Integrität

Benutzer91095 

Team-Alumni
Früher von mir als idealer Charakterzug betrachtet, den ich anzustreben versuchte (und ich würde mich auch als relativ erfolgreich darin betrachten), bin ich mir mittlerweile nicht mehr so sicher, ob ich das immer noch so sehen soll, oder ob meine Vorstellungen von Integrität vielleicht zu eindimensional waren.

Unter Integrität verstehe ich eine Form des Verhaltens, das mit meinen Werten im Einklang steht. Ich habe das immer als recht "direkte" Qualität empfunden, heißt, für andere auch erkenntlich und sichtbar. Intentionen klar, Verhaltensweisen konsequent, Herz auf der Zunge, ehrlich, verlässlich, korrekt, keine Manipulation und kein absichtliches Verwischen der Tatsachen. Einfach eine Person, die – wenn man sich mit ihr beschäftigt – klar begreifbar ist, auch wenn sie noch so vielschichtig/tiefsinnig ist.

Seit ein paar Jahren bin ich im Berufsleben, merke, dass dieser Charakterzug (bzw. meine Interpretation davon) nicht unbedingt der zielführendste ist. Versteht mich nicht falsch: Er ist auch nicht unbedingt hinderlich, er bringt mir Respekt ein und Leute schätzen ihn auch sehr. Aber eine großzügige Flexibilität in puncto Ehrlichkeit, Konsequenz, etc. kann doch sehr hilfreich sein, um seine Agenda durchzubringen. Fakt ist aber, dass man da durchaus in eine emotionale Zwickmühle gerät. Kann ich Leute bewusst anlügen oder mich ihnen anbiedern, falsch sein, um hinterher meine Ziele zu erreichen (so gut und sinnvoll die auch sein mögen). Heiligt der Zweck die Mittel? Am Ende merke ich: Ich bin emotional gar nicht in der Lage dazu, auch wenn ich rational gesehen viel Sinn sehe, so vorzugehen. Vielleicht entspringt diese Erkenntnis einem gewissen Zynismus, denn konsequent, korrekt und ehrlich zu sein, scheint im Arbeitsleben doch oft vergeudete Liebesmüh. Etwas Flexibilität in dem Bereich täte mir wohl wirklich gut.

Wie macht ihr das? Und, kommt ihr emotional damit klar? Wie findet ihr Leute, die in der Lage sind, auf diese Art ihre Ziele durchzubringen? Ich persönlich fand sie früher schrecklich. Mittlerweile muss ich aber sagen, dass ich das irgendwo beneidenswert finde (bitte denkt dran, dass es nicht immer nur egoistische Fieslinge sind, die dieses Spiel beherrschen).
 

Benutzer77547 

Planet-Liebe Berühmtheit
Hm, ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich dein Problem richtig verstehe.
Für mich persönlich ist Integrität aber schon ein sehr hohes Gut. Ja, und ich strebe es an, integer zu sein. Ein "guter Mensch" ist für mich zwangsläufig auch ein Mensch mit ausgeprägter Integrität.

Natürlich gelingt es weniger integeren Menschen bisweilen besser ihre Ziele zu erreichen.
Aber für mich heiligt der Zweck eben nicht die Mittel. O.K., das ist eine uralte moralphilosophische Kontroverse (utlitaristische vs. deontologische Ethik), an der sich schon ganz andere die Zähne ausgebissen haben. Persönlich habe ich da aber meine Entscheidung schon lange getroffen, auch wenn es sich vielleicht zu einem Großteil um eine Bauchentscheidung handelt.

Hilfreich für die Diskussion wäre es, wenn Du vielleicht mal ein konkretes alltagsnahes Beispiel bringen könntest. Ich habe da nämlich schon eher den egoistischen Fiesling im Kopf, den Du aber ja wohl nicht meinst.

P.S. "Sein Herz auf der Zunge zu tragen" würde ich übrigens nicht unbedingt und immer als Ausweis von Integrität deuten. Das kann auch ein "Elefant im Porzellanladen" sein. Man kann auch "ehrlich" und "verlässlich" sein, ohne gleich allen Leuten um sich herum alles mögliche vor den Latz zu knallen ohne Rücksicht auf Verluste....Aber das hast Du evtl. gar nicht gemeint.
 

Benutzer111070 

Team-Alumni
Mir ist Integrität auch sehr wichtig. Ich treffe da allerdings durchaus Abstufungen und bin hin und wieder etwas flexibel - nämlich gegenüber Menschen, die mir - emotional gesehen - gleichgültig sind. Mein Herz trage ich nämlich sowieso nicht auf der Zunge, also können diese Leute in der Regel eh nicht wirklich einschätzen, welche moralischen Maßstäbe ich habe und warum ich wie handle.
Ein gewisses "Basis-Rückgrat" überdehne ich grundsätzlich nicht, weil der Zweck die Mittel eben meist doch nicht heiligt und ich eine gewisse Aufrichtigkeit einfach als selbstverständlich betrachte, aber absolut konsequent bin ich wohl nur gegenüber Personen, die mir irgendwie nahestehen.
 

Benutzer91095 

Team-Alumni
Hilfreich für die Diskussion wäre es, wenn Du vielleicht mal ein konkretes alltagsnahes Beispiel bringen könntest. Ich habe da nämlich schon eher den egoistischen Fiesling im Kopf, den Du aber ja wohl nicht meinst.

Konkrete Beispiele möchte ich hier nicht geben, weil das zu kompliziert wird. Aber angenommen, du hast mit egoistischen Fieslingen zu tun, dann ist es sinnvoller, du bist in der Lage, die zu manipulieren, dass sie keinen Blödsinn mit anderen Leuten/Dingen anstellen können, als wenn du ihnen klar zeigst, dass du sie blöd findest, und sie dir dann entweder die Quittung dafür geben oder einfach tun, was sie wollen.

P.S. "Sein Herz auf der Zunge zu tragen" würde ich übrigens nicht unbedingt und immer als Ausweis von Integrität deuten. Das kann auch ein "Elefant im Porzellanladen" sein. Man kann auch "ehrlich" sein, ohne gleich allen Leuten um sich herum alles mögliche vor den Latz zu knallen ohne Rücksicht auf Verluste....Aber das hast Du evtl. gar nicht gemeint.

Ah, nee, das hab ich nicht gemeint, falsche Metapher verwendet. Ich meinte eher: Wenn ich jemanden nicht sympathisch finde, dann merkt er das auch. Ich kann das nur schwer verheimlichen. Man merkt es an meinem Verhalten der Person gegenüber. Natürlich bin ich dabei professionell, aber mit Leuten, die ich mag, bin ich herzlich. Mit anderen nicht. Dadurch fällt es schnell auf, wenn man mich beobachtet.
 

Benutzer68775  (36)

Planet-Liebe Berühmtheit
Wie macht ihr das? Und, kommt ihr emotional damit klar? Wie findet ihr Leute, die in der Lage sind, auf diese Art ihre Ziele durchzubringen? Ich persönlich fand sie früher schrecklich. Mittlerweile muss ich aber sagen, dass ich das irgendwo beneidenswert finde (bitte denkt dran, dass es nicht immer nur egoistische Fieslinge sind, die dieses Spiel beherrschen).

Ich habe schon auf der Uni gelernt... flexibel zu sein um zu erreichen was ich will - und der Bedarf wurde nicht geringer mit dem älter werden. Ich denke ich komme damit in so fern gut zurecht, dass ich nur vor meinen eigenen Maßstäben bestehen mus, und die sind nicht zwingend konform mit den gängigen Moralvorstellungen.

Ich habe nur ganz wenige wirklich fixe, unbrechbare Regeln, bei denen ein ... Umgehen schon mich belasten würde.

Allerdings ziele ich auf keine Karriereleiter ab und man könnte was ich mache manipulatives Soft Selling meiner Interessen und Ansichten nennen. Damit habe ich keinerlei emotionale Probleme, und meist gelingt es mir auch mein Umfeld entsprechen "zu erziehen" mich anzunehmen.

Ich glaube, dass man anfangs zu sehr drum bemüht ist, sich anzupassen, oder überlegt wie man auf Kosten eigener Richtig und Falsch Empfindungen vielleicht doch noch etwas durchkriegen könnte. Aber manchmal schafft man es, eine ... anerkannte Individualität zu entwickeln.
Das ist vielleicht nicht immer 100% einfach oder zielführend, aber authentisch - mit dem Wort kann ich mehr anfangen als mit Integrität. Dazu braucht man aber Übung, Durchblick und Reflektion... ich persönlich fahre gut mit meiner Lösung, und würde sagen, dass ich noch lange nicht am Ende dessen bin, was ich lernen kann.
 

Benutzer77547 

Planet-Liebe Berühmtheit
Konkrete Beispiele möchte ich hier nicht geben, weil das zu kompliziert wird. Aber angenommen, du hast mit egoistischen Fieslingen zu tun, dann ist es sinnvoller, du bist in der Lage, die zu manipulieren, dass sie keinen Blödsinn mit anderen Leuten/Dingen anstellen können, als wenn du ihnen klar zeigst, dass du sie blöd findest, und sie dir dann entweder die Quittung dafür geben oder einfach tun, was sie wollen.

O.K., ich glaube zu verstehen. Legt man diesen Maßstaben an, würde ich mich schon als "flexibel" bezeichnen, aber ohne mich wirklich "wenig integer" zu fühlen. Mein Konzept von "Integrität" scheint also nicht gar so streng zu sein wie Deines :ashamed:. Ein offensichtlicher "egoistischer Fiesling" kann nicht unbedingt auf meine volle Integrität zählen. Da kann ich durchaus auch gewisse "mikropolitische Skills" an den Tag legen ;-)

Ah, nee, das hab ich nicht gemeint, falsche Metapher verwendet. Ich meinte eher: Wenn ich jemanden nicht sympathisch finde, dann merkt er das auch. Ich kann das nur schwer verheimlichen. Man merkt es an meinem Verhalten der Person gegenüber. Natürlich bin ich dabei professionell, aber mit Leuten, die ich mag, bin ich herzlich. Mit anderen nicht. Dadurch fällt es schnell auf, wenn man mich beobachtet.

Hm, wenn ich das so lese, fühle ich mich fast schon "uninteger".... Ich glaube nicht, dass ich andere Leute wirklich gleich spüren lasse, wenn ich sie "nur" für unsympathisch halte. Aber ich muss auch sagen, dass ich mir nicht sehr schnell ein Urteil bilde. Damit jemand bei mir klar unter die Rubrik "unsympathisch" einzuordnen ist, muss er sich schon einiges leisten bzw. geleistet haben.
 

Benutzer91095 

Team-Alumni
casanis casanis : Vielleicht kann man es auch so sagen, dass ich es bewundere, wie manche Leute in der Lage sind zu taktieren und langfristige Strategien zu entwickeln, um zu ihrem Ziel zu kommen. Ich persönlich bin da immer zu aufrichtig, schätze ich. Ich verfolge natürlich auch Ziele, aber gebe bei den involvierten Personen keine falschen Gründe an, um meine Ziele zu erreichen. Ich manipuliere nicht, auch wenn ich es könnte. Irgendwie bekomm ich dabei ein sehr schlechtes Gewissen.
 

Benutzer111070 

Team-Alumni
Konkrete Beispiele möchte ich hier nicht geben, weil das zu kompliziert wird. Aber angenommen, du hast mit egoistischen Fieslingen zu tun, dann ist es sinnvoller, du bist in der Lage, die zu manipulieren, dass sie keinen Blödsinn mit anderen Leuten/Dingen anstellen können, als wenn du ihnen klar zeigst, dass du sie blöd findest, und sie dir dann entweder die Quittung dafür geben oder einfach tun, was sie wollen.

Also damit hätte ich grundsätzlich keine moralischen Probleme, weil ich mich "egoistischen Fieslingen" nicht verpflichtet fühlen würde. :grin:

In der Praxis krieg ich das aber auch nicht hin, denn:
Wenn ich jemanden nicht sympathisch finde, dann merkt er das auch. Ich kann das nur schwer verheimlichen.

Professionalität ist klar, aber mich irgendwie bei solchen Leuten anbiedern oder extra Zeit in sie investieren, um sie zum Besseren zu manipulieren oder ihnen vorzuheucheln, ich würde sie eventuell mögen, könnte ich gar nicht, dazu bin ich zu impulsiv und würde vorher wahrscheinlich vor Abscheu platzen. :zwinker:
 

Benutzer91095 

Team-Alumni
O.K., ich glaube zu verstehen. Legt man diesen Maßstaben an, würde ich mich schon als "flexibel" bezeichnen, aber ohne mich wirklich "wenig integer" zu fühlen. Mein Konzept von "Integrität" scheint also nicht gar so streng zu sein wie Deines :ashamed:. Ein offensichtlicher "egoistischer Fiesling" kann nicht unbedingt auf meine volle Integrität zählen. Da kann ich durchaus auch gewisse "mikropolitische Skills" an den Tag legen ;-)

Ja, genau das kann ich nicht. Bzw. emotional sperrt sich irgendwas. Ich weiß aber nicht, was. Früher konnte ich es auch, hab mich aber irgendwann total davon distanziert und jetzt geht nix mehr :grin: Ich muss wieder in Übung kommen... Wie übt man das denn am besten?

Hm, wenn ich das so lese, fühle ich mich fast schon "uninteger".... Ich glaube nicht, dass ich andere Leute wirklich gleich spüren lasse, wenn ich sie "nur" für unsympathisch halte. Aber ich muss auch sagen, dass ich mir nicht sehr schnell ein Urteil bilde. Damit jemand bei mir klar unter die Rubrik "unsympathisch" einzuordnen ist, muss er sich schon einiges leisten bzw. geleistet haben.

Ja, man muss sich auch bei mir einiges leisten, um wirklich unsympathisch zu sein. Aber es gibt trotzdem genug Leute, die das hinkriegen :whoot:
[DOUBLEPOST=1432900520,1432900339][/DOUBLEPOST]Außerdem würde ich das gerne beherrschen, ohne meinen Ruf einigermaßen integer zu sein auf's Spiel zu setzen... :hmm: geht das überhaupt oder ist das widersprüchlich?
 

Benutzer68775  (36)

Planet-Liebe Berühmtheit
Ich manipuliere nicht, auch wenn ich es könnte. Irgendwie bekomm ich dabei ein sehr schlechtes Gewissen.

Das ist der Unterschied, weswegen ich lieber authentisch als integer bin. Zu meinem "echten sein" gehört nun mal auch, dass ich mir das Leben leichter manipuliere, vor allem im beruflichen - allerdings sehe ich da nichts Schlimmes dran und fühle mich auch nicht schlecht deswegen.
Ich schade ja niemandem oder haue wen in die Pfanne.
Meist sind MIT meinen kleinen ... Strategien alle Beteiligten zufriedener als ohne. Ich wähle die Rolle, die dem Zweck am besten dient, und falle nicht raus. Was ich intuitiv gut kann, ist Erwartungen entsprechen, wenn es von Vorteil ist. Was im privaten geradezu ein Fluch ist, ist im beruflichen ganz nützlich.

Mein Konzept beinhaltet daher keine objektive Moralität sondern eher ... situatonsflexible Statements und die Antworten auf die Frage "schade ich jemandem, der ohne mich schadensfrei bliebe" und "lüge ich direkt jemandem ins Gesicht" beides Dinge, die ich nur ungern täte.

Meine Unterschiede im Umgang einzelner Kontakte, die ich mag oder nicht sind so subtil, dass ICH vor mir ehrlich bin, ob sie es merken oder nicht (eher nicht :zwinker: ) tut dazu nichts zur Sache.
 

Benutzer91095 

Team-Alumni
Aber das Ding ist doch, wenn es rauskommt, fühlt man sich dann nicht verarscht als "Opfer"? z.B. bewundere ich solche Personen in meinem beruflichen Umfeld, die das beherrschen, aber befreundet sein möchte ich nicht mit ihnen, weil ich nicht weiß, wozu sie in der Lage sind und ob man sich auf sie verlassen kann. Ich tue mir schwer, ihnen Vertrauen entgegen zu bringen.
 

Benutzer135804 

Planet-Liebe Berühmtheit
Unter Integrität verstehe ich eine Form des Verhaltens, das mit meinen Werten im Einklang steht. Ich habe das immer als recht "direkte" Qualität empfunden, heißt, für andere auch erkenntlich und sichtbar. Intentionen klar, Verhaltensweisen konsequent, Herz auf der Zunge, ehrlich, verlässlich, korrekt, keine Manipulation und kein absichtliches Verwischen der Tatsachen. Einfach eine Person, die – wenn man sich mit ihr beschäftigt – klar begreifbar ist, auch wenn sie noch so vielschichtig/tiefsinnig ist.
dito-und genau so lebe ich.für mich ist es schlicht selbstverständlich,so zu leben,dass ich nach meinen werten bzw nach meinen ethischen ansichten lebe.ich finde das nur konsequent-und ich bin nun mal in jeder hinsicht konsequent.zb bin ich gegen ausbeutung und herrschaftskritikerin;zudem bin ich natürlich keine rassistin,keine sexistin und auch keine speziesistin;außerdem ist ehrlichkeit ein sehr wichtiger wert für mich.also verhalte ich mich auch dementsprechend,denn alles andere wäre ja inkonsequent und mMn auch verlogen.
 

Benutzer122533  (32)

Sehr bekannt hier
Ich sehe mich da genau wie caotica caotica .
Ich kann auch mal hier und da an unsichtbaren Schräubchen drehen, damit das Ergebnis passt. Das lässt mich in meinen Augen nicht meine Integrität verlieren. Ich bin durch und durch "echt", eben einfach ich, und das wird - zumindest von den richtigen Leuten - geschätzt.

Ich denke ich komme damit in so fern gut zurecht, dass ich nur vor meinen eigenen Maßstäben bestehen mus, und die sind nicht zwingend konform mit den gängigen Moralvorstellungen
Genau das.
 
B

Benutzer

Gast
Bevor ich deine Fragen beantworte, muss ich darauf hinweisen, dass ich selbst noch auf der Suche nach der richtigen Balance bin. Integrität ist (mit Kompromissen) auch für mich ein wichtiges Thema.

Wie ich das mache: Erst mal überlegen, welche Situationen in meinem Leben ich mir aussuche und welche nur bedingt freiwillig sind. Beruf ist so eine Grauzone, klar sucht man sich den oft selbst aus, aber da muss man halt realistisch bleiben und sich überlegen, wie gross die Chance auf Besserung in einem anderen Job wäre. Wenn ich andere schlecht behandeln würde und daraus Nutzen schlage, wäre meine Integrität verletzt. Bin ich aber in einer Position, die eine gute Ausführung der Arbeit ohne Notlügen fast unmöglich macht, kann man sich ruhig bewusst werden, dass es die meisten Leute in meiner Position wohl schlimmer machen würden. Bzw. als absoluter Idealist riskiert man vielleicht, dass einem noch gekündet wird und dann wäre keinem geholfen. Sprich: Kleine Verstösse finde ich okay, man sollte aber ehrlich mit sich sein und regelmässig über den Kosten-Nutzen-Faktor reflektieren. Lästern über Freunde geht für mich dagegen gar nicht.

Wie ich solche Leute finde? Keine Ahnung. Es kann gut sein, dass ich Menschen wegen ihren Entscheidungen schon vorverurteilt habe. Ich habe nie in ein hartes Business reingeblickt und es stösst mich ehrlich gesagt auch etwas ab. Gleichzeitig bin ich ja sehr froh, dass es jemand macht und da bin ich auch froh, wen es die "richtigen" Menschen sind. Was tust du eigentlich?
 

Benutzer91095 

Team-Alumni
Off-Topic:
Was tust du eigentlich?

Ich bin nicht im hardcore Business-Bereich (da würd ich das ja erwarten), aber in einem, wo Politik und Freunderlwirtschaft doch eine größere Rolle spielen als ich immer angenommen habe. Ich denke mittlerweile, das ist relativ branchenunabhängig.
 

Benutzer77547 

Planet-Liebe Berühmtheit
Aber das Ding ist doch, wenn es rauskommt, fühlt man sich dann nicht verarscht als "Opfer"? z.B. bewundere ich solche Personen in meinem beruflichen Umfeld, die das beherrschen, aber befreundet sein möchte ich nicht mit ihnen, weil ich nicht weiß, wozu sie in der Lage sind und ob man sich auf sie verlassen kann. Ich tue mir schwer, ihnen Vertrauen entgegen zu bringen.

So ganz habe ich noch nicht verstanden, auf was für eine Art von Situationen Du Dich beziehst und was Du genau unter "Taktieren" verstehst.
Ich bin auch nicht in einem Hardcore-Businness tätig. Aber bei uns gibts schon erhebliche Konflikte, auch auf der Beziehungsebene, die jedoch selten wirklich offen ausgetragen werden. Da wird aber zum Teil wirklich unfair gelästert und rumgetrickst, anderen Böses unterstellt und versucht anderen hinterrücks eine reinzuwürgen usw. Einige halte ich deswegen für nicht-integer. Ich beteilige mich aber z.B. an diesen Spielchen überhaupt nicht und schlage mich auch nicht eindeutig auf eine Seite, weil alle Seiten bisweilen Recht haben und andererseits "Dreck am Stecken". Ich rede trotzdem höflich mit allen und trinke mit allen auch mal einen Kaffee etc., scherze rum usw. Dabei versuche ich immer, auch die Sichtweise der anderen Seite verständlich zu machen, ausgleichend zu wirken, um den Laden irgendwie zusammenzuhalten und gegenseitiges Verständnis zu fördern. Dabei "taktiere" ich schon auch und haue nicht alles einfach so raus, wie es mir gerade durch den Kopf schießt, sondern versuche sozusagen "dosiert" zu argumentieren und halte auch mal mit meiner Meinung hinterm Berg, jedenfalls so lange sie unausgegoren ist.
Bei eindeutig sachbezogenen Konflikten, bei denen ich eine klar Meinung habe, halte ich jedoch damit nicht hinterm Berg, sondern klappe eigentlich immer das Visier hoch, versuche aber gleichzeitig die Beziehungsebene rauszuhalten. Gerade mit der Trennung von Beziehungs- und Sachebene haben einige hier bei uns ein erhebliches Problem, nach meiner Einschätzung! Vorgeschobene, taktische Pseudoargumente, die auf Halbwahrheiten basieren usw. verabscheue ich.

Wäre das "Taktieren" in Deinen Augen? Ist das "uniteger", weil ich durchaus genau darüber nachdenke, wie ich wann mit wem über welches Thema spreche? Ich selbst halte mich jedenfalls deswegen nicht für uninteger und ich glaube - genau wissen tue ich es natürlich nicht -, dass ich schon den Ruf habe, integer zu sein: Ich lüge niemandem ins Gesicht, spiele keine Spielchen, schade niemandem und bin verlässlich....hoffe ich jedenfalls.
 
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Benutzer89539 

Planet-Liebe-Team
Moderator
Ich kann durchaus lügen und manipulieren, habe ich festgestellt. Vielleicht bringe ich es in der Disziplin nicht zur Meisterschaft, aber ich beherrsche es durchaus. Der Punkt ist: Es lastet mir hinterher auf der Seele. Wenn es nicht meinen moralischen Standards entspricht, kann ich das für mich selbst nur schwer "verdauen". Fehler aus Unwissenheit kann ich mir verzeihen, aber bewusstes Falschverhalten ist für mich wie eine offene Wunde in meinem Gewissen.

Daher meide ich sowas, soweit es geht. Ich will auch nicht in das Dilemma geraten, duwas vor anderen rechtfertigen zu müssen, was ich nicht guten Gewissens rechtfertigen kann.

Die Einschätzung anderer Personen fließt aber durchaus auch mit rein. Wenn ich einer anderen Person misstraue, kann ich mir durchaus auch meine eigene "Hintertür" einbauen: Wenn der andere fair bleibt, kommt es nicht zum tragen, aber wenn er mir krumm kommt, bin ich vorbereitet. Auch ein "wie du mir, so ich dir" ist mir nicht fremd. Und ich muss auch nicht mit dem Kopf durch die Wand gewisse Prinzipien durchsetzen, wenn das im Endeffekt niemandem etwas bringen würde.

Insgesamt bin ich da vermutlich etwas flexibler als du, aber ich will ein Motiv der Fairness und/oder des Utilitarismus, nicht aber des reinen Egoismus.

Offenheit ist ein anderes Thema für mich. Ich lüge nicht gerne, ich will meine Meinung nicht verdrehen. Aber ob ich z.B. eine bestimmte Einstellung eher zurückhaltend oder sehr deutlich vertrete, kann schon variieren, je nach Situation und Umfeld.

Ganz wichtig ist mir immer, hinterher zu allem stehen zu können, auch vor anderen. Ich bin kein Heiliger, ich mache meine Fehler - und das muss ich hinterher auch zugeben können.

Die gleichen Werte schätze ich auch an anderen Menschen. Besser gesagt: Ich schätze allgemein Menschen mit klar vertretenen Werten, an die sie sich selbst auch halten. Und wenn das so gar nicht meine eigenen Werte sind, dann wird die Person nie mein bester Freund, aber sie hat meinen Respekt - und ich weiß, wie ich mit der Person umzugehen habe. Menschen, die mit zweierlei Maß messen, sind mir zuwider.
 
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Benutzer137374  (49)

Benutzer gesperrt
Früher von mir als idealer Charakterzug betrachtet, den ich anzustreben versuchte (und ich würde mich auch als relativ erfolgreich darin betrachten), bin ich mir mittlerweile nicht mehr so sicher, ob ich das immer noch so sehen soll, oder ob meine Vorstellungen von Integrität vielleicht zu eindimensional waren.
Ein anspruchsvolles Thema. Was verstehst Du konkret unter Integritaet? Da man es relativ komplex auffassen kann (je nach Kontext auslegbar), spraeche ich davon, dass man sich im Spiegel anschauen kann, ohne sich seiner zu schaemen. Ich nannte dies unverzichtbar. Eine Luege, um sich zu bereichern, nannte ich nicht integer, eine Taeuschung zum Wohle eines Dritten im Rahmen des Gesamtwohles schon. Wuerde ein Mensch das Leben meiner Tochter bedrohen, koennte ich ihn toeten, ohne dass dies meine Integritaet tangierte. Wenn Du zweifelst, entscheide Dich fuer das, was nicht Dein Vorteil waere (um des Vorteiles willen). Dann verlierst Du nicht, was ich das Kernstueck eines achtbaren Charakters, seine Integritaet nennen wuerde. Ist ein bisschen wie mit der Gesundheit. Ohne ist alles nichts. Was ist das Gegenteil von Integritaet? Falschheit, Selbstsucht, Egozentrik? Ich habe den Eindruck, dass Menschen mit dem Bruch der eigenen Integritaet durchaus persoenlichen Erfolg mittelfristig haben koennen und dass es schmerzvoll ist, an der eigenen Integritaet festzuhalten, aber langfristig ist das so aehnlich wie mit Wuerde. Diese kann niemand nehmen, aber man kann sie aufgeben, und dann hat man wirklich nichts mehr.
Also bleib lieber integer, Lotusknospe, auch wenn Du es mit idiotischen Egoisten zutun hast :zwinker:
 

Benutzer68775  (36)

Planet-Liebe Berühmtheit
Aber das Ding ist doch, wenn es rauskommt, fühlt man sich dann nicht verarscht als "Opfer"? z.B. bewundere ich solche Personen in meinem beruflichen Umfeld, die das beherrschen, aber befreundet sein möchte ich nicht mit ihnen, weil ich nicht weiß, wozu sie in der Lage sind und ob man sich auf sie verlassen kann. Ich tue mir schwer, ihnen Vertrauen entgegen zu bringen.
Hm da hab ich jetzt eine Weile drüber nachdenken müssen... da gibt es nichts was "rauskommen" kann. ist ja nicht dass ich sage, wenn wir a und b kaufen, geschieht c, obwohl ich weiß dass d geschieht. Oder so.

Also... plumpe "nein nein, der Himmel ist grün! ehrlich!" Sache, weil ein grüner Himmel grade zu pass kommt sind... nun, mäßig intelligent.
Es ist vielmehr ... dass ich finde Kampagne abc ist sinnvoll. Chef findet das nicht. Ich überlege auf welche Punkte er Wert legt und wo die von abc erfüllt werden, hebe das hervor, lasse unter den Tisch fallen, was vllt nicht so gut ist und streue es einfach immer mal wieder ein - und nach 2 Meetings sagt er, er hat da eine Idee, wir könnten es doch mit Kampagne abc probieren . Und dann sag ich Dinge wie "Das ist super, an ähnliches hatte ich auch schon gedacht, aber so konkrete bezeichnet klingt das gut durchdacht!"
Oder Kundenkontakt, oder anderen Job - ich kann niemandem ins Gesicht sagen, "Meine Güte, wo haben Sie denn ihr Hirn vergraben "das ist erst seit gestern" können sie ihrer Großmutter erzählen!"
Oder "Mit nur etwas Verstand sollte einem abc klar sein, ich sehe also woran es scheitert" *husthust*
Das kann man diplomatisch nennen, was ich dann auffahren muss, damit sie tun, was ich von ihnen will, oder manipulativ. Das Ergebnis ist das selbe, alle sind zufrieden, ich weil ich zu dem Ziel komme, das ich für sinnvoll halte, und die andern, weil sie es jetzt auch für sinnvoll halten.

Vermutlich würde niemand gerne hören "eigentlich wars meine Idee, du findest es nur gut, weil ich es gut weil ichs so gut verkauft hab" aber... naja - so ist es eben? Warum alle verärgern in dem man direkt herumstreitet? Wenn es so doch viel sanfter geht? Ich erkenne nicht ganz, wo jemand Schaden erleidet, der ihn als Opfer darstellt.
Außerdem weiß es doch gar niemand, wenn man es richtig macht? Nur die, mit denen man drüber redet, und das lässt man tunlichst sein. Wenn man merkt, dass man manipuliert wird, wird man dilettantisch manipuliert.
Die Personen, an denen du das siehst, SIEHST du das weil du von außen drauf schaust und es als Schwatz in der Küche mit bekommst, oder ist es echt offensichtlich?

Wieso man nicht vertrauen sollte... sehe ich auch nicht so ganz. Vor allem worauf vertrauen? Dass die Person mir nichts böses will? Mir nicht schaden will? Wieso denn nicht? Freunden sollte man trauen, dass sei das Beste für einen wollen, auch wenn die Motive grade nicht ganz offensichtlich sind. Und wozu sollte man sich Freunde zurecht manipulieren? Was für ZIELE verfolgt man in Freundschaften?

Menschen die mit... diplomatischer/manipulative Gesprächsführung wenig anfangen können, glauben immer, damit werden Freunde verleitet einem die Kreditkarte zu schenken oder so. Das... ist völlig abwegig. Es geht einfach um ... den schnelleren, leichteren Weg zu einem Ziel, nicht darum jemanden zu übervorteile oder auszunutzen oder sich auf dessen Koste Vorteile zu verschaffen. Wo das Freundschaften stören soll, versteh ich nicht ganz...
 
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Benutzer98820 

Sehr bekannt hier
Aber das Ding ist doch, wenn es rauskommt, fühlt man sich dann nicht verarscht als "Opfer"?
Natürlich. Verarscht und belogen. Bleib lieber aufrichtig, das ist fair und der andere kann sich ja immer noch so und so entscheiden- ohne manipuliert worden zu sein.
 
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