Moral versus Kultur (oder: Kafka)

Benutzer12616  (32)

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Ich hatte gerade erneut eine Diskussion darüber mit einem Freund - und hielt es doch für interessant genug, um euch zu befragen. Ich fasse mich kurz:

Max Brod, der "Entdecker" Franz Kafkas, hat diesen nicht nur zu mehr schriftlicher Aktivität ermuntert, nein, ein großer Teil Kafkas Werke wurden von ihm auch gegen Kafkas Willen posthum veröffentlicht.

Hierzu mehr:
Kafka starb 1924 und hatte letztwillig verfügt, alle seine literarischen Aufzeichnungen zu vernichten. Als Nachlassverwalter hatte er Max Brod eingesetzt. Brod aber glaubte, die angeordnete Vernichtung von Kafkas Notizen kulturell nicht verantworten zu können. Er fühlte sich sittlich verpflichtet, die Welt auf Leben und Denken Kafkas aufmerksam zu machen. Brod hatte Kafka als den „größten Dichter unserer Zeit“ gerühmt, als dieser noch keine einzige Zeile veröffentlicht hatte.
[Quelle: Wikipedia - Max Brod]

->

Nun, zum Einen würde ich mich für eure Meinungen zu speziel diesem Fall interessieren, zum Anderen möchte ich aber auch wissen: Wie hättet ihr an Max Brods Stelle wohl gehandelt / Wie entscheidet ihr, wenn ihr euch eines Tages in ähnlicher Lage befinden solltet?
 
M

Benutzer

Gast
Kunst hin oder her, der letzte Wille eines Menschen sollte geachtet werden. Kafka hatte sicherlich seine Gründe, warum er verfügt hatte, dass alle literarischen Aufzeichnungen vernichtet werden sollen.

Da ich möchte, dass meine Wünsche respektiert werden, würde ich mich auch nicht über solche Verfügungen hinweg setzen.
 

Benutzer72433 

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wärs nur nen geäusserter wunsch weiss ichs nicht. hätte ich zugesagt ihm seinen wunsch zu erfüllen wärs keine frage, dann würd ich mich dran halten.
 

Benutzer41942 

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hätte er sie vernichtet wären uns im unterricht so einige laaaaaaaaangweilige stunden erspart geblieben.. aber das nur so neben bei...

zum thema: ich würde den letzten willen auch respektieren...grundsätzlich gesprochen... aber das muss man von fall zu fall entscheiden... wüsste ich zB dass kafka einfach nicht überzeugt genug von seinen werken war und ich wäre sicher, dass sie der hammer sind, würde ich sie veröffentlichen, weil der grund dann legitim ist meiner meinung nach... wenn ich allerdings weiß, dass es um persönliche gründe geht, zB sein privatleben (zB in Briefen)oder sowas, dann würde ich das selbstverständlich respektieren
 

Benutzer85415 

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Einerseits finde ich es nicht so schlimm, denn tot ist tot, Kafka hat sich also wohl nicht darüber geärgert.
Andererseits hätte ich gut auf seine Bücher verzichten können, ich bin nämlich absolut kein Fan von ihm.
Aber eigentlich sollte man die Wünsche natürlich schon respektieren, wo für macht man denn ein Testament wenn es keiner beachtet?!
 

Benutzer78484 

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Meiner Meinung nach ist ein Grundrecht auf einen "letzten Willen" ziemlich kritisch zu sehen, man kann es zumindest nicht so ohne weiteres einfach begründen.
 

Benutzer6874  (35)

Benutzer gesperrt
Kafka liegt mir persönlich auch nicht, ich habe nach der Schule nichts mehr von ihm gelesen.

Aber Diotima hat die Frage grundsätzlich gestellt, drum kann ich das ausblenden.
Oder damit sie mich betrifft, Kafkas Bücher z.B.durch die Opern von Mozart ersetzen

Also. Die Frage war für Kafka nicht befriedigend zu lösen :tongue:

Die einen werden sagen, ein so grosses künstlerisches Werk gehört der Menschheit, und nicht mehr nur dem Urheber. Kafka selber könnte sein Werk unterschätzt haben, oder es war ihm zu wenig vollkommen. Wenn das jeder Dichter oder Komponist denkt, gäbe es überhaupt keine Kultur. Man könnte also sagen, Kafka hat gegen die ungeschriebene Regel der Menschheit verstossen, dass sein Beitrag zur Kultur Allen gehört.
Das waren vermutlich auch die Gedanken von Max Brod.

Die andern werden sagen: Kafka ist von Max Brod hintergangen worden. Max Brod hätte Kafkas Romane verbrennen müssen.
Doch wie würde Max BRod heute da stehen? Als Buhmann der Literaturgeschichte.....
 

Benutzer70315  (32)

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Wenn es Kafkas Wille war, hätte dieser befolgt werden sollen! Hinter jeglicher Art von Kunst steckt schließlich ein Mensch!

hier geht es letztlich darum, welche Moralvorstellungen man vertritt.
 

Benutzer54399 

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In genau diesem Fall hätte ich wie Brod gehandelt. Er hatte die Werke und wusste, dass sie gut sind. Es ging ja nicht darum, dass man Kafka nach seinem Tot lächerlich machen wollte, sondern der Menschheit ein Stück Kultur zu schenken.

Der letzte Wille sollte natürlich grundsätzlich geachtet werden, wenn es aber um so etwas geht, dann ist meiner Meinung nach die Ausnahme gerechtfertigt. Muss natürlich von Fall zu Fall unterschieden werden.
 

Benutzer79369 

Benutzer gesperrt
wenn heute keiner von kafkas werken wüsste, dann wüsste eben keiner davon. und das kann man natürlich auch auf jeden anderen übertragen. es würde mich also folglich gar nicht interessieren, ob da kulturell irgendwas flöten geht.

und wenn jemand seine gedanken, erlebnisse,... der offentlichkeit nicht zur verfügung stellen will, dann ist das so. da komme ich doch nicht an und widersetze mich dem ganzen einfach.
 

Benutzer37350 

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hätte er sie vernichtet wären uns im unterricht so einige laaaaaaaaangweilige stunden erspart geblieben.. aber das nur so neben bei...

Über solche Aussagen kann ich nur den Kopf schütteln.

Letzter Wille hin oder her, Max Brod hat der Menschheit einen gigantischen Dienst erwiesen, indem er sich über Kafkas Willen hinweggesetzt hat.
Hätte er ihn befolgt wäre schlicht und ergreifend der wichtigste und einflussreichste Schriftsteller der Moderne und der Wegweiser für die moderne Literatur niemals entdeckt worden. So einfach ist das. Und das Argument "Aber dann wüssten wir dann doch gar nicht und es würde uns dann auch nicht stören." ist absolut null gültig.
Der großen kulturellen Verpflichtung die Brod verspürte und seinem treffsicheren Instinkt über den Wert dieser Werke haben der deutschen Kultur einen gigantischen Dienst erwiesen.
Kafka war nun mal ein sehr unsicherer Typ (obwohl er keinesfalls nur im dunklen Kämmerchen für sich geschrieben hat, wie viele immer glauben) und gerade diese charakterlichen Eigenschaften machten ihn auch zum dem visionären Autor, der er war.
 

Benutzer12616  (32)

Sehr bekannt hier
Über solche Aussagen kann ich nur den Kopf schütteln.
Ebenso. Aber nun gut. Über Geschmäcker...
Das soll hier mal nicht Thema sein.
Kafka war nun mal ein sehr unsicherer Typ (obwohl er keinesfalls nur im dunklen Kämmerchen für sich geschrieben hat, wie viele immer glauben) und gerade diese charakterlichen Eigenschaften machten ihn auch zum dem visionären Autor, der er war.
Und genau hier hatte ich in der Diskussion mit besagtem Freund auch noch einen neuen Ansatzpunkt gefunden:

Kafka war verunsichert. Kafka wusste wie begeistert Brod von seinen Arbeiten gewesen ist, hat dennoch ihn zum Nachlassverwalter ernannt. Vielleicht, weil er in ihm auch einen Vertrauten sah und glaubte, sein Wunsch sei hier sicher. Vielleicht aber auch - und nun kommt pure, blinde Theorie: ... Vielleicht aber auch, weil er, wenn auch nicht mit seinem vollen Bewusstsein, hoffte, dass dieser die "richtige" Wahl treffen wird, was auch immer das sein möge.

Ich vergleiche es mit Folgendem, möglicherweise befand sich der ein oder andere in ähnlicher Lage: Man malt ein Bild, verfasst ein Gedicht, ... und ist sich über dessen Wert kaum bewusst. Nun zeigt sich ein Freund, Vewandter, Bekannter... jedoch hoch erfreut über diese Leistung und bei nächster Gelegenheit hängt das Bild am schwarzen Brett der Schule und wird der lyrische Erguss beim Familienessen vorgetragen. Man könnte eingreifen, aber all dies geschieht ohne offiziellen Segen, was die Blamage weniger unerträglich zu machen scheint. Also lässt man es, in der stillen und heimlichen Hoffnungen für das bißchen Anerkennung - aber unter schwachem Protest - eben doch geschehen.

Ohje, das habe ich nun weit gesponnen. Ist mir jemand gefolgt? =D

Das alles jedoch unabhängig davon, dass ich dennoch eher zur "moralisch korrekten" Seite tendiere. Der letzte Wille ist zu akzetieren. Immer.
 

Benutzer30217 

Sophisticated Sexaholic
Ich schätze Kafkas Werke und ich schätze ihn als Persönlichkeit.
Meines Erachtens nach wäre sein Wille (dennoch) zu achten gewesen.
Denn Kafka hat nun mal nichts mehr davon, dass sein Gedankengut weitergegeben wird.
 

Benutzer10855 

Team-Alumni
Das ist eine sehr interessante Frage, die ich auch überhaupt nicht beantworten mag :zwinker:

Zweifellos ist der Nachlaß Kafkas ein unglaublicher kultureller Schatz - aber ganz davon ab muss man sehen, in welchem Kontext diese Sachen geschehen sind und was für ein Mensch Kafka doch gewesen ist. Und Kafka war - nach allem was ich bisher gehört habe - durchaus eine ziemlich gestörte Persönlichkeit. Es ist nicht so, dass man immer die Dinge meint, die man auch sagt - besonders nicht, wenn man von Selbstzweifeln, Depressionen und Kummer geplagt wird. Soweit ich weiß, war Max Brod einer der besten Freunde Kafkas, der ihn gut gekannt haben muss. Von daher wird er halt eingeschätzt haben, wie der "letzte Wille" von Kafka in der Tat zu interpretieren gewesen sein muss. Anders formuliert: ich kann mir durchaus Situationen vorstellen, die mich ebenfalls dazu bringen würden, den letzten Willen meines (womöglich gestörten) besten Freundes "zu missachten".

Um hier adäquat nach der Moral fragen zu können, müsste ich mich näher mit dem ganzen Kontext beschäftigen, wozu ich im Moment nicht die Muße habe. Ich verurteile Max Brod jedenfalls nicht... :zwinker:

Oh, und ich schätze Kafkas Nachlaß sehr! :jaa:
 

Benutzer58944 

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Dann sollte man am besten jegliche Wissenschaft verbieten, wo es darum geht, Kulturen auszugraben, Gräber auszuheben. Auch die Archäologie müsste verboten werden, weil niemand möchte posthum nochmal ausgegraben und in Museen o. Ä. ausgestellt werden. Es müsste bei jedem Autor erst gefragt werden, wenn es um die Veröffentlichung geht! Genauso dürften auch keine Briefe, Liebesgedichte usw mehr veröffentlicht werden ( solang keine ausdrückliche Erlaubnis vorliegt )

Das ist weder gut für Wissenschaft, noch für die Allgemeinheit!
Ohne das alles, wäre die Welt sicher ein Stück weit ärmer!
 
V

Benutzer

Gast
Über solche Aussagen kann ich nur den Kopf schütteln.

Letzter Wille hin oder her, Max Brod hat der Menschheit einen gigantischen Dienst erwiesen, indem er sich über Kafkas Willen hinweggesetzt hat.
Hätte er ihn befolgt wäre schlicht und ergreifend der wichtigste und einflussreichste Schriftsteller der Moderne und der Wegweiser für die moderne Literatur niemals entdeckt worden. So einfach ist das. Und das Argument "Aber dann wüssten wir dann doch gar nicht und es würde uns dann auch nicht stören." ist absolut null gültig.
Der großen kulturellen Verpflichtung die Brod verspürte und seinem treffsicheren Instinkt über den Wert dieser Werke haben der deutschen Kultur einen gigantischen Dienst erwiesen.
Kafka war nun mal ein sehr unsicherer Typ (obwohl er keinesfalls nur im dunklen Kämmerchen für sich geschrieben hat, wie viele immer glauben) und gerade diese charakterlichen Eigenschaften machten ihn auch zum dem visionären Autor, der er war.

da hast du absolut recht, dem ist nichts mehr hinzuzufügen.
 

Benutzer79428 

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Also als Kafka-"Fan" bin ich ja froh, dass Max Brod so gehandelt hat wie er gehandelt hat.

Inwiefern ich anders gehandelt hätte, kann ich nicht sagen. Aus heutiger Sicht würde ich sagen, es war eine richtige Entscheidung. Allerdings muss man bedenken, dass aus Brods Sicht damals das ganz anders ausgesehen haben muss - immerhin war er mit der einzige, der wirklich an Kafkas Werke geglaubt hat. Einerseits hat er natürlich den letzten Wunsch eines Freundes missachtet, andererseits hat er ihn auch unheimlich geehrt dadurch, dass er ihm zu diesem bis heute anhaltenden Ruhm und Respekt verholfen hat. Ich denke, das kann man sehen wie man will.
 

Benutzer27629 

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Ich schätze Kafkas Werke sehr und bin deshalb froh, dass sie uns erhalten geblieben sind. Dass Kafka um die Begeisterung seines Freundes für seine Texte wusste und trotzdem genau diesen mit deren Vernichtung beauftragt hat, ist schon eine sehr widersprüchliche Sache, wie ich finde. Man kann rein moralisch für beide Entscheidungsmöglichkeiten argumentieren, ich tendiere aber doch eher dazu, die Entscheidung Brods zu stützen, da er Kafka jahrelang kannte und ganz andere Entscheidungsgrundlagen hatte als wir - nämlich nur einen geschriebenen Satz.
 

Benutzer20202 

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Um das zu beurteilen, müsste man vielleicht auch genauer wissen, wie diese Verfügung zur Verbrennung von allem ablief. Ich sehe einen Unterschied darin, ob es einsietig als Bitte im Testament stand, oder ob ihm Brod unter Ehrenwort versichert hat, das auch wirklich zu tun.
 

Benutzer14282 

Verbringt hier viel Zeit
Ich finde es respektlos und frech.
Über den literarischen Wert von Kafkas Werken (sofern man die Fragmente so nennen kann) lässt sich durchaus streiten, trotz dass sie in die Literaturwissenschaft nicht unerheblich sind.
Ich denke einfach, man sollte den letzten Wunsch einen Menschen, der einem offenbar vertraut, achten und ihm nachkommen, und nicht seine subjektive Meinung darüber, was man der "Welt" nicht vorenthalten sollte, davor anstellen.
Franz Kafka wird seine Gründe gehabt haben, warum er nicht wollte, dass seine Texte veröffentlich werden - und selbst, wenn dies nur Selbstzweifel waren, so hätte dem Wunsch entsprochen werden sollen.
 
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