Zweifel seinerseits - wie ausräumen und damit umgehen?

Benutzer138835 

Sorgt für Gesprächsstoff
Hallo liebe Community,
gleich mal vorne weg die Warnung, dass das ein langer Beitrag wird, weil ich ein wenig ausholen muss zur Beschreibung meines Problems... Ein riesiges Dankeschön auch an alle, die trotzdem lesen!

Ich bin Studentin und seit dreieinhalb Jahren mit meinem Freund zusammen. Wir kennen uns schon eine halbe Ewigkeit, da wir dieselbe Klasse auf dem Gymnasium besucht haben, wurden aber erst ein Paar, als ich einen sehr schweren Schicksalsschlag erlebt habe: Ich hatte einen Schlaganfall, dadurch zig OP's, Krampfanfälle, usw. - kognitiv wie physisch hatte ich (glücklicherweise) jedoch keine typischen Ausfälle (sprich: ich bin jetzt nicht so belastbar, wie man das vielleicht als Mensch in den 20ern sein sollte, aber ich kann alles bewegen, mich völlig normal artikulieren und schaffe auch mein Studium wie jeder andere "Normale" auch). Im Nachhinein betrachtet hatte ich wirklich verdammtes Glück.
Mein Freund ist mit mir von Anfang an durch diese Sache mit durchgegangen und hat mich immer sehr unter- und gestützt, was ich definitiv vielleicht manchmal zu sehr ausgenutzt habe (ich war einfach ein Nervenbündel) - wir sind aber erst Wochen nach dem Schlaganfall zusammen gekommen, also er ist nicht "trotz dessen" bei mir geblieben (dennoch konnte da natürlich keiner absehen, was noch alles passieren würde...). Im ersten Jahr danach war es natürlich alles andere als einfach für mich, und ich war wirklich teilweise unausstehlich mit meinem Selbsthass (retrospektiv betrachtet). Ich bin jetzt mit Sicherheit noch immer kein einfacher Mensch, aber ich versuche mit meinen inneren Dämonen niemanden zu belasten und so normal wie irgendwie möglich zu sein...

Für mich war dann jedenfalls, als es um den Studienort ging, natürlich klar, dass ich, wenn möglich, dort studieren würde, wo mein Freund studiert und tatsächlich sind wir in derselben Stadt gelandet und nach den ersten beiden Semestern in verschiedenen WG's dann auch zusammen gezogen. Was jedoch seit fast zweieinhalb Jahren bei meinem Freund nicht aufhören will, sind die Zweifel an unserer Beziehung, die er mir seit etwa einem Jahr alle paar Monate als Kritik hin knallt. Dabei geht es im Kern darum, dass er findet, wir wären zu verschieden und in einer guten Beziehung sollten die Partner möglichst homogen sein. Ich würde keinen Sport mit ihm machen können (was stimmt, nur kann ich daran nichts ändern), dadurch hab ich natürlich auch nicht mehr die Idealmaße (ich bin aber nach wie vor schlank!) - er hätte aber gerne eine sportliche Freundin, ich wäre schwach (was nicht wirklich in mein Selbstkonzept passt), ich wäre nicht durchsetzungsfähig oder zielstrebig (passt ebenfalls nicht in mein Selbstkonzept - ich bin es nur nicht an den Stellen, an denen er es ist), ich wäre abhängig (womit eher die Seite gemeint ist, dass man mich wo hinfahren muss, dass ich gern Begleitung habe wenn ich zu Kontrolluntersuchungen muss, ...), ich bin zu wenig zukunfts- und leistungsorientiert (bin ich, aber ich finde das ist kein Nachteil), ... Das waren mal die wichtigsten. Aus all den Punkten schließt er, dass wir nicht zusammen passen - übersieht meiner Meinung nach aber, dass er jemandem, der genauso ist wie er, vermutlich nach kürzester Zeit den Hals umdrehen würde.
Ach ja: Ich habe schon viel versucht, besser zu machen, mit dem Ergebnis, dass man mir gesagt hat, dass man lieber mit dem Menschen zusammen wäre, in den man sich verliebt hat (an dem man aber mal angefangen hat rum zu kritisieren). Frage ich ihn, warum er mit mir zusammen ist, antwortet er, weil ich so eine liebe und wundervolle Person bin und hübsch aussehe (trotz Unsportlichkeit) und ihm jeden Wunsch erfülle oder es zumindest versuche.

Mittlerweile macht mich das alles ziemlich fertig. Ich habe Dinge mit mir rum zu tragen, die ich nicht mehr ändern kann, die mich eben "un-normal" machen und die auch niemand nachvollziehen kann von Freunden oder Bekannten oder sonstigen Menschen. Das will ich diesen ja auch gar nicht vorwerfen, im Gegenteil, ich kann's ja verstehen, warum sie das alles nicht nachvollziehen können. Aber genau deswegen macht es mich so unendlich traurig, wenn mein Freund an mir herum kritisiert und mir eigentlich mitteilt, dass er nicht mit mir zusammen sein möchte: Weil ich durch alles, was wir erlebt haben irgendwie denke, dass er der einzige Mensch auf Erden ist, der überhaupt irgendwie einen Plan hat, was ich alles durchgemacht habe und was passiert ist. Und diesen Menschen zu verlieren wäre das Schrecklichste, das mir passieren könnte (ja, rein rational weiß ich natürlich, dass das Quatsch ist).

Ich werde immer unsicherer in allem (und werde zusätzlich durch gewisse Taten seinerseits noch mehr verunsichert) und warte praktisch schon auf die nächste Kritik, die mich aus der Bahn werfen wird. Auch wenn ich jetzt im Moment natürlich wieder die beste und tollste Freundin bin, die man sich nur vorstellen kann. Das bin ich "rein objektiv betrachtet" natürlich auch vor jeder angebrachten Kritik.

Wie kann man mit solchen Zweifeln umgehen? Was kann ich tun, um ihm diese zu nehmen (was er sich jedes mal von mir wünscht)? Wie ich hoffentlich ausreichend darlegen konnte, ist für mich eine Trennung wirklich keine Option, bevor ich nicht alles versucht habe... Hat jemand einen Rat für mich?
 

Benutzer166375  (29)

Sorgt für Gesprächsstoff
Hallo B Bella94 !

Ich versuche mal, möglichst geordnet zu antworten :zwinker:
Ich würde keinen Sport mit ihm machen können (was stimmt, nur kann ich daran nichts ändern), dadurch hab ich natürlich auch nicht mehr die Idealmaße (ich bin aber nach wie vor schlank!) - er hätte aber gerne eine sportliche Freundin, ich wäre schwach (was nicht wirklich in mein Selbstkonzept passt), ich wäre nicht durchsetzungsfähig oder zielstrebig (passt ebenfalls nicht in mein Selbstkonzept - ich bin es nur nicht an den Stellen, an denen er es ist), ich wäre abhängig (womit eher die Seite gemeint ist, dass man mich wo hinfahren muss, dass ich gern Begleitung habe wenn ich zu Kontrolluntersuchungen muss, ...), ich bin zu wenig zukunfts- und leistungsorientiert (bin ich, aber ich finde das ist kein Nachteil)

Also erstmal: Das finde ich ein ziemlich starkes Stück von deinem Freund, dir sowas an den Kopf zu werfen. Insbesondere, wenn du von einer Krankheit beeinträchtigt bist und deshalb mit ihm gar keinen Sport treiben KANNST.

Wichtig finde ich zuerst mal, dass du klarer differenzieren solltest zwischen ZWEIFEL an einer Beziehung und KRITIK an dir. Möchte dein Freund denn, dass du dich änderst? Versucht er dich zu verbiegen? Oder teilt er dir einfach mit, dass er manchmal an der Beziehung zweifelt, weil er nicht weiß, ob du dauerhaft die Richtige bist für ihn?

Wenn er möchte, dass du dich änderst, was z.B. dieser Satz nahelegt:
Ach ja: Ich habe schon viel versucht, besser zu machen

dann kann ich dir nur ganz stark raten: Lass es! Du bist du und genau so sollst du sein. Und wenn du nun mal kein Leistungsorientierter Mensch bist (bin ich übrigens auch nicht), ist das genauso gut wie jemand, der diese Eigenschaft besitzt. Nur eben anders. Da solltest du auf keinen Fall versuchen, etwas "besser" zu machen. Auch den Vorwurf der Abhängigkeit halte ich (ich kann ja nur aus dem schließen, das du hier geschrieben hast) für relativ abwegig. Du hast Schlimmes erlebt, was kann daran falsch sein, wenn du dir bei psychisch belastenden Situationen (und das ist eine Kontrolluntersuchung immer - ich kenne das von einer Freundin, die an Krebs erkrankt war) die Unterstützung von geliebten Menschen wünscht. Entschuldige dich nicht dafür!
Hast du das Gefühl, dass er deine Persönlichkeit wertschätzt, auch wenn sie sich von seiner unterscheidet?

Oder ist es so, dass er gar nicht versucht, dich zu ändern, sondern einfach nur Zweifel hat, ob die Beziehung eine Zukunft hat? Und du beziehst das auf dich?

Zweifel zu "nehmen" halte ich für sehr schwierig... Grundsätzlich halte ich eine solche Verallgemeinerungen (Partner sollten sich möglichst ähnlich/verschieden sein) für totalen Quatsch... Es kommt doch immer auf die Menschen in der Beziehung an... Die Probleme sind dann eben nur unterschiedlich gelagert (Klischee: Wenn Partner sich sehr ähnlich sind, kann es schnell langweilig/bequem werden; Wenn sie sehr unterschiedlich sind lauern überall mögliche Konflikte). Aber wenn dein Partner nun mal dieser Überzeugung ist, wird es für dich sehr schwer sein, ihn davon abzubringen.

Und da kann ich dir nur den Tipp geben: Hab Geduld mit ihm. Und redet darüber. Lass dir nicht nur alles von ihm aufzählen, sondern sprecht intensiv über die Zweifel. Nicht im Streit, sondern ganz ruhig. Versuche, nicht alles, was er sagt als Kritik an dir aufzufassen. Versuche ihm darzulegen, dass es auch gut sein kann, wenn sich Stärken und Persönlichkeiten ergänzen (Was ich insbesondere im Fall der von dir angesprochenen Leistungsorientierung für sehr positiv halte!)

Mein Freund hatte nach etwa 6 Monaten Beziehung auch mal eine Phase, in der er sehr stark an uns gezweifelt hat... Ich hab ihm Zeit gegeben, aber ihm auch klar gemacht, dass er diese Zweifel ergründen muss und eine bewusste Entscheidung treffen muss - für oder gegen uns... Den damaligen Status Quo hätte ich keine unbegrenzte Zeit hingenommen, weil es mich einfach zu sehr belastet hätte.

Wenn er wirklich ernsthafte Zweifel hat, ist es meiner Meinung nach wichtig, diese ernst zu nehmen, sie nicht unter den Teppich zu kehren und ihn dabei zu unterstützen, eine reflektierte Entscheidung zu treffen - Für oder gegen die Beziehung... So schmerzhaft dieser Gedanke auch sein mag...

Und zum Abschluss noch eines:
Ich habe Dinge mit mir rum zu tragen, die ich nicht mehr ändern kann, die mich eben "un-normal" machen und die auch niemand nachvollziehen kann von Freunden oder Bekannten oder sonstigen Menschen.
Du bist nicht un-normal! Viele Menschen haben Krankheiten oder in ihrer Vergangenheit Schlimmes erlebt! Viele Menschen haben ihr ganz eigenes Päckchen zu tragen... Das macht dich aber nicht weniger liebenswert! Und wenn jemand dich liebt und es wert ist, geliebt zu werden, dann wird er dich nicht verurteilen (egal ob er deine konkrete Situation nun nachvollziehen kann oder nicht), sondern er wird dir dabei helfen, dein Päckchen zu tragen.
 
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