Fremde Welt...

H. Golightly  

Verbringt hier viel Zeit
Liebe Mitglieder,

ich bin 36 Jahre alt und autistisch. Durch meinen Autismus habe ich kaum Zugang zu anderen Menschen und bin immer überreizt und überfordert.
Ich lebe in meiner eigenen Welt und kann mit der Außenwelt so gut wie gar nichts anfangen. Es gibt nur wenige Dinge in der Außenwelt, zu denen ich Bezug aufbauen kann. Eigentlich nur zur ursprünglichen Natur, zu dem Meer, zu Bäumen, Wäldern und Tieren und zur Nacht...
Ich bin Nachtaktiv und immer froh, wenn der Tag endlich vorbei ist, und es draußen dunkel und still wird.
Der Lärm und die Helligkeit und die Menschen am Tag sind ein Alptraum für mich.
Ich meide Menschen und Kontakte. Ich lebe sehr zurückgezogen und mir ist jedes Geräusch im Haus oder von draußen zu viel. Am liebsten würde ich an einem ganz einsamen dunklen Ort wohnen, wo niemand außer mir Zutritt hat. Einem Ort, der so schaurig wirkt, dass sich niemand dorthin verirren würde. Dann könnte ich endlich mal ohne Alpträume schlafen...

Ich bin schon seit vielen Jahren eher der Dunkelheit zugeneigt und kleide mich auch am liebsten in schwarz. Ich wirke auf Menschen immer abweisend und kühl, viele Menschen meiden mich und halten mich für Böse.

Auf mich wirken andere Menschen befremdlich. Ich verstehe sie meistens nicht.
Ich habe mal beobachtet, dass Menschen oft lachen, wenn ein Kind oder ein Baby lacht... Ich verstehe das nicht. Das mag hart klingen, aber ich kann für Kinder überhaupt nichts empfinden... Ich kann nicht zurück lachen, wenn ein Kind mich anlacht, ich kann nichts für das Kind empfinden, außer Unbehagen und dass ich schnell von da weg gehe, damit ich nicht mit dem Kind oder dem Baby konfrontiert werde.
Es ist mir sehr peinlich, weil die meisten mich wohl nicht verstehen werden, aber meisten empfinde ich regelrecht Abscheu vor dem Kind.
Es kommt mir immer vor, wie ein fremdartiges Ding aus einer anderen Welt...

Ich weiß, dass die meisten mich hier wohl nicht verstehen werden, aber ich kann mir ja meine Gefühle auch nicht herbeizaubern....

Ich werde und wurde oft als herzlos und kalt und böse bezeichnet, weil ich diese Emotionen nicht zeigen konnte, bzw. sie ja auch nicht habe.
Aber ich kann sie mir ja nicht herbeizaubern, sie sind nun mal nicht da.

Ich habe auch sehr starke Emotionen, aber für andere Dinge, als für Menschen....

Sorry für den langen Text, aber ich musste mir das einfach mal von der Seele schreiben...

Liebe Grüße Euch allen!
 

Struppi1990  

Sorgt für Gesprächsstoff
Für welche Dinge hast du denn Emotionen? Wie sieht es mit Gefühlen für deine Eltern aus?
Manches von dem was du beschreibst kann ich als introvertierter mensch in sehr stark abgeschwächter Form nachvollziehen, wie z.b. da Bedürfnis nach Stille und Alleinsein. Anderes wie die nicht vorhandenen Emotionen ist für Außenstehende schwer nachvollziehbar. Aber ich finde es sehr interessant wie du dich hier artikulierst und deine Situation beschreibst.
Danke dir!
 

HarleyQuinn   (32)

Planet-Liebe ist Startseite
Einige Teile kann ich davon verstehen. Gerade das mit den Babies/Kindern. Ich versuche derlei Situationen entsprechend auch so weit es geht zu vermeiden.
 

H. Golightly  

Verbringt hier viel Zeit
Für welche Dinge habe ich Emotionen? Wenn ich Emotion höre, fällt mir als erstes das Meer ein. Ich habe eine ganz tiefe Beziehung zu dem Meer, das Meer ist meine einzige und wahre Liebe in meinem Leben. Mit dem Meer fühle ich mich tief verbunden und verwurzelt, wenn ich am Meer stehe, das Meer sehe, rieche, fühle und schmecken kann, fühle ich mich geistig, seelisch und körperlich mit ihm eins und tief verbunden.
Das Meer hat sich für mich immer nach meiner einzigen wahren Heimat angefühlt und auch wenn ich nicht immer am Meer sein kann, irgendwo ist es für mich immer present, und immer tief in mir drinnen.
Ich sammel immer Muscheln und Steine, Krebsscheren usw., wenn ich am Meer bin um ein Stück Heimat mitzunehmen und immer bei mir zu haben.
Menschen hingegen vergesse ich, sobald ich sie aus den Augen verliere. Ich kann mich, wenn sie sich umdrehen, meistens noch nicht mal mehr an ihre Gesichter erinnern.
Ich habe außerdem einen besonderen Bezug zur Dunkelheit und zur Nacht.
Nachts, wenn alles dunkel ist, und es ruhig wird auf den Straßen und die Menschen soweit alle schlafen, gehe ich meistens noch hinaus, und wenn nur auf dem Balkon, wo ich dann einfach nur dasitze, die Stille genieße und in den wunderschönen Nachthimmel schaue. Ich liebe die Nacht, die schützende einhüllende Dunkelheit und die Ruhe.
Meine Eltern sind mir sehr wichtig, aber dennoch ist auch ihre Welt und ihre Ansichten und ihr Verhalten mir fremd. Wir akzeptieren uns gegenseitig, so wie wir sind, aber wirklich nachvollziehen, was sie bewegt, was sie fühlen, kann ich nicht.
Ich kann auch nicht "Mama" oder "Papa" sagen. Ich habe Spitznamen für sie. Ich habe sie nie mit "Mama" oder "Papa" angesprochen, immer nur mit dem Vornamen oder mit dem Spitznamen.
Ich habe ein gutes Verhältnis zu meinen Eltern, weil wir uns gegenseitig respektieren. Meine Eltern untersützen mich noch immer in meinem Alltag bei Alltagsdingen, die ich aufgrund meines Autismus nicht alleine bewältigen kann.
 

Unisex  

Meistens hier zu finden
mich würde generell mal interessieren was autismus ist. habs eben gegooglet aber wiki war nicht sehr hilfreich.
also mich interessiert deine geschichte schon sehr und würde dich gerne verstehen. magst du mir ein bisschen davon erzählen wann dieses autismus anfängt und wie du mit den situationen umgehst oder auch nicht (außer flucht vor kinder) ? ich würde mich mal gerne in dich hinein versetzen können.
 

Fedora  

Planet-Liebe-Team
Moderator
Off-Topic:
Unisex Unisex
Autismus gibt es in unglaublich vielen und sehr verschiedenen Formen und Ausprägungen.
Vielleicht kann dir die TS wirklich ein wenig helfen, ihre Sichtweise zu verstehen. Mit der Welt eines anderen Autisten muss das aber überhaupt nichts mehr zu tun haben.
 

Pantoffel1  

Öfters im Forum
Das du dich in der Nacht wohler fühlst kann ich zum Teil nachvollziehen. Ich gehe ehrlich gesagt, auch lieber in der Nacht raus und bin dann gerne alleine mit meinen Gedanken :grin:
Das soll nicht heißen das ich es nicht mag am Tag rauszugehen :zwinker: Aber Nachts fühle ich mich einfach ein wenig wohler :grin:
 
G

Gelöschtes Mitglied 167625

Gast
Dein Beitrag ist mehr als hilfreich, Autismus ist eine sehr vielseitige Erkrankung die sehr facettenreich ist, diese Information in das Bewußtsein der Menschen zu bringen finde ich sehr wichtig.
Wie oft schätzt man Personen falsch ein wenn man deren Hintergründe nicht kennt, so wie bei dir, dich als bösartig und herzlos abzuwarten finde ich tragisch.
Es sollte mehr Leute wie dich geben die darüber sprechen und Aufklärung leisten.
Habe einen Freund mit Asperger-syndrom, ich schätze seine Meinung sehr und wir haben einen Weg gefunden sehr gut miteinander auszukommen.
Mach weiter so!
 
Zuletzt bearbeitet von einem Moderator:

FrännyFrän  

Öfters im Forum
Hey, ich finde deine Beiträge sehr interessant! Magst du vielleicht ein bisschen mehr darüber erzählen, wie du deinen Alltag verbringst? Mich würde zum Beispiel interessieren, ob du einem Beruf nachgehst.
 

Mr. L*  

Öfters im Forum
mich würde generell mal interessieren was autismus ist. habs eben gegooglet aber wiki war nicht sehr hilfreich.

Autismus ist schwer zu erklären, da es mannigfaltige Formen und Abstufungen gibt, die sich teilweise sehr unterscheiden können.

Asperger Autisten haben zum Beispiel häufig zwanghafte Gewohnheiten und sehr ausgeprägte Inselbegabungen, dafür fehlen ihnen auf der anderen Seite andere wichtige Ausprägungen.

Der Sohn eines Kollegen (Asperger Autist) hat z.B. bereits in jungen Jahren einen IQ gehabt, für den die Tests für sein Alter nicht mehr ausgereicht hatten.

Er hatte bereits mit drei Jahren in kompletten, richtig konjugierten Sätzen gesprochen und in jungen Jahren zu den bundesweit besten Teilnehmern der Mathe-Olympiade gehört.

Im Gegenzug dafür mußte er, für andere ersichtliche Emotionen, wie z.B. der Mensch ist fröhlich, traurig, etc. über "auswendig lernen" und vergleichen mit Bildtafeln erlernen, da sein EQ im Vergleich zum IQ deutlich geringer ausgeprägt ist.

Ein gutes (dargestelltes) Beispiel für einen Asperger Autisten ist die Rolle des Sheldon Cooper in der Serie "The Big Bang Theory", für die der Hauptdarsteller Jim Parsons auch mit einem Emmy (so etwas wie der Oscar für Fernsehserien) ausgezeichnet wurde.

Vielleicht hilft Dir das ja, Dir ein besseres Bild, zumindest von der einen Form von Autismus zu machen.


Nachtrag:

Ein gutes Beispiel dafür, daß Asperger Autisten nicht automatisch alle gleich "ticken", kann man z.B. auch in dem Film "Mozart und der Wal" mit Josh Hartnett und Radha Mitchell sehen...

 
Zuletzt bearbeitet:

BlackMirror  

Team-Alumni
Deine Ansichten sind womöglich ein wenig extrem, vielleicht auch verstärkt durch den Autismus, aber generell bist du mit keiner davon allein. Die Nacht und die Natur zu lieben ist nichts Außergewöhnliches; Leute, die nichts mit Kindern anfangen können, gibt es ebenfalls so einige und introvertierte Menschen oder solche mit Schwierigkeiten im sozialen Bereich findet man gerade im Internet aus offensichtlichen Gründen zuhauf. Falls du dich mit Gleichgesinnten austauschen möchtest, besteht also bestimmt grundsätzlich die Möglichkeit dazu.
Zweifellos ist es in unserer Gesellschaft aber ziemlich problematisch, menschlichen Kontakt weitgehend zu vermeiden und Lärm und Licht gegenüber empfindlich zu sein. Mich würde daher ebenfalls interessieren, wie du damit umgehst, falls du dich dazu äußern möchtest. Bist du in therapeutischer Behandlung? Oder genügen dir ausgleichende Aktivitäten und ein wenig Ruhe, um gut zurechtzukommen? Hast du eventuell schon mal daran gedacht, in eine besser zu deinen Bedürfnissen passende Gegend auszuwandern oder gar ein Leben als selbstversorgender Aussteiger zu führen o.Ä.?
 

H. Golightly  

Verbringt hier viel Zeit
Tja, was ist Autismus? Das ist für mich immer eine Frage, die für mich immer sehr schwer zu beantworten ist.
Es heißt ja, Autisten haben eine andere Sinnes- und Reizwahrnehmung als andere Menschen. Das Problem dabei, den Unterschied zu erklären, ist, dass ich nur meine eigene Wahrnehmung kenne, die für mich völlig normal ist, weil ich eben keine andere kenne und mein Leben lang schon damit lebe. Für mich ist die Außenwelt fremdartig und auch das Verhalten der Menschen scheint mir oft fremd und gar bedrohlich.
Ich kann den Unterschied nicht wirklich sagen, weil ich nicht weiß, wie die Nicht-Autisten ihre Umwelt wahrnehmen.
Von daher habe ich zu meiner eigenen Wahrnehmung nicht wirklich einen Vergleich.

Ich kann es mal so beschreiben, was für mich persönlich den Alltag stark erschwert und einschränkt:

- Geräusche, wie Wasser aus dem Wasserhahn, Staubsauger, Telefonklingeln, Lärm von Maschinen treiben mich in sekundenschnelle total in den Wahnsinn, sie tun mir nicht nur unglaublich in den Ohren weh, sondern es schmerzt der ganze Körper und mein Blutdruck steigt in sekundenschnelle, ich bekomme Kopfschmerzen, Übelkeit, Herzrasen, Zittern, Schweißausbrüche, der Stresspegel steigt in sekundenschnelle ins Unermässliche, was dann ganz schnell zu einem Overload führt

- Ich brauche sehr sehr lange um mich von einer Stresssituation zu erholen, eine kurze unvorhergesehene Unterbrechung meines Alltages z. B. unerwartetes Klingeln des Telefons, kann meinen Ablauf so stören, dass ich den ganzen Tag zu nichts mehr in der Lage bin und meine Tätigkeit, die ich bisher gemacht habe, nicht fortführen kann, und mein Kopf die ganze Zeit nur rotiert

- Feste Strukturen sind das A und O, immer die gleichen Abläufe, das gleiche Essen, die gleichen Filme, es gibt viele Dinge im Alltag, die ich immer nur zu bestimmten Zeiten mache und die stets exakt so ablaufen müssen, wie immer, sonst kann mein Alltag total gestört sein

- Ich habe eine ganz spezielle Ordnung z. B. in der Kleidung, CDs. DVDs. ect. alles das ist katalogisiert und ich wette, in meinem Haushalt gibt es mehr Aktenordner als in jedem Großraumbüro
Diese Katalogisierung und die Ordnung ist sehr zeitaufwändig und nimmt fast die Hälfte meines Tages in Anspruch

- Wenn ich mir z. B. ein neues Kleidungsstück kaufe, dauert es oft Monate, bis es "bei mir angekommen ist bzw. es zu mir gehört und ich es anziehen kann, am liebsten mag ich Kleidung, die sehr alt ist und die dann wirklich zu mir gehört und meine ist... ist etwas schwierig zu erklären... oft kaufe ich mir auch mehrmals die gleichen Sachen, weil ich mich nicht wirkich umgewöhnen kann
Ich habe noch Kleidung von vor ein paar Jahren im Schrank, die ich noch nicht einmal angezogen habe

- Meine Dinge darf niemand anfassen

- Im Alltag erkenne ich keine Zwischenmenschlichen Gefühle, darum versuche ich, sie in Geschichten oder in Filmen bei den Figuren, wie sie zueinander stehen, welchen Charakter sie haben, wie sie aussehen, ect. zu studieren

- Ich erkenne in Gesichtern und in der Gestik keine Emotionen, Augen, Mund usw. sagen mir nichts, auch wie ein Gesicht ausgesehen hat, vergesse ich, sobald ich es nicht mehr vor mir habe, ich kann mir sogar nur sehr schwer meine Eltern wirklich vorstellen

So, das mal so im Groben, was mir so einfällt, was meinen Alltag prägt.
Ich lebe in meiner eigenen Welt, ein Schritt in die Außenwelt ist immer eine extreme Anstrengung und Herausforderung für mich.

Ich hoffe das war ein wenig hilfreich,

Eure Holly!
 

Fedora  

Planet-Liebe-Team
Moderator
Jetzt bin ich auch mal ein bisschen neugierig.
Was hat dich dazu gebracht, in so einem Forum hier über deine Art der Wahrnehmung zu schreiben?
Es ist ja schon eine Form der Kontaktaufnahme zu anderen Menschen.
 

H. Golightly  

Verbringt hier viel Zeit
Das stimmt. Ich kommuniziere viel über Internet, weil ich da einen Abstand zu den Menschen habe, also keinen Blickkontakt, keinen Körperkontakt, eben nur in schriftlicher Form und keinen direkten Kontakt. Aber dennoch weiß ich, es sind reale Menschen die schreiben, mit realen Gedanken und Gefühlen, die sie in schriftlicher Form rüberbringen.
Das ist für mich eine gute Form von Kontakten. Ich kann dann etwas schreiben, wenn ich dazu in der Lage bin, d. h. ich bin nicht gezwungen, sofort zu reagieren, wenn ich z. B. vielleicht garnicht in der Lage bin. Ich kann mir alles in Ruhe auch mehrmals durchlesen und dann in aller Ruhe auf die einzelnen Dinge eingehen und sie auch so besser verstehen, als wenn man mir etwas erzählen würde, wo nach dem Gespräch jedes Wort unwiderruflich weg wäre und ich vielleicht nur die Hälfte oder ein Viertel oder ein Achtel davon habe aufnehmen können.
Geschriebenes kann man immer wieder lesen und das in aller Ruhe, ohne dass dabei störende Betonungen, die ich z. B. nicht verstehe (also Tonlage, freundlich, oder genervt oder wie auch immer), oder störende Blicke, die ich eh nicht interpretieren kann, dabei stören, sondern ich nur ganz und gar auf das Geschriebene eingehen kann und mir alleine daraus ein Bild machen kann.

Hoffe, das war nicht zu umfangreich und ausschweifend erklärt.... Mir fällt es oftmals schwer, meine Situation und Wahrnehmung zu beschreiben.

Gruß Holly!
 

Fedora  

Planet-Liebe-Team
Moderator
Hoffe, das war nicht zu umfangreich und ausschweifend erklärt.... Mir fällt es oftmals schwer, meine Situation und Wahrnehmung zu beschreiben.
Du hast das sehr verständlich erklärt und vieles davon kann ich gut nachvollziehen. Es gibt Dinge, die ich auch sehr viel einfacher schriftlich kommunizieren kann und ich würde das wohl ähnlich begründen.

Ich bin froh, dass das Internet solche Kommunikations- und Kontaktwege so leicht macht und finde es gut, dass das auch für dich funktioniert.
 
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