AMA Ich bin eine Aussteigerin

Benutzer96053 

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Hier also mein AMA-Thread.

Zunächst einmal: Ich weiß, hier gibt es viele, die mit Glauben und Religion nichts anfangen können - ebenso wie mit der Auslebung. Hier geht es nicht um das "Wettern gegen die religiösen Fanatiker". Ich war auch mal auf der anderen Seite und weiß genau, wie man sich eben fühlt, wenn man WIRKLICH glaubt, dass diese Lebensweise die Richtige ist.

Was ich geglaubt habe:
- Sex vor der Ehe ist eine Sünde
- Homosexualität ist eine Sünde
- Man soll keinen Alkohol trinken
- Man soll keine moderne Musik (also unreligiöse und/oder welche mit Schlagzeugrhythmen) hören
- Eine Frau darf keine Hose tragen
- Schminken ist falsch
- Man soll (als Frau) kein Decolleté zeigen und sich auch sonst nicht sexuell aufreizend kleiden
- Die Bibel ist das geschriebene Wort Gottes und damit 100% wahr und unanfechtbar
- Die Erde ist 6000 Jahre alt und wurde in 6 Tagen geschaffen
- Es gibt eine Hölle und wenn man nicht nach dem Willen Gottes lebt, dann endet man nach dem Tod dort
...

Im kindlichen Alter von ca. 10 Jahren habe ich mich bekehrt und ab dem Zeitpunkt mein Leben ganz nach der Gemeinde und meinem Glauben ausgerichtet. Mit 18 habe ich mich dann auch taufen lassen (das Mindestalter in der Gemeinde). Schon vorher habe ich mich stark in der Gemeinde engagiert. Ich war absolut drin und konnte mir mein Leben außerhalb der Gemeinde einfach nicht vorstellen.

Montag: Altenbesuche
Dienstag: Chorübstunde
Mittwoch: Bibelstunde
Donnerstag: Orchester
Samstag: Gebetsstunde
Sonntag morgen: Gottesdienst
Sonntag nachmittag: Jugendstunde

Dann habe ich angefangen zu studieren und bin in eine andere Stadt gezogen.
Für mich hat sich zu dem Zeitpunkt eine ganz andere Welt eröffnet: Ich wurde gefragt, wer ich sei, man wollte mich kennenlernen.
Das war wirklich ein Problem. Zu dem Zeitpunkt war mir selber nicht klar, wer ich bin - ich wusste, wie ich zu sein habe, wie ich mich verhalten soll und was ich glaube(n soll)... aber nicht, wer ICH bin. Das ist in der Gemeinde auch nicht wichtig.

Mit Anfang Zwanzig bin ich dann ausgetreten. Weil es mir unangenehm war, habe ich mich nicht persönlich vor die Gemeinde gestellt, sondern nur den Gemeindeältesten angerufen.
Die Zeit danach war echt schwer - meine Verwandtschaft hat mich nicht verstanden und darunter gelitten, dass ich nicht mehr "richtig" glaube... meine Mutter hatte starke Depressionen und konnte nur weinen, wenn sie mich gesehen hat.
Schlussendlich habe ich aber gute Freunde gehabt, die an meiner Seite waren und mir durchgeholfen haben.

So.
Hab ich noch Fragen offen gelassen? :tongue: Wenn ja, dürft ihr mich gern fragen.
 

Benutzer121281  (32)

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-Gibt es noch Dinge aus deiner (ehemaligen) Religion, an die du glaubst?
-Hast du in deinem Glauben Dinge getan, die du heute bereust (zB homosexuelle Menschen "verstossen" etc)?
-Gab es ein Schlüsselerlebnis, welches dich zum Ausstieg bewogen hat? Oder waren es mehrere kleine Erlebnisse?
 

Benutzer114808  (34)

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Wie gehen denn die Mitglieder heute mit dir um? Und deine Familie - vor allem deine Mutter?
 

Benutzer107106 

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- Glaubst du noch an Gott?
- Konnte es deine Familie irgendwann verstehen? Wollen sie dich wieder "zurückbekehren"?
- Wie stehst du liberaleren freien Gemeinden gegenüber, bsp FEGs?
- Vermisst du etwas aus deinem alten Alltag?
- Wie läuft der Spagat zwischen deiner Familie und der modernen Welt? Gab es "kleine Sünden" in deiner Familie wie ein heimlicher TV im Keller, ein Radio im Auto, das ab und an lief oder kurze Haare in einer guten Hochsteckfrisur versteckt?

Ich kenne einige AV, GV und Mennoniten-Mitglieder und ausnahmslos alle verstossen gegen mind, eine der Regeln - und das echt massiv :grin:
 

Benutzer96053 

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Gibt es noch Dinge aus deiner (ehemaligen) Religion, an die du glaubst?

Nein, nicht an die oben aufgeführte. Ich glaube immer noch daran, dass es gut ist, seinen Mitmenschen zu helfen und auch ohne Gegenleistung zu erwarten für andere dazusein. Das ist tatsächlich sehr üblich unter Mennoniten - nicht, um sie zu bekehren, sondern, weil es gut ist.

Hast du in deinem Glauben Dinge getan, die du heute bereust (zB homosexuelle Menschen "verstossen" etc)?

Ja. Ganz eindeutig.
Ich habe offen in der Klasse gegen Homosexualität argumentiert - und im Nachhinein erfahren, dass tatsächlich zwei Mitschüler homosexuell waren/sind und sich damals nicht getraut haben, sich zu outen. Das tut mir wahnsinnig leid.
Heutzutage habe ich Freunde völlig unabhängig von ihrer Sexualität. Zwei meiner besten Freundinnen sind seit zehn Jahren ein Paar und für mich das Paradebeispiel für eine glückliche Beziehung. Unabhängig von Geschlecht und sexueller Orientierung.

Gab es ein Schlüsselerlebnis, welches dich zum Ausstieg bewogen hat? Oder waren es mehrere kleine Erlebnisse?

Ein festes Schlüsselerlebnis gab es nicht. Ich habe mich zunehmends für studentische Belange interessiert, darüber neue Freunde kennengelernt und mich zunächst für andere Studenten eingesetzt und dann irgendwann mein eigenes Leben "aufgeräumt".
 

Benutzer114808  (34)

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Im kindlichen Alter von ca. 10 Jahren habe ich mich bekehrt und ab dem Zeitpunkt mein Leben ganz nach der Gemeinde und meinem Glauben ausgerichtet.
Eine "Redewendung", die ich gar nicht kannte. Der Wikipedia-Artikel zu den Mennoniten hat für Erleuchtung gesorgt. Aber wie kann man sich das praktisch vorstellen - vor allem mit 10 Jahren?
 

Benutzer96053 

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Wie gehen denn die Mitglieder heute mit dir um? Und deine Familie - vor allem deine Mutter?

Sie sind alle ausnahmslos nett zu mir. Einige sind distanzierter und der Kontakt zu guten Freunden hat sich minimiert bzw. ist komplett weg - wenn man sich dann sieht, sind aber alle freundlich. Die Ältesten kommen gerne extra zu mir und begrüßen mich herzlich - und ich weiß, dass das nicht gespielt ist. Ich lag einigen sehr am Herzen. Mir ist auch klar, dass es viele Gemeindemitglieder gibt, die jeden Tag für mich beten, dass ich den Weg zurückfinde. Irgendwie tut es mir weh, darüber nachzudenken, dass ich ihnen diese Sorge angetan habe - schlussendlich ist es aber mein Leben.

Meine Mutter würde sich bis heute wünschen, dass ich wieder zurück in die Gemeinde käme - das wäre übrigens gar nicht so einfach. :zwinker: Da müsste ich öffentlich Buße tun und vor die Gemeinde treten und darum bitten, dass man mir vergibt, was ich an Sünden an anderen begangen habe (privatere Sünden muss man nicht öffentlich beichten, die macht man alleine mit Gott aus).

- Glaubst du noch an Gott?

Schwierige Frage. Ich bin eine gläubige Agnostikerin... oder so. :grin:
Ich glaube, dass es gut tut, zu glauben. Es hilft in schweren Zeiten, wenn man weiß, dass da jemand ist, der einem zuhört und dem man erzählen kann, wie schlecht es einem geht. An einen Gott, der mich bestraft, weil ich mit meinem Mann Sex vor der Ehe hatte, glaube ich nicht. Auch nicht, dass es Gott real sein "muss" - das macht in meinem Weltbild keinen Unterschied. Wenn ich glaube, dass ich in Zeiten, in denen ich jemanden an meiner Seite haben will, nicht alleine sein will, dann ist dieser "jemand" dann ja "da".

Konnte es deine Familie irgendwann verstehen? Wollen sie dich wieder "zurückbekehren"?

Nein, verstehen können sie es nicht. Richtige Bekehrungsversuche gibt es nicht - jeder aus der Gemeinde/meiner Verwandtschaft/meiner Familie weiß, dass ich die Bibel in- und auswendig kenne... womit sollen sie dann kommen? Sie beten allerdings für mich.

Wie stehst du liberaleren freien Gemeinden gegenüber, bsp FEGs?

Ich glaube, wenn es ihnen gut tut, ist es genau die richtige Art für sie, ihren Glauben auszuleben.
Ein paar Gemeinden habe ich auch besucht und ausprobiert, ob es was für mich ist - richtig wohlgefühlt habe ich mich aber nicht.

Vermisst du etwas aus deinem alten Alltag?

Ja, auf jeden Fall - ich vermisse es hin und wieder, meine gesamte Eigenverantwortung abzugeben. :tongue:
Es war wirklich einfach, als man in jedem einzelnen Moment, bei jeder Entscheidung und bei allem, was passiert ist, sagen konnte: "Das ist Gottes Wille." Keine großen Sorgen, kein langes Grübeln... das war schon einfacher.

Wie läuft der Spagat zwischen deiner Familie und der modernen Welt? Gab es "kleine Sünden" in deiner Familie wie ein heimlicher TV im Keller, ein Radio im Auto, das ab und an lief oder kurze Haare in einer guten Hochsteckfrisur versteckt?

Mein Vater war nie in der Gemeinde und glaubt nicht im mennonitischen Sinne. Also gab es zuhause auch immer einen Fernseher (nicht versteckt) und Alkohol.
Meine Mama lebt allerdings wirklich so, wie sie das laut Gemeinde sollte. Auch bei anderen Verwandten weiß ich, dass sie sich in allem genau an diese strenge Glaubensauslegung halten. Das ging soweit, dass sie ernsthaft erst darüber gesprochen und gebetet haben, bis sie ihrer kleinen dreijährigen (!) Tochter einen Pyjama mit Hosen angezogen haben. Sie wurde im Sommer so unglaublich von Mücken zerstochen, dass sie sich nicht anders zu helfen wussten.

Ich habe allerdings ein bis zwei Jahre vor meinem Austritt schon heimlich meine Haare geschnitten.
Und ich kenne auch eine Familie (aus der Verwandtschaft meines Vaters), die einen Fernseher im Keller hatten und wenn sie bei uns waren nicht davon wegzukriegen waren.
 

Benutzer96053 

Planet-Liebe Berühmtheit
Eine "Redewendung", die ich gar nicht kannte. Der Wikipedia-Artikel zu den Mennoniten hat für Erleuchtung gesorgt. Aber wie kann man sich das praktisch vorstellen - vor allem mit 10 Jahren?


Ich hatte wirklich dieses Gefühl, dass meine Sünden (die als kleines Kind so irgendwo bei Lügen, keine Hausaufgaben machen und ungehorsam sein lagen) ganz schlimm sind und ich unbedingt nun "ein Kind Gottes" sein will und eben nicht mehr sündigen will. Also bin ich (nach einigen Wochen des Überlegens) zu meinem Kinderstundenleiter gegangen und habe ihn nach dem Gottesdienst gebeten, dass er sich mit mir unterhält. Wir haben gemeinsam gebetet und ich habe Gott mein Leben übergeben.
Übrigens hat sich meine Mutter, völlig unabhängig von mir und ohne, dass wir es voneinander wussten, zum selben Zeitpunkt bekehrt.
 

Benutzer114808  (34)

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Mein Vater war nie in der Gemeinde und glaubt nicht im mennonitischen Sinne. Also gab es zuhause auch immer einen Fernseher (nicht versteckt) und Alkohol.
Da prallen dann ja wirklich Welten aufeinander. Hätte nicht gedacht, dass so eine Ehe funktioniert.

Also bin ich (nach einigen Wochen des Überlegens) zu meinem Kinderstundenleiter gegangen und habe ihn nach dem Gottesdienst gebeten, dass er sich mit mir unterhält. Wir haben gemeinsam gebetet und ich habe Gott mein Leben übergeben.
Irgendwo beeindruckend. Ich hatte in dem Alter ja etwa Kommunion - aber solche "Konsequenzen" hätte ich mir da niemals zugetraut.
 

Benutzer154731 

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Zaniah Zaniah :knuddel::knuddel:
Fühl dich mal ganz fest gedrückt. Deine Erfahrungen hab ich zu einem großen Teil Wort für Wort exakt so auch erlebt und ich weiß wie schwer das Leben als Aussteiger ist, vor allem am Anfang.
Toll dass du es raus geschafft hast!
 

Benutzer96053 

Planet-Liebe Berühmtheit
Da prallen dann ja wirklich Welten aufeinander. Hätte nicht gedacht, dass so eine Ehe funktioniert.

Eine Ehe darf man als Mennonit(in) nicht mehr trennen. :zwinker: Mein Vater kennt den Glauben auch von Zuhause aus. Er wusste das also auch immer gut für sich zu nutzen ("Wenn du nicht xy machst, dann dürft ihr nicht mehr zur Kirche gehen!"). Schlussendlich haben sie sich aber immer besser zusammengerafft und kommen gut zurecht.

Zaniah Zaniah :knuddel::knuddel:
Fühl dich mal ganz fest gedrückt. Deine Erfahrungen hab ich zu einem großen Teil Wort für Wort exakt so auch erlebt und ich weiß wie schwer das Leben als Aussteiger ist, vor allem am Anfang.
Toll dass du es raus geschafft hast!

Danke. :smile: Für dich muss es auch nicht leicht gewesen sein. :knuddel:

Viele, die mal augestiegen sind, kommen auch wieder zurück in die Gemeinde. Man darf eben nicht vergessen, dass sich das ganze Leben nur um die Kirche und den Glauben dreht - da wird es kalt und duster, wenn man dann plötzlich alleine dasteht.
Ich wusste genau, dass ich erst ein stabiles Umfeld brauche, bevor ich austrete - meine Freunde, also meine Wahlfamilie, hat mich wirklich aufgefangen und war für mich da.
 

Benutzer107106 

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Kontaktabbruch wurde von deiner Gemeinde also von deiner Familie nicht verlangt? Bei meiner Freundin wäre das so.
 

Benutzer96053 

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Kontaktabbruch wurde von deiner Gemeinde also von deiner Familie nicht verlangt? Bei meiner Freundin wäre das so.

Nein, einen Kontaktabbruch nicht. Aber selbstverständlich wird von meinen Verwandten und meiner Familie erwartet, dass sie für mich beten, damit ich wieder zurückkomme.
 

Benutzer154731 

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Off-Topic:
Danke. :smile: Für dich muss es auch nicht leicht gewesen sein. :knuddel:

Viele, die mal augestiegen sind, kommen auch wieder zurück in die Gemeinde. Man darf eben nicht vergessen, dass sich das ganze Leben nur um die Kirche und den Glauben dreht - da wird es kalt und duster, wenn man dann plötzlich alleine dasteht.
Ich wusste genau, dass ich erst ein stabiles Umfeld brauche, bevor ich austrete - meine Freunde, also meine Wahlfamilie, hat mich wirklich aufgefangen und war für mich da.
Danke dir. :knuddel:War es auch nicht. Ich hatte von jetzt auf gleich meinen Glauben verloren, hatte keine "weltlichen" Freunde und bin erst mal in ein tiefes Loch gefallen. So nach nem Jahr war die Depression aber vorbei und ich hab nicht mehr jede Nacht geheult... Ein Mensch, der sich in der Zeit zum guten Freund bis heute gemausert hat, hat mir durch geholfen. Sonst weiß ich nicht wo ich heute wäre. Mir ist die Logik dazwischen gekommen, mein Verstand hat mich nicht mehr zurück gelassen. :zwinker:
Aber du triffst es wieder auf den Punkt, alle anderen aus meiner Gemeinde die mal weg waren sind alle wieder dabei.
 

Benutzer89539 

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Gab es am Anfang im Studium viele Diskussionen mit Mitstudenten? Wie reagierten sie auf deine Ansichten und deinen Glauben? Kam dein Sinneswandel plötzlich oder schleichend? Hattest du ein schlechtes Gewissen für deine Zweifel?
 

Benutzer133456  (49)

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Ich hatte fueher viele Kontakte zu Mennoniten aus und in Paraguay. Ich fand die immer interessant, weil die so konsequent pazifistisch eingestellt waren. Wuerdest Du anhand Deiner Beobachtungen sagen, so sind die dann auch wirklich im taeglichen Leben, oder ist das eher ein abstraktes Ideal?
 

Benutzer96053 

Planet-Liebe Berühmtheit
Wo um alles in der Welt warst du denn beigetreten? :eek:
Einer strenggläubigen Mennonitengemeinde. Ist eine Freikirchliche Gemeinschaft mit einer sehr konservativen und wortwörtlichen Bibelauslegung.

Gab es am Anfang im Studium viele Diskussionen mit Mitstudenten?

Weniger als in der Schule. Vielleicht lag es auch daran, dass ich reifer wurde. Vermutlich aber hauptsächlich an meinen Freunden. Die haben mir gezeigt, dass man sich auf die gemeinsamen Werte fokussieren sollte.

Wie reagierten sie auf deine Ansichten und deinen Glauben?

Es war natürlich seltsam für sie - schlussendlich haben sie meine Schrullen akzeptiert. Witzigerweise habe ich durch meinen Austritt sogar nichtgläubige Freunde verloren, weil ich für sie nicht mehr authentisch war.
Erst mein neuer Freundeskreis, den ich etwa ein Jahr vor meinem Austritt kennengelernt habe, hat mich stärker hinterfragt.

Kam dein Sinneswandel plötzlich oder schleichend? Hattest du ein schlechtes Gewissen für deine Zweifel?

Ja, schon. Na ja, schleichend... :grin: Ich bin ein planender Mensch. Ich habe mir Monate vorher ein Datum gesetzt, an dem ich den Ältesten anrufen will.
Bis dahin habe ich alle Aufgaben soweit erledigt. Ich habe schon Wochen vorher dafür gesorgt, dass ich eine Nachhilfe in der Kindersonntagsschule habe (habe die Gruppe der 2-5jährigen geleitet). Dann habe ich noch eine Hochzeit musikalisch begleitet und habe am Tag danach meine Schlüssel und Bücher schon in der Kirche deponiert.
Mein Umdenken - ja, es war ein schleichender Prozess, aber er hat auch gut getan. Ich hab mich immer besser kennengelernt und viel über mich erfahren.
Da gibt es übrigens ein interessantes Buch, welches ich in den Wochen vor meinem Austritt mit meinen Freunden gelesen habe:
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Da hab ich dann nach und nach festgestellt, dass es auch andere gibt, die so denken... und dass es okay ist.
Übrigens hat das Buch auch meinen Freunden (und meinem Mann, der dad Buch zu Beginn unserer Beziehung lesen wollte) geholfen, mich zu verstehen.
Ich habe zu Beginn noch gegen meine Zweifel angekämpft, aber wenn du irgendwann einfach nicht mehr glaubst, dass diese Absolutismen richtig sind, dann kannst du das nicht ändern.
Das war eine ziemlich dunkle Phase in meinem Leben und meine besten Freunde sind genauso froh wie ich, dass es vorbei ist.
Es gab auch eine Phase, in der ich am liebsten die Zeit zurückgedreht hätte und niemals zum Studium weggezogen wäre.

Wuerdest Du anhand Deiner Beobachtungen sagen, so sind die dann auch wirklich im taeglichen Leben, oder ist das eher ein abstraktes Ideal?

Ich kenne zum Beispiel keinen gläubigen Mennoniten, der beim Wehrdienst war, solange man es irgendwie vermeiden konnte (in Deutschland ging das, in Russland nicht).
Abe schon im Kleineren würde ich sagen, man lässt seine Aggressionen nicht hochkochen. Prügeleien gab es nicht und wären nie geduldet worden. Es war wirklich mein "Stückchen Heile Welt", was ich verloren habe. Wenn es Auseinandersetzungen gab, wurde darüber gebetet, es wurden Schlichter eingezogen, man hat in der Bibel nach einer Lösungen gesucht...
Der springende Punkt ist ja, dass da niemand glaubt, um Macht zu erlangen oder andere auszunehmen. "Wer der Größte unter euch sein will, der sei euer aller Diener."
Es ist nicht von ungefähr, dass viele in sozialen Jobs arbeiten.

Wenn das Schlimmste, was sie dort tun, schon das Lästern ist, dann geht es da sehr friedlich zu.
 
Zuletzt bearbeitet von einem Moderator:
K

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Gast
Gab es dann eine Schule in der Gemeinde oder musstest du quasi auf eine "öffentliche" Schule gehen? Hattest du in der Zeit (vor der Uni dann) keinen Kontakt zu Leuten außerhalb der Gemeinde?
 
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