Furchtbarer Alptraum und plagenden Schuldgefühle...

Benutzer90495 

Verbringt hier viel Zeit
Hallo an alle Forenmiglieder,

ich möchte nun ein wenig erfreuliches Thema ansprechen, ich hatte in der vorletzten Nacht einen furchtbaren Alptraum gehabt....

Auf einer Veranstaltung waren einige Stände aufgebaut, wo es Dinge zu kaufen und als Werbeprodukte gab. Ich kam mit ein paar Bekannten gerade aus der Schule, und da wir neugierig waren, schauten wir uns dort etwas um. Da sah ich, dass auf einem Platz eine Reihe lauter bunter Plüschbären in allen Farben aufgereiht waren. Mir hatte es ein rotes angetan, und ich hob es auf und wollte es in meine Tasche stecken. Meine Freundin hatte ein grünes in der Hand, als eine andere Freundin sagte: Ey, sagt mal, seid ihr bescheuert, ihr könnt doch nicht einfach die Bärchen einstecken, die gehören euch nicht, da drüber steht die Polizei. Wenn die das sehen? Sie sagte, ich solle das Bärchen da sofort wieder hinstellen, aber ich hatte mich so sehr darin verliebt, ich wollte es nicht mehr abgeben.
Prompt kamen auch gleich zwei Polizisten auf uns zu und meine Freundin bekam schon die Krise und verdrehte die Augen. Sie hatte es doch gleich gesagt.
Ich wurde auch gleich ziemlich derb von den Polizisten niedergemacht, was mir einfiele, und ich war sehr erschrocken und eingeschüchtert, ich hatte mir nichts Böses dabei gedacht. Als ich etwas sagen wollte, griff der Polizist mir brutal ins Gesicht, und sagte, ich solle ja aufpassen, was ich sage und ja vorsichtig sein.
Wir fuhren zur Wache.
Dort wurde ich in einen Raum geführt, wo nur ein Polizist saß.
Es war ganz komisch.
Er nahm keine Personalien auf oder so was, sondern sagte mir gleich:
Eine Anzeige oder Verhandlung wäre nicht das Richtige, ich wäre wohl vom "Rechten Weg" abgekommen und das Böse hätte von mir Besitz ergriffen. Er fragte mich, ob ich es wollen würde, dass nach meinem Tod alle meine Sünden bestraft würden? Ich bekam Panik.
Er erklärte mir, dass er mir die Möglichkeit zur Buße geben wollte, und ich in meiner Angst war bereit, jede Strafe anzunehmen.
Ich musste mich bis auf meine Shorts ausziehen und wurde über eine Platte gelegt und mit weißen Riemen, wie man sie von den psychiatrischen Kliniken kennt, dort festgeschnallt. Der Mann fing an, mich mit einem dicken Stock im Schulter- und Rückenbereich zu schlagen. Es waren sehr starke Schläge, die extreme Schmerzen verursachten. Ich habe in meiner Angst an die Fesseln gezerrt und jeder Schlag wurde mit der Belehrung des Mannes begleitet, der mir immer wieder meine "Schuld" vorhielt. Ich wäre ein schlechter Mensch, und ich solle ihm dankbar sein, die Change zur Buße zu bekommen. Vor Schmerz und Angst übermannt jedoch nahm ich seine Worte nur halbwegs wahr.
Ich wusste nicht, dass mir das Schlimmste noch bevorstand.
Nachdem er aufgehört hatte, mich zu schlage, schmerzte mein ganzer Körper bereits und mein Körper war angespannt und mein Gesicht schmerzverzerrt. Ich versuchte, ruhig zu atmen. Ich hörte hinter mir Schritte und eine kurze Zeit passierte nichts. Man band mich aber auch nicht los. Ich bemerkte, dass der Mann ein "Gerät" holte, dass ich aber nicht kannte und ich wieder Angst bekam, weil ich nicht wusste was es ist, und was jetzt geschieht.
Er erklärte mir, dass dies ein Elektroschockgerät sei und dies zur Unterbindung und Behandlung von unerwünschten Verhaltensmustern, wie Diebstahl, Unangepasstheit, Zwänge, Unmoral, provokantes Verhalten, Autismus, usw eingesetzt würde, eben alles, was auf mich zutrifft.
Die Behandlung muss höllisch schmerzhaft gewesen sein, ich habe generell Panik vor Strom, sogar vor Steckdosen. Ich weiß nur, dass ich während der gesamten Prozedur in einem fort panisch geschrieen habe, an den Fesseln gerissen und mein Körper hat die ganze Zeit über hemmungslos gezuckt. Ich wurde dann zusätzlich noch von einer weiteren Person mit einem weiteren Gerät "behandelt". Diese Stromschläge waren so stark, dass ich glaubte, innerlich zu verbrennen.
Irgendwann war der Spuk vorbei. Ich wurde losgebunden.
"Steh auf"! herrschte man mich an. Ich war nicht fähig, mich zu bewegen. "Steh auf!" herrschte man mich lauter und barscher an. Als ich mich auch jetzt nicht bewegte, riss man mich unsanft hoch und stellte mich auf die Beine. Meine Beine hielten mich nicht, mein Körper war taub und fühlte sich wie gelähmt an. Ich sackte zusammen. Der Mann hinter mir fing mich auf. Da ich mich nicht halten konnte, trug man mich auf eine Liege und schnallte mich darauf fest. Die Liege wurde aus dem Raum gefahren, es war wie eine "Krankenhausliege".
Ich kam in einen stark abgedunkelten Raum, nur ein schwacher Lichtstrahl fiel noch hinein, und ein leiser Ventilator drehte sich und summte da oben an der Decke. Die Leute gingen hinaus und ließen mich alleine.
Meine Augen fixierten die Decke. Ich nahm das leise Summen wahr, doch in meinem Kopf herrschte ein dumpfer Druck und eine große Leere. Nicht ein Wort oder ein Gedanke ging mir durch den Kopf. Mein Körper fühlte sich völlig taub an, ich fühlte keinen Schmerz mehr. Ich war wie gelähmt.
Ich starrte an die Decke an den sich pausenlos drehenden und summenden Ventilator. Dann wurde alles schwarz um mich herum...

Dieser lässt mich die ganze Zeit nicht los...

Hinzu kommt, dass mich seit längerem Schuldgefühle quälen, weil ich in der Vergangenheit einige Diebstähle begangen habe, für die ich nie zur Rechenschaft gezogen wurde. Ich habe mir damals nichts dabei gedacht, aber heute schäme ich mich sehr dafür und fühle mich schlecht und schuldig...

Liebe Grüße an alle,

H. Golightly!

 

Benutzer102673 

Beiträge füllen Bücher
Hallo Golightly.

Wow, das liest sich ja wie aus einem Gruseldrehbuch. Da ich eine absolute Gruselfilm-Niete bin, frage ich mal gleich vorweg, ob das vielleicht von irgendeinem Film kommen könnte, den Du in letzter Zeit gesehen hast und der einen intensiven Eindruck bei Dir hinterlassen hat?

Ich kann hier nur küchenpsychologische Spekulationen anstellen.

Es stimmt schon, man hat manchmal Träume, die einen extrem aufwühlen, und auch ich kenne einige auf vielfältigste Art sehr aufwühlende Träume, die mich tagelang und teilweise jahrelang immer wieder beschäftigen.

Und zumindest bei mir - und wie es aussieht auch bei Dir - haben sie mit den Erfahrungen zu tun, die uns momentan innerlich beschäftigen. Das sind Träume, die Fragen aufwerfen, Gefühle auslösen, Dilemmata vor Augen führen - und auch Situationen imaginär zuende bringen, die man für sich selbst im "echten" Leben noch nicht gelöst hat.

Im echten Leben scheinst Du also manchmal anzuecken durch...
unerwünschten Verhaltensmustern, wie Diebstahl, Unangepasstheit, Zwänge, Unmoral, provokantes Verhalten, Autismus, usw eingesetzt würde, eben alles, was auf mich zutrifft.
...und erfährst oft Abstände, die zwischen Dir und anderen stehen? Ist es so?


Dazu kommt, dass Du Dir nicht verzeihen kannst:
dass mich seit längerem Schuldgefühle quälen, weil ich in der Vergangenheit einige Diebstähle begangen habe, für die ich nie zur Rechenschaft gezogen wurde. Ich habe mir damals nichts dabei gedacht, aber heute schäme ich mich sehr dafür und fühle mich schlecht und schuldig..

Also ich würde ja vorschlagen, eine real gangbare Lösung für sich (in solch heftigen Träumen) andeutende innere Belastungen zu gehen:
- z.B.: einen anonymen Brief an die Ladenkette schreiben, indem Du Dich nachträglich entschuldigst?

Vor allem aber habe ich den Eindruck, dass Du Dich selbst wenig zu akzeptieren scheinst, mit Dir selbst nicht im Reinen bist, Dir nicht verzeihen kannst. Und hier solltest Du vielleicht eher noch an Dir arbeiten. Du musst Dich nicht bestrafen für das, was Du bist.

Vielleicht schreibst Du noch ein wenig über Dich, sodass wir nicht nur den Traum haben als einzigen Anhaltspunkt, ohne weitere Frage? Wahrscheinlich wünschst Du Dir, den Traum abzuschütteln?

Ein Tipp: wenn man sich konzentriert, kann man seine eigenen Träume steuern. DU bist ihr Regisseur. In Situationen, den mir angst machen, wo ich verfolgt werde, erinnere ich mich manchmal dran, und halte die Handlung einfach an, steige aus dem Traum aus oder ändere die Handlung so, wie sie mir gefällt. Es ist MEIN Traum. Das funktioniert.

Gruß, cocos
 

Benutzer118034 

Meistens hier zu finden
Hallo,

Verständlich, dass Dich so ein Traum aufrüttelt und verängstigt. Es ist natürlich sehr schwierig, irgendwelche Mutmassungen über den Traum eines Menschen, den man überhaupt nicht kennt, anzustellen. Ich glaube, dass Träume grundsätzlich nur mit und durch den Menschen, der sie geträumt hat, entschlüsselt werden können. Deshalb will ich Dir hier nur Ansätze geben - die möglicherweise auch völlig falsch sein können. Die Fragen, die ich dabei stelle, musst Du nur Dir selbst gegenüber beantworten, weil durchaus auch Schmerzliches oder Unerwartetes dabei zu Tage kommen kann.

Du hast ja selber schon die Vermutung geäussert, dass Dein Traum auf Dein (fehlendes?) Schuldbewusstsein während Deiner früheren Diebstähle hinweisen könnte. Das glaube ich auch. Ich würde weiter vermuten, dass Du Dir jetzt die Schuld gibst dafür, dass Du damals - oder möglicherweise auch jetzt noch - niemals wirklich Reue für diese Handlungen verspürt hast. Für Dein "Schuldzentrum" ist das natürlich fast Gold wert, weil es einen Weg gefunden hat, Dich damit grossartig in den verschiedensten Situationen zu kasteien. Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass dieser Traum das Potential hat, zu einem wiederkehrenden Traum zu werden, gerade weil er Dich so berührt, dass Du Dich an jedes Detail erinnern kannst.

Den Auslöser für diese Situation würde ich allerdings woanders suchen. Träume treten meiner Meinung nach nie zufällig auf, sondern haben meist einen relativ konkreten Auslöser. Gab es letzthin vielleicht eine Situation, in der Du (möglicherweise auch unterbewusst) wieder versucht warst zu stehlen? Oder in der Du in irgend einer Weise fast aufgeflogen wärst, möglicherweise auch in einer Situation, die auf den ersten Blick keinen Zusammenhang mit der Diebstahlsgeschichte hat?

Schliesslich hat ja eigentlich die Freundin dafür gesorgt, dass Du aufgeflogen bist - gab es letzthin vielleicht eine derartige Situation, in der Du das Gefühl hattest, dass jemand die Macht oder das Potential hätte, Dich verraten zu könnten? Dabei kommt es überhaupt nicht darauf an, ob das auch tatsächlich geschehen ist - irreale Ängste oder Ängste davor, was unter Umständen passieren könnte, kurbeln die Vorstellungskraft häufig noch viel stärker an, als reale.

Eine interessante Frage wäre auch, ob Du, als Du den Bären geklaut hast, während des Traumes (nicht, als Du aufgewacht bist!) Schuld verspürt hast? Bist Du "zurecht" bestraft worden, also hast Du die Bestrafung "verdient" oder nicht? Dabei ist es völlig irrelevant, wie wir unser Gefühl während des Traumes im Wachzustand beurteilen. Wichtig ist, das Gefühl, das wir während des Traumes gespürt haben, nicht durch unsere Moralvorstellungen im Wachzustand beeinflussen zu lassen wenn wir den Traum analysieren. Dass wir im Nachhinein z.B. für gewisse Handlungen (häufig "abstruse" sexuelle, die uns im "echten" Leben niemals in den Sinn kämen, oder eben auch unmoralische) Scham empfinden, ist völlig normal, ist aber genau kontraproduktiv für die Analyse und Auflösung des Traumes.

Nur wer seinen Traum wirklich "annehmen" kann, mag er noch so abstrus sein, wird ihn auch auflösen können. Der Traum weist uns ja auf einen inneren Konflikt hin. Träume sind also gewissermassen Arbeit an uns selber.

Die Aussagen des Polizisten erinnern mich stark an eine übertrieben katholisch-christliche Auffassung von Schuld. (Dabei möchte ich nochmal betonen, dass wir hier nicht von Tatsachen, sondern von einem Traum, einem der persönlichsten Erfahrungen sprechen! Ich will und kann Dir keinesfalls eine pro- oder kontra-katholische Auffassung attestieren, ich kenne Dich ja gar nicht.) Diese Schuld kennt keine Abstufungen, sondern entspringt einer sehr archaisch-dualistischen Schwarz-Weiss-Sicht der Dinge: es gibt Schuld (Du) und Unschuld (Polizist), der sich das Recht herausnimmt, Dich wieder "auf den rechten Weg zu bringen". Und hier wäre es eben sehr spannend zu wissen, wie Du den Polizisten im Traum wahrgenommen hast: es dünkt mich auffällig, dass Du nicht berichtest, wie Du das Verhalten des Polizisten beurteilt hast. Du sprichst nur von Schmerz, nicht aber vom Gefühl, dass Du während Deiner Bestrafung verspürtest. Empfandest Du die Bestrafung (trotz allen Gräuels) als gerecht? War sie vielleicht - trotz bzw. gerade wegen seiner sadistischen Komponente - sogar lustvoll? Schliesslich ist es im Moment der "höchsten Bestrafung", in dem Du sagst, dass Dein Körper "die ganze Zeit über hemmungslos gezuckt hat" - im Gegensatz zur Zurückhaltung und übermässigen Beschränkung des Körpers und des gesamten Verhaltens, die so ein Diebstahl fordert. Der krasse Gegensatz zwischen anfänglicher einschränkender Selbstbeherrschung und dem plötzlichen Loslassen können oder müssen, die eine Bestrafung fordert, halte ich hier für bedeutend. (In diesem Zusammenhang gehe ich allerdings davon aus, dass Du bisher keine traumatischen Erfahrungen mit Gewalt machen musstest - falls doch, stellt sich die ganze Situation völlig anders dar und meine Mutmassungen diesbezüglich kann (und muss!) man in die Tonne treten.) Es scheint ein wenig, als ob diese Bestrafung durchaus etwas Erlösendes hätte, dafür spricht meiner Meinung auch die grosse Leere am Ende des Traumes.

Jetzt konkret etwas in Bezug auf die Diebstähle zu unternehmen fände ich eher unangemessen, besonders wenn diese schon Jahre her sind und die geklauten Dinge nicht gerade ein berühmtes verschollenes Gemälde, sondern irgendwelche Klamotten o. Ä. sind (das Gemälde würde ich persönlich dann nämlich schon wieder im Museum hängen haben wollen! ;-) ). Was soll es der Ladenkette bringen, wenn ein anonymer Brief eingeht, in dem jemand gesteht vor Jahren etwas geklaut zu haben? Das ist pure Selbstbefriedigung, bringt der Ladenkette selbst weniger als nichts. Es geht hier ja vor allem um die Auseinandersetzung mit dem eigenen Traum - das löst den inneren Konflikt ja nicht, denn das Gefühl der Schuld wäre ja nach wie vor da. Der einzige Weg führt meiner Meinung nach darüber, sich als früherer Dieb zu akzeptieren. Da liegt für mich der Kern des Problems: das Bild von sich als Diebes ist mit demjenigen, das man sich selbst zurechtgelegt hat, eben nicht vereinbar und das kann man nur lösen, wenn man sich trotz allem als solcher akzeptieren kann und in Zukunft solche Taten unterlässt.
 
Zuletzt bearbeitet:

Benutzer90495 

Verbringt hier viel Zeit
Ich danke Euch für Eure mitfühlenden ausführlichen Antworten und Bemühungen. Ich möchte auch gerne näher darauf eingehen, nur bitte seid mir nicht böse, heute und morgen wird es wohl nicht gehen, ich fühle mich noch nicht in der Lage, ich muss das alles erst verarbeiten. Ich habe heute bei meiner Therapeutin schon den Traum angesprochen und sie hat ihn auch gelesen, aber ich war nicht imstande, darüber zu sprechen.

Liebe Grüße Euch alle,

Eure Holly Golightly!
 

Benutzer90495 

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Hallo zusammen,

ich bin Eure Antworten noch mal ganz genau durchgegangen, und habe wirklich viel daraus für mich entnehmen können. Ich habe gestern fast bis nach 3:00 Uhr nachts mich mit mir und den Aussagen von Euch und dem Gespräch mit der Therapeutin gestern auseinander gesetzt und mir ist plötztlich vieles klar geworden, was meinen Traum, so grausam, er mir bisher erschien, garnicht mehr so schrecklich war und er mir ziemlich die Augen geöffnet hat. Mir ist klar geworden, dass ich in der letzten Zeit vieles einfach nur verdrängt habe, weil ich es nicht sehen wollte und mich in eine "Traumwelt" reingeflüchtet habe und mir eingeredet habe, alles wäre o. k. und die Vergangenheit, wäre vorbei, und hätte nie wirkich existiert, aber tief in meiner Seele saß oder sitzen die Schmerzen der Vergangenheit, die ich nie wirklich verarbeitet habe.
Zunächst zu cocos Aussage: Ja, ich bin sehr häufig im Leben angeeckt, weil ich eben "anders" war, als die Norm und nie wirklich in die Gesellschaft integriert war. Ich konnte machen, was ich wollte, ich war nie, wie die anderen. Heute weiß ich, dass es an dem Autismus liegt, aber da dieser erst vor kurzem festgestellt ist, und ich bin ja nun jetzt schon 30 Jahre alt, habe ich meine gesamte Kindheit, Jugend und Erwachsenenzeit so gelebt, wie ein "gesunder" Mensch und wurde so behandelt und man hat Erwartungen an mir gestellt, die ich nicht habe erfüllen können. Das führte dann natürlich oft zur Missgunst bei den anderen und mir wurde das oft als Eigenwilligkeit, Trotzverhalten, Unangepasstheit und Sturrheit ausgelegt. Die Leute haben oft geglaubt, ich würde absichtlich mich provokant verhalten und würde mit Absicht die Leute verärgern oder verunsichern. Dadurch wurden bei mir auch die Schuldgefühle ausgelöst. Ich glaubte, ich wäre ein schlechter Mensch, der andere nur provozieren und verärgern möchte.
Dazu kam dann noch, dass ich mit der Kommunikation Probleme hatte, ich habe die Menschen oft nicht verstanden, ich konnte nie "zwischen den Zeilen" lesen und habe auch Körpersprache wie Mimik und Gestik nicht deuten können. Ich habe auch keine Wahrnehmung für Blicke, diese irritieren und verärgern mich dann dadurch, weil ich nicht erkennen kann, ist der Blick freundlich, oder ist das Lächeln freundlich oder spöttisch oder warum lächelt derjenige mich überhaupt an, was will die oder der von mir?
Ja, das stimmt, ich habe mich bis jetzt noch nicht wirklich damit abfinden können, dass ich so bin, wie ich bin, z. B. dass ich Autist bin. Diese Diagnose war letztes Jahr wie ein Schlag ins Gesicht für mich, obwohl wir es eigentlich haben erwartet, aber ich habe bis zuletzt noch gehofft, alles würde sich doch noch mal ändern.

Plain Jane,

das erste was Du geschrieben hast, hat mich gleich sehr überrascht, denn dies war genau das, was ich selbst die ganze Zeit empfunden habe, es mir aber nie eingestehen wollte. Du hast Recht, ich denke immer, ich muss Reue verspüren, weil Diebstahl etwas Schlechtes und Verbotenes ist, aber wenn ich ganz ehrlich bin, ich habe damals nichts dabei empfunden, und auch heute tut es mir nicht wirklich leid, weil ich nicht erkenne, dass ich damit jemanden wirklich geschadet haben soll. Niemandem ist es damals aufgefallen, niemand hat wirklich etwas vermisst, niemand hat mich darauf angesprochen. Ich habe öfters gestohlen, weil ich insgeheim gehofft habe, jemandem würde es mal auffallen, und man würde mich darauf ansprechen und ich hätte die Gelegenheit, mich zu entschuldigen, aber auch zu erzählen, warum ich es getan habe und was mir wirklich auf der Seele liegt. Ich konnte es nie in Worte fassen, wenn ich Probleme hatte. Ich habe mich mitgeteilt, indem ich z. B. gestohlen habe, indem ich mich selbstverletzt habe, oder ich die ganze Zeit Terror gemacht habe im Sinne von Schreien, Überdreht sein, usw.
Vor ein Paar Wochen stand ich wieder vor einem Laden und wollte etwas stehlen. Aber ich habe mich beherrscht, denn meine Schuldgefühle und Probleme waren da schon groß genug. Stehlen war für mich immer ein stummer Schrei nach Aufmerksamkeit, welche ich nicht in Worte fassen konnte.
Ja, auch das ist richtig, ich verstecke mich oft hinter einer anderen Identität, weil ich mit meiner nicht zurecht komme. Daher habe ich auch hier bewusst den Nick gewählt, da die Holly Golightly aus dem Film "Frühstück bei Tiffany" ja auch in Wirklichkeit einen anderen Namen besaß, ihre Herkunft vor der Welt sorgfältig versteckt hat, und mit den Männern nur "gespielt" hat, aus Angst, wieder "eingesperrt" und "verletzt" zu werden.

Hmm, in einer Situation, in der man mich verraten könnte??? Nein, konkret fällt mir da jetzt keine ein. Ich bin meistens für mich alleine, es fällt mir schwer mit anderen Menschen zusammen zu sein, weil ich immer das Gefühl habe, sie halten mich für einen anderen Menschen, als der der ich eigentlich bin. Ich habe mich oft verstellen müssen oder in eine Rolle schlüpfen müssen, weil von mir Dinge erwartet wurden, die ich nicht habe erfüllen können. Die Rolle allerdings zu spielen, wurde immer schwerer, bis ich 2010 komplett daran zerbrochen bin und seitdem zuhause bin und in therapeutischer Behandlung. Ich verheimliche fast alles von mir vor der Welt, aus Angst, dass die Dinge wieder gegen mich verwendet werden könnten oder dass man damit einen Weg finden könnte, mich bloszustellen oder mich fertigzumachen.
Ich bin als Kind und in der Jugend jahrlang körperlich und verbal fertiggemacht worden vom Kindergarten an bis zur Handelschule. Sowohl von Erziehern als von den Kindern selbst. Ich habe mich nie wirklich wehren können.

Während meines Traumes habe ich große Schuld verspürt. Nicht nur die Schuld für den Bären, sondern für das was auch vorher passiert ist.
Zu Anfang der Bestrafung im Traum und dem Vorhalten meines Fehlverhaltens durch den Polizisten habe ich große Schuld verspürt, nicht nur für den Bären, sondern wie oben gesagt, auch für die Diebstähle und das, die im realen Leben geschehen sind.
Ja, das kam mir bereits im Traum extrem vor. Der Polizist wirkte auf mich nicht, wie ein Polizist, sondern wie ein "Sektenführer", der eine extreme, ja man kann schon sagen, fanatische Auffassung vom christlichen Glauben hatte. Er kam mir auch nicht vor, wie ein richtiger "Pastor" oder "Priester", sondern wie ein selbsternannter "Priester", der es sich zur Aufgabe gemacht hat, alle Menschen, die nach seiner Meinung "schwere Schuld" und "Sünden" begangen haben, zu bestrafen und dadurch zu läutern und diese Seelen zu "reinigen" von ihrer Schuld. Das habe ich auch dadurch extrem gespürt, weil er mir während der Bestrafung immer wieder meine "Sünden" vorgebetet hat und immer wieder betont hat, wie froh und dankbar ich darüber sein soll, dass er mir die Möglichkeit gegeben hat, meine Schuld zu begleichen.
Der Polizist erinnerte mich an eine frühere reale Klassenkameradin, die ebenfalls mal von mir behauptet hatte, ich wäre vom Teufel besessen, weil ich in ihren Augen "anders" war, und vom rechten Glauben abgekommen wäre und dafür büßen müsse, um nicht in die Hölle zu kommen.

Zu Anfang der Bestrafung im Traum, als ich geschlagen wurde, war mein Körper extrem verkampft, ich wurde festgehalten, dass ich mich nicht bewegen konnte, und ich habe es auch kaum gewagt, mich zu bewegen oder zu wehren, weil ich Angst hatte, noch mehr Wut auf mich zu ziehen. Weil man mir auch meine Schuld wieder eingetrichtert hat, kam mir die Bestrafung gerecht vor, lustvoll nein, aber gerecht. Ich fühlte mich schlecht und schuldig und spürte trotzt der starken Schmerzen eine langsam aufkommende seelische Erleichterung.
Ja, mein Körper hat hemmungslos gezuckt, und je mehr ich mich damit auseinandersetze, desto mehr wird mir klar, dass ich in diesem Moment das Gefühl hatte, endlich "loslassen" zu können, "loslassen" von meiner Schuld und meine Schuldgefühlen. Ich glaubte, bestraft zu werden, für all das, was ich im Leben getan habe, ohne dafür jemals in der Realität zur Verantwortung gezogen worden zu sein, ja auch für das, was ich mir selbst angetan habe, und was alles nicht hätte sein müssen. Ich bin im realen Leben nie wirklich für etwas bestraft oder zur Rechenschaft gezogen worden.
Ja, es ist richtig, nach der Bestrafung war ich alleine in dem Raum und es war eine große Leere in meinem Kopf. Mein Körper war völlig zerschunden, aber ich spürte so gut wie keine Schmerzen. Ich fühlte mich sehr leicht und ich fühlte meinen Körper kaum, er war wie taub. Ich war nicht verkrampft und weiß nur, dass ich die Decke angestarrt habe und nur den sich immer drehenden Ventilator und das leise Summen des Ventilators wahrgenommen habe. Mein Körper fühlte sich so schlapp an, dass ich mich habe nicht halten können, und mir sind ja beim vorrigen Aufstehen auch die Beine weggenknickt. Dazu muss ich noch sagen, dass am folgenden Tag, als ich bei meiner Tante zu Besuch war, mir auch ständig die Beine eingeschlafen sind, als ich dort im Sessel saß. Ob dies jetzt mit dem Traum in Verbindung stand, weiß ich nicht. Aber mein Körper wurde auch da, öfters wie taub und gelähmt.

Ich werde jetzt auf jeden Fall in den Therapien versuchen, die Dinge aufzuarbeiten und auch zu schauen, was mich quält und wie ich es bewältigen kann und wie ich mich auch in Zukunft verhalten kann. Ich habe immer geglaubt, was vergangen ist, ist vergangen und man könne die Vergangenheit auslöschen und hinter sich lassen, einfach wie einen alten Zopf abschneiden und in die Tonne werfen. Ich habe geglaubt, wenn ich mir einrede, das ist vorbei und hat nie existiert, hätte es auch nie existiert und würde nicht zu mir gehören, das habe ich mir jahrelang versucht, einzureden. Wohlmöglich war das ein Fehler.
Ich danke Euch jedenfalls sehr für Eure Antworten, diese haben mich doch weiter gebracht, als ich je geglaubt hätte.

Liebe Grüße an Euch,

Eure Holly Golightly!
 
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