mir auch die Kontrolle über die Situation und meine körperliche Unversehrtheit genommen und ich werde in eine "passive" Rolle gezwungen. Gleiches wenn ich ein Kind oder Jugendlicher bin und mein Vater oder meine Mutter mich in regelmäßigen Abständen grün und blau schlägt. Wieso gibt es niemanden, der in diesen Fällen den Begriff "Opfer" für sich (oder andere) problematisiert bzw. ablehnt, oder gibt es die auch?

Wieso erleben manche Vergewaltigungsopfer, dass ihnen nicht nur bezüglich der Tat eine passive Rolle und ein Kontrollveslust von außen zugeschrieben wird, sondern quasi als Person insgesamt? Ich finde das irgendwie ein seltsames Erleben, das natürlich einen Grund oder Gründe haben muss. Ich verstehe aber nicht, was diese Gründe sind. Wer macht das wie? Das muss sich doch über irgendwelche Verhaltensweisen des Umfelds, das über die Benennung als "Opfer" hinausgeht, an die betroffene Person selbst vermitteln.

(wenn du mal Opfer sexueller Gewalt bist, kannst du davon nie wieder wegkommen, während eine "Überlebende sexueller Gewalt" viel optimistischer und aktionistischer klingt).

Das verstehe ich auch nicht. Wieso kannst Du als "Opfer" sexueller Gewalt davon "nie wieder wegkommen"? Was meint das?
Klar, ich kann diese Erfahrung nicht aus meiner Biografie tilgen. Aber das kann doch nicht damit gemeint sein, oder?
Ein "Opfer" eines gewalttätigen Raubüberfalls (der ja auch traumatisierend sein kann) kann das auch nicht.


Ein "Problem" das ich schon beim deutschen "Opfer"-Begriff sehe, ist das er verschiedene Wortbedeutungen aufweist. Aber das ist natürlich eher ein linguistisches, etymologisches und damit sehr theoretisches Problem.

"Opfer" kann im Deutschen ja zwei Bedeutungen haben: (1) "Opfer" einer Tat, und (2) ein "Opfer" dabringen, etwas "opfern", sich "opfern".
Im Englischen ist das klarer: "victim" vs. "sacrifice". Gibts diese Diskussion eigentlich auch in englischsprachigen Ländern oder anderen Ländern, die hier zwei Begriffe haben?

Im Prinzip glaube ich aber nicht, dass diese beiden deutschen Bedeutungen von "Opfer" im Allgagssprachgebrauch durcheinander gehen bzw. sich gegenseitig konnotativ "verunreinigen". Evtl. könnte es aber aus der Selbstsicht mancher Vergewaltigungsopfer auf Grund der psychologischen Komplexität mancher Taten auch anders sein?
 

Benutzer91095 

Team-Alumni
Ja, so ist es. Aber das ist doch das Wesen der Tat! Ein "Täter" nimmt dir die Kontrolle über dich selbst und deinen Körper und zwingt dich in eine passive Rolle.

Die Frage ist aber, wie das passiert, z.B. unter Androhung von Gewalt, und Androhung anderer Dinge. Das Opfer "lässt es mit sich geschehen". Schockstarre, Schamhaftigkeit oder bloßes Stillhalten, damit nichts schlimmeres passiert und es schnell wieder vorüber ist. Das ist anders als bei rein körperlicher Misshandlung.

Wieso erleben manche Vergewaltigungsopfer, dass ihnen nicht nur bezüglich der Tat eine passive Rolle und ein Kontrollveslust von außen zugeschrieben wird, sondern quasi als Person insgesamt? Ich finde das irgendwie ein seltsames Erleben, das natürlich einen Grund oder Gründe haben muss. Ich verstehe aber nicht, was diese Gründe sind. Wer macht das wie? Das muss sich doch über irgendwelche Verhaltensweisen des Umfelds, das über die Benennung als "Opfer" hinausgeht, an die betroffene Person selbst vermitteln.

Ich glaube, es hat viel damit zu tun, dass es eben um Sexualität geht. Vergewaltigungsopfer haben doch häufig selbst das Gefühl, dass sie auch mit Schuld tragen, weil sie sich nicht ausreichend gewehrt haben, weil sie anfangs vllt noch mitgemacht haben, weil sie geflirtet haben, etc. Die psychologische Komponente des Opfers ist da einfach deutlich komplexer als bei anderen Straftaten und lässt sich wohl auch nicht für alle Vergewaltigungen verallgemeinern.

Ein "Problem" das ich schon beim deutschen "Opfer"-Begriff sehe, ist das er verschiedene Wortbedeutungen aufweist. Aber das ist natürlich eher ein linguistisches, etymologisches und damit sehr theoretisches Problem.

"Opfer" kann im Deutschen ja zwei Bedeutungen haben: (1) "Opfer" einer Tat, und (2) ein "Opfer" dabringen, etwas "opfern", sich "opfern".
Im Englischen ist das klarer: "victim" vs. "sacrifice". Gibts diese Diskussion eigentlich auch in englischsprachigen Ländern oder anderen Ländern, die hier zwei Begriffe haben?

Daran liegt es, glaub ich, nicht. Ich denke eher, dass "Opfer" als verdinglichend oder eben entmenschlichend empfunden wird, als "mit dem wird was gemacht" anstatt "diese Person erlebt etwas". Letzteres würde für das Opfer Verständnis und Sensibilität bewirken, ersteres in erster Linie Mitleid.
 

Benutzer44981 

Planet-Liebe Berühmtheit
Ich vermute, das hat mit der Art der Straftat zu tun und wie sie von Opferseiten "erlebt" wird und wie die Gesellschaft damit umgeht. Während man als Opfer eines Diebstahls nicht als passiv wahrgenommen wird, sondern als "kannst nichts dafür/kann jedem passieren", wird man als Opfer sexueller Gewalt durch die Art der Straftat schon in eine sehr passive, kontrolllose Position hineingedrängt, bei der auch die Hälfte der Welt nicht versteht wie das passieren kann
Hä?
"Kannst nichts dafür" ist doch die perfekte Beschreibung einer passiven Rolle und einer Situaiton, die man nicht unter Kontrolle hat. Und sowohl als Opfer eines Diebstahls, als auch als Vergewaltigungsopfer steckt man genau in einer solchen Situation. Ich sehe da nun wirklich keinen Unterschied, der über die Art der Tat hinausgeht.
Und nebenbei bemerkt sind auch in beiden Fällen ganz leicht unangebrachte Relativierungen der passiven Rolle möglich. Im einen Fall heißt es dann halt "Du hättest ja auch nicht deine teure Rolex so auffällig tragen müssen.", während es im anderen Fall "Du hättest dich ja auch nicht so aufreizend anziehen müssen." heißt.

Die Abschaffung des Opferbegriffes beim Thema Vergewaltigung orientiert sich doch nur an einer pervertierten Wortverwendung, als Folge von pubertärer geistiger Umnachtung ("Ey, du Opfer!"). Aber sollte man sich tatächlich an diesem Schwachsinn orintieren und deshalb einen hässlichen, verharmlosenden Euphemismus, wie "Erlebende sexualisierter Gewalt" etablieren?
Gerade ein eher positiv konnotierter Begriff, wie das Erleben verharmlost doch die Schwere einer solchen Tat massiv und lässt noch viel mehr Spielraum, um dem Opfer eine Mitschuld anzudichten.

Was die Sprachkritik in dem Artikel machen will, ist, eine Stimme für einzelne Vergewaltigungsopfer zu sein, die den Begriff "Opfer" kritisieren, weil sie sich nicht als Opfer sehen oder wahrnehmen wollen oder sich davon emanzipieren wollen, weil sie den Begriff als entmenschlichend und stigmatisierend wahrnehmen (wenn du mal Opfer sexueller Gewalt bist, kannst du davon nie wieder wegkommen, während eine "Überlebende sexueller Gewalt" viel optimistischer und aktionistischer klingt).
Der Begriff des Überlebens bezieht sich doch viel zu sehr auf die körperlichen Folgen der sexuellen Gewalt und vernachlässigt, bzw. verharmlost die oftmals weitaus schlimmeren psychischen Folgen. - Frei nach dem Motto "Hauptsache mit dem Leben davon gekommen - der Rest ist egal".
Auch das finde ich ziemlich euphemistisch.

Jein. Es passiert manchen Wörtern schon eher als anderen. Gerade im Zusammenhang mit sexueller Gewalt kann ich schon verstehen, warum manchen der Begriff "Opfer" sauer aufstößt. Ob neue Wörter was bringen, weiß ich aber nicht.
Ich wage mal die Prognose, dass derartige neue Wörter höchstens eine lächerliche Euphemismus-Tretmühle erzeugen.

"Opfer" kann im Deutschen ja zwei Bedeutungen haben: (1) "Opfer" einer Tat, und (2) ein "Opfer" dabringen, etwas "opfern", sich "opfern".
Im Englischen ist das klarer: "victim" vs. "sacrifice". Gibts diese Diskussion eigentlich auch in englischsprachigen Ländern oder anderen Ländern, die hier zwei Begriffe haben?
Wenn schon, dann ist hier allerhöchstens die dritte Bedeutung des Begriffes Opfer als Schimpfwort aus der Jugendsprache ("Ey, du Opfer!") interessant.
Aber ich finde es ziemlich bescheuert, sich an dieser sprachlichen Entgleisung zu orientieren und hoffe viel eher, dass selbige bald wieder in der Versenkung verschwindet, wenn man sie außerhalb der bildungsfernen und pubertär geistig umnachteten Schichten, in denen sie vorkommt, so gut wie möglich missachtet.

Daran liegt es, glaub ich, nicht. Ich denke eher, dass "Opfer" als verdinglichend oder eben entmenschlichend empfunden wird, als "mit dem wird was gemacht" anstatt "diese Person erlebt etwas". Letzteres würde für das Opfer Verständnis und Sensibilität bewirken, ersteres in erster Linie Mitleid.
Naja... beim Thema Vergewaltigung als Erlebnis denke ich eher an so absurde Dinge, wie "Weltreise, Bungee-Sprung und jetzt auch noch eine Vergewaltigung. - Du hast aber schon viele tolle Dinge erlebt!"
 

Benutzer164614  (36)

Ist noch neu hier
Ich hab den Artikel gelesen kann mich aber nicht eindeutig dazu positionieren. Ich find den Ansatz richtig, Menschen aus einer Opferrolle zu befrein weil man darin wirklich gefangen sein kann. Das sollte aber Aufgabe einer Therapie sein und muss Aufgabe von allen sein, die von offizieller Seite damit zu tun haben. Vom medizinischen Personal bis zur Kripo.

Alleine ein Wort zu verändern macht da glaub ich nix. Ob ich nun sprachlich "Opfer" bin oder "Erlebende"r ist irrelevant, wenn das Gefühl dahinter das von einem Opfer ist und daraus weiter Handlungen rrwachsen welche die von einem Opfer sind.
 
Zuletzt bearbeitet:

Benutzer91095 

Team-Alumni
"Kannst nichts dafür" ist doch die perfekte Beschreibung einer passiven Rolle und einer Situaiton, die man nicht unter Kontrolle hat. Und sowohl als Opfer eines Diebstahls, als auch als Vergewaltigungsopfer steckt man genau in einer solchen Situation. Ich sehe da nun wirklich keinen Unterschied, der über die Art der Tat hinausgeht.
Und nebenbei bemerkt sind auch in beiden Fällen ganz leicht unangebrachte Relativierungen der passiven Rolle möglich. Im einen Fall heißt es dann halt "Du hättest ja auch nicht deine teure Rolex so auffällig tragen müssen.", während es im anderen Fall "Du hättest dich ja auch nicht so aufreizend anziehen müssen." heißt.

Ich will jetzt eigentlich keine Tatbestände miteinander vergleichen. Denke trotzdem, dass eine Vergewaltigung gesellschaftlich nun mal mit größerer Scham besetzt ist als ein Diebstahl und auch als mehr auf den Charakter der Person reflektierend wahrgenommen wird. Auch wenn beim Diebstahl Relativierung möglich ist, ist das mMn nochmal ne ganz andere Hausnummer.

Die Abschaffung des Opferbegriffes beim Thema Vergewaltigung orientiert sich doch nur an einer pervertierten Wortverwendung, als Folge von pubertärer geistiger Umnachtung ("Ey, du Opfer!").

Nein, das glaube ich ehrlich gesagt überhaupt nicht, dass das damit zu tun hat. Das ist eher ein Argument, dass dieses Wort die maximale Passivität trotz Schadenszufügung ausdrückt, sodass es sogar als Schimpfwort tauglich ist.

Aber sollte man sich tatächlich an diesem Schwachsinn orintieren und deshalb einen hässlichen, verharmlosenden Euphemismus, wie "Erlebende sexualisierter Gewalt" etablieren?

Nein. Es ist als Anstoß einer Debatte gedacht gewesen. Besonders sinnvoll finde ich diese Wendung übrigens auch nicht.

Der Begriff des Überlebens bezieht sich doch viel zu sehr auf die körperlichen Folgen der sexuellen Gewalt und vernachlässigt, bzw. verharmlost die oftmals weitaus schlimmeren psychischen Folgen. - Frei nach dem Motto "Hauptsache mit dem Leben davon gekommen - der Rest ist egal".
Auch das finde ich ziemlich euphemistisch.

Wieso meinst du das? Ich verstehe das durchaus auch so, dass es sich auf die psychischen Folgen bezieht. Euphemistisch finde ich den Begriff nicht, allerdings kann ich auch nachvollziehen, dass sich nicht jedes Vergewaltigungsopfer so bezeichnen würde.

Abgesehen davon bin ich mittlerweile fast der Ansicht, dass manche Menschen den Perspektivenwechsel inklusive Verständnis, Sensibilisierung, etc. einfach nicht vollziehen können oder wollen und sich auch nicht im Entferntesten darauf einlassen können. Insofern wundere ich mich eigentlich darüber, dass solche (mMn nicht unwertvollen) Debatten überhaupt noch geführt werden. Mir wär das ja irgendwann ehrlich gesagt zu doof.
 

Benutzer44981 

Planet-Liebe Berühmtheit
Ich will jetzt eigentlich keine Tatbestände miteinander vergleichen. Denke trotzdem, dass eine Vergewaltigung gesellschaftlich nun mal mit größerer Scham besetzt ist als ein Diebstahl und auch als mehr auf den Charakter der Person reflektierend wahrgenommen wird. Auch wenn beim Diebstahl Relativierung möglich ist, ist das mMn nochmal ne ganz andere Hausnummer.
Naja... Die Sexualität gehört eben generell mehr zur schambehafteten Privatsphäre, als der materielle Besitz. Und auch die psychischen Folgen einer Vergewaltigung dürften üblicherweise deutlich schwerwiegender sein, als die eines Diebstahls.
Von daher ist die gesellschaftliche Betrachtung der beiden Straftaten einfach ein Spiegel der mit ihnen verbundenen Gegebenheiten.

Nein, das glaube ich ehrlich gesagt überhaupt nicht, dass das damit zu tun hat. Das ist eher ein Argument, dass dieses Wort die maximale Passivität trotz Schadenszufügung ausdrückt, sodass es sogar als Schimpfwort tauglich ist.
Ich würde nicht sagen, dass ein Opfer notwendigerweise passiv sein muss. Man kann ja als Opfer auch genau so gut versuchen, sich mit aller Kraft, aber trotzdem erfolglos gegen den Täter zu wehren. Von daher verbinde ich den Opferbegriff auch nicht mit Passivität, sondern mit Machtlosigkeit und Unterlegenheit.

Wieso meinst du das? Ich verstehe das durchaus auch so, dass es sich auf die psychischen Folgen bezieht. Euphemistisch finde ich den Begriff nicht, allerdings kann ich auch nachvollziehen, dass sich nicht jedes Vergewaltigungsopfer so bezeichnen würde.
Wie kann man den Begriff des "Überlebenden" denn anders verstehen?
Dieser Begriff bedeutet doch einfach, dass eine Person eine potentiell lebensbedrohliche Situation lebendig überstanden hat. - Sei es nun ein Holocaust-Überlebender, jemand, der die Verschüttung in einer Lawine überlebt hat, oder eben eine "Überlebende einer Vergewaltigung".
Hier wird also ganz klar das Überleben trotz erheblicher Gefahr des Todes in den Vordergrund gestellt, obwohl bei Vergewaltigungen die Lebensgefahr doch eher überschaubar ist und typischerweise die psychischen Folgen weitaus schlimmer sind, als die körperlichen.

Abgesehen davon bin ich mittlerweile fast der Ansicht, dass manche Menschen den Perspektivenwechsel inklusive Verständnis, Sensibilisierung, etc. einfach nicht vollziehen können oder wollen und sich auch nicht im Entferntesten darauf einlassen können. Insofern wundere ich mich eigentlich darüber, dass solche (mMn nicht unwertvollen) Debatten überhaupt noch geführt werden. Mir wär das ja irgendwann ehrlich gesagt zu doof.
Ich weiß gerade beim besten Willen nicht, wieso Menschen, die diese Debatte über sprachliche Gepflogenheiten unverständlich, bzw. den status quo absolut passend finden, kein Verständnis für die Opfer haben sollten.

Gerade wenn ich versuche, mich in die Rolle eines Opfers und die eines "Erlebenden" hineinzuversetzen, finde ich den bisherigen Sprachgebrauch absolut passend.

Sobald ich mich selbst nämlich als "Erlebenden" bezeichnen würde, gebe ich mir damit automatisch eine gewisse Teilschuld an der Tat.
Hier noch ein kleiner, persönlicher Exkurs zu meiner Perspektive auf den Gebrauch der Begriffe "Opfer" und "Erlebender":
Off-Topic:
Bei den Hänseleien, die ich als Schüler erlebt habe, würde ich durchaus von "Erleben", oder noch besser (da neutraler) von "Erfahren" sprechen, weil ich diese Hänseleien tatsächlich ein gutes Stück weit auch als unschöne, aber logische und letztendlich sogar ein Stück weit nützliche Folge meines cholerischen und dadurch nur mäßig sozialverträglichen Wesens bezeichnen würde.
Allerdings habe ich für diese Sichtweise in allen möglichen Diskussionen zum Thema Mobbing schon massiv verbale Prügel bezogen, weil das ja dem Mobbingopfer eine Teilschuld zuschreiben würde, obwohl man doch viel mehr dessen Unschuld und die Schuld der Mobber betonen müsse.

Wieso genau die selbe Veränderung im Sprachgebrauch nun beim Thema Vergewaltigung plötzlich legitim sein sollte, ist mir wirklich ein großes Rätsel.
 

Benutzer91095 

Team-Alumni
Naja... Die Sexualität gehört eben generell mehr zur schambehafteten Privatsphäre, als der materielle Besitz. Und auch die psychischen Folgen einer Vergewaltigung dürften üblicherweise deutlich schwerwiegender sein, als die eines Diebstahls.
Von daher ist die gesellschaftliche Betrachtung der beiden Straftaten einfach ein Spiegel der mit ihnen verbundenen Gegebenheiten.

Ja, und somit schwer zu vergleichen. Abgesehen davon glaube ich, dass Vergewaltigungen sehr verschiedener Natur sein können. Ob es da einen "Prototyp" gibt, der am häufigsten vorkommt, weiß ich nicht. Ich persönlich habe halt in erster Linie wirklich solche Sachen im Kopf, wo Verwandtschafts- oder sonstige Verhältnisse ausgenutzt werden, wo unter Androhung von "Ich erzähle es sonst allen" oder "Wenn du mitmachst, dann passiert dir nichts" das Opfer in eine hilflose Situation gedrängt wird.

Würde man es also vergleichen mit einem Diebstahl, wären solche Vergewaltigungen eher ein Pendant zu: Du stehst neben deinem Fahrrad, schaust zu, wie jemand dein Schloß knackt, fängst an zu weinen, und lässt es trotzdem zu, dass der Dieb mit dem Fahrrad einfach davon fährt.

Die furchtbare Frage, die sich bei solchen Vergewaltigungen stellt: Wäre das zu verhindern gewesen? Ich persönlich kann nur davon erzählen, was mir von Experten erzählt wurde, wie man sich bei einer möglichen Vergewaltigung verhalten soll, und das war, dass man sich überhaupt wehren soll und sich nicht von den Tätern (oder Täterinnen) in die Ecke drängen lassen soll, weil genau die Passivität und das Gefühl der Machtlosigkeit und Unterlegenheit ausgenützt wird bzw. sich solche Opfer ja gerade gesucht werden, während wehren, in welcher Form auch immer, statistisch wohl am häufigsten geholfen hat, dass die Täter/innen abgelassen haben.

Könnte mir vorstellen, dass gerade für die Personen, die sich zu einem Teil mitschuldig fühlen, der Opferbegriff schwierig ist. Aber das müsste natürlich erstmal untersucht werden.

Wie kann man den Begriff des "Überlebenden" denn anders verstehen?
Dieser Begriff bedeutet doch einfach, dass eine Person eine potentiell lebensbedrohliche Situation lebendig überstanden hat. - Sei es nun ein Holocaust-Überlebender, jemand, der die Verschüttung in einer Lawine überlebt hat, oder eben eine "Überlebende einer Vergewaltigung".
Hier wird also ganz klar das Überleben trotz erheblicher Gefahr des Todes in den Vordergrund gestellt, obwohl bei Vergewaltigungen die Lebensgefahr doch eher überschaubar ist und typischerweise die psychischen Folgen weitaus schlimmer sind, als die körperlichen.

Ich denke nicht, dass die psychischen Folgen hier losgelöst von den körperlichen zu betrachten sind bzw. wieso sollte man das überhaupt tun? (btw. würde ich dir wirklich auch raten, etwas vorsichtiger mit der Wortwahl zu sein. "bei Vergewaltigung Lebensgefahr überschaubar" find ich irgendwie leicht geschmacklos. Vor allem, weil die Opfer nicht selten genau davor Angst haben und das oft ein Grund dafür ist, warum sie sich nicht wehren. Bzw. weil Gewaltverbrechen an Frauen mit tödlichem Ausgang auch häufig mit einem Sexualverbrechen einhergehen)

Ich weiß gerade beim besten Willen nicht, wieso Menschen, die diese Debatte über sprachliche Gepflogenheiten unverständlich, bzw. den status quo absolut passend finden, kein Verständnis für die Opfer haben sollten.

Gerade wenn ich versuche, mich in die Rolle eines Opfers und die eines "Erlebenden" hineinzuversetzen, finde ich den bisherigen Sprachgebrauch absolut passend.

Und was tust du, wenn viele den Sprachgebrauch eben nicht passend finden? Es geht jetzt nicht darum, ihn durch "Erlebenden" zu ersetzen. Aber dass viele ihn nicht passend finden, ist, mMn ziemlich etabliert, vor allem in den Kreisen, die sich mit der Unterstützung und Rehabilitation der Opfer auseinandersetzen.

Sobald ich mich selbst nämlich als "Erlebenden" bezeichnen würde, gebe ich mir damit automatisch eine gewisse Teilschuld an der Tat.

Wieso?
 

Benutzer44981 

Planet-Liebe Berühmtheit
Ja, und somit schwer zu vergleichen. Abgesehen davon glaube ich, dass Vergewaltigungen sehr verschiedener Natur sein können. Ob es da einen "Prototyp" gibt, der am häufigsten vorkommt, weiß ich nicht. Ich persönlich habe halt in erster Linie wirklich solche Sachen im Kopf, wo Verwandtschafts- oder sonstige Verhältnisse ausgenutzt werden, wo unter Androhung von "Ich erzähle es sonst allen" oder "Wenn du mitmachst, dann passiert dir nichts" das Opfer in eine hilflose Situation gedrängt wird.
Hm... beim Begriff der Vergewaltigung habe ich ehrlich gesagt überhaupt nicht an solche Fälle gedacht, sondern an Fälle, in denen weitaus mehr Druck und Macht ausgeübt wird. - Sei es in Form von körperlicher Gewalt, oder deutlich stärkerem psychischen Druck ("Wenn du nicht mitmachst, bringe ich dich um" inkl. Messer am Hals, o.Ä.).

Dass bei den von dir genannten Formen der Vergewaltigung die Frage "Wieso habe ich mich nicht stärker gewehrt?" auftaucht, liegt wohl eher in der Natur der Sache und nicht im Sprachgebrauch ("Opfer" oder "Erlebende").

Ich denke nicht, dass die psychischen Folgen hier losgelöst von den körperlichen zu betrachten sind bzw. wieso sollte man das überhaupt tun? (btw. würde ich dir wirklich auch raten, etwas vorsichtiger mit der Wortwahl zu sein. "bei Vergewaltigung Lebensgefahr überschaubar" find ich irgendwie leicht geschmacklos. Vor allem, weil die Opfer nicht selten genau davor Angst haben und das oft ein Grund dafür ist, warum sie sich nicht wehren. Bzw. weil Gewaltverbrechen an Frauen mit tödlichem Ausgang auch häufig mit einem Sexualverbrechen einhergehen)
Hm... vielleicht habe ich da ja wirklich falsche Vorstellungen. Aber bisher gehe ich davon aus, dass es deutlich wahrscheinlicher ist, eine Vergewaltigung zu überleben, als im Rahmen einer Vergewaltigung auch gleich noch getötet zu werden. Und deshalb finde ich es unpassend, mit dem Begriff "Überlebende" die Möglichkeit des Todes so in den Vordergrund zu stellen, obwohl es doch eigentlich um das Sexualverbrechen an sich geht, das auch schon ohne folgenden Mord schlimm genug ist.

Und was tust du, wenn viele den Sprachgebrauch eben nicht passend finden? Es geht jetzt nicht darum, ihn durch "Erlebenden" zu ersetzen. Aber dass viele ihn nicht passend finden, ist, mMn ziemlich etabliert, vor allem in den Kreisen, die sich mit der Unterstützung und Rehabilitation der Opfer auseinandersetzen.
Auch wenn ich schon das eine oder andere Argument gelesen habe, wieso der Opferbegriff unpassend sein sollte, kann ich diese Argumente trotzdem nicht mal ansatzweise nachvolziehen, weil sie einfach meinem Sprachgefühl komplett widersprechen.
So sehr ich auch versuche, da irgedwas nachzuvollziehen, bleibt es einfach unlogisch und unverständlich.

Wenn ich nochmal darüber nachdenke, muss der Begriff des "Erlebens" tatsächlich keine Teilschuld implizieren. Aber trotzdem impliziert der Begriff des Erlebens auch freiwillige und schöne, oder wenigstens neutrale Erlebnisse, während sich der Opferbegriff ganz klar auf Erlebnisse beschränkt, die unfreiwillig, ungewollt und unter Zwang, oder Machtlosigkeit geschehen sind. Der Opferbegriff ist also deutlich präziser und beschreibt die Sache meiner Meinung nach deutlich treffender, als das "Erleben".

Wenn ich dann auch noch dran denke, wie es in anderen Situationen (u.A. meinem persönlichen Beispiel) angeblich ganz schlimm ist, diese Besonderheiten des Opferbegriffes (unfreiwillig, unter Zwang, machtlos, usw.) nicht extra zu betonen, herunterzuspielen, oder gar in Frage zu stellen, so erschließt es sich mir wirklich nicht, wieso genau das nun plötzlich im Falle der Vergewaltigung angebracht sein könnte.
 

Benutzer20579  (37)

Planet-Liebe ist Startseite
Mir kommt zu der Diskussion als Ergänzung noch folgender Gedanke:

Problem bei Sexualdelikten ist doch gerade häufig die gesonderte Wahrnehmung der Sachverhalte, das "Victimblaming", die Schamhaftigkeit, die schwere Beweisbarkeit usw. Die Opfer sind automatisch in einer Sonderrolle, weil es eben doch etwas anderes ist, als wenn man nur Einbrecher in der Wohnung stehen hat.

Es sollte daher doch aber gerade im Interesse der Opfer sein, keine "Sonderrolle" zu haben, sondern genauso wie alle anderen Opfer von Straftaten gesehen und wahrgenommen zu werden. Von daher zementiert doch ein neuer Begriff vermeintliche Unterschiede nur noch mehr ein und ändert die Maßstäbe, obwohl doch eigentlich klar sein sollte, dass jeder Angriff auf einen anderen Menschen potentiell schlimm ist - egal, ob man nun auf dem Heimweg zusammengeschlagen wird, an der U-Bahn fast totgeprügelt oder eben vergewaltigt.

Den Begriff des Überlebenden kann ich übrigens auch nicht nachvollziehen, da bin ich ganz bei banane0815 banane0815
 

Benutzer6874  (35)

Benutzer gesperrt
Was den Begriff "Opfer" betrifft stimme ich den beiden Autorinnen voll zu. Das Wort wird vom 20 Cent Stück in der Messe bis zur gedankenlosen Beschimpfung gebrauht, und ist für mich darum unbrauchbar geworden. Ganz allgemein, nicht nur für Vergewaltigungen. Ich möchte jedenfalls NIE Opfer sein.

Das Aushilfswort "Erlebende" ist aber untauglich. Wenn es sich durchsetzt wird es ihm gleich ergehen wie dem "Opfer". Wir müssen uns ganz grundsätzlich mehrum Menschen kümmern an denen ein Verbrechen verübt wird.

Was die Sprache betrifft bleibe ich ratlos....
 

Benutzer44981 

Planet-Liebe Berühmtheit
Was den Begriff "Opfer" betrifft stimme ich den beiden Autorinnen voll zu. Das Wort wird vom 20 Cent Stück in der Messe bis zur gedankenlosen Beschimpfung gebrauht, und ist für mich darum unbrauchbar geworden. Ganz allgemein, nicht nur für Vergewaltigungen. Ich möchte jedenfalls NIE Opfer sein.
Darf ich ein Geldinstitut nicht mehr Bank nennen, weil man es sonst mit einer Sitzgelegenheit verwechseln könnte? Und muss ich dem Pfosten eine neuen Namen geben, weil dieses Wort neuerdings als Schimpfwort ("Du Vollpfosten!") missbraucht wird?
In den allermeisten Fällen lässt der Kontext keinerlei Zweifel, ob das Wort Opfer nun gerade die Bedeutung des englischen victim hat, oder die des sacrifice. Von daher sehe ich nach wie vor keinerlei Notwendigkeit für eine Veränderung im Sprachgebrauch und halte den Begriff Opfer für Menschen, denen sexuelle Gewalt angetan wurde, für absolut passend.
 
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