Ist das jetzt für immer?

wortevollerliebe
Benutzer171344  (27) Sorgt für Gesprächsstoff
  • #1
Diesen Text habe ich vor Jahren im Rahmen eines Poetry-Slams/für meinen ersten Freund geschrieben, heute auf meinem Laptop wiedergefunden und musste schmunzeln, teils konnte ich mich immer noch darin wiederfinden. Vielleicht kann ja jemand von euch was damit anfangen :smile:

„Naja, wer weiß, ob das hält.", sagst du fast zögerlich und nimmst einen weiteren kleinen Schluck deines Kaffees. „Wie meinst du, warum sollte es nicht halten?".
Natürlich sprechen wir wieder von deinem Freund Lukas, natürlich kriselt es wieder und natürlich denkst du leider gleich wieder daran, dich zu trennen, um dir Ärger zu ersparen.
In deinem Blick liegt leichtes Verwirren, ehe du nach einer halben Ewigkeit zögernd hervorbringst: „Naja, ist denn in dieser Zeit schon irgendetwas für immer?"

Ob in 'dieser Zeit' wirklich noch etwas für immer ist, habe ich mich mit Blick auf meine Generation schon oft gefragt. Da gibt es die nachdenklichen Tumblr-Posts, die darauf hinweisen, dass Liebe weh tut, man es besser gar nicht versuchen, sich auf ewig unter seiner Bettdecke verkriechen und Netflix binge- watchen sollte. Dort sind die Instagram- „Persönlichkeiten", bei denen jeder zweite Post ein Selfie mit dem „best boyfriend ever" ist und die ewige Liebe schwört. Die Kommentare unter den Bildern reichen von „Traumpaar!!" bis zu „#couplegoals". 'Schaut man sechs Monate später auf das Profil, muss man feststellen, dass der Freund verschwunden ist. Stattdessen wird das „Ich bin eine starke Frau, die keinen Mann an ihrer Seite braucht!!" auf einmal umso stärker zelebriert. Menschen scheinen ersetzbar, was nicht nur an unseren sozialen Netzwerken erkennbar ist, sondern auch an unserer Form zu daten. Tinder, Lovoo, Badoo.....ein Wisch und schon steht einem die Welt offen.
Und damit die Möglichkeit von Treffen zu Treffen zu hüpfen, aus einem Gespräch nie mehr werden zu lassen, da die 29-Jährige Nadine eine hübschere Stupsnase hat und allgemein schon mehr gereist ist als man selbst. Eine gute Zeit zu haben scheint mehr zu bringen, als sich länger mit einer Person zu beschäftigen. Sich auf jemanden einzulassen....das erfordert ja emotionale Offenheit....o Gott...man könnte sich verletzlich machen, dem anderen sein wahres Ich offenbaren und ihn richtig kennenlernen. Nein, wenn man so darüber nachdenkt, ist das ja auch viel zu viel Arbeit...man ist doch noch jung, will sich austoben, genug erleben. Da ist es doch selbstverständlich, in eine Sache rein und ebenso schnell wieder rauszufallen...oder? Ist das denn Ausrede genug, um Menschen auszutauschen wie den Pyjama? Oder ist es gar keine Ausrede, sondern wirklich nur reines Erfahrungen sammeln?

Mit derselben Nüchternheit erklärt mir meine Freundin einige Monate später, dass sie sich von ihrem Freund getrennt hatte. „Ist halt so. Da muss ich weitermachen....am Anfang denkt man, es wäre für immer. Man will Kinder, plant nach Berlin zu ziehen..und dann kommt irgendwann der große Schlag." Ich wusste darauf nichts zu erwidern, weswegen ich nur müde mit den Schultern zuckte. Zwei Wochen später rief sie mich an, schwärmte von Nils, dem Koch, den sie auf einer Dating-App kennengelernt hatte. Auf einmal war er der Mann für's Leben. Bis ein halbes Jahr später der nächste Mann in ihr Leben geschlittert kam...und siehe da, der passte perfekt. Wie der Mann davor....

Seit wann sind wir müde geworden, von einem Menschen genug zu haben? Waren wir schon immer die menschliche Form der Raupe Nimmersatt? Auf der Suche nach neuen Erfahrungen und Menschen, die so viel besser klingen als die, die man gerade um sich hat...

Natürlich weiß man am Anfang nie, worauf man sich einlässt, wenn man eine Person trifft. Aber man kann zumindest versuchen, das Beste daraus zu machen. Jeder von uns ist doch insgeheim auf der Suche nach dem Puzzleteil, dem Gegenstück, das uns endlich komplettiert....damit die Suche endlich vorbei sein kann. Umso kritischer wird man, hat man dies noch nicht gefunden. Es gibt einen Kumpel, der eine Frau abwies, weil sie keine Animes mochte und einen anderen, bei dem im Gespräch mit der Dame auf einmal die „Luft raus war", da sie nichts mit Serien anfangen konnte. (und die nebenbei bemerkt auch noch seine Zahnärztin war) Hauptsache, die andere Person lässt man nicht an sich heran. Lieber härtet man emotional ab, sobald das Gegenüber auch nur den Hauch einer Gefühlsregung zeigt, hat man die Möglichkeit schnell abzuhauen. Manchmal wird man noch vorgewarnt, dass man „nichts Festes" möchte. Immer öfter aber eben nicht. „Hast du das nicht gewusst? War das nicht klar, dass das, was zwischen uns war ein Spiel mit der Zeit ist?", wurde ich schon einmal gefragt. Nein, mir war durchaus nicht bewusst, dass jede Art von Beziehung ein Ablaufdatum haben muss.

Aber eine hoffnungslose Romantikerin wie ich es bin war immer auf der Suche nach dem Einen, der alle meine Sorgen vergessen lässt und mein Leben ein bisschen schöner macht. Ernüchtert musste ich feststellen, dass die meisten in meinem Umfeld diese Ansicht nicht ganz teilten. „Woher willst du denn wissen, ob du mit diesem Menschen wirklich auf die Dauer leben kannst?", „Nichts ist für immer. Und die wahre Liebe existiert schon gar nicht!", „Du musst sehen, ob er wirklich dein Traumprinz ist. Und wenn nicht, wird der ganz bestimmt noch kommen." Ich suchte, suchte und schien nie zu finden. Und auf einmal saß ich in der WG meiner besten Freundin, neben mir ein großer, schlanker junger Mann, der mich mit freundlichen, erwartungsvollen Augen ansah
Ich fing ein belangloses Gespräch an, merkte ziemlich schnell, dass man sich gut mit ihm unterhalten konnte, merkte auch, dass er Wochen später einen ziemlich guten Eindruck machte, meine Ängste nahm. Auf einmal steckte ich mittendrin: In dieser geheimnisvollen Blase, die sich Beziehung nennt und nur von Menschen verstanden werden kann, die selbst darin eingeschlossen sind. Zum ersten Mal stand ich unter wirklichem Druck: Ihm wollte ich gerecht werden, aber auch zeigen, dass es anders geht. Man will es ja- verständlicherweise- immer anders machen als die Freundin, die sich jahrelang von einem Mann abhängig gemacht hat. Man will beweisen, dass es auch anders geht und denen Hoffnung machen, die noch niemanden gefunden haben. Damit man auch noch nach Jahren stolz sagen kann: „Ja, WIR sind ECHT immer noch zusammen!!"

Auf einmal stand ich vor der großen Frage: „Ist das jetzt für immer?" Die Antwort selbst gibt einem nur die Zeit. Anfangs ist alles etwas gewöhnungsbedürftig, vor allem, wenn man zweiundzwanzig Jahre seines Lebens alleine verbracht und ausschließlich Netflix seinen Lebenspartner nennen durfte. (Wie viel Liebe benötigt denn ein Mensch? Wann muss er gefüttert und ausgeführt werden??) Man muss konstant an einem Strang ziehen und manchmal Macken akzeptieren. Wenn der Freund schon seit vier Wochen verspricht, dass „nächste Woche" ganz bestimmt das WG- Zimmer aufgeräumt ist und er seine Zwiebeln nur mit Taucherbrille schneidet, kann das sehr nervig sein, hat aber gleichzeitig auch irgendwie etwas liebenswertes an sich. (Ich für meinen Teil kenne jedenfalls niemanden, der mit einer Taucherbrille auf der Nase Zwiebeln schneidet!)

Mit dem richtigen Menschen ist dieses 'Für immer' vielleicht gar nicht so furchterregend, auch wenn sich an manchen Tagen die Wäscheberge türmen. Dann muss man eben mit einem Lächeln darüber steigen, sich in die Augen sehen und denken: Genau deshalb ist das alles etwas wert.
 
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