AMA AMA - Ich bin ADHS'ler

Mausezahn
Benutzer127708  Sehr bekannt hier
  • #1
Hallo an alle zusammen!

Seit ein paar Tagen habe ich eine gesicherte Diagnose, dass ich ADHS habe. Bereits seit etwa 1,5 Jahren habe ich mich intensiv mit mir selbst beschäftigt, da ich gemerkt habe, dass psychisch mit mir vieles nicht stimmt und ich sehr intensiv darauf reagiere. Hohe Verletzlichkeit, depressive Phasen und ein starker immerwährender Kampf mit mir selbst haben dazu geführt, dass ich in Psychotherapie gegangen bin.
In dieser hatte ich jedoch immer das Gefühl, dass die Hilfe, die sehr gut war, nur mich oberflächlich angekratzt hat.
Ich habe dann in der SZ einen Artikel über ADHS bei Erwachsenen gesehen (ADHS - Das Monster in mir), welcher mir in sehr vielen Punkten deutlich gemacht hat, dass viele meiner Verhaltensweisen (teilweise seit der Kindheit) auch andere Menschen kennen und nicht einfach nur "Faulheit" oder "soziale Inkompetenz" sind.
Ich fange nächste Woche eine Medikation an, ich hoffe, dass mir diese hilft.

Meine Mutter weiß noch nichts davon, da sie aufgrund eigener Forschung ein großer Gegner von Medikation bei ADHS ist. Wie ich das, bei unserem eher schlechten Verhältnis anbringe weiß ich noch nicht, allerdings ist es mein Leben und so wie am Ende konnte ich nicht weitermachen.

Ich denke, dass so ein AMA vielleicht manchen weiterhilft, die sich dafür interessieren, auch in Kombination mit meiner Hochbegabung.

Ich freue mich über eure Fragen, wenn Ihr Lust habt! Ihr dürft natürlich gerne alle Fragen stellen, bitte keine falsche Scheu. :whoot:

Grüße,
euer Mäuschen
 
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Nani3004
Benutzer150315  (28) Verbringt hier viel Zeit
  • #2
Ich habe auch ADHS, aber schon in der Kindheit diagnostiziert. Zum Thema Medikation, meine Mutter hat es sich sicherlich damals nicht leicht gemacht, denn die Nebenwirkungen sind einfach auch nicht außer acht zu lassen! Aber im Endeffekt, ist es das selbe, wie wenn man einem Kind eine Brille gibt, weil es nichts sieht. So der Vergleich, der natürlich etwas hinkt. Aber ich wäre ohne Medikation heute nicht da, wo ich jetzt stehe. Ggf. hätte ich mich vilt schon umgebracht, denn die Selbstmordgedanken als Kind haben letzt endlich zur Medikation geführt.

Mich würde dein Werdegang bezüglich Schule und Ausbildung interessieren :smile:
 
wild_rose
Benutzer164330  Beiträge füllen Bücher
  • #3
Kannst du schon einschätzen, was das jetzt für dich/ deinen Alltag/ deine Zukunft bedeutet?
Hast du konkrete Pläne die du jetzt angehen willst bei denen du dich vorher vielleicht nicht getraut hättest weil "zu faul" oder "zu Inkompetent"?
 
wild_rose
Benutzer164330  Beiträge füllen Bücher
  • #4
Oh, und wie hängt ADHS mit hoher Verletzlichkeit zusammen?
 
LiseLise
Benutzer151729  Sehr bekannt hier
  • #5
Ich falle einfach mal mit der Tür ins Haus - spannender Thread :smile:

Ich fange nächste Woche eine Medikation an, ich hoffe, dass mir diese hilft.
Wird deine Therapie nur aus Mediaktion bestehen? Bzw. aus welchen anderen Bestandteilen besteht diese? Und: Welches Präperat ist denn gerade angedacht?
 
Dreizehn
Benutzer20579  (38) Planet-Liebe ist Startseite
  • #6
Bei meinem Mann wurde dieses Jahr die Diagnose ADS gestellt und es hat unser Leben sehr zum Positiven geändert. Wenn du da Austauschbedarf zum Thema Medikamente hast, gerne. :smile: Ich bin gerade etwas in Eile, kann dazu aber auch noch ausführlicher schreiben.
 
andione
Benutzer86866  Verbringt hier viel Zeit
  • #7
Ich habe AD(H)S seit Kindheit und nehme jetzt seit fast 10 Jahren Medikamente gegen ADHS. Ich muss jetzt die Medikamente nehmen, weil ich sonst evtl. Führausweis abgeben muss.
 
Mausezahn
Benutzer127708  Sehr bekannt hier
  • Themenstarter
  • #8
Mich würde dein Werdegang bezüglich Schule und Ausbildung interessieren :smile:
Ich konnte schon mit vier Jahren lesen und schreiben, habe nach ein paar Wochen in der ersten Klasse diese dann übersprungen.
Im Gymnasium hatte ich massive Probleme mit Mobbing, weshalb ich die Schule gewechselt habe, wieder mich neu einleben musste und dort aber dann glücklich war. In diesem Zuge musste ich auch eine Klasse wiederholen, um verschiedene Zweige und Sprachen aufzuholen.
Spätestens in der Oberstufe kam dann aber mein bis heute bestehendes Problem durch: Lernen geht nicht, ich kann nicht anfangen und es ist immer ein Kampf mit mir selbst. Das ist deshalb so schlimm, weil ich nur mit durchlesen oder aus dem Unterrichtswissen immer durchschnittliche Noten hatte, ob wohl viel mehr Potential da wäre. Meine Mutter war eig meine ganze Schulzeit enttäuscht, weil ich immer „faul“ war und mich „nie auf den Hintern gesetzt“ habe, weshalb es immer deutlich schlechtere Noten waren, als eigentlich möglich. Ich hatte damals auch wenig Lust auf Lernen und war deshalb damit ganz okay, das Abitur war durchschnittlich.
Der Knackpunkt war jetzt meine erste Ausbildung, in welcher ich eigentlich sehr motiviert bin und gerne lernen würde, aber immer wie ein gegenpoliger Magnet abgestoßen werde, was wahnsinnig viele Selbstzweifel und -vorwürfe produziert hat.

Kannst du schon einschätzen, was das jetzt für dich/ deinen Alltag/ deine Zukunft bedeutet?
Hast du konkrete Pläne die du jetzt angehen willst bei denen du dich vorher vielleicht nicht getraut hättest weil "zu faul" oder "zu Inkompetent"?
Nein, tatsächlich nicht, Richtwert für die Medikation ist, wenn man es schafft seinen Tag zu strukturieren und Aufgaben wie geplant zu erledigen. Das wäre schon eine unfassbare Erleichterung, nicht alles auf den letzten Drücker machen zu müssen und einfach mal mit sich zufrieden sein.
Dieses nicht trauen kenne ich so nicht, da ich ja bisher immer alles geschafft habe, nur eben unter meinen Möglichkeiten. Im Moment ist da eher die Hoffnung, dass die Denkweise „Kann ich das schaffen, wenn ich nie Lernen kann“ oder „Ich schaffe das eh nicht, weil mir die Struktur fehlt“ endlich verschwindet und ich mir nicht permanent der Angst, etwas nicht zu schaffen und zu Versagen stellen muss.

Oh, und wie hängt ADHS mit hoher Verletzlichkeit zusammen?
Das Phänomen nennt sich “RSD - Rejection Sensitive Dysphoria“. Es ist eine Komobidität, die sich in einer extremen emotionalen Empfindlichkeit gegenüber Kritik oder Zurückweisung zeigt. Einhergehend damit ist auch ein emotionales Leiden, weil man dadurch immer kämpfen muss.
Vereinfacht gesagt habe Ich vor Kritik massive Angst, weil ich immer das Gefühl habe, die Person könnte mich dadurch persönlich abwerten bzw. Abstand zu mir nehmen, weil sie mich für zu dumm hält oder mich nicht mehr mag. Das äußert sich schon in kleinsten Fragen: Einfach meine beste Freundin fragen, ob ich ihr Auto nehmen kann, da ich zu einem Termin nach München muss und aufgrund Maske und zeitlicher Gründe nicht die Bahn nehmen will, ist für mich eine riesige Überwindung. Ich hätte immer Angst, dass sie mir das nicht glaubt, sagt das seien nur vorgeschobene Gründe, ich lüge sie an und dadurch zB die Freundschaft kündigt.
Diese Verletzlichkeit ist dann eben, dass mich kleinste Kritikanbringungen völlig aus der Bahn werfen und ich einen kompletten Abend nur heulend im Bett liege weil ich mich für die ganze Welt zu dumm halte, mich ja eh alle für zu blöd halten würden und ich der letzte Volldepp dieser Welt wäre.

Wird deine Therapie nur aus Mediaktion bestehen? Bzw. aus welchen anderen Bestandteilen besteht diese? Und: Welches Präperat ist denn gerade angedacht?
Im ersten Moment ja, für die Folgeerkrankungen (bei mir eine depressive und Angststörung) habe ich ja bereits meinen Psychotherapeuten der mir sehr hilft.
Die Medikation ist im Moment mit einem Dexamphetamin angedacht. Dieses ist ein Prodrug, es beginnt etwa eine Stunde nach Einnahme zu wirken und hätte für 11-14 Stunden an. Anders als Ritelin oder Medikinet, also Methylphenidat, gibt es hier keine Wirkungskurve und man muss es nicht mehrmals am Tag nehmen. Die beiden letzteren sollten auch immer zur selben Zeit genommen werden, meines ist relativ flexibel einsetzbar.
Das Präparat nennt sich „Elvanse“, beginnend mit 30mg könnte man die Tagesdosis über 50mg auf bis zu 70mg steigern.
 
andione
Benutzer86866  Verbringt hier viel Zeit
  • #9
Das Präparat nennt sich „Elvanse“, beginnend mit 30mg könnte man die Tagesdosis über 50mg auf bis zu 70mg steigern.
Ich habe mit 3x 10mg Ritalin begonnen, dann auf 30mg Ritalin LA gewechselt und vor 7 Jahren auf 20mg Ritalin LA gewechselt. Etwas Ritalin wirkt beim mir Positive und beeinflusst meine Persönlichkeit nicht. Ich habe keine Wirkungskurve mit Ritalin LA!
 
Zuletzt bearbeitet:
N
Benutzer113006  Team-Alumni
  • #10
Mir erzählte mal jemand, dass er als Erwachsener keine Medikamente bekommt und er das laufen lässt. Kann man mit Medikamenten gute Erfolge erzielen? Bekommst du auch Medikamente wegen der Depression und den Ängsten?
 
Mausezahn
Benutzer127708  Sehr bekannt hier
  • Themenstarter
  • #11
Mir erzählte mal jemand, dass er als Erwachsener keine Medikamente bekommt und er das laufen lässt. Kann man mit Medikamenten gute Erfolge erzielen? Bekommst du auch Medikamente wegen der Depression und den Ängsten?
Wenn er das so laufen lassen kann, ist das sicher gut so, das ist für mich aber keine Option mehr. Immer der Kampf mit sich selbst und die Wut auf mich und andere, das hält man irgendwann nicht mehr aus. Ist wie ein brodelnder Vulkan, man steht morgens auf, hat bestimmte Dinge zu tun, weiß schon dass man sie nicht dchafft und ist sauer auf sich, kann soe dann nicht erledigen und liegt abends im Bett, wo man sich dann richtig hasst weil es einfach wieder zu erwarten war, dass nichts klappt.
Das hat bei mir die letzten Jahre so extrem zugenommen, dass fast jeder Tag so verläuft. Man will nicht schlafen gehen, weil man am nächsten Tag sowieso wieder mit sich selbst Stress hat.
Mit den Medikamenten soll der Tagesablauf gut zu bewältigen und man über die Eirkdauer symptomfrei. Ich hoffe wirklich, dass das so klappt und wünsche es mir sehr.

Ich habe ja keine richtigen Depressionen, sondern nur eine depressive Störung. Das ist so ungefähr das Anfangsstadium, manchmal ist man mehr depressiv, manchmal gibts komplett depressivfreie Phasen. Medikamente habe ich dafür nicht, das war bis jetzt auch noch nicht notwendig, die Therapie tut sehr gut.
 
Nani3004
Benutzer150315  (28) Verbringt hier viel Zeit
  • #12
Mir erzählte mal jemand, dass er als Erwachsener keine Medikamente bekommt und er das laufen lässt. Kann man mit Medikamenten gute Erfolge erzielen? Bekommst du auch Medikamente wegen der Depression und den Ängsten?
Ich nehme heute keine Medikation mehr, aber ich habe es Jahre lang während der Schulzeit, ich habe gelernt, wie ich mich strukturieren muss und dass ich mich strukturieren muss, dass ein Plan aufgeht. Viel ist einfach auch Lernsachen und Gewöhnung. Aber ich habe oft genug noch Phasen, wo das nicht klappt, aber für Studium und Ausbildung weiß ich wie ich mich strukturieren muss.
Stichpunkt ist auch hier, wie bei vielen „normalos“ das Lernen lernen.
 
Erste Medikationserfolge
Mausezahn
Benutzer127708  Sehr bekannt hier
  • Themenstarter
  • #13
Mir erzählte mal jemand, dass er als Erwachsener keine Medikamente bekommt und er das laufen lässt. Kann man mit Medikamenten gute Erfolge erzielen?

Hallo!

Ich habe jetzt die Medikation seit etwa sechs Wochen; ich bin überrascht, was diese für eine Wirkung zeigen.

Ich fühle mich wie ein neuer Mensch, aber nicht charakterlich, sondern emotional: Neue Lebensfreude, neue Motivation, Offenheit, kein Hass und innerliches Brennen und Kochen mehr.
„Erfolge“ im Lernsinne ist noch teilweise mühsam, weil ich aber auch noch nie Struktur hatte.
Letztes Mal habe ich das Medikament erst eher abends genommen, weil ich nachts arbeiten musste. Der Tag davor, bei meiner Mutter, alles was ich gemacht habe war die Hölle, ich bin mehrmals wütend geworden, stand kurz davor zu eskalieren, hatte so viel Hass; ich kommte das auch nicht stoppen. Zum Glück hatte ich noch ein bisschen Restbewusstsein für mein Vorgehen, dass ich mehrmals den Raum verlassen habe um mich runterzubringen. Hat wsl die komplette Eskalation verhindert, schön war es nicht.
Direkt zu Hause habe ich meine Dosis genommen, die Nacht war super.
Das finde ich erstaunlich und ich möchte es nicht mehr missen, wie viel positives man dadurch gewinnt.
Nur mit Hass durchs Leben zu gehen ist so viel schrecklicher nochmal, wenn man weiß, wie es anders ist.

Kannst du schon einschätzen, was das jetzt für dich/ deinen Alltag/ deine Zukunft bedeutet?
Hast du konkrete Pläne die du jetzt angehen willst bei denen du dich vorher vielleicht nicht getraut hättest weil "zu faul" oder "zu Inkompetent"?
Ich habe mich jetzt wirklich für einen Studiengang entschieden und bin damit sehr glücklich.
Ich vermute, dass ich jetzt freier und nach meinem Gefühl gehen kann, was mir gut tut und welchen Weg ich gehen will. Und das vor allem ohne Angst, sondern frei und ohne Angst vor den Reaktionen der anderen.
 
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