"Nach" dem Burnout

Benutzer101356 

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Hallo zusammen,

ich habe mometan das Gefühl, dass ich irgendwie feststecke und würde mich freuen, ein paar Meinungen/Gedankenanstöße von euch zu bekommen. Vielleicht hat ja jemand eine ähnliche Situation schon mal erlebt. Ich weiß, es ist ein sehr langer Text geworden - ich hoffe, ihr lest ihn trotzdem; ich habe versucht, mein komplexes Gefühlsleben möglichst kompakt und verständlich zu beschreiben. :zwinker:

Kurz vorweg: Ich weiß, dass ich "eigentlich" ein wirklich tolles Leben habe und dass ich jetzt, mit 24/25 Jahren das erste Mal unglücklich bin, spricht für sich. Außerdem weiß ich auch, dass ich aus dieser schwierigen Zeit viel gelernt habe/noch lerne und - auch wenn es zwischendurch echt beschissen war/ist - alles wieder gut werden wird.


Was passiert ist:
Ich hatte letztes Jahr einen Burnout, bzw. erkenne ich mich in dem Begriff "Erschöpfungsdepression" eher wieder. Ich war schon immer neben Schule/Uni sehr engagiert und leistungsfähig und habe/hatte auch immer Spaß daran, was auf die Beine zu stellen. Auch wenn's stressig war, ich hab irgendwie alles gut hinbekommen, im Chaos noch einen ruhigen Kopf bewahrt und, auch wenn ich zwischendurch mal geflucht habe, fand ich dieses Wirbeln toll. Normalerweise hatte ich auch immer genug Ausgleich, es war also nie ein Problem. Letztes Jahr hab ich ein paar sehr große Aufgaben in meinem Verein übernommen, musste mein Masterstudium natürlich fortführen und war privat noch sehr eingespannt. Ich hab mir dann immer noch paar Aufgaben aufgeladen, v.a. weil es mir Spaß gemacht hat und ich dachte "komm, streng dich noch etwas an, dann kannst du diese tolle Sache auch noch in deinem Leben unterbringen". Letztendlich habe ich mich total übernommen, hatte gar keine Zeit mehr um wirklich zu entspannen, ohne dauernd im Hinterkopf zu haben, was ich noch alles machen muss, wofür ich verantworlich bin bzw. wofür ich mich verantwortlich gefühlt habe.

Im Juni ging es mir das erste Mal richtig schlecht, ich hab das aber nicht damit in Verbindung gebracht, dass ich überfordert sein könnte. Auch wenn mich Freunde in diese Richtung angesprochen haben, habe ich abgewehrt - ich doch nicht! Ich hab meine schlechte Gefühlslage, auch in den folgenden Monaten, eher auf meinen Freund und angebliche Unstimmigkeiten in unserer Beziehung projeziert. Da musste doch ein Problem sein, mir ging es ja gut und liebte mein stressiges, aufregendes Leben. Wirklich Klick gemacht hat es erst im September, als ich mir eine Krankschreibung holen wollte, um noch eine Hausarbeit zu schreiben die ich bis dahin nicht angefangen hatte (bzw. nicht schreiben konnte). Ich habe bemerkt, wie mich das Gespräch mit dem (wirklich tollen und kompetenten!) Hausarzt aufgewühlt hat - und hab dann mal zugelassen, über mich nachzudenken.

Daraufhin war ich ziemlich schnell fertig, weil alle Schleusen geöffnet waren. Ich hab mich verkrochen, wollte niemanden sehen, habe zum Teil morgens nach dem Aufstehen schon geheult und bin sofort wieder ins Bett. Also komplett fertig. Dazu kommt, dass die meisten meiner Freunde aus unserer Unistadt weggezogen sind, mein Freund im Ausland studiert und meine Heimatstadt mit Eltern und Freunden am anderen Ende von Deutschland liegt. Ich hatte also nicht wirklich jemanden vor Ort, mit dem ich reden konnte. Dazu kommt, dass ich mir unglaublich schwer getan habe, vor anderen, selbst engen Freunden und Familie, zuzugeben, dass und wie schlecht es mir geht. Ich hab wirklich sehr, sehr lange gebraucht, es mir selbst einzugestehen und halbwegs zu akzeptieren, habe aber auch viel nachgedacht und einiges erkannt (dazu mehr im nächsten Abschnitt).

Letztendlich, auch wenn ich meine Aufgaben Stück für Stück zurückgefahren habe, war ich irgendwie immer noch beschäftigt, v.a. weil ich nicht so einen radikalen Strich ziehen wollte/konnte - also alte Aufgaben noch abwicklen/übergeben, dann bin ich Ende Januar ins Auslandssemester gegangen, also packen, umziehen, sonstiges Organisatorisches. Ich bin noch bis Ende Mai im Ausland, dann geht's zurück nach Deutschland. Einerseits war es gut, dass ich weg bin - es war wirklich ein klarer Schnitt und ich musste/konnte mich nur mit mir beschäftigen. Andererseits war ich auch so mit mir beschäftigt und kraftlos, dass ich hier wenig Anschluss gefunden habe - das finde ich meistens nicht schlimm, aber trotzdem wäre es oft schön, vertraute Leute bei mir zu haben.


Meine Erkenntnisse - wieso es dazu kommen konnte und was ich (über mich) gelernt habe:
- Ich bin ehrgeizig, kann viel leisten und tue das auch sehr gerne - mir hat die Arbeit eigentlich zu viel Spaß gemacht und ich wollte alles in mein Leben rein pressen. Bisher war es immer so: was ich schaffen wollte, habe ich erreicht. Daher auch meine - wahrscheinlich zu harte - Einstellung mir gegenüber: Streng dich an, dann schaffst du das auch noch! Die Erkenntnis, dass ich nicht alles (auf einmal) kann, hat für mich ein totales Gefühl des Versagens gebracht. Rational weiß ich, dass es Blödsinn ist - aber subjektiv hat es sich so angefühlt. Ich bin noch nie in meinem Leben gescheitert und jetzt das erste Mal gleich mit Pauken und Trompeten (subjektiv gefühlt). Inzwischen habe ich das Scheitern mir "verziehen" und bin innerlich netter, nachgiebiger zu mir.

- Ein anderer Grund war, dass ich mich, v.a. nahestehenden Menschen gegenüber, nicht gut abgegrenzt habe und mich für Dinge verantwortlich gefühlt habe, die allein deren Aufgaben sind. Da habe ich Gespräche geführt und ziehe inzwischen deutliche(re) Grenzen - sowohl den Leuten als auch v.a. meinem "Ich muss mich da reinhängen"-Teufel gegenüber. Das klappt also inzwischen gut.

- Ich bin super im Verdrängen. Ich habe monatelang nicht auf mein Gefühl, dass es mir schlecht geht, gehört. Und auch in diesem Jahr - also "nach" dem Burnout - denke ich immer wieder, dass es mir ja inzwischen wieder gut geht - und stelle dann schockiert fest, dass ich meine Aufgaben immer noch nicht auf die Reihe kriege. Das hat auch das Vertrauen in meine Selbstkenntnis erschüttert - ich dachte immer, ich bin ein reflektierter Mensch - und dann kann ich mich so in mir selbst täuschen? Daran knappere ich immer noch etwas.

- Ich hasse es, schwach zu sein und will es nicht vor anderen zeigen. Hätte ich so nie von mir gedacht, aber so ist es. Ich habe immer viel Stolz aus meinem Tatendrang, meiner Leistungsfähigkeit gezogen, dass die Leute mir sagen "toll, wie du das alles hinkriegst". Dass ich es auch mal nicht kann, konnte ich mir selbst nur sehr schwer eingestehen. Freunden und Familie gegenüber war es unglaublich schwer, das in Worte zu fassen, ich musste das erst verarbeiten. Inzwischen spreche ich offener über meine Ängste zu versagen - v.a. mit meinem Freund. Er ist mir da eine unglaubliche Stütze und bestärkt mich auch immer weiter darin, offen mit ihm zu reden.


Mein Problem momentan:
Wahrscheinlich passt die Frage am besten "Wann hat der Scheiß endlich mal ein Ende?!"
Bewusst schlecht ging es mir vor einem knappen Jahr schon, der "Erkenntnisprozess" hat vor über einem halben Jahr eingesetzt - und trotzdem merke ich momentan ganz, ganz deutlich, dass es mir weiterhin nicht gut geht. Ich muss noch zwei Aufgaben für die Uni im Ausland beenden und paar organisatorische Sachen klären - Dinge, die mein "normales Ich" zwar eine Weile vor sich herschieben würde, weil es keinen Bock hätte, aber irgendwann angehen und gut und ohne Probleme erledigen würde. Ich im Moment? Zugeschnürte Kehle, Druck auf der Brust, könnte dauernd heulen, wenn ich mich mit meinen Aufgaben konfrontiert sehe. Wenn ich mich nicht damit auseinander setze, geht's mir gut (Stichwort Verdrängung...). Ich könnte auch ohne Probleme z.B. eine große Reise organisieren, ich krieg schon Sachen auf die Reihe - nur die wichtigen Sachen versetzen mich total in Panik. Und ich merke, wie ich unglaublich viel Kraft investieren muss, nicht a) alles zu verdrängen oder b) nur zu heulen und mich zu verkriechen.

Die Zeit im Ausland ist recht absehbar zu Ende, dazwischen mach ich noch eine kleine Reise mit Freunden von daheim, Ende Mai bin ich erstmal eine Weile bei meinen Eltern - ich könnte mich momentan also darauf freuen, bald wieder bei meiner Familie/Freunden zu sein. Ich müsste hier nur noch paar Kleinigkeiten erledigen, dann hätte ich alles "geschafft" - aber selbst die kleinen Aufgaben sind mir viel zu viel und ich würde mich am liebsten verkriechen, bis die Reise/die Heimfahrt ansteht.

Ich verstehe mich und meine Gefühle nicht - ich versuche ja, es "richtig" zu machen. Ich hab mir v.a. im Februar/März viel Zeit für mich genommen, über mich/meine Situation/mein Leben nachgedacht, mir klar gesagt, dass ich jetzt Pause hab und mich um keine Aufgaben momentan kümmere - und ich hatte sie auch nicht im Kopf, weil ich mir ein späteres Anfangsdatum dafür gesetzt hatte. Ich rede v.a. mit meinem Freund über meine Probleme und auch sonst sehr viel, ich habe regelmäßigen Kontakt zu Freunden/Familie daheim weil ich weiß, dass mir das gut tut. Mein Freund war mich im April besuchen, wir hatten eine tolle Zeit, wirklich Urlaub und ich hab dort auch viel Kraft geschöpft.

Ich hab so viele Fragen im Kopf: Müsste es mir nicht so langsam mal wieder gut gehen? Oder brauche ich noch mehr Zeit? Oder "gilt" die freie Zeit bisher nicht, weil ich nicht dauernd von lieben Menschen umgeben war - ginge es mir dann jetzt besser? Oder muss ich aktiv was machen, z.B. zum Psychologen gehen? (Ich war im Dezember einmal beim Uni-Psychologen, war ein gutes Gespräch - für mehr hatte ich zeitlich leider keine Zeit (Umzug ins Ausland) und da dachte ich ja auch schon, dass es mir inzwischen wieder besser geht...)

Hatte von euch schon mal jemand eine ähnliche Situation? Wie seid ihr aus diesem Tief wieder rausgekommen? Habt ihr einfach nur mehr Zeit gebraucht oder habt ihr aktive Schritte unternommen, damit es euch besser geht?


Danke, wenn ihr euch das durchgelesen habt! Ich freue mich auf eure Antworten! :smile:
 
2 Woche(n) später

Benutzer129692 

Beiträge füllen Bücher
Oder muss ich aktiv was machen, z.B. zum Psychologen gehen? (Ich war im Dezember einmal beim Uni-Psychologen, war ein gutes Gespräch - für mehr hatte ich zeitlich leider keine Zeit (Umzug ins Ausland) und da dachte ich ja auch schon, dass es mir inzwischen wieder besser geht...)
Wenn es Dir nicht gut geht, würde ich Dir raten, Dir professionelle Hilfe zu holen und Dich parallel dazu auch körperlich durchchecken zu lassen, um körperliche Ursache (wie beispielsweise Probleme mit der Schilddrüse) ausschließen zu können. Hat der Uni-Psychologe denn festgestellt, dass Du einen Burnout hattest oder ist das Deine eigene Vermutung?

Hatte von euch schon mal jemand eine ähnliche Situation? Wie seid ihr aus diesem Tief wieder rausgekommen? Habt ihr einfach nur mehr Zeit gebraucht oder habt ihr aktive Schritte unternommen, damit es euch besser geht?
Hier im Forum gibt es einige User, die schon Erfahrungen mit depressive Verstimmungen und/oder Depressionen machen mussten, die sich für mich zumindest auf den ersten Blick ähnlich äußern. Vermutlich können Dir diese User bessere Tipps geben als ich.

Die Zeit im Ausland ist recht absehbar zu Ende, dazwischen mach ich noch eine kleine Reise mit Freunden von daheim, Ende Mai bin ich erstmal eine Weile bei meinen Eltern - ich könnte mich momentan also darauf freuen, bald wieder bei meiner Familie/Freunden zu sein.
Bist Du denn inzwischen wieder Zuhause?
 

Benutzer13901  (46)

Grillkünstler
So dann äußere ich mich mal als Betroffener denn ichkenne das was du da beschreibst selber sehr gut und ich kann dir eigentlich nur raten dir proffesionelle Hilfe zu holen denn alleine kommt man aus dem Loch nicht raus das kannst du mir glauben.
Auch wenn es den Anschein macht dir würde es besser gehen ist das meist nur ein Verdrängungsmechanismus und nicht die Lösung der Ursache dazu bedarf es schon etwas mehr.
Es kommt ja auch immer drauf an worin deine depressive Verstimmung begründet liegt und ich bin bestimmt kein Therapeut aber da gibt es halt tausende von Gründen.
Ich weiß nur das man das Gefühl haben kann es geht einem gut aber immer wieder kommen diese Täler.
Geh zum Unipsychologen und wenn der zu wenig Zeit hat soll er dich oder dein Hausarzt zu einem anderen überweisen....lieber zu früh als zu spät wenn du mehr wissen möchtest darfst du mich auch gerne per pn anschreiben
 

Benutzer106548 

Team-Alumni
Ich kann eigentlich nur das gleiche wie Stonic Stonic sagen. Auch ich hatte vor einigen Jahren einen Burn-Out mit mittelschwerer Depresion (so diagnostiziert). Und hatte das Riesen-Glück, dass ich schon im zweiten Versuch an eine für mich perfekt passende Therapeutin gekommen bin.
Zwei Dinge neben vielen anderen haben mich damals weiter gebracht:
- sie hat mir sehr deutlich gemacht, dass man selber und sein Leben nicht mehr so wird wie vorher. Aber wenn man das kapiert hat, kann man auf einmal viel klarer nach vorne schauen und lernen, mit der Erfahrung/der Krankheit zu leben und den Umgang mit ihr regelrecht zu erlernen
- sie hat mir Hilfsmittel gezeigt, die mir in Situationen, wo ich merke, da kommt wieder "was" hoch, helfen, ruhiger zu werden, "es" gar nicht erst wieder Besitz von mir ergreifen zu lassen. Das geht von präventiven Dingen bis hin zu Akut-Übungen.
Ob das Hilfen für Dich sind, kann ich nicht sagen. Aber ein guter Therapeut wird schon heraus finden, an was er mit Dir arbeiten kann und was er Dir für Hilfen für die Zeit nach der Therapie mitgeben kann.
Burn-Out/Depressionen sind für Psychiater (Finger weg von Psychologen oder einfach nur "Therapeuten"!) nichts Unbekanntes und in aller Regel behandelbar.
 
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