Kopf in den Wolken und mein Leben zieht an mir vorbei.

Benutzer79428 

Meistens hier zu finden
Hallo ihr,

ich muss mir hier einfach Mal meinen Missmut über mich selbst von der Seele schreiben... der Titel sagt schon, was mein Hauptproblem ist. Ich bin eine Träumerin und die Zeit rinnt nur so durch meine Finger.

Schon immer habe ich sehr, sehr viel Zeit in einer mentalen Parallelwelt verbracht. Als Kind habe ich immer davon geträumt, was und wer und wo ich sein könnte und so weiter - wie Kinder das eben, denke ich, gerne tun. Nur ist es mir geblieben. Ich bin mit meinem Leben selten besonders zufrieden, ich fühle mich oft unverstanden, unerfüllt... und träume es mir dann einfach besser. Das ist kein bewusster Vorgang mehr, sondern es passiert, aber es kostet Zeit. Ich kann es auch nicht abschalten, es ist wie eine Sucht... irgendwie. Und ich bekomme den Eindruck, je mehr ich alles im Geiste durchlebe, desto weniger lebe ich wirklich. Die Gespräche, Aktivitäten, Dinge, finden nie ihren Weg in die Realität. Vielleicht auch, weil sie natürlich "perfekt" sind und es nie so perfekt sein könnte.

Und während in meiner Fantasie unheimlich viel passiert, ich schon alles kann und die halbe Welt bereist habe, Gespräche führe die so nie stattfinden werden, passiert in meinem "echten" Leben genau nichts. Ich studiere seit einem Semester, bin in eine neue Stadt gezogen und für eine Weile war ein neuer Schwung in meinem Leben. Aber ich habe totale Probleme, alles unter einen Hut zu bringen. Ich möchte so viel tun... mehr Lernen fürs Studium (ist nötig), meine sozialen Kontakte pflegen (das A und O für mich), meinem Hobby nachgehen, ein bisschen mehr Sport machen, ... ganz normale Dinge. Aber ich bin damit einfach überfordert, ich nehme mir unheimlich viel vor, bekomme meinen Hintern nicht hoch, träume vor mich hin und der Tag ist rum.

Da ich in Zukunft die finanzielle Unterstützung meines Vaters nicht mehr so bekommen werde wie ich es jetzt tue, sollte ich mir auch einen Nebenjob suchen. Aber irgendwas in mir sträubt sich dagegen. Wie auch gegen das Lernen und den Rest dieses "normalen" Lebens. Ich gestehe es mir ungern ein, aber ich bin unsagbar faul. Und habe wohl auch ein furchtbar verklärtes Bild der Realität. Ich fühle mich erfüllt, wenn ich Texte schreibe, dichte, male, fotografiere mit Freunden diskutiere, kreativ bin, reise, Menschen kennenlerne, eben meinen Interessen... das ist für mich das Leben und vor dem Rest versuche ich mich offenbar zu drücken. Dass es so nicht möglich ist, ein Leben in unserer Gesellschaft zu bewältigen, ist mir klar. Und trotzdem scheint mein Innerstes es nicht zu akzeptieren.

Andere Leute haben Karrierewünsche, Ehrgeiz, berufliche Ansprüche an sich. Freuen sich über gute Noten wie sonstwas... ich hatte auch immer ganz gute Noten, aber für mich war das immer alles mehr so ein "Nebending". Ich bin in die Schule gegangen, weil man halt Abi macht... jetzt studiere ich (zwar ein Fach das mich interessiert und reizt), weil man halt studiert... und weil ich nicht wüsste, was ich sonst tun sollte jetzt. Aber im Endeffekt habe ich das Gefühl, dass mich das alles nicht wirklich erfüllt. Ich kann mir absolut nicht vorstellen, 8 Stunden am Tag einem Job nachzugehen und das dann mein Leben zu nennen. Ich kann mir vorstellen, wie das jetzt auf Menschen im Berufsleben wirken muss und mir ist, wie gesagt, rational absolut bewusst, was ich hier rede... aber ich muss irgendwie schaffen, diesen Unwillen in mir loszuwerden.

Ich brauche zum Teil auch für einfache Vorhaben Wochen und Monate, ich schiebe alles vor mir her... selbst Dinge, die ich tun WILL und nicht MUSS. Ich weiß nicht, woher das kommt. Aber es geht mir gehörig auf die Nerven. Denn meine Zeit verstreicht "leer". Ich sehe anderen Leuten zu, die ebenfalls studieren, nebenbei jobben, Hobbies nachgehen, zT auch noch in Vereinen sind oder sich irgendwo engagieren und trotzdem noch ein soziales Leben haben. Es muss also möglich sein. Nur wie? Fehlt mir die Stärke und Energie?

Ich wüsste gerne was mich hemmt, aber ich komme wohl nicht mehr drauf. Und was ich mir hier erwarte, weiß ich auch nicht so genau... vielleicht Verständnis oder Erfahrungen von Leuten, denen es ähnlich geht/ging? Tipps? Überrascht mich :zwinker:
 

Benutzer39497 

Sehr bekannt hier
Ich kann dein Problem irgendwie sehr gut verstehen, denn so manches von dem du schreibst kommt mir von mir selbst bekannt vor.

Gerade Kinder denken sich gerne in andere Welten, schlüpfen gedanklich vielleicht in andere Rollen, die sich in besseren Lebenssituationen befinden und Eigenschaften verkörpern, über welche das Kind nicht verfügt, die es sich aber herbeiwünscht. Ein ständiges Hineinschlüpfen in andere Rollen, kann Ausdruck einer stark ausgeprägten kindlichen Phantasie sein und/oder darauf hindeuten, dass das Kind sich in seiner momentanen Lebenssituation aus diversen Gründen unwohl fühlt und deshalb in seiner Gedankenwelt Zuflucht sucht.

Wenn Jugendliche oder (junge) Erwachsene viel Zeit investieren, um sich solchen Träumereien hinzugeben, können ähnliche Gründe dafür verantwortlich sein, mit dem Unterschied, dass Erwachsene meist eine konkretere Vorstellung vom Leben, bzw. ihrem Leben haben und deshalb öfter unsanft aus ihren Träumen gerissen werden, weil sie sich der Konsequenzen stärker bewusst sind oder ihnen diese von Mitmenschen deutlicher vor Augen gehalten werden.

Du schreibst selbst, dass du mit deinem Leben selten besonders zufrieden bist, dass du dich oft unverstanden und unerfüllt fühlst und dich deshalb in deine Gedankenwelt flüchtest, wo du dir alles besser denkst. Warum du unzufrieden bist, das kannst nur du selbst ergründen und es stellt sich zunächst einmal die Frage, ob du selten zufrieden im Leben bist und dich unverstanden fühlst, weil du zu viel Zeit in deine Träumereien investierst und dementsprechend die Folgen zu spüren bekommst oder ob du dich in die Träume flüchtest, weil du aus anderen Gründen unzufrieden bist, wodurch sich dann eine Art Teufelskreis ergibt und deine Unzufriedenheit noch wächst, wenn du erkennst, dass du zu viel Zeit mit den Gedanken verschwendest und deshalb auf der Stelle trittst und im Leben nicht weiterkommst.

Es ist klar, dass es nicht einfach ist seine Traumwelten loszulassen und nicht immer wieder unbewusst in sie hinein zu flüchten, denn oft wird einem im Leben einfach manches zu viel, die allgemeine Unzufriedenheit verstärkt sich und dann geschieht das quasi ganz von selbst, dass man abschweift, sich ablenken und treiben lässt, denn man braucht zumindest für kurze Zeit von der Umwelt Abstand und gewinnt diesen Abstand dadurch.

Das Gefühl perfekt sein zu müssen, weil die Meinung vorherrscht, dass das Umfeld dies von einem erwartet oder weil die eigene Erwartungshaltung dementsprechend hoch angesetzt wird, so dass man dieser kaum gerecht werden kann, kann durchaus dazu verleiten sich in eine Welt zu flüchten, in der alles perfekt ist und die in der Realität nie so perfekt sein kann. Vielleicht hat man dir früher öfter das Gefühl gegeben nicht wirklich gut genug zu sein, weil man immer mehr von dir erwartet hat, als du gegeben hast oder geben konntest. Dadurch hast du irgendwann diesen überhöhten Anspruch an dich selbst gestellt, immer mehr zu geben und mehr zu leisten, weil du dir dadurch erhofft hast die notwendige Anerkennung von der Umwelt zu bekommen. Und weil du irgendwann das Gefühl hattest an deine Grenzen zu stossen, bot dir deine Gedankenwelt ein perfektes Ventil, um darin alles auszuleben, wie es deinen Wünschen und Erwartungen entsprach.

Ich kann mir vorstellen, dass der Umzug in die neue Stadt quasi einen neuen Abschnitt in deinem Leben darstellte. Gleichzeitig hast du den neuen Schwung in deinem Leben wahrgenommen, hast dich vielen zahlreichen neuen Möglichkeiten gegenüber gesehen und dabei erkannt was es alles zu tun gibt, dass darunter durchaus so manche Dinge sind, die dir Spass machen/bereiten würden, die sich in der Vorstellung auch locker bewältigen lassen, aber in der Umsetzung in die Praxis für dich dennoch schwer zu bewältigen sind. Da du es gewohnt bist dich mit all diesen Möglichkeiten, Vorhaben, Interessen und Pflichten in deinem Leben gedanklich intensiv auseinanderzusetzen, bleibt für die Umsetzung oft nicht genügend Energie und du fühlst dich verständlicherweise überfordert.

Deshalb auch dein Gefühl, dass du faul bist, weil du dich mit anderen in ähnlichen Lebenslagen vergleichst, die sich mit einer scheinbaren Leichtigkeit ins Leben stürzen und die Dinge einfach angehen. Alles was dir hingegen Spass macht und dich innerlich wirklich bereichert, alles was mit Kreativität und Diskussionen mit Mitmenschen zu tun hat, fällt dir wiederum leicht, zum einen weil du dich wirklich gerne damit beschäftigst und zum anderen vielleicht sogar deswegen, weil sie sich viel einfacher mit deiner inneren Gedankenwelt verknüpfen lassen, als z.B. nüchterne Dinge wie Lernen, wo du deine ganze Konzentration dafür aufbringen musst.

Wie du nun dagegen angehen kannst ist schwer zu sagen, denn dazu solltest du dich vielleicht erst einmal damit auseinandersetzen, warum du so oft in deinen Träumen lebst und gedanklich abdriftest. Wenn die Unzufriedenheit damit zusammenhängt, kannst du z.B. abwägen, ob es eine Möglichkeit für dich gibt, um dagegen anzugehen und wie diese aussehen könnte.

Wenn sie dich daran hindert im Leben weiterzukommen und dir Ziele zu setzen, dann stellt sich die Frage, ob und wie du die Unzufriedenheit eindämmen kannst und ob du vielleicht schon dadurch ein ganzes Stück zufriedener würdest, indem es dir gelingt mehr in deinem Leben anzugehen, statt so oft in deiner Gedankenwelt zu leben. Idealerweise kannst du, zumindest anfangs, das eine gut mit dem anderen kombinieren. Du redest ja davon mehr Sport zu machen und gerade beim Joggen z.B. wird Geist und Körper gleichzeitig angeregt und du könntest ja mal austesten, wie sich die Glückshormone, die dabei ausgeschüttet werden, sich auf deine Gedankenwelt auswirken und ob diese dadurch zumindest kurzzeitig in etwas andere Bahnen gelenkt werden kann.

Um das Leben allgemein von der anderen, praktischeren Seite anzupacken, empfiehlt es sich durchaus einen Zeitplan aufzustellen, wann du in etwa welche Aufgabe in welcher Zeit bewerkstelligen kannst/sollst. Wenn du dir anfangs noch mehr Zeit zur Verfügung einräumst, kannst du später das Zeitfenster immer noch eingrenzen, um mehr in der gleichen Zeit machen zu können. Ob dich deine Arbeit oder der Lernstoff von deinen Träumereien ablenken können, hängt wohl damit zusammen, mit welcher Leidenschaft du an die Arbeit und an das Lernen herantrittst. Da es sich dabei sehr wahrscheinlich um anspruchsvollere Tätigkeiten handelt, lassen sie sich nun mal mit deinen Phantasien in deiner Gedankenwelt schlecht verknüpfen.
 

Benutzer6208  (41)

Verbringt hier viel Zeit
Du solltest moeglicherweise durchaus auch in Erwaegung ziehen, professionelle Hilfe, d.h. z.B. von einem Psychologen, in Anspruch zu nehmen.
Das ist nichts wofuer man sich schaemen braucht. Genau fuer solche Faelle wie deinem sind diese Leute ausgebildet.
So wie du es beschreibst bist du dir deinen Problemen bewusst, moechtest sie auch angehen, schaffst es aber aus eigener Kraft nicht. Ich weiss nicht, ob dir da ein paar gutgemeinte Ratschlaege in einem Forum helfen koennen.
 

Benutzer50283 

Sehr bekannt hier
Kennt das nicht jeder zumindest phasenweise? Ehrlich gesagt würde ich das unter "disziplinlos" einkategorisieren (und mich direkt dazustellen :zwinker:). Doch was sagte einst ein weiser Mann? "Nothing thats worth having comes easy."
Ich würde mir an deiner Stelle einen Zeitplan aufstellen, reduzieren es geht und mir genau einteilen, wann was zu tun ist (Sachen, die dringend und wichtig sind, Sachen, die wichtig aber weniger dringend sind, Sachen, die weder wichtig noch dringend sind). Außerdem kann Sport beim Aufraffen helfen. Ich denke, dass es einfach zum Erwachsenwerden dazugehört, dass man Prioritäte sinnvoll setzt und sich seinen Tag selbst so strukturiert, dass man glücklich damit wird und trotzdem das Notwendige schafft. Manche bekommen das so hin, andere schlingern durch die Gegend und benötigen klarere "Richtlinien".
Ich gehöre auch eher zu den Menschen mit ausgeprägtem inneren Schweinehund, die momentan lieber den ganzen Tag bei Freunden herumhängen, auf der Gitarre zupfen, kochen... anstatt Hausarbeiten zu schreiben. Mein cooles System: Mit jemandem absprechen, dass man jetzt zwei Stunden konzentriert arbeitet. Der andere überlegt sich dann eine Belohnung bzw. eine Bestrafung und am Ende kommt die Überraschung bzw. wenn man vorher aufhört, die Strafe. Ja, so ganz selbstständig ist das nicht, aber die zwei Stunden sind dann doch recht motivierend. Oder: Designierte Lernzeiten in die Bib legen und dann schöne Aktivitäten für danach planen. Beispielsweise: Den Morgen verbringe ich, wie es mir gefällt. Um eins gehe ich in die Bib und lerne bis abends, bis die Konzentration weg ist. Anschließend gehe ich zu XY und koche was Leckeres.

Du denkst, dass dich dein Studium nicht erfüllt? Kannst du dir etwas Erfüllenderes (im Rahmen deiner Möglichkeiten) vorstellen? Wenn nicht, würde ich meine ganze Energie so lange ins Studium stecken, bis ein sicherer Plan B gefunden ist - und mich nicht damit herausreden, dass mich die ganze Sache ja eigentlich nicht erfüllt. Das ist wieder so ein Spalt, durch den der innere Schweinehund sein Köpfchen prima stecken kann.
Der Unwille, den du beschreibst, gehört für mich zur "lebenspraktischen Reife". Hab ich auch nicht wirklich, wird meine Mutter bspw. nie haben (dafür war und ist sie aber auch permanent abhängig von anderen Menschen), ist aber erstrebenswert. Sich zusammenreißen. Realistisch gucken, was man aus seinen Möglichkeiten machen kann. Wenn du dich auf die Uni konzentrierst, Ausgleich suchen. Du verfällst immer dem (euphemisierten spirituellen^^) Gammeln, wenn du keinen klaren Plan hast, wenn ich deinen Text richtig verstanden habe. Also: Diese Lücken gar nicht erst zustande kommen lassen.
Manchmal muss man sich wohl zusammenreißen, damit man langfristig eine schöne Zeit haben kann. Zufrieden bist du ja trotzdem nicht, probiers doch mal, dich um viele Aktivitäten zu bemühen, dich häufig mit Freunden zu treffen, eine neue Sportart zu beginnen, dir einen Job zu suchen, vielleicht in einem Verein ehrenamtlich auszuhelfen (oder so) und dich außerdem noch auf die Unisachen zu stürzen.
Je weniger Energien du darauf konzentrierst, deiner Wunschwelt hinterherzutrauern, desto mehr Zeit hast du, den tatsächlichen "Flow" zu genießen. Man muss "nur" einmal anfangen und dabei bleiben, meiner Erfahrung nach ist der Anfang gar nicht so schwierig, die erste Zeit auch nicht, aber sobald man wieder in alte Gewohnheitsmuster verfällt, wirds anstrengend und man muss aufpassen, dass man dabei bleibt ...sprachs, und war selbst unglaublich faul :zwinker:.
 

Benutzer103134  (43)

Sorgt für Gesprächsstoff
Wozu sind Traumwelten gut? Ich weiß es auch nicht so richtig. Auf jeden Fall haben sie den Beigeschmack, dass man sich gerne in diese Welten flüchtet, wenn man sich der Realität, den Problemen nicht stellen will oder die Probleme einem über den Kopf gewachsen sind. Du kannst ja mal schauen, wann konkret bei dir diese Traumwelten angefangen haben und wie deine persönliche Situation aussah.

Du hast im Prinzip zwei Probleme bzw. zwei Aufgaben: Zum einen dich den existenten Schwierigkeiten zu stellen und mutig diese anzugehen, zum anderen eine Gewichtung aufzustellen, was für dich und dein Leben am wichtigsten ist: Arbeit oder soziale Kontakte pflegen? Manchmal muss man eben den Mut haben sich mal gegen die Pflege der Kontakte zu wenden, wenn die Arbeit ja ein essentieller, auch existentieller Bestandteil des Lebens ist.
 
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