Ich schäme mich...

Benutzer160851  (38)

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Hallo ihr!

Habe schon seit einiger Zeit ein Problem. Ich glaube, ich muss etwas ausholen um die Situation zu erklären und hoffe ihr haltet durch ;-).

Ich bin jetzt 33 Jahre alt und hatte mit zwölf Jahren ein traumatisches Erlebnis. Da ist nämlich mein Vater gestorben. Wir hatten ein ziemlich enges Verhältnis. Auf jeden Fall war ich emotional total überfordert und habe die Sache deshalb über zehn Jahre verdrängt.

Dann mit ungefähr 23 Jahren hatte ich eine Phase, in der sehr viele Gefühle hochkamen und mir der Abschied von meinem Vater auch weitestgehend gelungen ist. Ich hatte zum ersten Mal seit dem Tod meines Vaters wieder Momente, in denen ich richtig glücklich war. Dafür bin ich auch sehr dankbar.

Allerdings fällt es mir seitdem schwer mich selbst anzunehmen. Durch den emotionalen Abstand, den ich in meiner Jugend brauchte, um mit der Situation fertig zu werden, habe ich mich was meine Persönlichkeit und Sexualität angeht nicht so entwickelt wie das "normal" ist bzw. wie ich das gern gehabt hätte. Zum Beispiel habe ich erst nach der emotional turbulenten Zeit Anfang 20 erlebt, wie es sich anfühlt intensiv sexuell erregt zu sein. Asexuell war ich auch in meiner Jugend nicht, aber die Möglichkeit meinen Körper intensiv wahrzunehmen hatte ich auf Grund meines Traumas nicht. Einen Orgasmus hatte ich bis heute nicht (glaube ich).

Eigentlich könnte jetzt alles super sein und ich habe lange nicht verstanden, warum ich in den letzten Jahren gefühlt auf der Stelle trete. Meine Sexualität ist wieder ziemlich eingeschlafen. Das gute Gefühl und der intensive körperliche und emotionale Kontakt fehlen mir aber schon. Inzwischen ist mir klar geworden, dass es vor allem daran liegt, dass ich Angst habe, so wie ich bin wahrgenommen zu werden. Ich schäme mich einfach dafür, dass ich mich in meiner Jugend nicht "richtig" entwickelt habe und immer noch Probleme habe mich zu spüren.

Es fällt mir schwer über das Thema zu sprechen. Deshalb habe ich den Weg über dieses Forum gewählt um ein bisschen aus meinem gemütlichen aber etwas langweiligen und einsamen Schneckenhaus zu kriechen. In erster Linie wollte ich euch das einfach mitteilen, also danke fürs Lesen! Über Antworten freue ich mich natürlich trotzdem :smile:. Vielleicht geht es ja manchen von euch ähnlich.
 

Benutzer138875 

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Wenn ich das richtig verstehe, dann fürchtest Du, Deine Entwicklung betreffend, nicht der "Norm" zu entsprechen — oder kurz gesagt, nicht "normal" zu sein. Was "normal" ist, leitest Du vermutlich aus Lebensentwürfen anderer Menschen ab,
die vermeintlich mit sich im Reinen sind und diese Art emotionaler Probleme nicht zu kennen scheinen.

Nur haben diese Menschen eben eine andere Geschichte, einen anderen Lebenslauf und die damit verbundenen Erfahrungen als Du. Deine Erfahrung mit Deinem Vater waren schmerzhaft und prägend, sicherlich haben sie einen Teil Deiner emotionalen Persönlichkeitsentwicklung verstellt und aufgehalten. Sich also mit jemandem zu vergleichen, als Maßstab, dem ein solches Trauma erspart geblieben ist, ist ungleich und auch nicht fair — Dir selbst gegenüber.

Aus diesem Grunde stellt sich dann auch die Frage: Musst Du Dich schämen? Weil andere Menschen diese Entwicklung 'richtig' genommen haben? Wenn man, an dieser Stelle das Wort 'richtig' durch 'anders' ersetzt, wird die Sache verhandelbar, was hilfreich ist, ich glaube auch nicht, dass es 'richtige' und 'falsche' Lebensläufe gibt, nur 'unterschiedliche', weil Menschen eben verschieden sind.

Sich also zu schämen, weil man etwas versäumt hat, das man nur sich selbst schuldet, ist ein Gefühl, das nachvollziehbar ist, aber es wird Dir nicht helfen, Dich von Deinem Mangel zu befreien. Vielleicht hast Du es versäumt, Hilfe in Anspruch zu nehmen, bei der Verarbeitung des Todes Deines Vaters, vielleicht hätten andere reagieren und Dir angemessene Hilfe zukommen lassen müssen. In welchem Maße dieses Trauma dafür verantwortlich ist, Dich auf Menschen einzulassen, wirst Du selber einschätzen können. Aber die Scham vor Dir selbst und anderen wird Dich nicht aus dem Schneckenhaus führen, wie Du es nennst.

Ich habe eben an anderer Stelle ein Motto von @Lacrimae Puellae gelesen das lautet: Egal wie viel „Falsches“ man getan hat, es ist nie zu spät das „Richtige“ zu tun. Mir gefällt dabei sehr gut, dass — wie die Anführungszeichen andeuten — es darauf ankommt, wie sich etwas anfühlt, für Dich selbst, egal ob etwas "richtig" oder "falsch" vor irgendeiner Norm ist.

Wenn Du also aus dem Kummerkasten entfliehen möchtest, solltest Du mit Sicherheit vermehrt Dinge tun, die Du selber liebst und magst und das vor Allem auch mit anderen Menschen zusammen. Eine derartige Beschäftigung, (was ein Sport,
eine Theatergruppe, ein Tanzkurs eine soziale Projektgruppe) wird Dich unter Menschen bringen, die etwas mit Leidenschaft tun, was sie sehr mögen. Dabei wird man sich öffnen, eben weil es Freude bereitet — Du Dir selbst und andere Dir.
Die so gewonnenen Bekanntschaften werden Dir weiterhelfen, in der Entwicklung Gefühle zu erleben und zuzulassen, da bin ich mir sicher.

Der frühe Verlust Deines Vaters tut mir sehr leid. Sicher hätte er gewollt, dass Du glücklich bist und Dich nicht schämen sollst. Alles Gute für Dich!
 

Benutzer160851  (38)

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Hallo HoldenC!

Vielen Dank für die schnelle Antwort und die einfühlsamen Worte! Ich glaube, du hast mich tatsächlich gut verstanden. Du hast natürlich recht damit, dass mir der Vergleich mit anderen nicht weiterhilft und ich mich nicht schämen muss. Auf der Verstandesebene ist mir das auch klar, nur emotional und vor allem was so eingefahrene Gewohnheiten angeht ist die Erkenntnis noch nicht ganz angekommen.

Ich werde mich auf jeden Fall bemühen deine Ratschläge zu befolgen und mich wieder mehr unter Leute mischen. Zum Glück ist es nicht so, dass ich gar keine Freunde hätte. Ich habe sogar ein paar sehr gute. Ich sitze auch nicht ständig allein zu Hause. Es fällt mir aber schwer, mich den Menschen, denen ich begegne, so weit zu öffnen, dass ich nicht mehr das Gefühl habe mich zu verstecken. Das Schneckenhaus habe ich immer dabei. Letztendlich bleibt mir wohl nichts anderes übrig als mich aus der Komfortzone zu trauen, was mir bisher noch sehr schwer fällt, vor allem wenn es darum geht potenziellen Partnerinnen selbstbewusst zu begegnen. Irgendwo ist da so ein blödes Leistungsdenken, nach dem ich nur liebenswert bin, wenn ich glücklich und mit mir im Reinen bin.
 
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