Die ewige Frage nach dem Kennen lernen

Benutzer136730  (23)

Verbringt hier viel Zeit
Hallo liebes Forum.
Ich komme mit dem wohl längsten Probleme der Internet-Foren-Geschichte: Freunde finden.

Ich denke in meinem Fall ist das viel zu überbegrifflich, denn unter normalen umständen kann ich mir sehr wohl Freunde suchen, allerdings bin ich gerade in einer blöden Lage.

Ich bin zum Medizin studieren nach Frankreich gezogen und habe diese Jahr angefangen. Das Studium hier ist um das tausendfache schwerer als in Deutschland. Obwohl ich fließend französisch spreche, hatte ich anfangs große Probleme und auch jetzt belastet mich die Stoffmenge. Wir alle lernen 8-11 Stunden täglich, seit Semesterbeginn. Die Stimmung ist allgemein sehr gestresst, die Professoren begünstigen das noch und versuchen für mehr Stimmung zu sorgen. Die Moral in Frankreich ist: Wer die Folter im ersten Jahr übersteht, der ist für das Studium geeignet und dem macht der Umfang der späteren Semester nichts mehr aus.
Zuerst dachte ich, das sei ja ein tolles Prinzip aber jetzt bereue ich es. Seit Anfang September habe ich nichts getan, als am Schreibtisch zu sitzen und zu lernen, von 6 Uhr früh bis 22 Uhr abends. Manchmal vergesse ich zu essen. Schon zur Post zu gehen stresst mich, weil es verlorene Zeit ist.
Meine Eltern - die in Deutschland Medizin studiert haben - mahnen natürlich zur Vorsicht aber das geht hier einfach nicht. Es ist nicht vergleichbar mit einem deutschen Studium. Wir haben die 2 Jahre Physikum schon in 4 Monaten abgearbeitet. Jede Woche kommen Berge von Themen, die Vorlesungen sind viel zu kurz und geben nur eine grobe Übersicht, der Rest muss selber angeeignet werden. Ich nehme alles was ich in die Hände kriege, Espresso, Koffeintabletten, Vitaminpillen und Energiepusher, manchmal alles zusammen. Ich wünsche mir sogar manchmal, wieder einmal zu weinen, um den Stress raus zu lassen und fühle mich danach total wohl, denn für Sport ist keine Zeit und davon wurde uns auch dringend abgeraten. Also bringe ich mich selbst zum Weinen als schnellen Ersatz für den Stressabbau.
Das alles klingt wie der blanke Wahnsinn, ist in Frankreich aber das allbekannte erste Jahr. Die Medizin ist mein großer Traum, deswegen werde ich das durch ziehen.


Was viel schlimmer ist, ist dass ich keine Freunde finde. Am anfang war ich so überfordert, dass ich alles von zuhause aus gemacht habe. Ein zweimal war ich bei den Vorlesungen und hab mich immer so hingesetzt dass neben mir viel Platz ist, aber nie hat sich jemand dazu gesetzt. Wenn ich den Spieß umgedreht hab, kam von der Person meist nichtmal ein Lächeln.
Untereinander sind die Franzosen ganz gut befreundet. Natürlich hat man keine Zeit Kaffee trinken zu gehen, aber man sieht sich in der Bibliothek oder in den Abendkursen, die in Klassenräumen und intimere Atmosphäre stattfinden.
Ich versuche wirklich Freunde zu finden, aber es will einfach nicht klappen. Die Franzosen sind sowieso voll beladen mit Vorurteilen und Abneigungen gegen Deutsche aber ich finde dass ich mich als nette Kommilitonin ganz gut schlage.
Manchmal wickele ich die Personen schon in Gespräche, aber dann sehen wir uns wieder und sie gehen einfach weiter, oder sie kommen in die Klasse und setzen sich woanders hin, obwohl meine Reihe leer ist.
So eine Mentalität kenne ich in Deutschland nicht, wenn man sich nett unterhält führt man zumindest smalltalk wenn man sich wieder sieht. Hier fühle ich mich als müsste ich darum kämpfen.
Durch einen Mentor bin ich mit einer anderen deutschen zusammen gekommen, bereue es aber total. Sie hindert mich total daran, Freunde zu finden weil sie mich für sich alleine haben will. Selber macht sie keine Anstanden jemanden kennen zu
Lernen und wenn wir zusammen sind, macht sie sich immer nur über andere Personen lustig, was ich total unverschämt finde, weil sie sie ja nicht einmal kennt. Ich versuche Abstand von ihr zu gewissen weil ich ihre Art wirklich nicht abhaben kann, vor allem nicht wie sie mich einnimmt. Ich bin nicht nach Frankreich gekommen um den ganzen Tag deutsch zu reden.
Die einzigen Franzosen mit denen ich mich wirklich unterhalte sind der Postbote und der Mann in der Kantine. Das wars.
Einmal meinte ein Lehrer dass ich doch nicht alleine sitzen soll und hat mich neben ein Mädchen gesetzt und sie hat mich ganze zwei Stunden ignoriert und wie Luft behandelt, obwohl sie ja indirekt vom Lehrer mitbekommen hat, dass wir uns zusammen setzen sollen. Sobald die Stunde um war hat sie sich ihre Tasche genommen und ist zu ihrer Freundin gegangen.

Einmal hat mich in der Bib ein Junge angesprochen, der vor mir saß und eine Frage zu Biochemie hatte. Er schien nett zu sein, aber auch wenn die Bib leer ist setzt er sich nie mehr zu mir, sondern lächelt mich mal an und geht dann zu seinen Freunden. Vor ein paar Tagen war an seinem Platz ein Tisch frei und ich habe mich einfach dazu gesetzt in der Hoffnung, er würde verstehen dass ich wirklich Kontakt suche. Er scheint eigentlich ein netter Junge zu sein weil ich ihn mit sehr vielen leuten in der Uni reden sehe aber an mir scheint er einfach nicht interessiert zu sein. Als an sich der Mittagspause näherte wollte ich ihn eigentlich fragen ob wir zusammen essen wollen aber noch bevor ich es sagen konnte ist er aufgestanden und meinte dass er jetzt was essen gehe ob ich auch auf seine Sachen achten könne. Das fand ich so unverschämt, ich hab mich nicht zu ihm gesetzt um seinen Butler zu spielen.
Gestern kam ich in die Klasse als nur zwei Mädchen dort waren die in Der ersten Reihe saßen. Ich habe freundlich gefragt ob ich mich dazu setzen könne (was ich gar nicht machen muss da es keine sitzordnung gibt, aber ich wollte verdeutlichen, dass ich ein Gespräch anfangen möchte). Und was kam als Antwort? Ne ihre Freundin komme gleich. Ich war total perplex denn
Wie gesagt, es gibt keine Sitzordnung und somit war es keine ernste Frage. Ich habe mich also in die zweite Reihe gesetzt, neben mir hat sich dann ein total übel gelauntes Mädchen gesetzt was ihre Sachen so auf den Tisch geknallt hat, dass ich mich gar nicht getraut habe, sie anzusprechen.

Ich bin total unglücklich. Ich bin meilenweit von meiner Familie entfernt, ich habe nichtmal Zeit um mich in einer Balletschule anzumelden (tanze Ballet) um meinem hobby nachzugehen, und habe niemanden in der Uni. Heute habe ich wieder alleine zu Mittag gegessen und weil es keinen Platz in der Kantine gab, habe ich mich auch noch in die Eingangshalle setzen müssen. Danach habe ich meine Sachen gepackt, auf dem Nachhauseweg angefangen zu weinen und liege seitdem im Bett und hätte ich noch Tränen würde ich vor lauter Unglück immer noch weinen.
Ich weiß es klingt übertrieben, aber ich bin alleine in einem fremden Land und so habe ich es mir nicht vorgestellt. Die Einsamkeit erscheint mir schlimmer als der Lernstoff. Ich bin gerade so unglücklich, dass mir die Prüfung am Ende des Semesters total egal ist. Ich will hier unter diesen Umständen nicht bleiben. Das nächste Semester wird noch schwerer und ich halte das nicht durch ohne jemanden, mit dem ich mich einfach mal 5 Minuten unterhalten kann.
Ich weiß nicht was ich falsch mache. Ich weiß das ich mich manchmal wie Bambi fühle und ich bin auch sehr schüchtern, sieht man meine vorherigen beiträge habe ich nicht immer die besten Erfahrungen für mein Selbstbewusstsein getan. Aber ich gebe mir viel Mühe und es kostet mich Überwindung, auf Menschen (auch noch auf einer fremden Sprache in einer anderen Kultur) zuzugehen, wenn ich dann beim nächsten Begegnen im Vorbeigehen übersehen werde tut mir das weh.
Ich weiß wirklich nicht mehr was ich noch machen kann. Langsam festigen sich die Freundschaften der anderen, und im zweiten Semester wird es noch schwerer in den Gruppen Anschluss zu finden.
Habt ihr Tipps was ich noch tun kann? Es ist schwer wenn man zeitlich so begrenzt ist, man kann ja niemanden nach einem Treffen fragen.
 

Benutzer35148 

Beiträge füllen Bücher
Rein aus Neugierde, in welcher Stadt studierst Du denn?
Gibt es außer der anderen Deutschen keine anderen ausländischen Stundenten?
Es ist natürlich schade und traurig daß Du bei den Franzosen und Französinnen irgendwie keinen Anschluß bekommst.
Bringst Du Dich vielleicht zuviel in die Vorlesung ein, so daß sie Dich irgendwie als Streberin verachten?

Andererseits könnte sich das nach dem ersten Jahr auch ändern, wenn der "Überlebensdruck" nicht mehr ganz so groß ist, dass sie quasi allen Fremden gegenüber zugeknöpft sind und wenn sie sehen daß Du es wirklich willst und es auch schaffst.
Sie müssen eben viel mehr auftauen.
Vielleicht werden sie auch eines Tages Hilfe von Dir annehmen.

Aber versteife Dich nicht zu sehr darin dass Du im Moment keine neuen Freunde hast.
Bleibe freundlich, und suche weiter die Gelegenheiten.
Irgendwann wird es schon klappen.

Und bis dahin halte den Kontakt nach Deutschland zu Deiner Familie und Deinen Freunden dort.

Viel Erfolg mit dem Studium! :knuddel:

:engel:
 

Benutzer166117 

Öfters im Forum
Es ist halt echt unglücklich das sie so unfreundlich sind. Aber mehr als weiter probieren, kannst du denke ich mal nicht machen... Das einzige was mir einfallen würde wäre im Internet nach Freunden zu suchen, mit denen du ein paar Minuten am Tag schreiben kannst... Aber ich weiß halt nicht ob du da die Zeit für hast...

Trotzdem viel Erfolg beim Studium, und beim finden von ein paar Freunden :smile:
 

Benutzer167764 

Öfters im Forum
Off-Topic:
"Komisch, keiner sagt Frankreich!"
(Scorpio zu Homer Simpson)
Scorpio über einem roten Knopf: "Homer, wenn Sie die Wahl hätten - welches Land würden Sie vor der totalen Vernichtung bewahren? Italien oder Frankreich?"
Homer achselzuckend: "Keine Ahnung. Italien?"
Scorpio lacht, drückt den Knopf und sagt: ...

Hey goodgirl,

ich hab auch schon Frauen wie dich nicht angesprochen. Ich vermute, dass du zu diesen Frauen gehörst, die "alterslos" sind oder in jungen Jahren bereits sehr ernsthaft und beschlagen wirken, aber irgendwo außen vor sind. Wo man den Eindruck hat: "Ist die eigentlich älter als ich oder nicht? Hat die ein Leben neben der Schule?" Und dabei hätte ich euch wahrscheinlich interessant gefunden. Aber mal ganz ehrlich: Wenn du aus gutem und behütetem Hause kommst und das ausstrahlst genau wie deine intellektuellen Fähigkeiten (du bist sehr scharfsinnig und reflektiert) oder deine Ambitionen (du studierst auf höchstem Niveau nicht nur da, wo alle Deutschen hingehen, nämlich Österreich, nein, du studierst sogar noch in einem Land mit einer fremden Sprache) und hattest dann auch noch Ballettunterricht (etwas, was eine Haltung erzeugt, die man nie mehr aus einem Menschen herauskriegt!), ganz zu schweigen von deinem Mut. Selbst bei Interesse hätte ich mir gesagt, wenn ich dich getroffen hätte, als ich in deinem Alter war (und es schüttelt mich heute, wenn ich mir mich mit 19 vorstelle): "Was soll ich der eigentlich sagen? Etwa, was gestern in dem Kung-Fu-Film passiert ist, den ich gesehen habe oder dass ich vorgestern beinahe das Puzzle mit den 500 Teilen geschafft hätte?" Und selbst, wenn Männer sexuell etwas zu bieten haben, fragen Sie sich erstens, ob du überhaupt eine Sexualität besitzt und wenn ja, ob ihr da die selbe Sprache sprechen mögt. Wenn die Männer dann in einem Alter sind, wo die unbewusste Illusion zwangsläufig nicht mehr aufrecht erhalten werden kann, dass du älter wirkst als sie, dann baggern sie dich auch an, aber das weißt du ja (siehe deine anderen Beiträge).

Irgendwas ist mit dir offensichtlich anders als mit anderen Mädchen. Ich vermute jetzt mal, dass du bereits in Deutschland die örtliche Mode gemieden hast, aber Frankreich ist noch ein bisschen anders als nur der Verzicht auf diese Johnny-Ramone-Jeans. Um dich noch stärker anzupassen und nicht wie "die Deutsche" zu wirken, gib doch noch etwas Individualität auf und lass dir ein französisches Makeover verpassen. Schlüpf eben einfach in eine andere Rolle und spiele ein bisschen. Wenn du eine Brille trägst, hol dir eine, wie sie momentan alle tragen (wobei ich nicht weiß, ob die in Frankreich dieselbe Brillenmode haben wie wir oder nicht s.o.).

Jetzt mein Überlebensrat. Der ist schon ein wenig auf des Messers Schneide - er kann auch sehr leicht creepy wirken. Da du aber m.M.n. sowieso nichts zu verlieren hast, auf der Uni sind alle Messen gelesen, würde ich sagen, kannst du es eventuell ja mal an deinen Kommilitonen ausprobieren. Versuch's doch mal mit "fake it till you make it". Du ziehst dein Ding durch, bist unabhängig, nicht bedürftig, bleibst aber immer freundlich und höflich. Mit den Menschen redest du so, als wenn du sie schon lange kennst, sprichst Sie beiläufig mit ihrem Namen an. "Ich hab gehört, du warst krank, schön, dass es dir wieder besser geht" oder "Hi, kannst du auf meine Bücher aufpassen?" usw. Einfach ohne Erwartungen oder Hintergedanken im Vorbeigehen und auch ohne Enthusiasmus, wenn du eine positive Rückmeldung erhalten solltest. Jeder Mensch freut sich, wenn er seinen Namen hört und wenn das ohne Hintergedanken geschieht, fühlen sich die Leute auch nicht bedroht oder gefordert. Dein Ziel sollte dabei auch nur sein, nicht mehr der Fremdkörper zu sein, an eine Anbahnung solltest du dabei nicht denken. Dass du diese Leute kennst, ist ohnehin nicht zu leugnen, ihr sitzt im selben Hörsaal.

Was jetzt die Deutsche angeht, würde ich zwar den Kontakt beschränken, ich würde sie aber nicht vollständig abschreiben. Du bist in Frankreich. Dir werden noch Situationen begegnen, die dich fassungslos zurücklassen werden. Dass im Supermarkt der letzte in der Reihe zuerst bedient wird und du sogar noch gebeten wirst, dafür deine Waren vom Band zu räumen oder dass die 85-jährige Nachbarin dem 40-jährigen Nachbarn den Kasten Bier in den 5. Stock tragen muss oder die Englischprofessorin des Englischen nicht mehr mächtig ist. Da brauchst du eine Verbündete, mit der du das verarbeiten und - ja, auch mit Sarkasmus vergelten kannst. Und ganz im Ernst: deinen Schilderungen entnehme ich keine/n, der Gnade verdient hätte. Skrupel sind also überflüssig.

Fühl dich gedrückt und viel Erfolg!
 

Benutzer133456  (49)

Beiträge füllen Bücher
Als langjaehriger Frankreichveteran kann ich bestens nachvollziehen, was Du durchmachst. Man hat Soldat zu sein, in Frankreich. Sich einer Sache zu widmen, bedeutet, man verkauft seine Seele.

Ich musste da auch durch.

Eines jedoch gab es mir: Disziplin, und eine voellig von Marotten bereinigte Erwartungshaltung. Davon profitiere ich heute noch. Die Englaender haben mir beigebracht, mich selbst nicht ernst zu nehmen, und die Franzosen haben mir beigebracht, meine professionelle Rolle mit aller Hingabe und bis zur Selbstaufgabe hin zu spielen.

Das wird Dir ein Leben lang enorme Vorteile bereiten gegenueber allen, die weichere Systeme durchlebten, denn Du wirst mehr Resourcen haben, laenger durchhalten, und gruendlicher sein als sie.

Sozial Anschluss zu finden jedoch ist wichtig, und das kannst Du nur, indem Du die Dynamik akzeptierst, die Dich umgibt. Du bist ja keinesfalls allein; alle um Dich herum durchleben dieselben Herausforderungen. Es gibt garantiert ein Auge des Sturms, wo die sich zusammenfinden und abschalten. Das gilt es, zu finden. Schliesse Dich am besten einer vielversprechenden Clique an - erfolgreiche, harte Menschen Deiner Gruppe, so befremdlich das klingen mag. Halte Dich an die Erfolgsmenschen in Deiner Umgebung, denn alle anderen gehen auf Deine Kosten. Diese Denke mag nordeuropaeischen Werten zuwidersprechen, aber Du bist schliesslich in Frankreich.
 

Benutzer136730  (23)

Verbringt hier viel Zeit
Vielen Dank für alle Antworten!

Ich bin in Südfrankreich, Marseille :smile:

Was mein Aussehen betrifft würde ich nicht sagen dass ich wie der typische Außenseiter in Highschool-Filmen aussehe. Durch meine Mutter bin ich schon immer interessiert in Mode gewesen, hatte auch mal darüber nachgedacht, in die Richtung etwas zu machen. Ich bin sehr feminin, kann auch aber mal sportlich in Biker-Jacke und Boots raus. Was mein Äußeres betrifft würde man auch gar nicht denken, dass ich aus Deutschland komme, sehe eher südländisch aus da mein Vater andere Wurzeln hat . Durch meine dunklen Haaren denken die Menschen hier meist zuerst dass ich Französin bin, das Interesse verlieren sie meistens erst wenn ihnen im Laufe des Gesprächs mein Akzent auffällt.


Der "alterlos" Einfall hat mich zum Nachdenken gebracht. Es stimmt, dass ich mich mit Gleichaltrigen manchmal langweile und manchmal ein Buch einem Cocktail-Abend vorziehe (das ist aber nicht immer so). Die meisten haben wie ich erst vor einem oder dieses Jahr die Schule beendet und auf eigene Faust ins Ausland zu gehen erscheint dem ein oder anderen vielleicht, als wäre ich reifer (was ich oft teilweise weiß Gott nicht bin). Ich habe versucht mir die Situation umgekehrt vorzustellen. Ich bin zwar aus dem Ruhrpott, bei uns sind alle anderen immer herzlich willkommen, aber ich kann auch nach vollziehen dass man nicht auf Anhieb Gemeinsamkeiten mit jemandem findet, der aus dem Ausland kommt, da diese Person ja eine große Erfahrung macht, die sie vielleicht etwas weiter gebracht hat.

Für mich war dieses Semester nämlich eine große Hürde und an manchen Tagen qualvoll, aber, wie Tahini schon sagt, ich fühle mich jetzt hundertmal stärker und nachdem ich das geschafft hab kann mich glaube ich nichts mehr so leicht aus den Socken hauen.

Bis jetzt habe ich eigentlich nur einen netten Menschen hier kennen gelernt, einen Jungen im letzten Jahr (also einige Jährchen älter) der mich nach der Herkunft meines Akzentes gefragt hat. Er hat ein Auslandsjahr hier gemacht und konnte daher fließend deutsch. Ich hatte damals abgelehnt mit ihm auszugehen weil es am Anfang des Semesters und ich heillos überfordert war, danach habe ich ihn nie wieder gesehen, sonst hätte ich es vielleicht zurück genommen. Ich dachte mir es sei Zufall das er die einzig nette Person war, die ich kennen gelernt hab, vielleicht liegt es aber wirklich an meinem Erfahrungsgrad, da er im Ausland war und auch einige Jahre ist, hat es ihn vielleicht nicht "abgeschreckt" welchen Weg ich eingeschlagen habe.


Ich bin natürlich schon etwas stolz, bis hier hin gekommen zu sein da ich im September an mir gezweifelt habe. Ich denke, ich schlage mich ganz gut aber das Desinteresse der anderen verletzt mich schon. Gerade die Mädchen sind total arrogant und schaffen, neben einem zu sitzen und einen straight 2 Stunden lang wie Luft zu behandeln. An abschätzige Blicke habe ich mich schon gewohnt, ich habe das Gefühl Mädchen hier sehen sich als gegenseitige Konkurrenz und nicht als gleichgeschlechtig. Ich glaube nicht, dass ich in nächster Zeit eine weibliche Freundin finden werde, da die meisten nicht mal ein Lächeln erwidern und ich sowas ganz nicht wiederhole. Lieber bleibe ich das ganze Studium über alleine als jemandem nachzulaufen der es nichtmal für nötig hält, zurück zu lächeln.

Die Jungs verhalten sich zwar nicht arrogant, allerdings irgendwie uninteressierter. Als würden sie einen gar nicht wahrnehmen. Mich nervt die Situation mittlerweile, das ist wirklich kein Studentenleben was ich führe sondern ein Leben wie im Militär, wobei ich mir selbst das spaßiger vorstelle, da man zumindest seine Zeltfreunde hat (nichts gegen Soldaten, hatte selber überlegt bei der Bundeswehr Medizin zu studieren.)



Was mir etwas Sorgen macht ist dass viele durch diese erste Prüfung durchfallen werden und demnach nächstes Semester erstmal aussetzen. Die Zahl der Studenten wird sich also nochmal verringern und da das zweite Semester schwerer wird (Anatomie, Pharmazie und all die Fächer die schlaflose Nächte und Kaffeeabhängigkeit verursachen) wird die Stimmung wohl noch mehr kippen. Noch mal vier Monate in Isolation zu leben halte ich nicht aus. Die Stoffmenge macht mir nicht halb so viel aus niemanden zum Reden zu haben. Aus lauter Verzweifelung telefoniere ich zweimal täglich mit meinen Eltern. Ich lerne gerne von morgens bis abends aber bei den Mahlzeiten will ich nicht jeden Tag alleine sitzen!


Auch wenn meine Herkunft und mein Weg den einen oder anderen abschreckt kann das doch nicht auf alle zu treffen? Vor lauter Enttäuschung würde ich am liebsten meine Sachen packen und erst zur Prüfung wieder kommen, aber dann denke ich mir, dass meine Zeit im Ausland nicht mit so doofen Erinnerungen geprägt sein soll.


Mir fällt eigentlich nichts anderes ein, als den Rat zu befolgen mich zu "verstellen" und auf andere zuzugehen, auch wenn ich mir nicht vorstellen kann dass ich auf lange Sicht Ablehnung einfach hinnehmen kann. Ich fühle mich manchmal wie Bambi, weil ich mich Menschen eher vorsichtig anschleiche. Aus all diesen Gründen habe ich natürlich nicht das größte Vertrauen, noch weniger in mich selber.

Aber hier bin ich wirklich einige Male über meinen Schatten gesprungen und diese Ignoranz wirft mich zehn Schritte zurück. Ich würde mich an manchen Tagen in meinem Zimmer verkriechen, trotzdem gehe ich in der Uni lernen in der Hoffnung, einfach irgendjemanden kennen zu lernen, egal wen. Mir ist es mittlerweile auch egal, ob wir Gemeinsamkeiten haben, Hauptsache ich habe hier irgendeinen Kontakt.
[doublepost=1511035522,1511034799][/doublepost] einsamerEngel einsamerEngel Ja ich habe mich auch schon gefragt ob die meisten denken, dass man als Ausländer nicht das Zeug dafürhält, da es den Franzosen schon schwer fällt, dran zu bleiben. Der eine Junge der mich später als Aufpasser für seine Sachen haben wollte. hatte aber zum Beispiel erfahren, dass ich mit dem Stoff viel weiter war als er. Vielleicht denkt er sich dann aber auch besser Abstand zu halten als zuzugeben, schlechter als "die Ausländerin" zu sein.
Er hat aber zum Beispiel total viele Freunde, ich sehe ihn in der Bibliothek immer mit Mädchen wie Jungen zusammen sitzen oder reden, er ist total aufgeschlossen deswegen war ich total perplex dass er mich bittet, auf seine Sachen acht zu geben anstatt zu fragen, ob ich etwas mitessen möchte. Ich meine dass ich in der Mittagspause wohl auch essen werde, wird ihm ja klar sein.

Für mich ist es ein kleiner Trost, dass (wenn ich beide Prüfungen bestehe) im zweiten Jahr die Zahl der Studenten kleiner sein wird und wir aufgeteilt werden (momentan studieren die Pharmas, Zahnärzte, Physiologen mit an der medizinischen Fakultät und gehen erst im zweiten Jahr an ihre eigenen) und man mit "seiner Gruppe" zusammen ist. Aber bis dahin ist es noch fast ein Jahr und solange kann ich nicht einfach so durchhalten. Wie gesagt, ständig alleine zu sein ist wirklich schlimm für mich. Zuhause haben wir oft Familientreffen und ich hatte meine Freunde, habe Sport gemacht und durch die Gassirunden mein ganzes Viertel persönlich gekannt. Hier durchweg alleine zu sein ist für mich fast schon die Hölle. Ich fühle mich total einsam und habe überhaupt keine Panik davor wie schnell die Zeit zur Prüfung vergeht, da ich in derselben Woche endlich nach Hause fliege. Ich bin übrigens zwischen prüfung und Flug einige Tage zuhause und werde dann ganz alleine sein. Momentan habe ich zwei Mitbewohner (die ich aber kaum sehe, weil ich nur am Lernen bin, und die beiden sind Erasmus Studenten und gehen bald zurück nach Dänemark, also keine wirkliche Alternative zu französischen Freunden.) die werden aber abreisen ehe meine Prüfung ansteht und dann bin ich ganz alleine in der Wohnung und habe nicht mal jemanden mit dem ich auf das Ende des Semesters anstoßen kann. Das ist echt traurig.
 

Benutzer53463 

Meistens hier zu finden
Ich finde das französische System perfide. Nicht aufgrund der Stoffmeng (bei der ich nicht glaube dass sie sich wesentlich von Deutschland unterscheidet) sondern weil ich das System mit dem Concour krank finde. Das System sorgt geradezu dazu dass man asozialer Einzelkämpfer wird. Das beißt sich aber elementar mit dem was Medizin nach dem Studium ist - Teamarbeit. Das man in so einem System nicht gerade Freunde fürs Leben findet ist denke ich nicht so ungewöhnlich. Wenn dann noch andere Punkte wie Abneigung gegen Ausländer oder anderweitig geartetes Anderssein dazu kommt wird es noch schwerer. Ich weiß nicht wie es üblicherweise nach dem ersten Jahr ist vll relativiert sich dass dann weil der Konkurrenzkampf nicht mehr so extrem ist aber die Plätze für die Facharztausbildung werden meines Wissens auch streng nach Rangliste vergeben.

Wenn die Situation für dich unerträglich ist, würdest du auch in Deutschland einen Platz bekommen oder bist du nach Frankreich weil es mit dem NC nicht geklappt hat? Bzw wäre ein Wechsel ggf eine Option? Hast du vor nach dem Studium in Frankreich zu bleiben oder wolltest du danach wieder nach Deutschland zurück?
 

Benutzer167679  (35)

Sorgt für Gesprächsstoff
Ich muss Nooby da zustimmen. Du tust mir wirklich unheimlich leid und fühl dich einmal fest gedrückt. Da soll noch einmal einer sagen wir Deutschen wären unfreundlich und intolerant. Zwar kenne ich auch solche Exemplare die wirklich abweisend sind, aber das alle so sind. Mich wundert allerdings auch nicht das es in Frankreich dann oft auch Unruhen in der Jugend gibt, es wundert mich nicht das so viele Studenten abhängig sind von Aufputschmitteln. Es wundert mich eher das die Selbstmordrate nicht so Hoch scheint wie in Japan. Das man Menschen so verheizen kann, einfach traurig.

An deiner Stelle wäre ich auch schon zusammen geklappt. Und das du unglücklich bist ist nur Selbstverständlich. Leider habe ich keinen Rat für Dich um die Situation besser machen zu können.
 

Benutzer136730  (23)

Verbringt hier viel Zeit
N N00by : Die Stoffmenge unterscheidet sich leider ehrheblich. Das was in Deutschland in 2 Jahren bis zum öhysikum gelehrt wird, wird hier in 8 Monaten durchgearbeitet. 4 Monate für die Naturwissenschaften, 4 Monate Anatomie/Pharmazie/Psychologie/Physiologie. Eine Prüfung ist nicht mit einer 4 bestanden, sondern mit einer 1 und zusätzlich zu den einzelnen Themen lernen wir direkt Krankheiten, Diagnostik etc. Am Anfang fand ich es natürlich toll, im ersten Monat schon zu lernen, ein EKG auszuwerten, mittlerweile finde ich aber, dass ziemlich übertrieben wird. Ein deutscher Freund von mir ist im 3. Semester und hat manche Sachen nicht gemacht, die ich als Ersti schon gelernt habe. Es gibt auch keinen Grund, wieso wir jetzt schon Ethik und Regeln bei Forschungen lernen müssen, da es bis zum Abschluss zig neue geben wird.
In Deutschland habe ich mit 1,6 keinen Platz bekommen und in dem freien Jahr nach der Schule alle Möglichkeiten durchdacht. Ich möchte keine Ausbildung anfangen und dann nochmal 4 Jahre arbeiten bis ich das Studium überhaupt erst beginnen kann, nah Osteuropa zu gehen war auch nicht meine erste Wahl.
Ich bin in Frankreich eigentlich ganz zufrieden, den Concours werde ich nach meiner jetzigen Einschätzung schaffen und wenn nicht, finde ich es nicht so schlimm ein Jahr zu wiederholen.

Ich kann mit dem Stress an sich wirklich gut leben (den umständen entsprechend) wenn ich ein asoziales Umfeld hätte :frown: und was den Wechsel betrifft; das würde ich natürlich sofort machen allerdings hat keine Uni an der ich mich erkundigt habe Erfahrung mit einem Wechsel aus Frankreich. Durch den unterschiedlichen Aufbau wird ein Wechsel wohl etwas schwieriger sein, wenn es überhaupt echt, da man zB aus Deutschland nicht nach Frankreich wechseln kann.

Rescue Rescue ja die Jugend hier ist ganz anders als in Deutschland. Man sieht sich erstmal als Konkurrenz und mit etwas Glpck wird man vielleicht zu Freunden, Ausländer werden aber erstmal auf Abstand gehalten. Das ist hier im Süden wirklich extrem, was ich komisch finde, da wir fast an der spanischen grenze sind, und dort die Mentalität so viel offener ist.
Komischerweise sind es aber meistens die Jugendlichen die sich so ablehnend verhalten. Meine älteren Nachbarn oder die Dame in der Bibliothek unterhalten sich immer gerne mit den Ausländern. Der erste Satz den ich hier von einem gleichaltrigen Jungen auf dem Eröffnungsabend an der Uni gehört habe war auch "We don't like Germans". Besxheuert, aber wahr
 

Benutzer167764 

Öfters im Forum
Wir können dir hoffentlich noch das Versprechen abringen, dein Studium nicht zu schmeißen, oder?

Ich wollt noch nachschicken, dass ich mit alterslos so etwas enigmatisches meine, so gleichzeitig kindliche und großmütterliche Anteile, unbeholfene Rehhaftigkeit (ja!) und Abgeklärtheit an gleicher Stelle. Das ist für das Gegenüber nur sehr schwer einzuordnen. Theoretisch hätte der Gang ins Ausland für dich deswegen eigentlich vorteilhaft verlaufen müssen.

Mein Vorschlag mit "fake it till you make it" bei persönlicher Adressierung mit Vornamen hat zwei Hintergründe. Zum einen ist es sicherlich ein Brückenschlag, die signalisierte Bereitschaft zum Aufeinanderzugehen, noch mehr zielt er aber darauf ab, eine Demonstration der Stärke zu sein. Dir stehen sicherlich kulturelle Vorstellungen der französischen Mentalität entgegen, dann kommt aber eben noch der Konkurrenzaspekt hinzu. Bei einer hohen Abbrecherquote von - sagen wir - 50 % erhöhen sich nämlich mit jeder, die aufgibt, die eigenen mathematischen Chancen durchzukommen (auch wenn das nur eine Kommastelle ist). Dich zu ignorieren, also offene Feindschaft, ist deswegen alles andere als souverän, sondern im Grunde ein Zeichen von Schwäche, das verzweifelte Festhalten an dem Mantra, nicht zum unteren Drittel, sondern zum mittleren Drittel zu gehören und deswegen im Kampf eine Restchance wahren zu müssen. Du verschwindest ja nicht dadurch, dass deine Anwesenheit geleugnet wird. Mit Freundlichkeit drückst du nun zwei Dinge aus: Erstens, dass du dich nicht entmutigen lässt, dein Studium durchzuziehen und zweitens, dass du zwar offen bist, aber jegliche Freundschaft/Bekanntschaft nach deinen Maßstäben erfolgt, weil du auf Nettigkeiten der anderen nicht angewiesen bist. Aus diesem Grunde ist es auch wichtig, gerade jenen, die dir ein Lächeln verweigern, gegenüber freundlich aufzutreten. Unmittelbar bringt dir diese Taktik aber keinen Anschluss, allerhöchstens auf lange Sicht.

Bei Alpenmurmeltieren stehen jene Individuen am Ende der gesellschaftlichen Hierarchie, die am meisten in diese Gesellschaft investieren. Deswegen rate ich dir auch, egoistischer zu werden, du redest nämlich immer noch von "Klima", obwohl du bereits isoliert bist. Und noch etwas: Du musst uns versprechen, mit keinem/keiner, die dich schlecht behandelt haben, je eine Lerngemeinschaft zu bilden. Aber vielleicht hab ich auch nur zu viel "Carrie" gesehen. Insbesondere nach Semesterferien wird man im Gegenteil sogar wahrscheinlich einiges auf "Null" zurückstellen können. Das wünsch ich dir!
 
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