AmA - Ich bin Ärztin (und selber chronisch krank)

ProximaCentauri
Benutzer32843  (36) Sehr bekannt hier
  • #1
So, mir ist langweilig. AmA.
Ich arbeite als Ärztin, habe einen Morbus Crohn (und ein paar andere chronische Gesundheitsprobleme). Vielleicht gibt's auch noch andere spannende Dinge?
Logischerweise: keine medizinische Auskunft bezogen auf konkrete Fälle, ich bin nicht eure Ärztin. :smile: Aber wenn ich Zeit habe, nehme ich mir dafür suspekte Seiten aus dem Internet vor, falls jemand Wünsche äussert (analog Impf-/Coronathread).

Edit:
Habe den Disclaimer vergessen. Natürlich sind die Fälle, die ich teilweise schildere, nicht 1:1 so passiert, ich verändere dabei Teile der Geschichte, so, dass die Patienten nicht identifizierbar sind.

Ausserdem: Gerne dürfen auch andere Dinge gefragt werden, es muss nichts medizinisches sein, ich sage schon, wenn ich eine Frage nicht beantworten möchte.
 
Zuletzt bearbeitet:
LouisKL
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  • #2
Habt ihr im Studium auch Medizingeschichte durchgemacht? Ich lese gerade ein Buch darüber und bin teilweise fasziniert und tief erschrocken, wie wenig die Menschen noch im 17. oder 18. oder 19. Jahrhundert wussten, beziehungsweise wie spät gewisse Dinge erst entdeckt wurden, sei es der Blutkreislauf oder die exakte Position bestimmter Organe. Oder die grundsätzliche Idee, dass man von Symptomen auf Krankheiten schließen kann...
 
ProximaCentauri
Benutzer32843  (36) Sehr bekannt hier
  • Themenstarter
  • #3
Habt ihr im Studium auch Medizingeschichte durchgemacht? Ich lese gerade ein Buch darüber und bin teilweise fasziniert und tief erschrocken, wie wenig die Menschen noch im 17. oder 18. oder 19. Jahrhundert wussten, beziehungsweise wie spät gewisse Dinge erst entdeckt wurden, sei es der Blutkreislauf oder die exakte Position bestimmter Organe. Oder die grundsätzliche Idee, dass man von Symptomen auf Krankheiten schließen kann...
Leider viel zu wenig. Wir hatten häufig am Anfang einer Vorlesung einen Kurzabriss von 2 Minuten darüber, wer was entdeckt hat, aber das war mehr eine Auflistung von Namen und Jahrzahlen als wirklich in die Tiefe zu gehen. Ich glaube eine "richtige" Medizinhistorische Vorlesung hatten wir nie. Kann aber sein, dass das an anderen Unis anders ist.
Ich hole das nun auch interessehalber selber etwas nach, weil es eben (wie du schon sagst) extrem spannend ist, wie viel wir nun wissen, wie schnell das alles entdeckt wurde, und wie denn gewisse Erfindungen/Entdeckungen überhaupt vonstatten gegangen sind. Es ist ja auch heutzutage noch ganz vieles völlig unklar, und die Entwicklung ist teilweise rasant. Als ich mit dem Studium fertig war, war nach wie vor die Meinung, dass z.B. Hepatitis C nicht heilbar ist und es kaum vernünftige Therapiemöglichkeiten gibt - mittlerweile ist es eine Tablettenkur von 12 Wochen mit einer Erfolgschance von nahe an 100%.
 
axis mundi
Benutzer172636  Planet-Liebe-Team
Moderator
  • #4
Hast du vieles optimiert, um mit deiner Erkrankung gut umzugehen/Symptome zu lindern, etc.?
 
Lotusknospe
Benutzer91095  Team-Alumni
  • #5
  • Welche Patienten gehen dir am meisten auf den Keks?
  • Was hast du im Laufe deiner Berufsjahre über Menschen gelernt, das du vorher noch nicht wusstest?
  • Fühlst du dich angemessen entlohnt für deine Arbeit?
  • Was ist deiner Meinung nach die größte Lüge aus Grey's Anatomy/Emergency Room & Co.?
  • Was ist dein größter Wunsch für dich als Ärztin, a.) auf einem persönlichen/beruflichen Level für dich/dein Leben/deine Karriere, b.) für den Beruf/den medizinischen Bereich insgesamt.
 
froschteich
Benutzer164451  (36) Beiträge füllen Bücher
  • #6
Hast du viele Ärzte von der Patientenseite kennengelernt? Was war denn so dein Eindruck vom durchschnittlichen Arzt und der Qualität? Findest du es als Ärztin selbst einfach herauszufinden welcher Arzt gut und welcher eher schlecht ist?
 
girl_next_door
Benutzer96776  Beiträge füllen Bücher
  • #7
Ein neuer "ama" thread und dann auch noch mit spannendem Thema, da bin ich doch gleich dabei 😍
Schonmal danke dafür liebe ProximaCentauri ProximaCentauri

Dann leg ich mal los...

Was sagst du zum Thema Dr. Google? Richtet diese Vorgehensweise tatsächlich so viel Schaden an wie oftmals propagiert wird?

Wie oft kommt es so ungefähr durchschnittlich vor, dass ihr keine Erklärung für die Leiden eines Patienten finden könnt und er ohne fundierte Diagnose wieder entlassen wird?

Was war das kurioseste/ witzigste/ einprägsamste Erlebnis in deinem Alltag als Ärztin?

Wie sieht dein Alltagsleben aus? Nimmst du deinen Beruf mit nach Hause und wirst oft von Freunden und Bekannten zu ihren Wehwechen befragt? Bleibt neben dem (nehme ich mal an) stressigen Alltag überhaupt noch Freizeit?

Welches Verhalten deiner Patienten bringt dich am schnellsten zur Weißglut?
 
ProximaCentauri
Benutzer32843  (36) Sehr bekannt hier
  • Themenstarter
  • #8
Hast du vieles optimiert, um mit deiner Erkrankung gut umzugehen/Symptome zu lindern, etc.?
Naja... ja. Kacke ist es ehrlicherweise immer noch, aber kann man halt nicht ändern.
- Ich nehme ziemlich viele ziemlich starke Medikamente. Sonst geht's nicht.
- Ich habe quasi alle meine früheren Ärzte gefeuert und nun ein tolles Team, inklusive Psychotherapie, Ernährungsberatung, Physio, Training, etc.
- Ich habe in meinem Freundes- und Familienkreis aufgeräumt (auch dank der Therapie) - alle, die mir nicht gut getan haben, sind nun ziemlich weg. Keine Energie für solche Dinge.
- Ziemlich viel an mir gearbeitet mit der Therapie, auch was Krankheitsverarbeitung, Coping-Strategien etc. angeht. Stressreduktionskurse, Yoga, Meditation. Finde ich alles super für die Krankheitsbewältigung, man darf sich halt nicht der Illusion ergeben, dass das die Krankheit an sich heilt, das geht nämlich nicht.

Bin mir nicht so ganz sicher, ob ich das erfasst habe, was du fragen wolltest. Geht das in die richtige Richtung?

  • Welche Patienten gehen dir am meisten auf den Keks?
  • Was hast du im Laufe deiner Berufsjahre über Menschen gelernt, das du vorher noch nicht wusstest?
  • Fühlst du dich angemessen entlohnt für deine Arbeit?
  • Was ist deiner Meinung nach die größte Lüge aus Grey's Anatomy/Emergency Room & Co.?
  • Was ist dein größter Wunsch für dich als Ärztin, a.) auf einem persönlichen/beruflichen Level für dich/dein Leben/deine Karriere, b.) für den Beruf/den medizinischen Bereich insgesamt.
- Mit dem Crohn: Die ganzen Reizdarmpatienten. Ja, tut mir Leid hast du Blähungen, aber wenigstens versucht dein Körper nicht, deinen Darm zu töten. Fällt mir manchmal wirklich schwer, mich da abzugrenzen, und ich überlasse diese Patienten gerne Arbeitskollegen, wenn das geht. Psychosomatiker mag ich sonst ganz gerne, aber häufig hat man leider im Arbeitsalltag nicht die nötige Zeit und Ressourcen um eine gute Behandlung zu gewährleisten, dann ist es sehr frustrierend.

- Oh, das ist eine gute Frage. Im Endeffekt wohl: wir sind doch grösstenteils ziemlich ähnlich (überall auf der Welt), und - leider - es gibt wesentlich mehr Arschlöcher als man meint (aber dafür auch ganz wundervolle Leute). Und: Am Ende des Lebens spielt für die Meisten das Materielle keine Rolle, es sind die Verbindungen, die man im Leben gehabt hat, die wichtig sind.

- Das was ich mit meinem Lohn alles anstellen kann ist sicher gut und erlaubt ein komfortables Leben, muss ich zugeben. ABER im Vergleich zu vielen anderen Berufen (denke gerade z.B. an die IT, oder auch einfach an die ganze Krankenhausadministration): Nein, auf keinen Fall. Wir arbeiten Schicht, mit wesentlich mehr Verantwortung und psychischer Belastung als in vielen anderen Berufen, mit wesentlich längerer (auch noch postgradualer) Weiterbildung, massiv längeren und anstrengenderen Arbeitszeiten. Eine massiv höhere Bezahlung wäre durchaus angemessen für Krankenhausärzte, und je nach Fachrichtung auch in der Praxis (da gibt es dann durchaus ein paar Disziplinen, die ordentlich Geld scheffeln, was wohl nicht gerechtfertigt ist).

- Grey's Anatomy unterschlägt einfach sämtliche anderen Arztberufe (ausser wohl mal einen Dermatologen) ausser Chirurgen. Ausserdem sind halt die ganzen Serien immer auf Drama pur getrimmt, in echt ist es (glücklicherweise) doch wesentlich langweiliger.

-
a) für mich... ich hätte ja eigentlich gerne Familie und Kinder, aber das krank sein macht das Datingleben nicht unbedingt einfacher, und so häufig wie ich seit der Diagnose Schübe hatte, kann es auch einfach sein, dass das mit dem Schwanger werden gar nicht klappen würde. Bin also nicht sicher ob das geht. Daher: schöne, tiefe, enge Momente mit lieben Menschen erleben. Dabei so glücklich sein, dass das Atmen schwer wird :herz: Die Details davon ändern sich halt immer wieder.
Berufsbezogen: ich will noch einige Jahre weiter Weiterbildung machen, und hoffe dann, dass ich eine Stelle mit Forschung und Lehre an der Uni finde. Da die Patientenversorgung aber das ist, was mich eigentlich am Glücklichsten macht, möchte ich das im Vordergrund halten. Einen Professorentitel wäre zwar toll für mein Ego, aber realistischerweise ist das nicht das, was mich tatsächlich glücklich macht.
b) mehr Möglichkeit zur patientenzentrierten Medizin. Mehr Zeit für Gespräche, um herauszufinden, was wirklich das Problem ist, wie man den Leuten tatsächlich helfen kann, welche Therapien tatsächlich gewünscht sind. Im Moment kriegen wir Geld für Dinge die wir tun (also Operationen, Untersuchungen, etc.) und in die Diagnoseliste schreiben können - das ist aber nicht unbedingt das, was die Menschen gesünder macht.
 
ProximaCentauri
Benutzer32843  (36) Sehr bekannt hier
  • Themenstarter
  • #10
Hast du viele Ärzte von der Patientenseite kennengelernt? Was war denn so dein Eindruck vom durchschnittlichen Arzt und der Qualität? Findest du es als Ärztin selbst einfach herauszufinden welcher Arzt gut und welcher eher schlecht ist?
Ja, leider. Ehrlicherweise habe ich so das Gefühl, dass etwa die Hälfte nicht wirklich brauchbar waren. Ich muss ehrlicherweise auch dazu sagen, dass ich eine ziemlich atypische Präsentation meiner Erkrankung habe, und so die meisten "Standardtherapien" nicht so gut funktionieren. Das macht es gerade den eher unerfahrenen Ärzten häufig schwierig.
Ich finde eigentlich, dass es nicht so schwierig ist, einen "guten" Arzt zu erkennen - hört er/sie zu? Das ist das Wichtigste. Es ist eigentlich recht egal wie viel "Fachwissen" man hat, oder welche tollen Diplome an der Wand hängen - das Wichtigste ist, dass sich die Ärztin Zeit nimmt, die Anliegen auch einfach tatsächlich mal anzuhören und aufzunehmen. Wenn ich das Gefühl habe, dass das tatsächlich gehört + verstanden wurde, bin ich bisher nie falsch gelegen damit, dass auch was Gutes dabei herausgekommen ist.
Ist natürlich so, dass das z.B. bei Knieoperationen o.ä. vielleicht anders wäre, da würde ich den Chirurgen nehmen, der wohl am meisten Knie pro Jahr operiert (und die Orthopädenkollegen um Empfehlungen bitten), aber das ist dann doch sehr spezialisiert.

Dazu muss ich natürlich auch sagen: wir haben schlicht nicht immer die Zeit um gut zuzuhören. Wenn mir das Sekretariat alle 15min einen Patienten einträgt, oder ich auf der Notfallstationen 4 Ambulanzen gleichzeitig empfange, dann bleibt das auf der Strecke.

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Schonmal danke dafür liebe ProximaCentauri ProximaCentauri

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Was sagst du zum Thema Dr. Google? Richtet diese Vorgehensweise tatsächlich so viel Schaden an wie oftmals propagiert wird?

Wie oft kommt es so ungefähr durchschnittlich vor, dass ihr keine Erklärung für die Leiden eines Patienten finden könnt und er ohne fundierte Diagnose wieder entlassen wird?

Was war das kurioseste/ witzigste/ einprägsamste Erlebnis in deinem Alltag als Ärztin?

Wie sieht dein Alltagsleben aus? Nimmst du deinen Beruf mit nach Hause und wirst oft von Freunden und Bekannten zu ihren Wehwechen befragt? Bleibt neben dem (nehme ich mal an) stressigen Alltag überhaupt noch Freizeit?

Welches Verhalten deiner Patienten bringt dich am schnellsten zur Weißglut?

- Dr. Google: Hängt etwas von den Details ab. Bei chronischen somatischen Erkrankungen ist es sehr von Vorteil, wenn sich der Patient auch selbst weiterbildet und auskennt. Es gibt da mittlerweile für viele Erkrankungen auch sehr tolle Websites, häufig von Patientenorganisationen. Das finde ich toll.
Es kann aber halt durchaus problematisch sein. Einerseits fehlt bei vielen Leuten so eine Grundkompetenz in der Informationsverarbeitung (siehe die ganzen Verschwörungstheoretiker nun bei Corona). Man findet bei Google extrem viel verlockende Schwurbelei, die dann auch zu sehr schädlichen Behandlungsverzögerungen/-verweigerungen/-alternativen führen können. Die Leute kommen da meistens ja selber drauf sich irgendwelche Kaffee-Einläufe zu machen oder kiloweise Aprikosenkerne zu schlucken. Da ist es gefährlich.
Das andere (aber eher nervige als gefährliche) sind die Hypochonder. Es gibt viele, die haben gefühlt 3 Minuten ein Symptom und googeln das dann den halben Abend und landen dann nachts um 2 auf dem Notfall weil sie nicht mehr schlafen können, da Dr. Google sagt, sie hätten Krebs. Es ist dann extrem schwierig, das den Leuten dann wieder auszureden.

- unerklärte Symptome (komplexes Thema!): Sehr häufig. Gerade auf dem Notfall. Der Körper tut halt manchmal einfach Dinge, die sich manchmal etwas komisch anfühlen oder mal weh tun, ohne dass da etwas gefährliches dahinter steckt. Nicht jedes Symptom deutet auf ein Problem hin. Jeder Fuss juckt ab und zu, jeder hat ab und an einen Furz quer sitzen. Das gehört einfach dazu.
Dann kommen natürlich noch die Leute mit "funktionellen/psychosomatischen/medically unexplained" Symptomen, die sehr einschränkend sein können. Ich finde das ganze Gebiet der Psychosomatik extrem spannend, weil es da mittlerweile auch sehr gute Forschung gibt. Es ist beileibe nicht so, dass wir Leuten quasi "Psychosomatisch" zuschreiben wenn wir nichts finden - es gibt da durchaus einfach Symptomkomplexe, die keine andere Ursache zulassen. Dann kommt man dann häufig ins schwierige Gewässer der Behandlung - viele funktionelle Beschwerden kann man eigentlich sehr, sehr gut therapieren - die Therapie sieht halt nur anders aus, als sich der Patient das vorgestellt hat. Viele kommen zum Arzt und möchten eine "Spritze" für ihr Problem - wenn es dann halt keine gibt, sondern Physiotherapie, Stressreduktion, oder gar eine Psychotherapie (Drama!!!), dann ist es häufig "sie finden keine Ursache". Doch. Es gefällt nur halt die Therapie nicht.

- Kurios: Meistens finden wir irgendwie eine "vernünftige" Ursache, darum ist das Meiste dann im Verlauf der Behandlung gar nicht mehr so kurios (und manchmal ist die Ursache auch einfach, dass Leute wesentlich dümmer sind, als man so meint). Ich denke aber, der Mann, der in einen Mäher gefallen war, und sich seine Skalpierungsverletzung mit einem Hut wieder an den Kopf gepappt hat, und nur gekommen ist, weil die Frau sich über das verblutete Wohnzimmer aufgeregt hat.

- Witzig: Der junge Herr, der mit der ganzen Entourage von etwa 15 Familienmitgliedern auf den Notfall kam (Prä-Corona), weil er einen blauen Hoden hatte. Er hatte aber tatsächlich einfach einen Pickel (ca. 1mm) am Oberschenkel. Es kam dazu, dass die ganzen (männlichen) Familienmitglieder die Hosen runtergelassen hatten, um zu schauen, ob das bei ihnen auch so aussieht, nachdem der blaue Hoden dann doch nicht mehr gefunden werden konnte.

- Einprägsam: Eine Karmaheilerin, die ihre Mutter elendiglich verrecken lassen wollte weil sie aufgrund Demenz/Schlaganfall das neue Testament nicht mehr unterschreiben konnte. Ich denke immer noch manchmal an die alte Dame, und bin froh, dass sie mit unserer Hilfe dann doch einigermassen gut sterben durfte.

- Alltag/nach Hause nehmen: ich habe mittlerweile viele medizinisch tätige Freunde, da sprechen wir schon ab und zu auch über den Job, halt weil es teilweise doch sehr belastend ist, und das eine gute Variante der Verarbeitung darstellt. Aber ich kann eigentlich gut nach Hause gehen und etwas anderes tun, und hänge nicht immer in Gedanken bei der Arbeit. Wenn ich das tue, ist das dann häufig ein Zeichen, dass ich ein paar freie Tage brauche, weil zu wenig Down-Time zum erholen.
Man wird aber in der Tat häufig für Wehwehchen angefragt. Gerade war es auch etwas schwierig für mich, weil meine Mitbewohnerin ziemlich krank war, und es dann 24/7 nur ums krank sein ging - da bin ich an meine Grenzen gekommen und sehe mich nun nach einer anderen Wohnlösung um, weil das auf Dauer schlicht nicht geht.
Freizeit habe ich schon, im aktuellen Job sind die Überstunden recht überschaubar (trotzdem 50h-Woche geplant). Aufgrund meiner Erkrankung bleibt aber häufig nicht soo viel Energie über um auch was zu tun, darum habe ich fast nur häusliche Hobbies.

- Patienten, die wütend machen: Die Arschlöcher (sorry). Intoxikierte/delirante/psychisch erkrankte Patienten sind zwar manchmal sehr nervig, aber da kann ich mich soweit abgrenzen, weil die ja in dem Moment schlicht nichts dafür können. Ich habe aber sehr Mühe mit den zurechnungsfähigen Patienten mit Charakterschwäche, also die, die z.B. aggressiv werden wenn sie bei nem umgeknickten Zehennagel nicht Vorrang vor der Reanimation bekommen, denn immerhin sind sie das Center of the Universe. Erstaunlich viele davon sind auch rassistisch/sexistisch und sonstwie einfach charakterlich furchtbar.
 
WomanInTheMirror
Benutzer123832  (28) Beiträge füllen Bücher
  • #11
Stimmt es, dass man als Chirurg psychopathische Züge haben muss, um den Job machen zu können?
 
ProximaCentauri
Benutzer32843  (36) Sehr bekannt hier
  • Themenstarter
  • #12
Stimmt es, dass man als Chirurg psychopathische Züge haben muss, um den Job machen zu können?
So pauschal gesehen sicher nicht.
Bei den Chirurgen braucht man für den Facharzt aber primär Operationszeit. Die muss einem jemand ermöglichen (also Chefs/Oberärzte), und man muss die Zeit dafür haben (also z.B. sich Zeit freischaufeln wenn man anders eingeteilt ist). D.h. man muss sich in einem gewissen Masse Liebkind machen, und hat daher weniger Möglichkeiten, sich z.B. gegen Arbeitszeitverstösse oder schlechtes Arbeitsklima zu wehren wenn man auf seine Operationen kommen möchte. Zudem gibt es (auch historisch gesehen) da immer noch sehr das Bild vom heroischen Einzelkämpfer, der 12 Stunden lang ums Leben seines Patienten kämpft und dabei nicht auf die eigenen Bedürfnisse (Klo, Essen, Trinken...) Rücksicht nimmt.
Es ist also schon so, dass ein Beruf in den chirurgischen Disziplinen häufig einen anderen Typus Mensch anzieht, und da auch solche mit ausgeprägtem Ellbogenverhalten durchaus Vorteile haben. Leider.
 
Dreizehn
Benutzer20579  (39) Planet-Liebe ist Startseite
  • #13
Vielleicht eine blöde Frage, aber sie kam mir als erstes in den Sinn: Empfindest du die Art, wie die Medizin gelehrt oder ausgeführt wird und die Medikation von Patienten als sexistisch oder rassistisch?

Mir fallen da viele Dinge zu ein, bei denen ich das Gefühl habe, Medizin ist häufig eher auf 'weiße Männer' zugeschnitten. Das kann das klassische Beispiel des Herzinfarkts sein, der bei Frauen anders ist. Oder Beispiele aus Amerika, dass Dunkelhäutige anders/ schlechter behandelt werden, weil man ihre Symptome weniger Ernst nimmt, ihnen mehr Hang zum Drama usw. unterstellt.

Und zum Thema Geschlecht habe ich das im letzten Jahr so wahrgenommen - da wurde bei meiner Mutter ein fragile X assoziiertes Ataxie- und Tremorsyndrom diagnostiziert und jede Beschreibung der Krankheit im Netz befasste sich mit Männern - d.h., ausführlichste Beschreibungen der Symptome über Seiten, dahinter der Satz 'bei Frauen oft anders oder schwach ausgeprägt' - und man denkt sich, 'Prima, danke.' 😑

Gleiches dann eben auch teilweise bei der Medikation - bei den ADHS-Medikamenten meines Mannes steht z.B. drin, man solle sie nur nach besonderer ärztlicher Abklärung nehmen, wenn man im gebärfähigen Alter ist, schwanger sein oder werden könnte, stillt usw. - ich habe den genauen Wortlaut nicht im Kopf, aber man bekommt das Gefühl, Frau zu sein ist per se Gegenanzeige. :zwinker:

Wie nimmst du das Thema wahr?
 
Dreizehn
Benutzer20579  (39) Planet-Liebe ist Startseite
  • #14
Oh und noch eine: Gehst so als chronisch kranke Ärztin so mit dir und deiner Krankheit um, wie du es dir selbst raten würdest? Oder wärest du als Ärztin strenger / weniger streng zu dir?
 
ProximaCentauri
Benutzer32843  (36) Sehr bekannt hier
  • Themenstarter
  • #15
Vielleicht eine blöde Frage, aber sie kam mir als erstes in den Sinn: Empfindest du die Art, wie die Medizin gelehrt oder ausgeführt wird und die Medikation von Patienten als sexistisch oder rassistisch?

Mir fallen da viele Dinge zu ein, bei denen ich das Gefühl habe, Medizin ist häufig eher auf 'weiße Männer' zugeschnitten. Das kann das klassische Beispiel des Herzinfarkts sein, der bei Frauen anders ist. Oder Beispiele aus Amerika, dass Dunkelhäutige anders/ schlechter behandelt werden, weil man ihre Symptome weniger Ernst nimmt, ihnen mehr Hang zum Drama usw. unterstellt.

Und zum Thema Geschlecht habe ich das im letzten Jahr so wahrgenommen - da wurde bei meiner Mutter ein fragile X assoziiertes Ataxie- und Tremorsyndrom diagnostiziert und jede Beschreibung der Krankheit im Netz befasste sich mit Männern - d.h., ausführlichste Beschreibungen der Symptome über Seiten, dahinter der Satz 'bei Frauen oft anders oder schwach ausgeprägt' - und man denkt sich, 'Prima, danke.' 😑

Gleiches dann eben auch teilweise bei der Medikation - bei den ADHS-Medikamenten meines Mannes steht z.B. drin, man solle sie nur nach besonderer ärztlicher Abklärung nehmen, wenn man im gebärfähigen Alter ist, schwanger sein oder werden könnte, stillt usw. - ich habe den genauen Wortlaut nicht im Kopf, aber man bekommt das Gefühl, Frau zu sein ist per se Gegenanzeige. :zwinker:

Wie nimmst du das Thema wahr?

Oh und noch eine: Gehst so als chronisch kranke Ärztin so mit dir und deiner Krankheit um, wie du es dir selbst raten würdest? Oder wärest du als Ärztin strenger / weniger streng zu dir?

Ich kann wohl nicht schlafen... :grin:

Die Sache mit dem Sexismus und Rassismus in der Medizin ist (mal wieder) komplex.
Einerseits gibt es durchaus biologische Unterschiede, z.B. X-linked genetische Erkrankungen treten bei XX-Personen allermeistens deutlich abgeschwächt auf (wenn überhaupt), weil es noch ein gesundes X-Chromosom hat. Da ist der Unterschied tatsächlich biologisch bedingt und macht auch irgendwo Sinn.
Wir sehen auch z.B. bei tamilischstämmigen Personen deutlich frühere und schlimmere Herzinfärkte, sie bekommen auch relativ häufig noch in höherem Alter Typ I-Diabetes, was sonst eher ungewöhnlich ist. Das scheint auch eine genetische Komponente aufgrund der Herkunft dabei zu haben.

Dann - und dazu gibt es auch sehr viele Studien - geht es tatsächlich auch einfach um Rassismus und Sexismus. Einerseits bedingt der Rassismus (gerade in den USA) schon per se eine schlechtere Gesundheitsversorgung, weil "schwarze" Gebiete unterversorgt sind, und dann kommt dann auch noch der "individuelle" Rassismus beim persönlichen Kontakt mit dem Gesundheitssystem hinzu. Ist beim Sexismus teilweise etwas ähnlich - Frauen mit Bauchschmerzen landen häufig erst einmal auf der Gynäkologie, obwohl sie alle anderen Bauchorgane, die auch Bauchschmerzen machen können, ebenso haben. D.h. dass Frauen bei Nicht-Gynäkologischen Ursachen des Bauchschmerzes häufig später diagnostiziert werden als Männer (das ist quasi auch etwas strukturell, da die Gyn häufig "ausgelagert" ist und komplett separat läuft in den Krankenhäusern).
Dann gibt es auch genügend Studien über Voreingenommenheit - Frauen haben ein viel höheres Risiko, dass ihre Beschwerden quasi als "Hysterie" (heutzutage eher eben "psychosomatisch" oder "Stress" etc.) abgetan werden, gerade bei eher unspezifischen Symptomen. Und weil historisch gesehen die meisten Erkrankungen eher bei Männern als bei Frauen beschrieben wurden, sind die "klassischen" Präsentationen häufig die "männlichen" Präsentationen, und das eher etwas unspezifische oder seltenere wird dann nicht erkannt.
In meinem Alltag erlebe ich es eigentlich, dass meine Arbeitskolleg:innen und ich versuchen, uns dessen bewusst zu sein. Ich lasse bei fast allen Patienten ein EKG schreiben, um eben eine "unspezifische" Präsentation eines Herzinfarktes nicht zu übersehen - aber das lässt sich natürlich nicht bei allen Erkrankungen so einfach machen. Ich denke aber, dass es schon vernünftig ist, sich darüber Gedanken zu machen, und sich auch selbst zu hinterfragen, wenn man eben Zuschreibungen bemerkt.

Ich muss ehrlicherweise zugeben, dass wir halt häufig auch die Diagnose "sterbender Schwan" haben bei (v.A. Männern) aus bestimmten Kulturkreisen, wo viel, viel Drama herrscht und am Schluss nichts dabei herauskommt. Da merke ich dann schon, dass es schwierig ist mit den Vorurteilen, weil sich diese halt häufig dann bestätigen (subjektive Wahrnehmung!). Wenn sich jemand wegen einer Schnittwunde im kleinen Finger mit der Ambulanz einliefern lässt und dann beim Nähen (unter genügend Betäubung) trotzdem den ganzen Notfall zusammenschreit, ist es manchmal durchaus schwierig, das nicht einfach sehr lustig zu finden. Aber ich denke, wenn man sich immer wieder hinterfragt, und auch im Team diskutiert, was der Eindruck ist, dann kommt man da schon weiter. Und eben, auf dem Notfall alles gefährliche ausschliessen.

Noch zu den Medikamenten: Da ist das häufig wieder a) historisch und b) studientechnisch bedingt. Sehr lange hat man Frauen aus Studien quasi ausgeschlossen "wegen den Hormonen". Insbesondere Frauen im gebärfähigen Alter, auch weil sich da niemand in die Nesseln setzen wollte mit Fehlbildungen etc. Daher sind ganz, ganz viele Medikamente in solchen Situationen schlicht nicht getestet, so dass Frauen häufiger Nebenwirkungen entwickeln als Männer, weil die Dosis halt häufig auf einen Durchschnittsmann festgelegt wurde, mit ganz anderer Gewichts- und Fettverteilung als bei Durchschnittsfrauen (und erst reicht bei nicht durchschnittlichen Personen). Das ändert sich langsam, mittlerweile versucht man eigentlich in Studien vernünftige Geschlechterverhältnisse reinzubringen, aber bis wir da die gleichen Infos haben, wird es noch sehr, sehr lange dauern. Und nachdem Packungsbeilagen halt primär juristische und nicht medizinische Dokumente sind, steht da vorsichtshalber überall drin, dass man das nicht einnehmen soll wenn möglicherweise schwanger. Es gibt da das tolle Projekt ("Embryotox"), wo Fallberichte von Medikamenteneinnahmen bei Schwangeren/Stillenden gesammelt werden, um so mehr Daten für Entscheidungen zu generieren. Falls jemand während Schwangerschaft/Stillzeit Medikamente genommen hat, sind die jeweils dankbare Abnehmer für weitere Fallberichte.


Und noch zur letzten Frage:
Nein, ich bin definitiv unvernünftiger, als ich es meinen Patienten empfehlen würde. Nicht, was Medikamenteneinnahmen etc. angeht, das mache ich so, wie ich es sollte... aber ich kämpfe mich doch häufig mit mehr Symptomen durchs Leben als ich eigentlich müsste. Hat auch damit zu tun, dass ich erst sehr, sehr spät diagnostiziert wurde - ich bins mir einfach gewöhnt, dass immer etwas ist. Deswegen habe ich auch mittlerweile eine sehr gute Hausärztin, die ich einfach fix alle paar Wochen sehe - sie schreibt mich dann auch mal krank, wenn es sein muss, oder schimpft mit mir. Ich merke selbst, dass ich nicht Termine vereinbare wenn ich mehr symptomatisch bin (ausser es ist wirklich ganz fürchterlich), sondern... ich warte ab. Darum trickse ich mich selbst aus und sehe meine Ärzte einfach regelmässig, damit ich nicht allzu lange unbehandelt herumsitze. Da würde ich auch mit jedem meiner Patienten schimpfen, weil das halt einfach dämlich ist. :grin:
 
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ProximaCentauri
Benutzer32843  (36) Sehr bekannt hier
  • Themenstarter
  • #17
Einmal "was wäre wenn":
Wenn du mit dem Wissen deiner chronischen Krankheit noch mal studieren würdest - würde es dich in deinem Schwerpunkt beeinflussen? Z.B. dass dich dann Gastroenterologie besonders interessieren würde? Oder vielleicht auch dass du dann - im beruflichen Kontext - lieber komplett nen Bogen drum machen würdest?
Ich wurde quasi in meinem ersten Arbeitsjahr diagnostiziert. Nachdem ich Innere Medizin mache würde mir die Gastroenterologie noch weit offen stehen, und ich habe es mir auch lange überlegt. Aber: ich will mich nicht selbst behandeln. Ich habe das am Anfang etwas versucht, und es war so stressig (und siehe oben, ich bin unvernünftig), dass das einfach eine dumme Idee ist. Man muss auch etwas Verantwortung abgeben können, und mal jemanden anderes machen lassen. (Ich bin immer noch wesentlich involvierter und meinungsstärker als andere Patienten, aber man gibt sich ja Mühe...)

Ich habe einfach unverhältnismässig viel Spass daran a) den ganzen Menschen zu behandeln, und b) wenn Menschen richtig, richtig krank sind, darum wird das wohl nichts in diese Richtung.
 
ProximaCentauri
Benutzer32843  (36) Sehr bekannt hier
  • Themenstarter
  • #20
Hast du schon mal jemanden (mehr oder weniger schwerwiegend) fehldiagnostiziert?
Wieso hast du dich damals für ein Medizinstudium entschieden?
Ja, sicher. Gerade auf der Notfallstation bleibt das nicht aus. Ich habe pro Schicht meistens so um die 10 Patienten, d.h. etwas weniger als eine Stunde pro Patient Zeit für Gespräch, Untersuchung, Organisation von anderen Untersuchungen/Labors, Resultatbesprechung, Briefe schreiben. Da geht es vor Allem darum, erst einmal das Schlimme auszuschliessen, und dann eine provisorische Diagnose festzulegen. Die sehr kranken Patienten werden meist ja stationär aufgenommen, und da ist es häufig der Fall, dass sich an der Diagnose auf dem Notfall noch Dinge ändern. Eine Fehldiagnose ist ja nicht gleichzusetzen mit Inkompetenz oder einem Fehler - man hat halt am Anfang häufig nicht alle Infos, oder ist schlicht zu früh dran, um die Krankheit im Vollbild zu sehen. Das kommt daher ziemlich regelmässig vor.

Ich habe zuerst Naturwissenschaften studiert, weil ich eigentlich recht introvertiert bin und mir nach dem Gymnasium nicht vorstellen konnte "was mit Leuten" zu arbeiten. Dann habe ich während des Studiums die Freude an den medizinnahen Fächern entdeckt, und auch gelernt, meine Introvertiertheit besser zu managen (und noch etwas fertig pubertiert, vermutlich), so dass ich mich dann entschieden habe, ein Zweitstudium in Angriff zu nehmen. Beste Entscheidung.

Macht es für dich einen Unterschied, wenn du weißt, dass dein Patient auch Arzt ist?
Hast du, als Patient, schon mal "verschwiegen", dass du Ärztin bist? Falls ja, hattest du den Eindruck, dass du dann anders behandelt wurdest (nicht unbedingt aus streng medizinischer Sicht gesehen)?
Ja. Man kann sich dann viele Erklärungen etc. sparen, die man bei Laien halt zwingend machen muss. Die meisten Medizinier mögen es auch eher wenn man "Klartext" mit ihnen redet. Hatte vor einiger Zeit eine Patientin mit einem sehr aggressiven Tumor, die Ärztin war, und sie wollte immer alle Befunde vorgelesen haben - auch wenn das für sie manchmal schwer zu verdauen war, wenn es wieder Progress gab. Sie war da auch immer sehr klar, hatte eine gute, klare Patientenverfügung, und hat im Verlauf - so weit ich weiss, ich habe sie dann nicht mehr weiter betreut - auch Sterbehilfe in Anspruch genommen, als es für sie nicht mehr erträglich war. Ich finde es eigentlich recht angenehm, Berufskollegen als Patienten zu haben. Man kann dann einfach sehr klar, und offen diskutieren, weil diese schwierigen Fragen kein Neuland für die Leute sind. Sonst sind gerade notfallmässige Entscheidungen (z.B. bei lebensgefährlicher Erkrankung/Verletzung von engen Angehörigen) extrem schwierig für Laien.

Nein, als Patientin habe ich das noch nie verschwiegen, steht auch in meiner Akte - und man merkt es recht schnell so anhand der Sprache, weil ich mich im Fachgebiet halt anders Ausdrücke als ein Laie. Auf Reisen o.ä. habe ich es schon verschwiegen, weil ich keinen Bock hatte dann die Hämorrhoidengeschichten von jedem Mitreisenden zu hören. Und ja, man wird anders behandelt (s.o.), was mir durchaus entgegen kommt, auch wenn es manchmal auch Nachteile hat - bei meiner letzten Behandlung sind quasi einige Termine vom System falsch geplant worden, weil der Ablauf dann eben nicht so standardisiert war, was nun ein kleines Problem darstellt.
 
ProximaCentauri
Benutzer32843  (36) Sehr bekannt hier
  • Themenstarter
  • #22
Wie stehst du zum Thema "weiße Erotik"? Soll's geben, dein Ding oder geht gar nicht?
Ich finde die Hilfsmittel/Techniken/Geräte spannend im BDSM-Kontext, aber das "Fake Krankenschwester/geile Ärztin"-Ding ist nicht so meins - was natürlich auch dran liegen kann, dass das meist absolut fürchterlich geschauspielert ist.
 
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ProximaCentauri
Benutzer32843  (36) Sehr bekannt hier
  • Themenstarter
  • #26
Zunächst einmal DANKE für Deine Offenheit.
Da ich zur selben Zunft gehöre, würde es mich interessieren, wie Du mit dem Mißverhältnis des medizinisch Machbaren im Gegensatz zum medizinisch Sinnvollen umgehst.
Denn je länger ich diesen Beruf ausübe (35 J. ) , desto weniger kann ich damit umgehen, dass ein Großteil unserer Tätigkeit monetären Aspekten und Zielen folgt und patientenorientierte, bedarfsgerechte Therapie häufig immer weiter in den Hintergrund tritt.
Das mit dem machbaren vs. sinnvollen - ich bin da schon froh, dass ich in der Schweiz arbeite, wo z.B. Suizidbeihilfe und passive Sterbehilfe möglich sind. Wir sind da auch sehr, sehr grosszügig mit Therapieabbrüchen/Verzicht auf Therapieeinleitung. Ich habe ein paar Kolleg:innen, die vorher in D oder A tätig waren, und sich das nun nicht mehr vorstellen können, weil man dort noch sehr häufig zu mehr "verpflichtet" ist, als sinnvoll ist. Darüber bin ich sehr froh.
Bezüglich den monetären Aspekten - ja, finde ich ganz fürchterlich. Ich halte es meistens so, dass ich mich a) so wenig darum kümmere wie ich kann, und b) den Leuten auch einfach offen kommuniziere wenn was aus nicht-medizinischen Gründen gemacht werden muss. Also wenn ich z.B. ein Rezept mitgeben muss und die Leute so extra noch zur Apotheke müssen, obwohl wir das Medikament ja im Krankenhaus grundsätzlich haben, erkläre ich einfach, dass es gesetzlich nicht gewünscht ist, dass wir Medikamente abgeben. Oder wenn man eigentlich sinnvolle Untersuchungen dann nicht während dem Krankenhausaufenthalt (Fallpauschale!) machen lässt, sondern auf ambulant verschiebt, erkläre ich das den Patienten auch, warum das so ist. Und ich bin da auch einfach ehrlich, und sage, dass ich das fürchterlich finde.

Ich glaube jede Berufsgruppe bekommt die Krise, wenn ihr Beruf von Menschen geschauspielert wird, die davon keine Ahnung haben, sei es in Film und Fernsehen oder eben in Rollenspielen. :zwinker:

Ich finde es aber spannend, dass du den Geräten noch eine gewisse Erotik abgewinnen kannst; meistens empfindet man ja das alltägliche des Jobs als komplett unerotisch.
Ja, da hast du vermutlich recht! :grin:
Ich finde nicht die Geräte an und für sich erotisch, das wäre tatsächlich irgendwie seltsam. Ich sehe nur quasi die Möglichkeiten, die sich da einem bieten, und die finde ich spannend. Sind ja im Endeffekt einfach Werkzeuge, was ich damit mache kann ganz unterschiedlich sein (und wir zweckentfremden auch auf der Arbeit immer mal wieder Dinge, da ist ein bisschen Kreativität auch nützlich).

Mich würde interessieren, wie alt du bist.
Welches Fach hast du?
Was ist eine provisorische Diagnose?
Warum sind Fehldiagnosen normal bzw. was verstehst du unter Fehldiagnose?
Was ist das Studium „Naturwissenschaften“?
Ich bin irgendwo Mitte 30 und mache gerade eine Weiterbildung für klinische Notfallmedizin, komme eher so aus der internistischen Ecke.

Provisorische Diagnose: man muss ja mal irgend von etwas ausgehen, wenn man einen Patienten behandeln möchte. D.h. wir haben immer Arbeitsdiagnosen. Also z.B. kommt jemand und ist die Treppe runter gefallen, nun tut der Fuss weh und sieht komisch aus. Also ist meine provisorische Diagnose erst einmal "mechanischer Sturz" und "Vd. auf Fussfraktur", schon bevor ich den Patienten gesehen habe - damit kann ich schon mal ein Röntgenbild vom Fuss anmelden, und vielleicht ein kleines Labor abnehmen lassen.
Dann gehe ich den Patienten anschauen, dabei stellt sich heraus, dass zwar der Fuss weh tut, aber der Patient gar nicht auf der Treppe gestürzt ist, sondern noch davor sich komisch gefühlt hat, und ohnmächtig geworden ist, und darum gestürzt ist.
Also ändert sich die Arbeitsdiagnose teilweise wieder, nämlich "Bewusstseinsverlust unklarer Ursache". Also muss man gucken, warum das so ist, macht dann Untersuchungen, vielleicht ein Bild vom Kopf (weil wenn man ohnmächtig wird, ditscht man sich häufig auch den Kopf irgendwo an). Das ist dann vielleicht unauffällig, aber dafür ist das EKG komisch und im Labor lassen sich erhöhte Herzwerte nachweisen (die man nach der Änderung der Diagnose nachbestellt hat), so dass sich die Diagnose wieder ändert zu "Herzinfarkt". Etc.pp.
Davon wird häufig ein Teil auf dem Notfall gemacht, ein Teil dann aber auch erst stationär oder wieder ambulant beim Hausarzt - je nach Präsentation.

Fehldiagnose: Für mich primär einfach einmal eine Diagnose, die sich nachträglich als falsch herausstellt. Wie ich oben nun geschildert habe, ist das nicht unbedingt ein Fehler, sondern in vielen Fällen auch einfach ein Teil eines Arbeitsprozesses. Problematisch wird es dann, wenn eine gefährliche Erkrankung nicht oder zu spät erkannt wird, oder der Patient eine unnütze oder gar schädliche Therapie erhält. Wir arbeiten aber halt immer mit gewissen Wahrscheinlichkeiten, gerade auf dem Notfall, wo die Leute ohne vorherige Abklärungen ankommen, häufig mit inkompletten Informationen, und häufig auch noch in sehr frühen Stadien einer Erkrankung. Wir sehen recht häufig z.B. Patienten nach Chemotherapie mit akuter Immunschwäche, die Fieber bekommen. Da nimmt man dann Kulturen von allen Körperflüssigkeiten, guckt klinisch, ob man irgend einen Verdacht hat, wo die Infektion sitzt, und behandelt dann einfach mal auf Verdacht hin mit einem Antibiotikum, auch bevor man die Resultate hat - wenn man wartet, ist der Mensch mit Infekt ohne Immunsystem nämlich tot. Es kommt aber immer mal wieder vor, dass wir z.B. einen Harnwegsinfekt behandeln, sich dann aber nach 2 Tagen herausstellt, dass der Patient eigentlich eine Lungenentzündung hatte. Das ist dann also nicht zwingend ein "Fehler" im Sinne von "wir haben etwas falsch gemacht", sondern einfach bedingt durch die Umstände.
Natürlich gibt es auch einfach mal inkompetente Ärzte, die tatsächlich komplett falsche Diagnosen stellen, oder etwas ist einfach unglücklich gelaufen. Man muss sich da auch immer vor Augen halten, dass sehr, sehr viele Leute einfach nicht wirklich schlau Auskunft geben können über ihre Erkrankung/was genau passiert ist etc. (manchmal wirds auch nicht gut kommuniziert, das ist auch so). Da bin ich dann immer vorsichtig, wenn mir ein Patient erzählt, dass er eine Fehldiagnose erhalten hat - wenn man dann in den Berichten nachschaut, sind da häufig keine Fehler passiert.

Naturwissenschaften: Das Studium so gibt es natürlich nicht, ich habe vor dem Medizinstudium einen naturwissenschaftlichen Studiengang abgeschlossen, die Details dazu erachte ich aber nicht so für besonders wichtig.
 
ProximaCentauri
Benutzer32843  (36) Sehr bekannt hier
  • Themenstarter
  • #28
Wie gehst du damit um, wenn ein "informierter Patient" vor dir sitzt? Willkommen oder lästig?
Homöopathie - sinnvoll oder nur Zusatzeinkommen?
Das hängt davon ab ob informiert oder "informiert". Ich bin sehr dankbar, wenn die komplexen chronisch kranken Patienten informiert sind. Ich kann bei meinem Job in der kurzen Zeit, die ich zur Verfügung habe, nicht die ganze Krankengeschichte rekapitulieren, ich kenne den Patienten nicht, etc.pp. Da ist es sehr hilfreich, wenn jemand gut informiert ist, und potentiell halt sehr gefährlich bei den "ich nehme eine weisse Pille"-Patienten, die leider keine Ahnung haben.
Die "informierten" Patienten sind dann häufig schwierig, weil sie halt leider keine Ahnung haben, aber das mit sehr viel Vehemenz. Je nach Grad der Verbohrtheit versuche ich da mit mehr oder weniger Effort etwas in eine gute Richtung zu lenken, aber realistischerweise habe ich zu wenig Zeit dafür. Macht es dann manchmal sehr schwierig.

Homöopathie ist eine Erfolgsgeschichte was Marketing für absoluten Müll angeht. Nützen tut es leider gar nichts - wir wären tatsächlich sehr froh, Medikamente ohne Nebenwirkungen im Angebot zu haben. Es macht mich immer wütend, wie viele Leute mit absolutem Unsinn extrem viel Geld verdienen, und dann quasi dem Gesundheitspersonal unterstellen, wir wären geldgierig. Wenn ich für jeden Vorwurf, ich sei von der Pharma gekauft, auch nur 1 Cent bekommen hätte, hätte ich damit schon mehr Geld verdient, als ich je von der Pharma bekommen habe. Die ganze Alternativmedizinbranche ist eine riesengrosse Geldmaschine - man muss da aber dazu sagen, dass es vernünftigere Ansätze gibt, und solche, die eben völliger Quark sind, wie die Homöopathie.
 
ProximaCentauri
Benutzer32843  (36) Sehr bekannt hier
  • Themenstarter
  • #30
Problem mit dem "informiert" sein ist halt, dass wenn man dies als Arzt nicht ernst nimmt, man immer weniger als glaubhafte Person zurück gedrängt wird und schlussendlich die Compliance darunter leidet.
Andererseits, ich bin selber Chroniker im DMP und sehe meinen Doc alle 3 Monate für ~5 Min. Wenn man da nicht selber "informiert" ist über neue Insuline, Pumpen, Technik etc hat man eigentlich verloren. Jedoch merke ich, wenn ich etwas mache, was nicht der T1d Leitlinie entspricht, dann gibt es sehr viel Gegenwind weil es dann "schwierig" für den Doc wird. Und sowas nervt, da entziehe ich mich mittlerweile der Diskussion und mach mein Ding.

Noch eine Frage hätte ich: wie kann man man als Laie IGEL Leistungen bewerten? Gerade in der Vorsorge bei Frauen lässt man doch ein paar Euros für ein "gutes Gefühl" liegen.
Ja, das ist immer etwas ein Abwägen. Ich bin sehr froh, wenn die chronisch kranken Patienten eben selbst informiert sind, gerade bei Diabetes etc. ist das extrem wichtig - einen Diabetiker, der sich nicht kümmert und informiert wird einfach immer schlechter eingestellt sein, weil die Einstellung halt im Alltag erfolgt und nicht bei Arztterminen. Man muss dazu auch sagen, dass viele der Guidelines etc. halt einfach zwar hübsch sind, aber dann im Alltag nicht immer viel taugen. Die Meisten sind auch so ein "was der Patient tun sollte, wenn er der ideale Patient wäre" - sind wir nur alle nicht. Man muss da auch gut mit dem Patienten diskutieren können, schauen können was wichtig ist, und dann Wege finden, das zu ermöglichen. Z.B. möchten meine Ärzte eher nicht, dass ich in fremde Länder reise, weil "könnte einen Schub auslösen" - ich bin jung, ich habe eine unheilbare Erkrankung, und ich bin nicht bereit, den Rest meines Lebens zu Hause zu sitzen und so wenig wie möglich zu tun. Da bin ich bereit, einen Schub in Kauf zu nehmen - d.h. mein Team muss mit mir zusammen schauen, wie man die Therapie bestmöglich an das anpasst, was ich im Leben machen möchte. Es sollte nicht darum gehen, dass man sein Leben (allzu sehr) an die Therapie anpassen muss, gerade bei unheilbaren Erkrankungen (bei kurzzeitigen Erkrankungen ist das ganz etwas anderes).
Das Problem ist halt, dass das schlicht nicht bezahlt wird. Ich denke, dein Doc würde dich auch lieber länger als 5Min alle 3 Monate sehen, weil man so realistischerweise keine gute Medizin machen kann. Das sind dann halt die Zwänge, die einem durch das profitorientierte Gesundheitswesen und die Krankenversicherungen aufgedrängt werden, und die den Patienten, dem Gesundheitspersonal und damit auch der ganzen Bevölkerung schaden. Glaub' mir, wir hätten das auch gerne ganz anders.

Mit den IGEL-Leistungen kenne ich mich zu wenig aus, da ich nicht in D arbeite, und wir auf dem Notfall eh keine Zeit für solche Dinge haben. Es gibt aber für Vorsorgeuntersuchungen z.B. auch Guidelines, wo gerade für Brustkrebsvorsorge oder beim Mann Prostatakrebsvorsorge ausführlich Risiken/Nutzen diskutiert werden. Man muss auch dazu sagen, dass die Empfehlungen da ab und an etwas schwanken, und gerade in den beiden Gebieten nicht so klar sind.
 
ProximaCentauri
Benutzer32843  (36) Sehr bekannt hier
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  • #32
Glaub ich gern... Eben daher habe ich auch schon Orthopäden die Anamnese privat bezahlt anstatt über die Versicherung. Das war mir ein ausführlicher Befund wert.

da muss man sich aber selber kümmern, denn der Arzt wird lieber eine IGEL verkaufen. Und dann hast wieder den informierten Patienten anstatt dem Schaf.

Wie kann man denn als Laie einen GUTEN Arzt erkennen? Bewertungsportale sind ja sehr oft geschönt und Meinungen von anderen sind Subjektiv. Und die Ausbildung kann lange, lange, lange her sein.
Wie gesagt, bezüglich der IGEL-Leistungen kenne ich mich nicht aus, da es das (wohl zum Glück) bei uns nicht gibt.

Wie ich meine guten Ärzte gefunden habe: Persönliche Empfehlung von Freunden/Ärzten, und andere habe ich so lange gewechselt, bis ich wen Gutes hatte (und bei manchen suche ich noch...). Für mich ist das Wichtigste, dass die Ärztin mir zuhört und das Problem versteht. Eine meiner Ärztinnen hat mal, als ich sehr lange über Fatigue/dass ich nicht arbeiten kann weil ich kaum aufstehen kann... zugehört, ist nicht drauf eingegangen, und hat dann nach meiner Stuhlgangsfrequenz gefragt, und dann geschlossen, dass ja alles in Ordnung sei, und ich "in Remission" bin. Zum Glück ist eigentlich ihr Chef mein Behandler, der hat dann das Veto eingelegt.
Also: Zuhören, Problem verstehen. Alles andere kommt dann damit. Und ja, man muss sich halt wohl auch bewusst sein, dass viele von den Ärzten zwar gut wären, aber einfach aufgrund dieser Restriktionen der Abrechnungssysteme etc. nicht gute Arbeit leisten können - falls man politisch aktiv ist, wäre das ein gutes Feld der Betätigung...
 
ProximaCentauri
Benutzer32843  (36) Sehr bekannt hier
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  • #34
Was meinst du mit "eher aus der intrinsischen Ecke". Hast du einen Facharzt gemacht oder bist du Allgemeinmedizinerin?

Aber wenn du aus der intrinischen Ecke kommst, hab ich ja gleich eine Expertin an der Hand. Ich diskutiere aktuell die Indikation von Betablockern bei T2DM. Sprechen Studien eher für Nebivolol oder für Metoprolol?
Ich nehme aus deinen Posts irgendwie einen aggressiven/stark kritischen Unterton wahr. Täuscht das?

Internistisch, nicht intrinsisch. Wie du davon genau auf Allgemeinmedizin kommst weiss ich nicht. Den FA gibts hier nämlich nicht.

Und genau solche Fragen sind der Grund, warum ich nun lieber Notfallmedizin mache, der Kram interessiert mich einfach zu wenig. Studien findest du sicher selber.
 
G
Benutzer Gast
  • #35
Aber wenn du aus der intrinischen Ecke kommst, hab ich ja gleich eine Expertin an der Hand. Ich diskutiere aktuell die Indikation von Betablockern bei T2DM. Sprechen Studien eher für Nebivolol oder für Metoprolol?
Off-Topic:
Bin zwar nicht gefragt... Aber ich würd erst mal mit einem basalen Magnesiumpräparat hochdosiert als natürlichen Calciumkanalblocker versuchen und den NO Spiegel im Blut mit den Aminos Arginin und Citrullin heben und dann mal schauen obs tatsächlich noch was braucht. Ansonsten halt mal langfristig die Ursache angehen und die in den Griff bekommen.
Tatsächlich finden sich kaum Studien zu der Wirkung dieser Stoffe, denn das finanziert eben kein Pharmahersteller.
 
G
Benutzer Gast
  • #36
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ProximaCentauri
Benutzer32843  (36) Sehr bekannt hier
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  • #37
Gäbe es einen Grund, einen kritischen Unterton anzunehmen?

Da habe ich wohl das Autocorrect übersehen. Ich meinte internistisch. Als Arzt arbeitet man ja nicht in irgendeinem Eck. Man hat eine FA-Ausbildung oder ist Allgemeinmediziner.

In der Notfallmedizin werden keine pharmakologischen Therapien angewandt?
Das frage ich mich auch, dieser Post wirkt schon wieder so.

Allgemeinmedizin ist im Übrigen auch ein Facharzt. Und doch, bei uns ist es möglich in der Weiterbildung zB diverse Fachgebiete mitzunehmen, ich habe Freunde, die vor dem Internisten lange Chirurgie gemacht haben, oder andere spannende Kombis. Gerade Notfallmedizin ist eine interdisziplinäre Weiterbildung (wie zB die Intensiv hier auch) und kann von verschiedenen Fachrichtungen her angegangen werden. Und ich komme eben aus der Inneren.

Und klar, wir machen auch medikamentöse Therapien (was ist das denn für eine Frage?), haben auf der Notfallstation selbst meistens nur Metoprolol verfügbar. Das reicht für die Erstversorgung von allem Wichtigen auch mal aus. Für langfristige Therapien oder Therapieumstellungen sind dann andere zuständig.

Und ein solches Internetforum ist halt jetzt nicht unbedingt der richtige Ort um irgendwelche Therapien zu diskutieren.
 
froschteich
Benutzer164451  (36) Beiträge füllen Bücher
  • #39
Ich bin ja selber schon seit über 20 Jahren mittlerweile chronisch krank (auch im Gastro-Bereich, was Ähnliches wie du) und ich muss regelmäßig im Krankenhaus liegen und Eingriffe vornehmen lassen. Das passt alles und wird auch fast immer vom gleichen Arzt ausgeführt aber ich hab dann immer wieder Probleme mit den Stationsärzten. Ich kenn mich bei meiner Erkrankung sehr gut aus und ich bin in Anbetracht wie lange ich diese Krankheit schon habe in einem sehr sehr guten Zustand. Trotzdem muss ich bei den Stationsärzten immer wegen meiner Therapie rumstreiten, vor allem wollen sie mir stets das Essen verweigern und ordnen Nulldiät an (aber auch andere Sachen). Es gibt welche, die mich kennen und mir vertrauen aber es gibt immer wieder neue Ärzte, die auf meine Meinung null Wert legen. Ich begründe es mit meiner jahrzehntelangen Erfahrung, damit dass es Studien gibt die was Anderes sagen, mit den Kollegen, die es befürworten, aber es hilft alles nix. Gibts da irgendwie einen Trick, wie man mit solchen Ärzten reden kann? Außer dass man die Patientenverfügung einfordert oder es heimlich macht?
 
ProximaCentauri
Benutzer32843  (36) Sehr bekannt hier
  • Themenstarter
  • #40
Ich bin ja selber schon seit über 20 Jahren mittlerweile chronisch krank (auch im Gastro-Bereich, was Ähnliches wie du) und ich muss regelmäßig im Krankenhaus liegen und Eingriffe vornehmen lassen. Das passt alles und wird auch fast immer vom gleichen Arzt ausgeführt aber ich hab dann immer wieder Probleme mit den Stationsärzten. Ich kenn mich bei meiner Erkrankung sehr gut aus und ich bin in Anbetracht wie lange ich diese Krankheit schon habe in einem sehr sehr guten Zustand. Trotzdem muss ich bei den Stationsärzten immer wegen meiner Therapie rumstreiten, vor allem wollen sie mir stets das Essen verweigern und ordnen Nulldiät an (aber auch andere Sachen). Es gibt welche, die mich kennen und mir vertrauen aber es gibt immer wieder neue Ärzte, die auf meine Meinung null Wert legen. Ich begründe es mit meiner jahrzehntelangen Erfahrung, damit dass es Studien gibt die was Anderes sagen, mit den Kollegen, die es befürworten, aber es hilft alles nix. Gibts da irgendwie einen Trick, wie man mit solchen Ärzten reden kann? Außer dass man die Patientenverfügung einfordert oder es heimlich macht?
Ich glaube, das ist ein häufiges Problem von "Profi-Patienten" mit "Anfänger-Ärzten", die die Deppenarbeit auf Station verrichten müssen - man hat selbst extrem viel Ahnung von der Erkrankung, und häufig hat man da dann auch wesentlich mehr Ahnung als der Arzt, gerade was "praktische" Dinge angeht. Wir lernen ja meistens wie man eine Erkrankung z.B. diagnostiziert, welche Medikamente man verschreibt und so, aber... das ganze alltägliche, das mindestens ebenso wichtig ist, davon ist häufig nicht die Rede. Gerade von Ernährung haben die meisten Ärzte ehrlicherweise kaum eine Ahnung - ich bin da immer froh, haben wir eine top Ernährungsberatung im Haus.

Wenn du meistens den gleichen behandelnden Arzt hast, wäre es wohl am einfachsten, wenn er die Ernährung/Therapie einfach weiter verordnen würde - realistischerweise sind die Stationsärzte ja nicht die, die dich kennen und die Ahnung haben. Wenn du das mit ihm ausmachen kannst, dass er das festlegt (oder dir halt mal einen Zettel unterschreibt wo alles drauf steht), dann wäre das am einfachsten. Wir haben ein paar hochkomplexe, chronische Patienten, die haben immer einen Ordner mitgebracht, wo eigentlich alles nötige zusammengefasst war, das war jeweils sehr hilfreich.
Zweite Idee wäre - wenns v.A. um Ernährung geht: bist du bei der Ernährungsberatung in deinem KH angebunden? Dann könntest du auch einfach die bitten, die Ernährung post-interventionell zu managen, dann haben die Stationsärzte auch nichts damit zu schaffen.

Im Endeffekt ist es aber so: wenn der Arzt halt deppert ist, und nicht auf dich hört (dummerweise), dann kann man eher wenig machen, weil die halt leider zu arrogant und inkompetent sind um überhaupt andere (nicht höhergestellte) Meinungen wahrzunehmen.
Dann hilft: Eskalieren. Oberarzt/Klinikleitung o.ä. anfordern. Oder: einfach Essen bestellen. Du bist nicht im Gefängnis, als urteilsfähige Patientin hat der Arzt (oder auch die Pflege) schlicht nicht das Recht dazu, dir Essen zu verweigern.

Patientenverfügung wird in dem Rahmen wohl nichts nützen, weil du ja wach und kognitiv da bist, das sind nicht die Situationen, in denen die relevant wären.
 
S
Benutzer168991  (40) Verbringt hier viel Zeit
  • #41
Was hältst du von Dr. House?
 
T
Benutzer145807  Meistens hier zu finden
  • #43
Trifft der Satz "Wissen vergrößert das Leid" generell auf Ärzte zu?
 
froschteich
Benutzer164451  (36) Beiträge füllen Bücher
  • #44
Zweite Idee wäre - wenns v.A. um Ernährung geht: bist du bei der Ernährungsberatung in deinem KH angebunden? Dann könntest du auch einfach die bitten, die Ernährung post-interventionell zu managen, dann haben die Stationsärzte auch nichts damit zu schaffen.

Leider arbeitet die Gastro bei uns ja kaum mit der Ernährungsberatung zusammen. Das ist dort leider eher ein Witz :ninja:

Patientenverfügung wird in dem Rahmen wohl nichts nützen, weil du ja wach und kognitiv da bist, das sind nicht die Situationen, in denen die relevant wären

Patientenverfügung nennt man hier in Ö auch alles, wo ein Patient unterschreibt, dass er gegen ärztlichen Rat handeln will. Ich unterschreib das zB immer wenn ich das intravenöse Glukosewasser nicht mehr will - das lässt nämlich kaum ein Arzt zu.

Ich werd aber echt mal schauen, ob das in meiner elektronischen Akte vermerkt werden kann, wie ich mach einem Eingriff behandelt werden will.
 
ProximaCentauri
Benutzer32843  (36) Sehr bekannt hier
  • Themenstarter
  • #45
Was hältst du von Dr. House?
Ich habe mir glaube ich alle Staffeln bis auf die letzte immer beim Bügeln angeschaut, ist sehr unterhaltsam. Er ist aber halt n Arsch, und das ganze "Genies sind halt sozial inkompetent"-Gedingse geht mir fürchterlich auf den Sack. Nein. Es gibt viele extrem schlaue und extrem gute Ärzte (und andere Menschen), die keine Arschlöcher sind. Und leider wird das einfach zu sehr so ausgespielt und schlägt sich dann auch irgendwo in der Klinik nieder, so dass ich das leider nicht mehr so wirklich spassig finde.
Und nachdem sie die Schlafkrankheit für Drama sexuell übertragbar gemacht haben konnte ich den medizinischen Inhalt der Sendung dann leider auch nicht mehr so ernst nehmen.

Habe nicht alles gesehen, aber auch die ersten paar Staffeln. Mochte ich sehr, einfach weil ich da die Dynamiken zwischen den Menschen sehr gut dargestellt fand (so wie ich mich erinnern kann), und auch an und für sich die Fragen/Probleme die man sich so stellt.

Trifft der Satz "Wissen vergrößert das Leid" generell auf Ärzte zu?
Ich denke eigentlich nicht (hoffe, ich verstehe den Spruch richtig). Jeder hat mal so im 2.-3. Studienjahr eine hypochondrische Phase, wo man sich einbildet man stirbt, aber das geht im Allgemeinen vorüber. Ich denke auch, dass jede medizinische Fachperson so ein, zwei Horrorerkrankungen hat, vor denen man sich extrem fürchtet.
Aber: bei mir war es so, dass sobald ich auf die Patienten "losgelassen" wurde... ich habe gemerkt, dass es eigentlich ganz schön viel braucht, bevor man stirbt (ausser man hat sehr viel Pech und etwas geht sehr schief). Wir behandeln an der Uni manchmal Leute mit Organtransplantation, 3x Krebs, Autoimmunerkrankung, Leberversagen, Nierenversagen und einer schlechten Herzfunktion gleichzeitig, und die Leute sind erstaunlich schwer tot zu kriegen. Da lernt man dann irgendwann, dass krank sein halt nicht heisst, dass man gleich tot umfällt.
Dass krank sein aber heisst, dass man trotzdem ein tolles Leben haben kann, das habe ich dann erst selber gelernt - wir sehen im Krankenhaus ja meistens vom Leben selbst nicht allzu viel.

Leider arbeitet die Gastro bei uns ja kaum mit der Ernährungsberatung zusammen. Das ist dort leider eher ein Witz :ninja:



Patientenverfügung nennt man hier in Ö auch alles, wo ein Patient unterschreibt, dass er gegen ärztlichen Rat handeln will. Ich unterschreib das zB immer wenn ich das intravenöse Glukosewasser nicht mehr will - das lässt nämlich kaum ein Arzt zu.

Ich werd aber echt mal schauen, ob das in meiner elektronischen Akte vermerkt werden kann, wie ich mach einem Eingriff behandelt werden will.
Oh, das ist natürlich schade.
Ich finde das ganze sehr spannend, aber auch recht befremdlich - ich glaube, ich lasse pro Jahr so 1-2 Patienten unterschreiben, dass sie etwas gegen ärztlichen Rat machen wollen, wenn es halt um wirklich kritische Interventionen o.ä. geht. Weil jemand die Infusion nicht mehr möchte? Auf keinen Fall, viel zu mühsam, und ehrlicherweise braucht die ein wacher, nicht allzu kranker Patient vermutlich auch nicht, wenn das Trinken gut funktioniert.
Ich denke, das Beste wäre, wenn du da deinen Interventionalisten dazu kriegst, das zu vermerken, quasi "Postinterventionell sofortiger Kostaufbau gemäss Angaben Patientin" oder so etwas. Es ist ja schliesslich nicht nur ein verrückter Wunsch deinerseits, sondern auch medizinisch sinnvoll.
 
Rory
Benutzer65998  Sehr bekannt hier
  • #46
Konsultiert dich dein Umfeld wie selbstverständlich als Leibarzt bei allen möglichen Wehwehchen von Kratzen im Hals bis Leberfleck? Ich mache bei mir im Umfeld die Erfahrung, dass gerade die ältere Generation da in der Anfragehäufigkeit recht schmerzbefreit ist und noch dazu davon ausgeht, dass man als Arzt offenbar zu allem eine unmittelbare Diagnose stellen kann, gerne auch per Telefon oder WhatsApp-Bild oder so. Geht aber meinen verwandten Juristen, Handwerkern oder Polizisten nicht anders.
 
G
Benutzer Gast
  • #47
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Zuletzt bearbeitet von einem Moderator:
ProximaCentauri
Benutzer32843  (36) Sehr bekannt hier
  • Themenstarter
  • #48
Konsultiert dich dein Umfeld wie selbstverständlich als Leibarzt bei allen möglichen Wehwehchen von Kratzen im Hals bis Leberfleck? Ich mache bei mir im Umfeld die Erfahrung, dass gerade die ältere Generation da in der Anfragehäufigkeit recht schmerzbefreit ist und noch dazu davon ausgeht, dass man als Arzt offenbar zu allem eine unmittelbare Diagnose stellen kann, gerne auch per Telefon oder WhatsApp-Bild oder so. Geht aber meinen verwandten Juristen, Handwerkern oder Polizisten nicht anders.
Hält sich eigentlich noch in Grenzen - mein Schwager ist etwas ein Hypochonder, der fragt immer mal wieder nach, aber eher mit der Absicht "kannst du mir kurz sagen, dass ich nicht sterbe?". Das finde ich völlig i.O. Ansonsten ist es vielleicht so 1x im Monat jemand, der kurz nachfragt bei Bagatellen, das finde ich völlig in Ordnung.
Muss aber auch dazu sagen, dass meine Oma da jeweils sehr schlimm war, ich musste jedes Mal, wenn ich sie gesehen habe, ihre Akten "anschauen" und so weiter, sonst hat sie sich nicht ernst genommen gefühlt.

Ich möchte hier mal etwas klarstellen.

Eine Patientenverfügung ist eine allgemeine Erklärung bestimmte medizinische Interventionen vorweg und generell abzulehnen, für den Fall, dass der*die Patient*in nicht mehr kommunizieren kann.

In der Notfallmedizin besteht nicht die Pflicht, gemäß der Patientenverfügung zu handeln.

Es ist allgemeines Patientenrecht, jederzeit jede Intervention abzulehnen. Für jede Behandlung ist vorab das Einverständnis einzuholen.
Ich bin mir nicht genau sicher, wie du darauf kommst, dass wir uns in der Notfallmedizin nicht an Patientenverfügungen halten müssen, wenn wir die vorliegen haben? Natürlich zählen die auch in der Notfallmedizin, soweit sie eben verfügbar sind.
 
yoda333
Benutzer178113  Öfter im Forum
  • #49
In der Notfallmedizin besteht nicht die Pflicht, gemäß der Patientenverfügung zu handeln.
Eine Patientenverfügung hat, wenn diese zum Zeitpunkt des Behandlungsbeginns vorliegt, durchaus bindenden Charakter.
Beispiel: Familie alarmiert aus einer Panikreaktion heraus bei einem Patienten mit Tumorerkrankung im Finalstadium aufgrund akuter Verschlechterung des Allgemeinzustandes den Rettungsdienst. Patientenverfügung liegt vor; diese schließt für den Fall des Finalstadiums einer mit hoher Wahrscheinlichkeit zum Tode führenden Grunderkrankung (muß nicht ausschließlich eine Tumorerkrankung sein, ebenso ggfs. COPD) reanimative Maßnahmen, einschließlich Intubation etc. konkret und eindeutig aus.
Eine derartige Verfügung ist uneingeschränkt umzusetzen, auch im Rettungsdienst oder einer Notaufnahme.
 
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