Sprache und Gleichberechtigung

Benutzer70527  (31)

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Moin zusammen. Als ich diesen Thread von SoulOfCinder SoulOfCinder gelesen habe, fühlte ich mich an einen Artikel von mir erinnert, in dem ich das Thema Gleichberechtigung von sprachlicher Seite beleuchte. Da es offenbar Diskussionsbedarf ist und ich hier ein paar Sprachliebhaber (@Noir Désir :tongue:) kenne, dachte ich, ich kopier das mal hier rein.

Falls jemand die Kommentare unter dem ursprünglichen Artikel lesen möchte (öffentlich verlinken möchte ich das nicht, obwohl ihr das sicher findet, wenn ihr sucht), PN an mich. Anregungen, Diskussionen und Todesdrohungen gerne hier in den Thread, hihi.

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Bevor mich jemand falsch versteht: Gleichberechtigung ist ein hehres Ziel, an dem wir längst nicht angekommen sind, egal, ob es um Männer und Frauen, Hetero- und Anderssexuelle, Religionen oder Nationalitäten geht. Sicherlich gibt es auch sprachlich viele Dinge zu verbessern, damit sich in jedem Fall alle Menschen angesprochen fühlen, die es betrifft. Ich möchte im Folgenden aber einige Probleme aufzählen, über die man zwangsläufig stolpert, wenn man versucht, Gleichberechtigung mithilfe von Sprachreformen voranzutreiben.

Deskriptiv, nicht präskriptiv

Die Linguistik, also die Sprachwissenschaft, hat seit einiger Zeit den (aus meiner Sicht vollkommen korrekten) Selbstanspruch, nicht präskriptiv, sondern deskriptiv zu sein, das heißt: nicht vorschreibend, sondern beschreibend. Man beobachtet den Sprachgebrauch, wie er sich natürlich entwickelt, und zieht Schlüsse aus diesen Beobachtungen. So hält das auch der Duden-Verlag, dessen Werke auf den ersten Blick präskriptiv wirken. Sicher findet man im Duden Vorschriften für Schreibweisen und Grammatik; diese beruhen aber auf Beobachtungen und ändern sich, sobald beobachtet wird, dass der Sprachgebrauch sich verändert hat. Das lässt sich zum einen an den jährlichen Neueinträgen betrachten, die auf Entwicklungen im allgemeinen Gebrauch beruhen, nicht auf fixen Ideen der Duden-Redaktion. Prominente Beispiele sind „Saftschubse“ als abwertender Begriff für Flugbegleiterinnen (ehemals Stewardessen) und Flugbegleiter und „googeln“ (ja, mit dem E vor dem L). Zum anderen sieht man das auch an Änderungen schon bestehender Einträge. Die Präposition „wegen“ verlangt ursprünglich einen Genitiv („wegen des Kindes“), ist nun allerdings auch mit Dativ korrekt („wegen dem Kind“). Grund für diese Reform ist, dass diese Form schlicht immer häufiger gebraucht wurde.

Der Duden passt sich also dem Gebrauch an, nicht umgekehrt. Was heißt das für „Regeln“ zur Inklusion beider (oder, je nach Sichtweise, aller) Geschlechter? Dass wir Sprachwissenschaftler genau wie die Duden-Redaktion, PolitikerInnen und AktivistInnen den Sprachgebrauch der breiten Masse nicht steuern können. Das heißt das. Ja, man kann sich darüber unterhalten, wie Menschengruppen in Dokumenten von Behörden, Ämtern und Universitäten angesprochen werden sollen. Man kann sich über Vorschriften unterhalten, die regulieren, ob von Studentinnen und Studenten, Studierenden, Studx, Student_innen oder StudentInnen die Rede sein soll. Diese Vorschriften gelten dann aber für offizielle Dokumente, Internetseiten, meinetwegen Zeitungen und Studienführern. Der breiten Masse kann man aber nicht vorschreiben, wie sie das handhaben soll.

Mobilfunkanbieter, der öffentliche Personennahverkehr und Streaming-Dienste bewerben „Studententarife“, nicht Studierendentarife, Studentxtarife oder StudentInnentarife. Ist das aus feministischer Sicht erstrebenswert? Mitnichten. (Oder besser: mitnichten und mitneffen?) Eine Änderung an dieser Situation wird aber dann von selbst eintreten, wenn die Empörung in der Bevölkerung groß genug ist. Diese Änderungen müssen, wie alle Änderungen im Sprachgebrauch der breiten Masse, von „unten“ kommen. Von oben funktioniert das nicht. Ein Bußgeld für nicht-geschlechtsneutrale Sprache in der Werbung würde nicht funktionieren.

Die Äpfelin

Die deutsche Sprache hat eine Eigenheit, die einerseits dafür verantwortlich ist, dass wir das Problem mit der Gleichberechtigung (im sprachlichen Kontext) überhaupt haben – und andererseits dafür, dass eine Lösung dieses Problems sehr schwierig ist. Die deutsche Sprache hat – wie einige andere Sprachen auch, aber nicht alle – ein grammatikalisches Geschlecht.

Sprache ist nicht Wirklichkeit, sondern eine Abbildung derselben. Der Apfel ist in Wirklichkeit nicht männlich, in der Sprache jedoch schon. Die Freude ist ein Konzept, keine Frau. Das Mädchen ist in der Realität weiblich, nicht etwa ein Neutrum. Es besteht also eine gewisse Reibung im Verhältnis zwischen Realität und sprachlicher Abbildung. Sprachen ohne grammatikalisches Geschlecht wie das Englische haben dieses Problem erst gar nicht. Ein worker ist im Englischen erst einmal geschlechtsneutral, so auch die Mehrzahl workers. Außer in Einzelfällen wie actor und actress ist das Englische also zwar uneindeutig, aber ein Problem mit der Gleichberechtigung gibt es nicht. „Workers must wear head protection“ schließt sowohl Arbeiterinnen als auch Arbeiter ein.

Hätten wir im Deutschen gar keine weiblichen Formen, würden sich Frauen theoretisch nicht ausgeschlossen fühlen. Es ist aber zu spät, diese Formen einfach abzuschaffen und von oben herab (präskriptiv!) zu behaupten: „Der Plural Ärzte schließt ab sofort männliche und weibliche Mediziner ein“. Man muss, wenn man die Gleichberechtigung sprachlich zum Ausdruck bringen möchte, entweder beide Formen verwenden oder eine neue tatsächlich neutrale Form erfinden, wie es unter anderem mit dem X versucht wurde: An einer deutschen Universität sind jetzt keine Dozentinnen und Dozenten mehr zu finden, sondern schlicht Dozentx. Mag sein, dass man sich daran gewöhnt. Für mich sieht das trotz der guten Intention dahinter einfach nur doof aus.

Aus menschlicher Sicht kann man natürlich nachvollziehen, dass ein Unterschied zwischen Dingen, Konzepten und Personen gemacht werden soll. Nur weil die Schönheit und der Mut jeweils ein Geschlecht haben, das nicht zu ihrer Wirklichkeit passt, muss das bei Personen nicht genau so gehandhabt werden.Das Mädchen zeigt: Noch ist es so, und trotzdem wähnt keiner eine Frau vor Erreichen des Erwachsenenalters auf einer Ebene mit einem Schuhschrank.

Aus sprachwissenschaftlicher Sicht bin ich aber skeptisch. Solange das Deutsche nicht das Apfel, das Schönheit, das Mut und die Mädchen benutzen möchte, ist es, was Geschlechter angeht, ohnehin sehr verworren. Bringt uns da Kleinlichkeit bei Personengruppen wirklich weiter? Auf die gesamte Sprache bezogen, nicht nur auf den einen Aspekt der Gleichberechtigung?

Ein satirischer Lösungsvorschlag

Wer diesen Artikel angeklickt hat, um die ernst gemeinte Perspektive eines angehenden Germanisten zu lesen, ist am Ende des Artikels angekommen. Im Folgenden möchte ich einen Vorschlag unterbreiten, der aus sprachwissenschaftlicher Sicht halbwegs logisch, aber nicht anwendbar ist. Wer sich durch solche Experimente unterhalten fühlt, ist eingeladen, weiterzulesen.

Das Problem mit der geschlechtsneutralen Anrede lässt sich auf eine einzige Silbe konzentrieren: -in-. Frauen haben eine Silbe mehr als Männer. Solange es keine neutrale Form gibt und Frauen eine Silbe mehr haben, kann es keine Gleichberechtigung geben. Ich schlage daher vor, eine männliche Endung einzuführen, die das weibliche “-in/-innen“ kontrastiert, und die bisherige männliche Form als neutrale Form weiterzuverwenden. Damit die neutrale Form neutral sein kann, erhält sie den Neutrum-Artikel, also „das“.

Bisher:

Männlich – Der Student / Die Studenten
Weiblich – Die Studentin / Die Studentinnen

Ab sofort:

Neutral – Das Student / Die Studenten
Weiblich – Die Studentin / Die Studentinnen
Männlich – Der Studentaus / Die Studentaußen

Dem geneigten Leser fällt sicher auf, wie gewitzt und intelligent die Wahl der männlichen Form hier ist: Aus dem weiblichen „innen“ wird ein männliches „außen“. Jetzt kann sich aber wirklich niemand mehr beschweren!

Mit freundlichen Grüßen,
der Verfassaus.
 
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Benutzer133456  (49)

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Ich meine, wir haben noch sehr viel mehr Optionen, uns neutral auszudruecken:
  1. machen wir's doch einfach wie die Franzosen - sobald's um mehrere Personen geht, verwenden wir die maennliche Form. Das spart Buchstaben, und wenn man's nur charmant genug erklaert, machen alle mit, auf die man Wert legt. :zwinker: Die anderen sind sowieso unertraeglich.
  2. brechen wir doch einfach aus dem ganzen Elend aus und erfinden stattdessen was Neues: sobald die Entscheidung ansteht "druecke ich mich maennlich/ weiblich aus" verwenden wir einfach ein ganz neues Wort. Ich empfehle "Unagi." Dann wissen alle, "oha! Hier wird's geschlechterspezifisch."
  3. einfach die umstrittenen Woerter als illegal erklaeren und ab jetzt anders schreiben/ sprechen. Es gibt somit keine Studenten/ Studentinnen mehr, sondern man macht das alles ueber den Kontext. Anstatt zu sagen "liebe Studenten/ Studentinnen" schreibt man "anlaesslich der diesjaehrigen Septembertombola bitten wir alle, ..." Ich habe mal spasseshalber ein Jahr lang das Wort "Ich" vermieden. Es hat mein Leben veraendert. Sowas geht wirklich.
  4. wir uebersetzen alle Problemwoerter in eine Sprache, die nicht geschlechterspezifisch differenziert, und verwenden die fuerderhin.
  5. wir erklaeren die deutsche Sprache fuer gesetzeswidrig mangels Eignung zur zeitgemaessen Kommunikation und konstruieren eine neue - vielleicht ist die Zeit des Esperanto endlich gekommen. Esperanto 2.0, wohlgemerkt - "Knabo, knaba... = knabum"
  6. wir legen alle ein Schweigegeluebde ab. Bei den Benediktinern funktioniert das schon lange - so friedlich sind die doch miteinander, echt goldig.
  7. wir druecken uns ab jetzt telepathisch und in Bildern aus. Katzeneigentuemer tun das schon jetzt.
 
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Benutzer89539 

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Von mir aus könnte man auch einfach ein generisches Femininum nehmen. Mit "liebe Userinnen" dürfte sich dann jeder hier angesprochen fühlen.

Vielleicht wären dann alle glücklich. *seufz*
 

Benutzer133456  (49)

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Von mir aus könnte man auch einfach ein generisches Femininum nehmen. Mit "liebe Userinnen" dürfte sich dann jeder hier angesprochen fühlen.

Vielleicht wären dann alle glücklich. *seufz*
Oder wie waere es mit einem enthusiastischen "Hey Foris!"
Dann waere das geloest.
 
B

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Gast
Von mir aus könnte man auch einfach ein generisches Femininum nehmen. Mit "liebe Userinnen" dürfte sich dann jeder hier angesprochen fühlen.

Vielleicht wären dann alle glücklich. *seufz*
Ich nicht. Die weibliche Form zu verwenden hat etwas von Subventionierung der Frau; diese Idee gefällt mir nicht und ist auch nicht so nachhaltig. Nicht, dass mir dein Sarkasmus entgangen wäre :tongue:

Da die Sprache ja ohnehin im stetigen Wandel is, habe ich grundsätzlich nichtss dagege einzuwnden, sie bewusst zu revolutionieren und so ein Zeichen zu setzen. Mir ist es im Englischen sehr sympathisch, dass es nur ein Pronomen gibt; von mir aus können auch die Sie-Formen weg.
 

Benutzer127320 

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Das Ich-Viech Das Ich-Viech
Leider kann man hier nur eine Bewertung abgeben, ich möchte dir trotzdem auf diesem Wege zustimmen, dir sagen, dass dein Artikel sehr unterhaltsam und lustig und schlussendlich auch Hilfreich ist. Danke dafür! :bier:
 

Benutzer64981  (33)

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Und wieso nicht StudentXX und StudentXY? Hach, das beisst sich ja wieder mit der Anonymisierung.
Wir ham's aber echt nicht leicht mit der Sprache!
Wir schreiben einfach ab sofort "Ein Person, die eine Universität nicht aus Lehr- sondern Lerngründen besucht"... und dann kommt einer um die Ecke und scheißt klug: "Non scholae, sed vitae discimus". Touché!

Bin für Englisch. Und dafür, dass wir Weibchen uns mal etwas weniger anstellen! :zwinker:
 

Benutzer91095 

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Früher oder später tippt wohl jeder angehende Sprachwissenschaftler mal so einen Text ab :grin: Ist jedenfalls nicht der erste dieser Art, den ich gelesen habe (btw. es schreibt sich "präskriptiv", sollte der Germanist dann schon wissen :zwinker: ). Übrigens verstehe ich deine Einleitung gar nicht. Wer nicht präskriptiv sein will, schreibt anderen auch nicht vor, dass sie nicht präskriptiv sein sollen. Das wäre dann nämlich auch wieder eine Form der Präskription. Das einzige, was der präskriptive Sprachwissenschaftler machen sollte, ist, die Sprache zu beschreiben. Das beinhaltet auch die Sprache, die neu entwickelt wird (er sollte diese Sprache nur nicht selbst entwickeln).


Zum Thema: Geschlechtergetrennte/-gerechte Schreibung ist eine gute Idee, birgt praktisch aber viele Probleme, das sehe ich auch so, allerdings hätte ich das nicht so gesehen, wenn wir es nicht ausprobiert hätten, und viele Dinge über Genus und Sprache hätte ich nicht verstanden, wenn wir das nicht ausprobiert hätten. Die Auseinandersetzung mit dem Problem ist schon sehr relevant. Sprache bildet zwar Realitäten ab, aber dass Sprache auch Realitäten schaffen kann, ist mittlerweile wohl auch schon mehrfach bewiesen worden (ansonsten könnte man schließlich den ganzen Fachbereich der Rhetorik in die Tonne kippen).

Ansonsten bleibt nicht viel mehr zu sagen, als dass politischer, geschlechtersensibler Sprachgebrauch einerseits natürlich symbolisch ist, andererseits genau das tun will, was er tut: Nämlich auffällig sein. Er will unbequem sein, er will Dinge sichtbar machen, die andere unter den Tisch kehren. Man sollte das nicht falsch verstehen, wenn jemand/e/*/_/xy/#/+/°/- so schreibt. Das ist idR keine Aufforderung, dass die Welt sich bitte so zu unterhalten hat. Eher ist es ein Instrument, um auf etwas aufmerksam zu machen. Ob es eine sinnvolle Strategie ist oder ob man damit nachhaltig dem Sprachgefühl schadet, kann man aber natürlich sicherlich diskutieren.

Meine Strategie für eine geschlechtergerechte Sprache (die ich natürlich! haben will. Ich unterschreibe zwar die deskriptive Sprachwissenschaft, bin aber trotzdem ein politischer Mensch) ist daher, das grammatische Femininum für die Beschreibung von Menschen einfach abzuschaffen. Alle werden mit dem Maskulinum angesprochen. Das Femininum bleibt den unbelebten Dingen oder den Abstrakta (bzw. den "altmodischen Begriffen", wie Frau oder Dame). Ursprünglich war es ja auch so. Ganz viele Nominalisierungssuffixe für Abstrakta sind feminin, das ist kein Zufall. Für weibliche, menschliche Wesen wurde eher das Neutrum verwendet (Weib, Fräulein, Mädchen. Wie ein Besitztum, das entweder einem Vater oder einem Ehemann gehört, aber in jedem Fall in Abhängigkeit eines Mannes). Diese Sichtweise ist aber für viele zu radikal, weil die biologischen Geschlechter dann aus der Sprache verschwinden ("Aber es gibt doch Unterschiede zwischen Mann und Frau, und die kann man auch nicht wegdefinierenblablablablaba!!!1!"). Ich halte das jedoch für die sinnvollste, ästhetischste und erstrebenswerteste Lösung.
 

Benutzer70527  (31)

Sehr bekannt hier
(btw. es schreibt sich "präskriptiv", sollte der Germanist dann schon wissen :zwinker: )

Arrrgggh, ich häng mich gleich auf. Das kommt dabei raus, wenn man auch Englisch studiert und die ganze Unterscheidung zuerst im Englischen gelesen und sich eingeprägt hat. Ändere ich gleich, vielen Dank!

Übrigens verstehe ich deine Einleitung gar nicht. Wer nicht präskriptiv sein will, schreibt anderen auch nicht vor, dass sie nicht präskriptiv sein sollen. Das wäre dann nämlich auch wieder eine Form der Präskription. Das einzige, was der präskriptive Sprachwissenschaftler machen sollte, ist, die Sprache zu beschreiben.

Die Einleitung zielt auf diejenigen ab, die der Meinung sind, wenn der Duden doch nur endlich eine einheitliche, gender-neutrale Schreibung vorschriebe, dann hätte sich das Thema endlich erledigt. Der Absatz soll heißen: Wird nicht passieren, weil der Duden einen sich "natürlich" entwickelnden Sprachgebrauch beschreibt, statt darüber zu beraten, wie Leute schreiben müssen. Dass deskriptive Werke vorschreiben, niemand habe präskriptiv zu sein, habe ich definitiv nicht gemeint. Wird das so klarer?

Man sollte das nicht falsch verstehen, wenn jemand/e/*/_/xy/#/+/°/- so schreibt. Das ist idR keine Aufforderung, dass die Welt sich bitte so zu unterhalten hat.

... wird von manchen Menschen aber so wahrgenommen. Mir fehlen die Erfahrungswerte, um abschließend zu beurteilen, inwieweit das manchmal gewollt ist. Wenn Menschen diese Schreibungen aber so wahrnehmen, verstehe ich, dass sie sich dagegen sträuben, das zu tun, wovon der Text sie (aus ihrer Sicht) überzeugen will. Dann stellt sich die Frage, ...

[o]b es eine sinnvolle Strategie ist oder ob man damit nachhaltig dem Sprachgefühl schadet

... natürlich erst recht.

Meine Strategie für eine geschlechtergerechte Sprache (die ich natürlich! haben will. Ich unterschreibe zwar die deskriptive Sprachwissenschaft, bin aber trotzdem ein politischer Mensch) ist daher, das grammatische Femininum für die Beschreibung von Menschen einfach abzuschaffen. Alle werden mit dem Maskulinum angesprochen. Das Femininum bleibt den unbelebten Dingen oder den Abstrakta (bzw. den "altmodischen Begriffen", wie Frau oder Dame). Ursprünglich war es ja auch so. Ganz viele Nominalisierungssuffixe für Abstrakta sind feminin, das ist kein Zufall. Für weibliche, menschliche Wesen wurde eher das Neutrum verwendet (Weib, Fräulein, Mädchen. Wie ein Besitztum, das entweder einem Vater oder einem Ehemann gehört, aber in jedem Fall in Abhängigkeit eines Mannes). Diese Sichtweise ist aber für viele zu radikal, weil die biologischen Geschlechter dann aus der Sprache verschwinden ("Aber es gibt doch Unterschiede zwischen Mann und Frau, und die kann man auch nicht wegdefinierenblablablablaba!!!1!"). Ich halte das jedoch für die sinnvollste, ästhetischste und erstrebenswerteste Lösung.

Interessant. Direkt dazu Stellung nehmen, werde ich nicht; das muss ich mir durch den Kopf gehen lassen. Der Vorschlag ist mir neu, und neue Vorschläge bei Schlafmangel... Näääh. Guck ich mir später an. :smile:

Jedenfalls: Vielen Dank für deinen ausführlichen Beitrag!
 

Benutzer81418 

Benutzer gesperrt
Wie lautet die männliche Form von Person? Wie heisst eine männliche Geisel?

Im Französischen heisst übrigens sogar der Kriegs-Azubi - la recrue :tongue:
 

Benutzer20579  (37)

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Für weibliche, menschliche Wesen wurde eher das Neutrum verwendet (Weib, Fräulein, Mädchen. Wie ein Besitztum, das entweder einem Vater oder einem Ehemann gehört, aber in jedem Fall in Abhängigkeit eines Mannes).
Ich muss sagen, dass mich das schon stört, wenn ich es irgendwo lese. Beispielsweise stören mich Gerichtsurteile, in denen ein Mädchen Opfer wird - und dann wird jeder folgende Satz mit "Es" eingeleitet. Das mag zwar grammatikalisch richtig sein, ich persönlich würde aber dennoch "sie" schreiben. Denn irgendwie klingen Sätze wie: "Er vergewaltigte es" oder "Er tötete es" nach Sachen, nicht nach Menschen.
 

Benutzer27629 

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Bei mir in der Firma gibt es sowohl Dokumente, in denen nur die weibliche als auch solche, in denen nur die männliche Form genutzt wird.
Es steht dann auch jeweils die übliche Formulierung dabei, z.B. "Zur besseren Lesbarkeit wird in diesem Text für Personen nur die weibliche Form verwendet. Selbstverständlich ist hiermit immer auch die männliche Form gemeint".
Finde ich eine interessante Erfahrung, wenn man solche Texte liest, es ist tatsächlich irgendwie ungewohnt, aber vielleicht ein akzeptabler Kompromiss. :grin:
 

Benutzer91095 

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Ich muss sagen, dass mich das schon stört, wenn ich es irgendwo lese. Beispielsweise stören mich Gerichtsurteile, in denen ein Mädchen Opfer wird - und dann wird jeder folgende Satz mit "Es" eingeleitet. Das mag zwar grammatikalisch richtig sein, ich persönlich würde aber dennoch "sie" schreiben. Denn irgendwie klingen Sätze wie: "Er vergewaltigte es" oder "Er tötete es" nach Sachen, nicht nach Menschen.

Oh, ja, mich stört es auch. Ich wollte damit nur sagen, dass das grammatische Femininum historisch gesehen auch nicht einfach für Frauen verwendet wurde (sondern eben oft das Neutrum, was natürlich nicht besonders rühmlich ist).
 
J

Benutzer

Gast
Ich muss sagen, dass mich das schon stört, wenn ich es irgendwo lese. Beispielsweise stören mich Gerichtsurteile, in denen ein Mädchen Opfer wird - und dann wird jeder folgende Satz mit "Es" eingeleitet. Das mag zwar grammatikalisch richtig sein, ich persönlich würde aber dennoch "sie" schreiben. Denn irgendwie klingen Sätze wie: "Er vergewaltigte es" oder "Er tötete es" nach Sachen, nicht nach Menschen.
das hab ich noch nie bedacht:what: danke fuer den input!
 
L

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Gast
Syleena Syleena : ich finde so etwas dann auch sehr interessant, wenn dann dort etwas steht, wie: Tierquälerinnen, Mörderinnen, Räuberinnen oder Entführerinnen. Für mich persönlich war es irgendwie das erste Mal erhellend und ich dachte mir: ja, genau das gehört dazu.
 

Benutzer121281  (32)

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Ich fühle mich grade an weibliche Mitstudenten erinnert, die eine Aufgabe nicht erledigt haben, da in der E-Mail nur von "Liebe Studenten" gesprochen wurde und sie schliesslich Studentinnen seien.
Ich vermutete da erst Sarkasmus - aber denen war das wirklich ernst. :grin:
 

Benutzer154173  (24)

Sorgt für Gesprächsstoff
Ich nicht. Die weibliche Form zu verwenden hat etwas von Subventionierung der Frau; diese Idee gefällt mir nicht
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außerdem ist es so brutal hässlich, dass mir regelrecht kalt wird.

Da die Sprache ja ohnehin im stetigen Wandel is, habe ich grundsätzlich nichtss dagege einzuwnden, sie bewusst zu revolutionieren und so ein Zeichen zu setzen.
Na dann viel Erfolg.^^ Das Ökosystem Erde befindet sich übrigens auch im stetigen Wandel, mir ist (zum Glück) niemand bekannt, der das als Rechtfertigung für neunmalkluges Planetary Engineering heranzöge. Wer an sowas herumkünstelt endet schließlich mit sowas wie Esperanto oder Interlingua. (Oder den deutschen Kommaregeln.^^) Da darf die Frage erlaubt sein, warum dann nicht gleich mit sowas anfangen und uns - die wir andere Sorgen haben - damit verschonen? Language Construction is'n anerkanntes Hobby, und nicht das schlechteste. Sollte es aber auch bleiben.

Lustig übrigens, dass du dann ausgerechnet auf Englisch zu sprechen kommst, eine Sprache, die sich im Gegensatz zu vielen anderen nicht nur durch die weitestgehende und traditionell bestätigte Abwesenheit normativ-planerischer Eingriffe auszeichnet (von Noah Websters Mühen mal abgesehen), sondern die wenigstens partiell auch ihren immensen Erfolg eben diesem Aspekt verdankt. Die (geschlechtsneutrale) Verwendung des singular they z.B. hat sich auch niemand im Speziellen "ausgedacht" oder damit bewusst eine "Revolution" angestoßen, sondern es handelt sich um eine natürliche Variante, die im Englischen zudem Jahrhunderte alt ist. Sie wurde in jüngerer Vergangenheit nur wieder verstärkt aufgegriffen.

Mehr hab ich nich zu sagen. IMHO ausgelutschtes Thema, sry.
 
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