Schule Angst vor Burnout als Lehrerin

Benutzer42813 

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Hallo alle zusammen,

ich fühl mich im Moment im Beruf ehrlich gesagt überfordert. Ich bin Lehrerin an einer Förderschule für Lernschwierigkeiten, an der auch viele Schüler mit "besonderem Förderbedarf in der sozialen und emotionalen Entwicklung" beschult werden. Auf deutsch sind das die, die sich selbst nicht beherrschen können, die nicht in der Lage sind, sich länger zu konzentrieren und die sich, mit Verlaub, auch tierisch respektlos verhalten können.

Ich habe in meiner Klasse einen Schüler, der andere Schüler regelmäßig übel beleidigt. Ich weiß nicht mehr, wie ich den anderen Schülern klarmachen soll, dass sie ihn trotzdem nicht schlagen dürfen, wenn er auf Ansagen von mir nur mit rausgestreckter Zunge reagiert und auf jede Ansage oder Aufforderung von mir nur noch mit diesem verhassten "Sie können mich nicht zwingen, ich bleibe hier einfach sitzen und mache weiter" reagiert. Seine Eltern kennen das Problem, wir telefonieren regelmäßig, aber auch sie sind machtlos. Wir hatten die Hoffnung, ihm einen stationären Aufenthalt in einer Jugendpsychatrie zu ermöglichen, damit er wieder ein bisschen Selbststeuerung lernt (hat andere SChüler auch schon mehrfach körperlich verletzt). Doch laut Jugendpsychatrie ist der Fall nicht "schwer genug".

Meine anderen Schüler verlieren dadurch natürlich auch den Respekt vor mir, wenn sie je welchen hatten. Wenn ich vor der Klasse stehe, ist es reine Glückssache, wenn ein Moment Stille eintritt, in dem ich meine Ansagen machen kann... Es gibt gute und sehr gute Tage, aber es gibt inzwischen mindestens zwei Tage in der Woche, in der ihc nach Hause komme und mich erst mal ins Bett schmeiße und heule.

Hat irgendjemand ne Ahnung, wie furchtbar das ist, wenn immer, wenn man etwas sagen will, jemand anders dazwischen ruft, einen nachäfft, den Kopf wegdreht und lacht oder laut und demonstrativ Kaugummiblasen knallen lässt?

Ich müsste strikter und konsequenter sein, ich müsste streng und trotzdem freundlich zugewandt sein - aber manchmal hasse ich meine Klasse als Gesamtheit nur noch. Es sind bisher nur sehr kurze Momente gewesen, in denen ich diesen Hass gespürt habe, meist bin ich durchaus in der Lage, meine Rasselbande als Ansammluing von Individuen betrachten, die an einer schwerwiegenden persönlichkeitsverändernden Krankheit namens Pubertät leiden :zwinker:. Aber ich bin schon seit Monaten mit meiner Kraft am Ende und laufe nur noch auf Reserve. Privat waren halt auch noch einige anstrengende Dinge...

Ich kann nicht mehr und weiß nicht mehr weiter.
 

Benutzer48403  (51)

SenfdazuGeber
Hallo Flame,

weiss jetzt nicht, was ich schreiben soll, aber ich denke, Du möchtest jetzt einfach mal ein paar Worte hören von jemandem, der sich versucht, die Situation vor dem geistigen Auge vorzustellen.

Ja, ich kann mir gut vorstellen, wie es ist, wenn man das Gefühl hat, gegen eine Wand zu reden und irgendwann merkt, dass eigentlich alles sinnlos ist. Das ist dann der Punkt, wo dann die Luft rausgeht, und keine Kraft mehr hat.
Das geht stark an die Substanz und man zieht auch eines Tages notgedrungen - schon wegen des eigenen Selbsterhaltungstriebes - die Konsequenzen.

Nur wie sehen diese bei Dir aus? Wenn Du schon mehrere Monate am am psychischen Limit bist, wie soll das weitergehen?
Fühlst Du Dich in der Lage, dauerhaft gegen eine Klasse schwieriger Kinder anzugehen? Wenn diese dann auch noch zunehmend den Respekt verlieren?
Ja, es sind nur Kinder, Menschen, Individuen, die für ihr gestörtes Verhalten sicherlich nichts können. Allerdings hat man selbst auch ein Wörtchen mitzureden, wenn es so langsam an die Gesundheit geht und riskiert, einen Burnout zu bekommen.

Gibt es keine Möglichkeit, zu wechseln, an einer weniger schwierigen Klasse zu unterrichten, der Du auch gewachsen bist?

Du musst wissen: Auch wenn Du sehr standhaft bist, auf lange Sicht wird auch die härteste Nuss mürbe.
Und Du möchtest ja an Deinem Beruf Spass haben, und keine Hassgefühle entwickeln, stimmts?
 

Benutzer40590  (42)

Sehr bekannt hier
Leider kann ich dDir zumindest keine wirklichen Tipps geben, da ich selber nicht damit zu tun habe. Allerdings war eine sehr sehr gute Freundin von mir in einer ähnlichen Position (Rehabilitationspädagogin, klingt bei Dir irgendwie auch so ?) und auch von Ihr hab ich sowas schonmal gehört.

Wäre es denn eventuell eine Überlegung die Schule zu wechseln, bevor Du wirklich nicht mehr kannst ?
Es gibt ja auch Schulen mit anderen Schwerpunkten. Sicher, einfach wird es wohl nirgends, das bringt der Beruf mit sich - aber vielleicht kannst DU mit anderen Dingen besser klarkommen ?!

Ich denke mittlerweile so, das ich nirgends unnötig lange bleiben werde wo ich mich nicht wirklich wohl fühle - daran geht man selbst kaputt.
 

Benutzer68775  (36)

Planet-Liebe Berühmtheit
Hey Flame... ach das tut mir leid... dass du so unter deinem eigentlich Traumjob leidest.

Es klang ja schon des Öfteren in Beiträgen durch, dass du dich dem allem nicht gewachsen fühlst.
Ich hab dazu keine wirklichen Hilfen anzubieten, aber wer hat das schon :frown:

Ich denke jeder kennt irgendwoher das Gefühl, an seine Grenzen zu kommen, die einen früher die andern später. Der Unterschied ist wie man damit umgeht.
Was ich so von dir lese, bist du ein komplett anderer Typ als ich, das heißt ich kann dir schlecht raten, was ich wohl tun würde.
Allerdings hat mir eine seh rgute Freundin mal bestätigt, dass eine Strategie für jeden sinnvoll sein kann.
Besonders, wenn Probleme anderer dir die Luft abdrücken drohen und du nicht weißt, wo du zuerst helfen solt, weil ALLE etwas von dir wollen.
Verinnerliche, wenn du nicht zuerst dafür sorgst, dass es DIR gut geht, kannst du nie dafür sorgen, dass es andern gut geht. Das ist dann nicht egoistisch, das ist einfach notwendig.
Man darf sich nicht schuldig fühlen, wenn man andere zurückstellt, um SICH etwas gutes zu tun. Wenn man sich von Dingen distanziert, die man nicht in der Macht hat zu ändern.
Schuldgefühle die Erwartungen von anderen und auch sich selbst nicht zu erfüllen sind ein sehr schwere Last, die keiner lange tragen kann.
Vielleicht kannst du üben, dich nicht verantwortlich zu fühlen. Und dir etwas gutes zu tun. Ganz für den Anfang. Leg dich in die Badewanne, mit Wein und Kerzen und schließ die Probleme aus. Versuch irgendwie Luft holen zu können...

Was du machst ist nicht gesund für dich und damit ist am Ende gar niemandem geholfen und vielen geschadet....
 

Benutzer90972 

Team-Alumni
ich kann dich voll und ganz verstehen. ich habe mein erstes praktikum im rahmen meines lehramtstudiums an so einer schule gemacht (in jeder klasse mind. 2 oder 3 schüler mit problemem bezüglich der sozialen und emotionalen entwickling). ich habe unglaublichen respekt vor allen lehrern, die das auf dauer durchhalten. ich habe den unterricht in so einer schule als äußerst laut, anstrengend und (je nach schülern) nahezu unmöglich erlebt (eigentlich so, wie du ihn auch beschreibst). für mich persönlich ist so ein unterricht auf dauer absolut nichts. um so mehr bewundere ich die lehrer, die jeden tag hingehen und aufs neue versuchen ihre schüler zu motivieren und sie effektiv am unterricht zu beteiligen. und diesen eindruck habe ich auch von dir.

das kollegium an meiner praktikumsschule hat eng zusammengearbeitet und auch immer kontakt zu den eltern gehalten, sich mit ihnen beraten und sie in die planung mit einbezogen. teilweise machte es auf mich aber auch den eindruck, dass einige lehrer bis an ihre grenze und darüber hinaus gehen.
wie ist denn das verhältnis untereinander im kollegium? vllt kann dir ein erfahrener lehrer mit dem du dich gut verstehst in dieser hinsicht beraten.

ich weiß leider nicht wirklich was ich dir raten soll. meine paar wochen praktikum sind die einzige erfahrung, die ich in diesem bereich habe. aber ich wünsche dir ganz viel kraft und energie, damit du deinen traumjob weiter verfolgen kannst.
fühl dich gedrückt.
 

Benutzer77547 

Planet-Liebe Berühmtheit
Bist Du "fertige" Lehrerin oder noch im Referendariat?

Wird Euch die Möglichkeit von Supervision oder Coaching geboten oder gibt es vielleicht eine offizielle Kontaktadresse für Lehrer mit Burnout-Problematik. Du bist ja sicherlich nicht die einzige Lehrerin in Deiner Stadt etc., die unter diesen Problemen leidet. Das klingt doch ziemlich typisch für den Lehrerberuf.

Ich fände es nahezu skandalös, wenn da von den Schulbehörden - genau für DEIN PROBLEM - nicht irgendwelche Angebote gemacht würden.

Irgendwie klingt dein Thread ziemlich "alleingelassen". Hast Du vielleicht einen erfahrenen Kollegen, dem du dich anvertrauen könntest, um Rat fragen. Einer, der die Klasse bzw. den Problemschüler vielleicht sogar kennt?
 

Benutzer42813 

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Ich habe ältere Kollegen, die mich durchaus ein bisschen unterstützen. Mit dem Refi bin ich übrigens schon fertig :zwinker:. Aber ich traue mich oft auch nicht, von meinen Problemen zu berichten - zu schlecht sind die Erfahrungen, die ich im Refi mit meiner Chef-Ausbilderin gemacht habe. Irgendwie habe ich Angst davor, vor älteren Kolleginnen Schwächen zuzugeben - Angst, dass sie mich dann genauso herablassend angucken wie meine eine Ausbilderin damals, die mich auch auf der menschlichen und nicht nur auf der fachlichen Ebene sehr stark und unterhalb der persönlichen Gürtellinie verletzt hat.

Insgesamt werde ich im Kollegium aber durchaus aufgefangen... Ich kann jederzeit Schüler in Nachbarklassen schicken, um da zu arbeiten (wenn sie denn auf mich hören und freiwillig gehen...), und wenn ich einen meiner "lieben" Schüler um Verstärkung schicke, kommt auch immer jemand. Bei den "Psychohygienerunden" auf unseren Konferenzen kriege ich auch immer mit, dass es einigen anderen ähnlich wie mir geht, vielleicht nicht ganz so schlimm, aber aller Anfang ist schwer, wie mir auch manchmal wohlwollend und augenzwinkernd gesagt wird. Aber letztlich muss ich es ja auch irgendwie mal alleine hinkriegen...

Mir fehlt im Moment noch so was wie eine "Freundin" im Kollegium, glaube ich. Jemanden, mit dem ich einfach mal Frust ablassen kann - mein Freund versteht diesen Terror dort ja auch nicht. Es gibt auch schon eine Kollegin, bei der ich vor den Osterferien "freundschaftliche Annährungsversuche" unternommen habe, und sie hat mich nach den Ferien mit einer Umarmung begrüßt - es ist also durchaus möglich, dass ich dort dann auch bald eine Entlastung habe, weil ich gefühlt nicht mehr so alleine bin...

Uns wird tatsächlich von der Schulbehörde bzw. einer Zweigstelle des Ju-Amtes oder sonst wie ein Kontingent an Beratungsstunden angeboten, wo Leute von einem Träger außerhalb kommen, so dass man sich eben auch mal "auskotzen" und nach Lösungen suchen kann. Einmal war ich auch schon da - aber da kamen irgendwie nur lauter alte Ängste aus dem Referendariat hoch und noch gar nichts zur konkreten Arbeit im Moment. Diese alten Ängste würde ich ja auch in meiner aktuelllen Therapie ansprechen, die ich eigentlich wegen was anderem mache - aber diese anderen Sachen sind leider im Moment auch sehr präsent und verlangen, dass ich mcih darum kümmere...

Der Punkt ist, dass ich trotz meiner Sorgen eigentlich gar nicht von dieser Schule wegwill. Insgesamt habe ich beim Kollegium ein gutes Gefühl und fühle mich da wohl. Es ist nach meinen Erfahrungen oft so, dass an "heftigen" Schulen die Lehrer eben mehr über ihre Arbeit reden und nicht so viel Zeit für den Klatsch und Tratsch haben, der an ruhigeren Schulen die Atmosphäre im Lehrerzimmer vergiften kann...

***

Sagen wir so... Ich habe im letzten Schuljahr mitten im Jahr ganz plötzlich die Klasse übernommen, nachdem die alte Lehrerin wegen ihrer Schwangerschaft wegmusste. Mir wird heute noch nachgetragen, dass die "wegen mir" gehen musste und schließlich viel besser als ich war. Kann ja sein, sie hat mehr Berufserfahrung... Aber schlecht bin ich auch nicht. Eigentlich nicht. Ich hatte halt ein halbes Jahr auch noch privat heftig viel um die Ohren, und dann wurde mein Arbeitszimmer auch noch zwei Monate von meiner künftigen Schwiegermutter blockiert, so dass ich jeden Tag mit dem Wissen in die Schule ging, dass ich unzureichend vorbereitet war.

Ich glaube, das allerschlimmste für mich ist, dass ich mich von meiner Teamkollegin im Stich gelassen fühle. Wir haben Klassenleiterteams, weil es eine Ganztagsschule ist. Ich selbst habe versucht, mit den Schülern ein Punkte-Belohnungssystem zu etablieren, sie war auch total einverstanden - aber jetzt bepunktet sie die Schüler in ihren Stunden nie. Sie hat mir die ganzen ´"schweren" Fächer wie Naturwissenschaften, Mathe, Politik, überlassen und macht selbst Deutsch und Kunst - die Fächer, die ich eigentlich studiert habe. Sie macht ständig Frühstückspausen oder kleine Mini-Ausflüge mit den Schülern, aber wenn ich ein einziges Mal zur Belohnung für fünf Stunden konzentriertes Arbeiten in der sechsten Stunde in den Park gehe, dann wird mir der mahnende Zeigefinger gezeigt, dass wir ja schließlich bis zu den Sommerferien auch unseren Stoff durchkriegen müssen.

Ja, ich glaube, ich fühle mich tatsächlich alleine gelassen... War mir vorher noch gar nicht so klar.
 

Benutzer35070 

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Ich arbeite mit Kindern die eine integrative Betreuung brauchen und leider ist es oft so, dass wir keine Kinder haben die im eigentlichen Sinne körperbehindert sind, sondern die aufgrund ihrere Erlebnisse in der Kindheit sozial und emotional behindert sind (denke die bekommst du dann in zehn Jahren).
Ich glaube kaum ein Außenstehender kann sich das vorstellen wie belastend das sein kann. Wir haben eine Gruppeit 15 Kindern, drei der Kinder mit der Problematik reichen um jedes Zusammenleben sehr zu erschweren wenn nicht zweitweise unmöglich zu machen. Die sind ja erst 4,5 Jahre alt aber die schlagen auch mich, andere Kinder natürlich auch und das mit Vorliebe auf den Kopf und das auch mit harten Gegenständen, andere werden angespuckt, Wert-oder Spielsachen anderer werden im Klo versenkt etc... Ging sogar bis zu Angriffen auf eine schwangere Kollegin hin, das Kind wurde nach einem Bauchschlag einen Tag aus der Kita suspendiert!

Wie geht man mit diesen Kindern um?
Am wichtigsten finde ich Einheit im Team. Die Situation die du da oben schilderst kenne ich aus dem letzten Jahr und Erzieher /Lehrer die da nicht zusammenarbeiten und nicht eine einheitliche Positione vertreten stehen auf verlorenem Posten. Resultat war damals auch eine psychische Erkrankung einer Kollegin! Also rede nochmal mit deiner Klassenkollegin, mach klar das es so nicht geht und Verabredungen eingehalten werden müssen, du kannst nicht noch auf einem weiteren Schauplatz antreten!

Den Umgang mit solchen Kindern?! Ich glaube da muss man seinen Weg finden. Unsere sind natürlich noch kleiner aber auch schon vor mir stand ein wutentbrannter Junge mit einem mehrere Kilo schweren Türstopper den er nach mir werfen wollte. Mir war da auch mulmig, aber ich finde man sollte da keine Angst zeigen. Hab ihm nur gesagt "wenn du das tust, dann bekommen wir so einen Ärger das kannst du dir gar nicht ausmalen." Denke irgendwie muss man den Mittelweg zwischen "ich erkenne deinen Kummer und deine Sorgen die dich dazu treiben so zu handeln" und "ich habe Grenzen und wenn du da was dagegen tust dann gibst es Ärger auch wenn ich dich als Person akzeptiere finden."

Kopf hoch!
 

Benutzer89539 

Planet-Liebe-Team
Moderator
Hmmm irgendwelche Konsequenzen muss man doch einem Kind aufzeigen können, dass es nicht immer sein "Ding" durchzieht?! Ansonsten würde ich mir da wohl auch ziemlich verloren vorkommen. Mit Überzeugungskraft oder Freundlichkeit kommt man bei pubertierenden Kindern auch nicht immer durch, und wenn das Kind dann merkt, dass es Mist machen kann und dabei letzten Endes in der stärkeren Position ist, läuft irgendwas grundfalsch.

Ich würde mich auch an Ausbildungsleiter(innen) wenden, oder - wenn du das nicht unbedingt möchtest - an ältere und erfahrene Kollegen. Die werden das Problem doch kennen, und ihr Unterricht wird hoffentlich nicht nur von vorne bis hinten Kindergarten sein. Also haben sie irgendwelche Tricks, um die "Plagegeister" (die sie manchmal sein können) zur Räson zu bringen. Jeder ist ja mal jung und unerfahren gewesen, also ist diese Frage keine Schande.

EDIT: Wenn deine Kollegin dich so hängen lässt, musst du auf jeden Fall mal ein ernstes Wort mit ihr reden. Aus deiner Schilderung geht klar hervor, dass das so nicht geht. Ich habe das Gefühl, dass es dir in der Schule massiv an Selbstbewusstsein fehlt. Du hast ein sehr gutes Gefühl dafür, in welchen Rollen man auftreten kann. Ein und dieselbe Person kann in zwei Situationen ganz unterschiedlich auftreten. Du weißt auch, dass du eine starke Seite hast, und woraus du dein Selbstbewusstsein ziehst. Aber wenn du in der Schule bist, hast du wahrscheinlich immer vor Augen, dass du schlecht vorbereitet bist (oder warst), dass du während der Ausbildung schwere Steine im Weg liegen hattest, und dass du vor der Klasse nicht den Respekt hast, den du gerne hättest. Das solltest du ablegen.
Mach dir klar, was du kannst - und lass dich auch nicht von Rückschlägen ins Bockshorn jagen. Meister fallen nie vom Himmel - aber du kannst dich langsam durcharbeiten, und mit der Zeit wirst du das gut machen!
 

Benutzer106065 

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Hallo, Shiny Flame!
Ich lese hier schon längere Zeit mit und habe mich nun angemeldet, da ich deine Situation einigermaßen nachvollziehen kann.

Ich kenne die Arbeit an Förderschulen (mit dem Schwerpunkt Lernen) aus der Perspektive der Nachmittagsbetreuung. Mir sind beim Lesen deines Posts zwei Dinge eingefallen.
Zum Einen habe ich mich gefragt, welche Möglichkeiten du denn konkret hast, wenn ein Schüler im Unterricht derart renitent ist, dass er dir sagt: „Ich mache was ich will und sie können mich zu nichts zwingen!“ Als ich noch in der Betreuung der Förderschule gearbeitet habe, haben wir in solchen Fällen die Möglichkeit gehabt, Schüler in eine Art „Strafraum“ zu schicken. Falls sie sich weigerten zu gehen, haben wir sie durchaus auch ‚angefasst‘ und in diesen Raum getragen. Ich denke, irgendetwas in der Art werdet ihr in eurer Schule wohl auch machen können.

Zum Anderen hat mich deine Schilderung von der Übernahme der Klasse plötzlich im laufenden Schuljahr an die Gruppenphasentheorie erinnert. Nach dieser Theorie durchläuft jede Gruppe bestimmte Phasen, nach einer anfänglichen Orientierungsphase kommt unweigerlich die Machtkampfphase. Nach deiner Schilderung würde ich vermuten, dass du mit deiner Klasse in genau dieser Phase steckst. Dabei heißt Machtkampf nicht, dass sich deine Klasse gegen dich verbündet und dich bekämpft, sondern dass sich die Gruppe durch dich als neue Lehrerin verändert hat und sich nun neu zusammenfinden muss. Diese Erkenntnis hilft dir vielleicht insofern weiter, dass es bestimmte ‚Interventionen‘ (Gruppenspiele) gibt, die das Durchlaufen dieser Phase unterstützen können (ich weiß nicht, in wie weit die Möglichkeit besteht, solche Gruppenspiele im Rahmen des Unterrichts durchzuführen). Andererseits hilft dir vielleicht aber auch die Gewissheit, dass die Probleme, die du momentan mit (einigen) Schülern hast, nichts mit dir als Person oder als Lehrerin zu tun haben, sondern ein Ausdruck dieses Machtkampfes sind.

Ansonsten kann ich dir nur größten Respekt zollen, dass du dich für ein derart schwieriges Feld im Schulbereich entschieden hast.

Liebe Grüße,
Taglilie
 

Benutzer53338 

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Ich könnte dir sooo viele gute Dinge vorschlagen, aber das Problem in Deutschland ist einfach, dass an den falschen Stellen gesparrt wird und an eurer Schule mit Sicherheit das Personal dafür fehlen wird. :frown:

Ich habe eine zeitlang an einer Blindenschule gearbeitet und dort mit den verhaltensauffälligen Kindern - also überwiegend autistische Kinder, die gegenüber sich selbst, dem Personal und den anderen Kindern aggressiv und gewaltätig waren und zusätzlich dazu geistig- und/oder körperlich behindert. Bei zwei Kindern hat es nur was gebracht, dass zwei Betreuer in der Klasse waren, die die Kinder von den anderen Kindern getrennt haben, wenn es drohte zu eskalieren. Dem einen jungen wurde ein einfaches, simples Warnsystem entworfen (das könntest du vielleicht auch noch bei dir in der Klasse einsetzen). Bei ihm ging es nach Farben, Grün, Gelb und Rot. Auf Grün stand er jeden Morgen, wenn er in die Schule kam und er hatte dafür Bauklötze in verschiedenen Formen, die er immer bei sich tragen musste. Wenn er anfing zu spinnen, wurde er eindeutig gewarnt ("Wenn du nicht aufhörst das und das zu machen, stehst du auf Gelb") - wenn er dann weiter gemacht hat, bekam er eine zweite Mahnung und bei der dritten stand er dann auf Gelb. Bei Rot das gleiche Spiel - 2 Warnungen, beim dritten dann Wechsel der Farbe. Stand er auf Rot, musste er die Klasse verlassen und sich in Begleitung der Betreuer oder uns Sozialarbeitern körperlich betätigen, weil ihm da geholfen hatte ruhiger und weniger aggressiv zu werden. Also hier in dem Fall musste er über den Schulhof eine Kiste mit Bauklötzen gefüllt tragen, immer zu einem bestimmten Punkt. Wenn er an einen solchen Punkt ankam, konnte er Pause machen, er bekam die Option über sein Fehlverhalten zu reden - wollte er das nicht, musste er weiter tragen, bis zum nächsten Punkt. Dann wieder die Entscheidung, ob er über sein Fehlverhalten reden will - meistens hatte er dann keine Lust mehr und wir konnten mit ihm sprechen.

Wurdet ihr eingewiesen, was bei Kindern zu tun ist die schlagen? Euch oder andere Kinder? Wie man sie ruhig festhalten kann ohne ihnen körperlich weh zu tun?

Nach jeden seinen Warnungen, also immer wenn er eine Farbe gewechselt hat, wurde ein Timer gesetzt. Nach 15 Min stand er dann wieder von Rot auf Gelb oder von Gelb auf Rot - wenn er eine ganze Woche geschafft auf Grün zu stehen, bekam er am Ende der Woche eine kleine Belohnung. Das dieser junge unglaublich gerne Dinge zerstörte, durfte er dann freitags in der Werkstatt das Papier zerschreddern...

Klar ist, du kannst nicht den Raum verlassen, aber vielleicht könnte ein solches Warn-System bei diesem Jungen helfen? Wichtig ist, dass man es konsequent durchzieht und es dauert auch einige Zeit bis es mal funktioniert. Du kannst auch nicht nach der 1. Warnung direkt auf eine Farbe springen, es müssen die gleichen, festen Regeln sein. Vielleicht kannst du in deiner Klasse ja zum Ende der Woche in der letzten Stunde 15 oder 20 Min einrichten, wo ihr irgendwas gemeinsames machen könnt, wo dieser Junge dann vielleicht seine "Belohnung" bekommen könnte, wenn er die Woche gut war.
 

Benutzer50283 

Sehr bekannt hier
Hey,
die Situation in der Schule kommt mir (von einer E-Schule) bekannt vor: Teamteaching (in zwei verschiedenen Klassen, also nicht inklusiv in einem Raum oder so), 2 Lehrerinnen, zwei Philosophien, Resultat: Guter Kopf und böser Kopf, obwohl beide doch eigentlich nur das Beste für ihre Zöglinge wollen und ein relativ gutes und freundschaftliches Verhältnis zueinander haben.
Die beiden torpedieren andauernd die Unterrichts/Zeitplanung der Kollegin und halten sich nicht an Absprachen. Da ich das seltene Vergnügen (:zwinker:) habe, beide Klassen mit beiden Lehrerinnen zu erleben, konnte ich beobachten, wie die Kinder darauf reagieren: Gar nicht! Da geht’s drunter und drüber, kein Belohnungssystem funktioniert so wirklich.
Die eine Lehrerin verhält sich „pädagogisch“, wendet gewitzte Taktiken an und hat einfach eine „sanftmütigere“ Persönlichkeit.
Die andere Lehrerin regelt alles über die Lautstärke ihrer Stimme und ihre körperliche Präsenz, völlig „unpädagogisch“. Überraschenderweise haben die Kinder zu ihr eine ähnlich starke Bindung entwickelt wie zu der anderen Frau. Ich glaube sie wissen, dass sie sich bei beiden beschützt fühlen können und tolerieren die (häufig wirklich üble) Art der zweiten Lehrerin. Vielleicht liegts daran, dass die Kinder schon viele Betreuungspersonen erlebt haben, keine Ahnung, zumindest werten die gar nicht so stark nach Sympathie oder so, sondern lassen sich erstaunlich offen auf den jeweiligen Chef im Ring ein.
Ich glaube nicht, dass sich bei den Lehrerinnen von selbst noch mal viel drehen wird. Wenigstens für einen Teil ist die Lage ja auch ganz gemütlich…
Mit deiner Kollegin würde ich mich mal unterhalten. Ich würde ihr sagen, wie die Sache auf dich wirkt, dass du damit, wies im Moment läuft, nicht einverstanden bist, dass du eine Änderung brauchst und sie darum bittest gemeinsam zu überlegen, wie man das besser hinbekommen kann. Ich finde nicht, dass du dir damit Blöße geben würdest. Im Team sind Absprachen notwendig, sonst funktioniert das nicht. In meinem Nebenjob treffen wir uns z.B. alle zwei Wochen zur Besprechung, irgendwas gibt’s immer. Wenn du dich in deinem Team nicht wohl fühlst, dann liegt das nicht an dir, sondern am Gesamtkonzept. Klar, du bist ein Teil davon, aber nicht alleine verantwortlich. Dazu sind Leute mit mehr Erfahrung da, die schon ihre Position an der Schule ausgelotet haben. Man agiert nun mal nicht im luftleeren Raum, sondern als ein Teil vom ganzen Räderwerk. Wenn ein Zahnrad nicht greift, zeigt sich das ja auch nicht nur an diesem einen Teil, sondern mindestens an zwei Kettengliedern – und das ganze Rad wird ausgebeult, demnach hat auch das Gesamtding ein Interesse daran, dass die Einzelteile ineinander fassen. (Oder sollte es zumindest.)
Ich würde meine Kollegen eher als Ressource betrachten, auf die ich zurückgreifen kann. Das ist doch das Coole daran, wenn man neu ist: Man kann fragen und sich Unterstützung suchen, ohne sich dämlich fühlen zu müssen!
Und: Mein Vater ist auch Lehrer und betreut häufiger mal Refs oder jüngere Kollegen. Denen geht’s selbst an der Regelschule häufig genauso. Mein Vater kommt zum Glück mit seinen Klassen immer ziemlich gut klar. Er meint es liege daran, dass er seine Schüler liebt, ihnen unbedingt was beibringen will, informiert ist und sich vorbereitet, privat an ihnen interessiert ist, immer zu nem dummen Spruch bereit ist und wirklichen Spaß an seinem Beruf hat. Er behauptet, die Begeisterung würde sich auf die Schüler übertragen. O-Ton: „Nur wer selber brennt, kann andere entflammen.“ :zwinker:
Und: Sogar wir als Abiklasse waren mal im Klassenverband mit einer frischgebackenen Deutschlehrerin und unserer Klassenlehrerin bei einer Schulpsychologin, weil sie absolut nicht mit uns zu recht kam. Als neuer Lehrer hat man wahrscheinlich immer den Status desjenigen, mit dem mans ja machen kann. War bei uns während der Schulzeit nicht anders. Verbarrikadieren, mit Kreide bewerfen, lästern, unfreundlich sein, ignorieren, provozieren – normal. Auf dem Gymnasium. Kinder sind einfach scheiße :zwinker:.

„Ich habe im letzten Schuljahr mitten im Jahr ganz plötzlich die Klasse übernommen, nachdem die alte Lehrerin wegen ihrer Schwangerschaft wegmusste. Mir wird heute noch nachgetragen, dass die „wegen mir“ gehen musste und schließlich viel besser als ich war. Kann ja sein, sie hat mehr Berufserfahrung... Aber schlecht bin ich auch nicht.“
Ob du deinen Job gut oder schlecht machst, können die Schüler überhaupt nicht beurteilen. Und: Der, der weg ist, der längere Zeit da war, ist in den meisten Fällen der Besser als der, der neu dazu kommt. Das würde ich gar nicht so persönlich nehmen. Rückblickend ist eh alles toller. Ich würde mir den Vergleich gar nicht so geben, das bringt doch sowieso nichts (oder es zumindest versuchen :zwinker:).
Hast du schon mal probiert, am Anfang des Tages alles aufzulisten, was heute bearbeitet wird und am Ende eine Belohnung platziert (in den Park gehen oder so), falls das Ziel erreicht wird? An „meiner“ Schule gibt’s dafür im GS-Bereich Kärtchen, das funktioniert ganz gut. Außerdem haben die so eine geile, große Uhr, bei der sich ein rotes Feld aufschieben lässt, das entsprechend der vergangenen Zeit kleiner wird. Damit lassen sich ohne größere Anstrengungen echt ruhige Phasen erzielen. Klare Ansage: Jetzt ist Ruhe, bis die Zeit abgelaufen ist. Wer das nicht einhält, bekommt eine Strafarbeit, oder was sonst so zieht. An der Schule hat eine Lehrerin mit dieser Uhr angefangen, mittlerweile haben sich einige so ein Teil bestellt. Deine Schüler sind schon n paar Jahre älter, aber vielleicht zeigt sowas da ja trotzdem noch Wirkung, keine Ahnung.

Ich habe natürlich laaange nicht so viele und solche Erfahrungen mit Kinder und Jugendlichen wie du, aber was sich für mich bisher im Umgang mit ihnen herauskristallisiert hat: Authentisch sein! Ich weiß, dass ich dazu neige und bei Kollegen hab ichs auch schon beobachtet: Man probiert sich einzuschleimen. Dabei führt diese ganze Anbiederei zu nix.
Ich bin der festen Überzeugung, dass die Ki/Ju recht schnell raus haben, ob man ihnen ehrlich gegenübertritt. Und auch für die eigene Psyche finde ichs ganz heilsam zu wissen, dass ich so bin, wie ich bin. Das entstresst. Ich habe immer gedacht, dass ich ja sicherlich noch irgendwo versteckte Ressourcen hätte – nö, ich habe das anzubieten, was ich mitbringe und zeige, der Rest ist purer Zufall.
Du bist wahrscheinlich nicht mal halb so unkoordiniert, wie du das darstellst. In „meiner“ Schule wird auch konsequent in jeder Stunde mindestens einer rausgeschmissen. An einer anderen Schule ist der Trainingsraum das Mittel der Wahl. Nirgendwo läuft der Laden wirklich rund, darum heißt er Förderschule. Du hattest bestimmt einfach nur einen extrem beschissenen Anfang, beruflich wie privat, und musst jetzt zusehen, wie du klarkommst. Ich glaube nicht, dass das übermäßig stark an deiner Person liegt, auch wenn das auf dich so wirkt. Toll, dass du trotzdem noch einzelne Schüler siehst und nicht nur eine Masse roter Flaggen. Vielleicht hilft es dir ja, wenn du dich darauf besinnst, weswegen du an einer FS gelandet bist? Auf deine eigenen Ansprüche? Deine Ziele?
Und gleichzeitig abends auch noch auf dein eigenes Leben, damit du abschalten kannst? Keine Zeitverschwendung, sondern einen notwendigen Ausgleich?
Es gibt immer blöde Phasen und noch blödere Phasen, aber auch die gehen irgendwann vorbei und man lernt dazu und kann stolz darauf sein, den ersten richtigen(?) Gegenwind überstanden zu haben :smile:.
 

Benutzer103901 

Öfters im Forum
Hallo, ich habe einige Jahre mit Menschen in besonderen Lebenslagen gearbeitet, bin auch selber Pädagoge (aber unterrichte nicht). Ich kann die drohende Burn-Out Gefahr gut nachempfinden.
Es tut mir sehr leid für Dich, dass Du im Moment in einer solchen Phase steckst.
Wenn Du merkst, dass Du bereits auf Reserve läufst, dann ist es definitiv Zeit zum Handeln. Man sieht Dir die Überforderung teilweise an bzw. kann sie mit etwas Feingefühl auch wahrnehmen, Du läufst Gefahr dass Dir die Klasse komplett aus der Hand läuft, sobald diese das Gefühl der Oberhand gewinnt. Es ist keine Schande, nicht mit jedem einzelnen Menschen auf der Welt gut auszukommen, das gilt insbesondere auch für Lehrer.
Wenn das Kernproblem sich an einem besonders unangenehmen Schüler festmachen läßt, würde ich Dir dringenst raten, hier eine Lösung zu finden. Wenn aus Deiner Sicht der Schüler für den Klassenverbund nicht mehr tragbar ist, gibt es sicherlich auch Wege, ihn in eine andere Klasse zu befördern bzw. ihn von der Klassengemeinschaft so zu isolieren, dass Du mit der Klasse wieder eine Einheit bilden kannst, zu der er nicht dazu gehört. Das mag ein wenig brutal klingen, aber im Zweifelsfalle ist Deine psychische Gesundheit und Deine Kraft als Pädagogin wertvoller als sich auf einen kräfteraubenden Wettstreit um Dominanz und Macht einzulassen. Das ist es nicht wert. Das Wichtigste, das Du als Lehrerin zu geben hast, ist Deine Persönlichkeit in Reinform, gelassen, humorvoll, zielstrebig - lass dir das von niemandem kapputt machen !
 
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