Hilfe, ich bin ein "Nice Guy"

Benutzer120865 

Öfter im Forum
Hallo liebes Forum, ich muss mir mal ein wenig meine aktuellen Gedanken verschriftlichen, ich weiß noch nicht genau, ob das hier eher eine Selbstreflexion oder eine Frage wird. Auf jeden Fall kommt jetzt eine ziemliche Wall of Text, bitte nicht böse sein.

Nachdem ich in letzter Zeit einiges an Material über Mysogynie und Sexismus in unserer momentanen Gesellschaft, von der wir doch allzu gerne behaupten, sie wäre emanzipiert, habe ich doch die eine oder andere für mich schockierende Feststellung gemacht, was auch mich selbst angeht.

Vielleicht kurz zu meiner Wenigkeit: Ich bin 18 Jahre alt, stecke mitten in meinen Abiturprüfungen und war immer so ein wenig der Außenseiter, war dementsprechend auch noch nie in einer festen Beziehung (erklärt vielleicht die ein oder andere Beobachtung, die ich im Folgenden darstellen möchte).

Ich möchte mich gerne mit dem "Nice-Guy"-Syndrom auseinandersetzen, in dem ich mich zu meinem Bestürzen in Teilen wiedererkannt habe. Auch wenn es wehtut, ich denke, es ist wichtig, mir darüber klar zu werden, was für ein Idiot ich bin.

Der "Nice Guy", um vorweg eine Definition zu liefern, ist jemand, der immer "so nett" und "so gut" zu Mädchen/Frauen ist, und sich wundert, warum diese die romantischen Gefühle nicht erwidern.

Einige Symptome dieses Verhaltens, die ich teilweise auch bei mir feststellen musste, sind folgende:

Berechtigt-Sein
Ständig wird einem in sämtlichen Medien vorgelebt, dass der Held der Geschichte die Traumfrau abkriegt. Und da nun mal jeder in seinem eigenen Leben die Hauptrolle spielt, ist das wohl ein Denkmuster, was dazu führt, dass man sich "anspruchsberechtigt" fühlt, "die Eine abzukriegen" (was wieder ein Fall von Objektifikation ist).

Auch ich war (bin?) diesem Denkmuster verfallen, ich wollte (will?) es einfach nicht wahrhaben, dass sich "die Eine" nicht für mich entscheidet.

Durch die Fixierung auf "die Eine" wird daneben auch die Sicht auf die Dinge getrübt/verzogen: Ausdruck dessen sind Gedankengänge wie "Sie hat mich angelächelt und schnell weggeschaut - sie muss auf mich stehen!", wenn doch die tatsächliche Ursache ist, dass man sie die letzten 5 Minuten angestarrt hat (was ich viel zu häufig mache und wofür ich mich aufrichtig hasse).

Manipulation
Ja, "Nice Guys" sind manipulativ. Man versucht alles mögliche, damit "die Eine" (die auch wieder Epitom des "Nice Guy" ist), sich in einen verliebt bzw. die Gefühle, die man ihr entgegenbringt, erwidert.

Trifft nur teilweise auf mich zu, wie schon oben angesprochen, ich bin recht schüchtern und habe mich daher bisher immer recht bedeckt gehalten. Aber wenn ich die Gelegenheit hatte, was "nettes" zu tun, habe ich das auch getan.

Das Problem mit diesem Verhalten ist, dass man so intensiv betreibt, dass man sich selbst dessen gar nicht mehr bewusst ist.

(Unrealistische) Objektifikation
Als "Nice Guy" projiziert man sämtliche romantische Fantasien auf eine Person. Dies ist dahingehend objektifizierend, als dass dieses Verhalten den Blick auf die realen Sachverhalte blendet und so die faktische Identität "der Einen" in den Hintergrund rückt.

Das führt dazu, dass man "die Eine" weit über sich selbst stellt und so schon von vorneherein eine gleichberechtige und auf Gegenseitigkeit beruhende Beziehung ausschließt.

Mit Bedauern und Scham muss ich gestehen, dass dies vollkommen auf mich zutrifft. Immer wieder verliebe ich mich in jemanden, den ich vollkommen über meine eigene Wertigkeit stelle und idealisiere, und so für mich unerreichbar mache.

Checkliste
Was ich jetzt beschreibe, mag man vielleicht als "Checkliste" klassifizieren. Typischer Ausdruck dieses Symptoms ist das Denkmuster "Wenn ich nur X und Y tue, werden meine Gefühle erwidert werden".

Auch ich verfalle allzu gerne in diese Denkmuster. Es ist viel zu einfach, gerade wenn man unerfahren wie ich ist und vor einem scheinbar so unerklärbaren Phänomen wie Liebe steht, gewisse Systematiken zu suchen, wie z. B. eine solche Liste von Handlungen, die zum gewünschten Ziel führen.

Die Arschlöcher kriegen die Frauen ab
Auch wieder ein typisches Denkmuster, dem die Objektifizierung des weiblichen Geschlechts zugrunde liegt. Anstatt anzuerkennen, dass Frauen unabhängige Individuen sind, die ihre eigenen Entscheidungen treffen, resultiert hier, womöglich auch aus dem Schmerz über die Zurückweisung, die scheinbare Beobachtung, dass "immer die Arschlöcher" die Frauen "abkriegen".

Soweit ich das beurteilen kann, setzt sich dieses Denkmuster aus zwei Komponenten zusammen:

  1. Die Unfähigkeit, die eigenen Mängel einzugestehen. Natürlich ist es einfacher, den Schmerz über die eigene Zurückweisung nicht durch sich selbst zu erklären, sondern darin zu ertränken, dass "die Eine" sich den Falschen ausgesucht hat, nämlich das Arschloch.
  2. Die extreme Eifersucht auf den "Rivalen". Der Konkurrent hat gewonnen, was ihn zum "Rivalen" macht. Gleichzeitig besteht extreme Eifersucht, da dieser das "erreicht" (wieder ein Fall von Objektifizierung) hat, was man selbst nicht hat. Das führt wiederum zum Hass auf diesen "Rivalen", was ihn natürlich zum Arschloch macht.
Folge ist auch, dass der "Nice Guy" (vielleicht verständlicherweise; Gefühle sind starke Aktoren) lieber in Selbstmitleid versinkt, anstatt die Sache abzuhaken.

Passivität
Der "Nice Guy" stimmt "seiner Einen" immer zu, selbst wenn ihre Ansichten diskussionswürdig sind. Er erhofft sich, dadurch "die Eine" für sich zu gewinnen. Im besten Fall ist dieses Verhalten einfach nur passiv, ansonsten einfach nur illoyal und unehrlich.

Ich muss gestehen, gerade als etwas schüchternerer Mensch wie ich, ist es sehr naheliegend sich so zu verhalten.

Nett sein
Es macht einen Unterschied, nett oder "nett" zu sein. Wenn man "nett" ist, ist man einfach nur nicht angreifend. Wenn dann auch dazukommt, dass einen das Umfeld als "nett" beschreibt, dann hat man wohl nicht viel an Persönlichkeit zu bieten.

Zusammen mit dem vorhergehenden Punkt bildet das auch wieder eine Subkategorie der "Checkliste": "Wenn ich nur immer nett bin, dann entscheidet sich die Eine für mich."

Ziel Beziehung, Freundschaft ist Fehlschlag
Viele "Nice Guys" sehen eine Beziehung zwischen sich selbst und einer Frau nur dann als Erfolg, wenn diese romantischer/sexueller Natur ist. Reine Freundschaft wird als Fehlschlag gewertet.

Teilweise trifft das wohl auch auf mich zu. Zwar werte ich eine (lose) Freundschaft nicht als Fehlschlag, aber wenn ich mit dem Ziel, eine (romantische) Beziehung aufzubauen, an die Sache herangegangen bin, hat diese Freundschaft wohl nicht lange Bestand.

Beziehung als einzige Quelle von Glücklichkeit im Leben
Ein weiterer Faktor ist die Ansicht, dass nur durch eine Beziehung ein glückliches Leben gelebt werden kann.

Das trifft vielleicht nicht ganz so radikal auf mich zu, aber ich habe das Gefühl, vielleicht auch, weil ich mich so auf "die Eine" fixiert habe, dass eine Beziehung das Gesamtsystem vervollständigen würde.

Fazit
Wenn ich das alles so rückblickend betrachte, realisiere ich, dass ich ein ziemliches Arschloch gewesen und wahrscheinlich auch noch bin. Ich möchte keine Rechtfertigungen für mein Verhalten suchen, wahrscheinlich liegt es jedoch in meiner Unerfahrenheit mit Gefühlen dieser Art.

Wenn ich "meine Eine" sehe, sehe ich einfach nur all das, was ich mir wünsche und werde von Gefühlen überrannt, die mich komplett handlungsunfähig machen.

Mich würden mal eure Meinungen zu dem Thema interessieren, vielleicht auch der ein oder andere Ratschlag für mich, wie ich aus diesen Denkmustern ausbrechen kann.

Viele Grüße und Danke im Voraus
Euer silverruner
 
G

Benutzer

Gast
Ich dachte auch mal ich wäre ein Nice guy. Totaler Bullshit. Solche Selbstdiagnosen würde ich nicht stellen. Ich habe mich damit auch verrückt gemacht, aber das war am Ende so als ob ich die Symptome einer Krankheit googel : Dann hätte ich wahrscheinlich Krebs und Alzheimer und Schwindsucht und ´ne Lungenentzündung und ein paar Tumore.

Kümmer dich um dein Abi. Blende die holde Weiblichkeit aus. Glaub mir, es ist toll, wenn man aufhört sich Gedanken zu machen :zwinker:
 

Benutzer151732  (27)

Ist noch neu hier
Dieser Text den du verfasst hast finde ich fazinierend. Da ich mich auch in mehreren Punkten wieder finde. Vorallem stelle ich jedes Mädchen das ich liebe ein höheren Wert zu. Meine Erfahrung ist auch das man so keine abbekommt. Ich versuche zurzeit auch meine Fehler auszumerzen ubd vorallem meine Schüchternheit zu überwinden.
 

Benutzer136306 

Planet-Liebe Berühmtheit
Du hast ja eine recht elaborierte und in Teilen außerordentlich reflektierte Liste erstellt. Wenn du das nicht als Selbstzweck (ich will wissen, wie ich bin) benutzen möchtest, sondern zur Selbstverbesserung (wie bringe ich in mir die Person, die ich sein möchte, hervor), dann musst du natürlich einen Schritt weitergehen. Nach dem Abi ist ein guter Zeitpunkt, um dich selbst neu zu erfinden. Hast du da schon Ideen?
 

Benutzer140332  (33)

Planet-Liebe ist Startseite
Eigentlich brauch ich nicht viel zu schreiben außer:
Nutze deine ausgezeichnete Selbstreflexion um dich zu verändern. Du bringst alles mit, um eine langfristige Veränderung zu bewirken.:smile:
 

Benutzer115625 

Beiträge füllen Bücher
Naja. Geht in die richtige Richtung, aber dein Verständnis der Muster, die dich so handeln lassen, wie du es tust, sind in meinen Augen noch nicht tief genug. Woher kommt deine "Definition"? Vieles kratzt da nur an der Oberfläche.

Außerdem: Du analysiert, aber wo sind die auf der Analyse aufgebauten Lösungsansätze?

Grüße,

Ali Mente
 

Benutzer148000  (22)

Benutzer gesperrt
Kenne ich ein bisschen, ich bin eigentlich ein ziemliches Arschloch nur halt nicht ggü. Frauen.
 

Benutzer120865 

Öfter im Forum
Kümmer dich um dein Abi. Blende die holde Weiblichkeit aus. Glaub mir, es ist toll, wenn man aufhört sich Gedanken zu machen :zwinker:
Das ist es in der Tat :cool:. Ich tue mich nur unheimlich schwer, sie zu vergessen, weil sie mir (zu Unrecht?) so viel bedeutet.

Nach dem Abi ist ein guter Zeitpunkt, um dich selbst neu zu erfinden. Hast du da schon Ideen?

Puh, darüber habe ich mir so gesehen noch keine konkreten Gedanken gemacht. Ich werde ja demnächst anfangen, zu studieren und somit zwangsläufig in eine neue Peer Group geworfen werden; vielleicht versuche ich da von Anfang an, etwas offener und interaktiver zu sein. Ansonsten schwebt mir da konkret noch nichts vor.

Woher kommt deine "Definition"? Vieles kratzt da nur an der Oberfläche.

Außerdem: Du analysiert, aber wo sind die auf der Analyse aufgebauten Lösungsansätze?
Die "Definition" (die ja so gesehen gar nicht so genau bzw. aussagekräftig ist) ist mehr oder weniger die Schnittmenge über das, was so allgemein unter dem Begriff verstanden wird.

Das mit den Lösungsansätzen ist ja so eine Sache. "Es nicht zu tun" wäre wohl der offensichtliche Ansatz. Aber sonst stehe ich auch eher auf dem Schlauch, wie es konkret weitergehen soll. In der Frage hatte ich auch auf die ein oder andere Idee von jemandem aus der Community, der vielleicht mal in einer ähnlichen Situation war, gehofft.
 

Benutzer115625 

Beiträge füllen Bücher
Die "Definition" (die ja so gesehen gar nicht so genau bzw. aussagekräftig ist) ist mehr oder weniger die Schnittmenge über das, was so allgemein unter dem Begriff verstanden wird.
Kommt drauf an, wie man "allgemein" definiert :zwinker:

Das mit den Lösungsansätzen ist ja so eine Sache. "Es nicht zu tun" wäre wohl der offensichtliche Ansatz. Aber sonst stehe ich auch eher auf dem Schlauch, wie es konkret weitergehen soll.
Du musst dir erstmal die richtigen Fragen stellen: WARUM tust du, was du tust?

Grüße,

Ali Mente
 

Benutzer10855 

Team-Alumni
Mich würden mal eure Meinungen zu dem Thema interessieren, vielleicht auch der ein oder andere Ratschlag für mich, wie ich aus diesen Denkmustern ausbrechen kann.

Dann schlage ich auch mal in die Kerbe... :zwinker:

Der typische "Nice-guy" ist für mich ein Typ, der versucht durch freundschaftlich gefärbte Handlungen Punkte zu sammeln, in der irrigen Annahme, er könne diese gegen echte Gefühle oder manchmal auch einfach nur Sex eintauschen. Nicht immer, aber häufig wird dann nach außen hin ein nahezu ritterliches Verhalten an den Tag gelegt, aber nach innen gerichtet herrscht (Selbst-)hass. Es wird als ungerecht empfunden, dass das eigene Begehren unerfüllt und die anstrengenden und aufrichtigen Bemühungen unbelohnt bleiben. Wünsche und Begehren anderer Personen, die dahingehend im Konflikt stehen können, werden hingegen erst überhaupt nicht wahrgenommen. Der Nice guy hat also eine sehr selektive Auffassung und selbst wenn er das Gegenteil behauptet, so glaubt er insgeheim, dass er sich Liebe erkaufen oder verdienen können sollte, sei es durch Dienste, Geschenke oder Gesten. Er glaubt, er habe einen (gottgegebenen?) Anspruch darauf.

Als eines der wirklich wenigen Dinge heutzutage, gibt es die Liebe aber tatsächlich nur als Geschenk und nur aus freien Stücken, denn in Wahrheit hat niemand Liebe verdient. Wenn man das einmal akzeptiert hat und nicht mehr dieses Anerkennung, Leistung und Gegendienst miteinander aufrechnet, fällt es einem leichter, mit der ganzen Situation klarzukommen, die wir uns da selbst für unsere Paarfindung geschaffen haben. :zwinker:

Es ist entspannter, denn man muss sich nicht länger anstrengen und eine Fassade der Freundlichkeit aufrecht erhalten, sondern kann sich statt von einem Kalkül durch Sympathie leiten lassen. Denn wenn ich jemandem einen sozialen Dienst aus Sympathie leiste, erwarte ich keine Rückzahlung.

Menschen merken das und die Chancen stehen gut, dass einem Sympathie im Gegenzug wiederfährt, ohne das man diese einfordern müsste. Es ist nur sehr traurig zu sehen, dass das dem Nice guys nicht mal auffällt, oder sie quasi die offene Hand ausschlagen, da sie keine Sympathie wollen. Sie verfolgen ihre Ziele einfach mit den falschen Mitteln.

Da sie fast ausschließlich mit Hintergedanken agieren, machen sie den Aufbau einer Vertrauensbasis (wie sie für die Führung einer Beziehung essentiell ist) verdammt schwierig. Man weiß bei einem Nice guy eben nie, was er in seinen Kopf für eine Buchhaltung geführt hat und was einem seine Gefälligkeit einmal kosten wird. Und natürlich ist völlig unklar, ob er einem auch noch dann helfen würde, wenn er davon im Endeffekt nichts hat.

Um davon wegzukommen, ist der Schlüssel meiner Meinung nach, sich von Hintergedanken frei zu machen. Ich glaube aber, das ist wirklich nur Leuten vorbehalten, die einen sehr starken Willen haben und mit fester Überzeugung wirklich an ihrer Persönlichkeit arbeiten, um sich selbst zu besseren Menschen zu machen.

Da gehören aber die wenigsten dazu, und ich auch nicht... :engel:

Ich merke häufiger mal, dass ich Hintergedanken habe oder aus "niederen" Motiven handele. So gibt es für meine Hilfe durchaus mal versteckte Kosten oder ich versuche mir Leute "gewogen" zu machen, da ich mir Vorteile ausrechne. Ich bin manipulativ und gebe das auch zu. Meine Rechnungen gehen dabei in der Regel auch auf und es kommt niemand groß zu schaden (naja, zumindest niemand, der es nicht verdient hätte... :whistle:). Idealerweise spielt man dieses Spiel als eine Win-Win-Situation aus und bleibt dabei so fair, wie es eben geht.

Umgekehrt werde ich natürlich genauso von den Leuten manipuliert und das ist okay so.

Wenn man aber ausschließlich so handelt, hat man meiner Ansicht nach starke soziale Probleme, die sich insbesondere in Liebesfindung und auch in Freundschaften niederschlagen. Deswegen bewahre ich mir zumindest etwas Raum, um einfach nach meiner Laune heraus die Leute so zu behandeln, wie ich gerade mag. Ist mir jemand sympathisch, kann ich da auch helfen ohne Hintergedanken und ist mir jemand unsymapthisch, kann ich ihm auch einfach die Hilfe verweigern und ihn schroff abweisen (was Nice guys nicht machen würden, denn selbst Leuten gegenüber, die sie nicht mögen, versuchen sie oft noch sich Punkte zu verschaffen und gut zu stellen). Je mehr man das macht, umso authentischer wirkt man, was dir hilft, dass dir Leute vertrauen.

Meine Freunde haben es dabei insofern gut, als das sie mich einfach nerven können, ohne groß was befürchten zu müssen. Sind mir halt sympathisch und haben damit Glück. :zwinker:

So ein Verhalten wirkt authentisch, da es zumindest ehrlich ist. Es mag nicht immer klug, gerecht und keinesfalls vorteilhaft sein, aber es ist zumindest nicht durch verborgene Motive gefärbt. Demnach halte ich es für wichtig, die Fähigkeit zu entwickeln, sich seiner eigenen Motive stets bewusst zu sein und diese zu bewerten.

Der einfachste Weg, um kein Nice Guy zu sein ist auch einfach, seine Motive offen zuzugeben. Dafür muss man ja nicht gleich vor seiner angebetenen Frau, welche einem überhaupt noch nicht kennt, auf die Knie sinken und ein Liebesgeständnis abgeben, aber will man das, muss man darauf hinarbeiten und sich nicht feige verstellen. :zwinker:

Denn Feigheit ist auch so eine charakteristische Sache für Nice Guys und insgesamt für die Partnersuche eher unvorteilhaft.

Ehrlichkeit, Authentizität, kritische Hinterfragung der eigenen Motive und die Fähigkeit zur Sympathie sind die Dinge, die dich vom Nice Guy wegbringen, ohne dich zum Arschloch zu machen.
 
Zuletzt bearbeitet:

Benutzer120865 

Öfter im Forum
Wow, danke für den tollen Beitrag Fuchs, der hat mir nochmal eine ganz neue Perspektive eröffnet.

Also wenn ich deine Definition vom "Nice-Guy"-Typ als Maßstab anlege, würde ich wiederum nicht sagen, dass der auf mich zutrifft.

Was ich dann jedoch wieder an mir selbst nachvollziehen kann, ist der nach innen gerichtete Selbsthass, der sich aus zwei Faktoren zusammensetzt: Einmal der, dass ich mir eine Zurückweisung sehr zu Herzen nehmen und als persönliches Scheitern interpretiere, was ja rational betrachtet überhaupt keinen Sinn ergibt.
Andererseits noch das genaue Gegenteil von dem, was du beschreibst. Daran schuld ist nicht etwa die selektive Wahrnehmung bzw. die Nicht-Wahrnehmung der Interessen und Bedürfnisse anderer, sondern eben deren Wahrnehmung.
Dadurch dass ich diese wahrnehme, und auf rationaler Ebene weiß, dass diese genauso wichtig sind, wie alle anderen auch, hasse ich mich dafür, dass ich trotzdem diese niederen Gefühle wie Neid und Eifersucht empfinde.

Unterbewusst vertrete ich, soweit ich mich selbst beurteilen kann, nicht unbedingt die Auffassung, dass ich Anspruch auf irgendwas habe, sondern die, dass es zu jedem Topf einen Deckel gibt, was besonders frustrierend ist, wenn man glaubt, die Richtige gefunden zu haben.

Ich würde mich auch nicht als manipulativ bezeichnen, zumindest was mein näheres Umfeld angeht. Es bereitet mir Schmerzen, auch nur daran zu denken, zu versuchen, meine Mitmenschen mit Hintergedanken zu manipulieren.
Grundsätzlich würde ich auch nicht sagen, dass ich durch "Nett-Sein" irgendeine Gegenleistung erwirken wollte; es fühlt sich für mich eher nach dem Versuch an, sich einander anzunähern und ein Vertrauensverhältnis aufzubauen.
Ich hab kein Problem damit, ich selbst zu sein, nur bei Personen, an denen ich auch amourös interessiert bin, fällt es mir schwer, ich selbst zu sein, einfach aus Angst, die Gelegenheit zu verbocken.

Trotzdem, noch einmal Danke für deinen Beitrag, du hast da einige kluge Dinge formuliert, die mir nochmal eine andere Perspektive zugänglich gemacht haben :thumbsup:.
 

Benutzer10855 

Team-Alumni
Gern geschehen - ist ein interessantes Thema :smile:

Ich glaube, du hast auch nicht wirklich das klassische Nice Guy-Syndrom, sondern fokussierst dich einfach extrem auf einzelne Frauen und baust dir da selbst enormen Druck auf. Du musst dir eine Menge Dinge zusammenfantasieren. Zudem nimmst du vermutlich Zurückweisungen zu persönlich.

Ich sehe eine Abfuhr häufig als Zeichen dafür, dass zwei Personen nicht kompatibel waren und weniger dafür, dass ich als Person versagt habe, ein Verhältnis zu etablieren. Klar machen wir Fehler und manchmal verspielen wir es uns auch mit anderen Leuten, aber oft hat man auch einfach von vornherein keine Chance gehabt und konnte es auch nicht besser wissen. Wir alle stecken nur in unseren eigenen Köpfen und erleben nur unsere eigenen Gefühlen. Es wäre höchst verwunderlich, wenn es diese negativen Reaktionen nicht geben würde.
 

Benutzer115625 

Beiträge füllen Bücher
Ich finde hier wird nicht treffend analysiert.

Der "klassische Niceguy" rechnet meiner Erfahrung nach nicht auf. Entscheidend ist, dass er sich selbst hinter andere zurückstellt. Insbesondere stelle ich als Nice-Guy meine eigenen Wünsche und Bedürfnisse hinter die (potenziellen) Wünsche und Bedürfnisse anderer zurück. Das ist der Kern des "Nice-Guy-Daseins".

Daraus ergeben sich dann andere Symptome, wie "überanalysierendes Verhalten" ("Wie KÖNNTE sie das finden? Wie KÖNNTE ihre Reaktion ausfallen?", "Wieso verhält sie sich so ... Mache ich etwas falsch?") oder neudeutsch im PU-Sprech "Pussy-Diagnose-Modus", "Konflikt- und Risikovermeidung" ("Ich möchte anderen nicht zu Nahe treten"; Grund: Andere Bedürfnisse sind wichtiger), Frust ("Warum werden meine Entbehrungen nicht honoriert?"), und so weiter.

Leute, die "aufrechnen" haben ein anderes Problem: Misstrauen und Angst, ausgenutzt zu werden. Das kann eine Folge des Lebens und der Frustration als Niceguy sein, hat jedoch mit der eigentlichen "Symptomatik" nichts mehr zu tun: Der "Wert" der eigenen Bedürfnisse wird hier ja gerade NICHT mehr unter die der anderen gestellt, sondern "gegengerechnet": "Wenn ich etwas für dicht tue, dann MUSST du auch etwas für mich tun!". Das ist eher eine reflexhafte 180° Drehung nach der Erkenntnis, dass ich ein "Nice-Guy" war. Resultat: Ich entkomme zwar der Niceguy-Nummer, werde aber zum Sozialkrüppel.

Überschwängliches Fokussieren auf eine einzige Frau mit Projektion aller möglichen himmlischen Eigenschaften und Hoffnungen auf sie bzw. die imaginäre Beziehung mit ihr ist nochmal ein anderer Schuh. Pickup nennt das "One-it-is", und damit ist eine "Fokussierung mit krankhaften Zügen gemeint" - eine Frau als Lösung aller (eigenen) Probleme und, daraus resultierend, ein existenziell wichtig wahrgenommenes Bedürfnis, mit ihr zusammen zu sein. Das kann zu geradezu selbstzerstörerischem Verhalten führen.

"Wenn ich x tue, dann y" ist ebenfalls keine "Niceguy-Problematik", sondern ein allgemeines Problem des menschlichen "Strebens nach Glück". "One-it-is" ist ein krasser Spezialfall dessen. Hier wird einfach "Glück" in bestimmte Zustände projiziert. Ich glaube dann, wenn dieser Zustand einträte, dann würde ich glücklich werden. Das ist natürlich nicht der Fall, denn diese Erfüllung, wenn sie überhaupt eintritt, wird nie von Dauer sein, solange ich Glück an äußere Umstände knüpfe. Die Ursache ist ein latent wahrgenommener "Mangel". Das Gefühl, dass etwas fehlt.

Dann wurde noch das "persönlich nehmen von Abfuhren" angesprochen. Das ist für mich auch nicht "Nice-Guy", sondern es entspringt der Überbewertung der eigenen Existenz. Wenn ich sehr in meinen Gedanken verhaftet bin, und mich dementsprechend stark mit meiner Ich-Projektion identifiziere, dann erscheine ich mir eben als "Mittelpunkt des Universums". Was passiert hat für mich dann zwingend auch mit mir zu tun, denn ich bin garnicht in der Lage, über den Tellerrand der eigenen Gedanken zu schauen.

Grüße,

Ali Mente
 
Zuletzt bearbeitet:

Benutzer120865 

Öfter im Forum
Danke Ali für deinen Beitrag, ich glaube, du hast das Problem, an dem ich mir die Zähne ausbeiße, auf den Punkt gebracht.
Nicht nur auf den Punkt gebracht, sondern sogar die treffende Bezeichnung geliefert. One it is.

Nachdem ich diesen Begriff gelesen habe, habe ich mich ein wenig kundig gemacht, und das Syndrom der One it is passt auf meine Situation wie die Faust aufs Auge.

Nun stellt sich natürlich die Frage, wie man das Problem löst.
Soll ich einfach versuchen, sie mir aus dem Kopf zu schlagen?
Oder soll ich lieber mit diesem neuen Blickwinkel einen neuen Annäherungsversuch starten? Ich habe immerhin ein ganzes Jahr kein einziges Wort mit ihr gewechselt, vielleicht hat mir das den nötigen Abstand verschafft?

Viele Grüße
silverruner
 

Benutzer96466 

Planet-Liebe Berühmtheit
Ich werde ja demnächst anfangen, zu studieren und somit zwangsläufig in eine neue Peer Group geworfen werden; vielleicht versuche ich da von Anfang an, etwas offener und interaktiver zu sein. Ansonsten schwebt mir da konkret noch nichts vor.
Ja, tun.
 

Benutzer115625 

Beiträge füllen Bücher
Oder soll ich lieber mit diesem neuen Blickwinkel einen neuen Annäherungsversuch starten? Ich habe immerhin ein ganzes Jahr kein einziges Wort mit ihr gewechselt, vielleicht hat mir das den nötigen Abstand verschafft?
Das kannst du letztlich nur selbst entscheiden, da sie jedoch immer noch eine Rolle in deinem Kopf zu spielen scheint, würde ich sagen, dass du nicht den nötigen Abstand hast.

Nun stellt sich natürlich die Frage, wie man das Problem löst.
Soll ich einfach versuchen, sie mir aus dem Kopf zu schlagen?
Meiner Erfahrung nach spielen zwei Faktoren herein, oft im Wechselspiel miteinander:
1. Mangel an Selbstwertgefühl/Selbstliebe
2. Wenig Erfahrung mit Frauen

Problem zwei lässt sich lösen durch: "FTOW" (Fuck ten other women). Heißt: Durch die Brechstange lernen, dass sie nicht so "einmalig" ist, wie ich sie mir ausmale.

Problem eins ist ein längerer, oft steiniger Weg. Dafür muss ich mich selbst kennenlernen, Erfahrungen machen und reflektieren, lernen mich anzunehmen, wie ich bin, meine Stärken aber auch Schwächen erkennen und lieben lernen, meinen Selbstwert nicht aus äußeren Umständen, sondern aus mir selbst heraus beziehen und so weiter und so weiter. Sprengt leider den Rahmen dieses Threads.

Vielleicht machst du ja einfach mal ein Thema auf, in der du die konkrete Situation schilderst oder eben konkrete Fragen stellst.

Grüße,

Ali Mente
 
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