Geschichte Erinnerungen

Benutzer32671 

Verbringt hier viel Zeit
Es ist nicht so kalt wie letztes Jahr dachte er während er aus dem Fester schaute und dem Regen lauscht. Der Wind peitscht die Bäume und die letzten Blätter fallen auf den langen Weg vor das Haus. Das Wasser fließt langsam am Weg entlang.

Letztes Jahr waren Sie noch zusammen unterwegs, sind durch den Schnee gestampft, haben mit den Flocken getanzt und die Weihnachtsstimmung mit all Ihren Gerüchen und Geräuschen in sich aufgesogen. Sie waren noch glücklich - er war noch Glücklich.

Das kleine Feuer im Kamin flackert leise vor sich hin macht aber eher ein schwaches Licht als die nötige Wärme. Wortlos geht er Richtung Küche. Ein Spiegel lässt ihn auf dem Weg dorthin kurz anhalten. Ein alter Mann schaut ihn an. Alt ist er geworden. Sehr alt. Vom Leben gezeichnet. Die Haare und den Bart wild zerzaust, die Augen traurig, die Haltung gebrochen.

Wie war er doch früher. Fröhlich, immer zu einem Spaß bereit, spontan und optimistisch. Das Leben hatte so viel zu bieten. Da war noch alles ok. Die Welt noch bunt.

Der Teekessel pfeift mittlerweile. Wie aus einem Traum erschrickt er sich kurz und geht weiter dem Pfeifen entgegen. Es muss weitergehen. Alles muss weitergehen. Er nimmt einen Teebeutel, hängt ihn lieblos in seine Tasse und gießt das Wasser auf.

Hände die vom Leben gezeichnet sind umfassen die Tasse. Wärme durchzieht seinen Körper. Wärme die es früher einmal bei Ihr gab. Wärme die den ganzen Tag hielt. Die man im Herzen und nicht in einer Tasse spürte.

Er schaut sich um. Die Küche, seine Küche - ein nun mittlerweile trister Ort. Der Zustand jämmerlich. Wie aus einem schlechten Film. Der Wasserhahn tropft langsam. Der Kühlschrank brummt notorisch vor sich hin. Töpfe und Pfannen seit Monaten nicht genutzt. Das Licht der Lampe wirft einen fast klinischen Schleier über all das. Das Basilikum am Fenster, genauso dürstend wie er. Nur nach Wasser und nicht nach Ihr. Er ignoriert es gekonnt.

„So fünf Minuten sind um“ murmelt er für sich. Es ist eh keiner da mit dem er reden kann. Behutsam wickelt er den Teebeutel um einen Löffel und legt diesen dann weg. Er löscht das Licht und lässt das Basilikum wieder allein.

Das Parkett knarrt auf dem Weg ins Arbeitszimmer. Durch die Tür zum Wohnzimmer kommt eine leise Stimme. Schatten zeichnen Lebendigkeit. Ist Sie da? Sein Gesicht hellt sich auf. Er öffnet die Tür doch es ist nichts. Schatten von Draußen malen Bewegung an die Wand. Der Regen klopft gegen das Fenster der Wind säuselt an den Hausecken und durch alle Ritzen.

Er senkt betrübt den Kopf und schließt die Tür hinter sich im Arbeitszimmer. Mit der einen Hand den Tee auf den kleinen Tisch am Sessel mit der anderen greift er in das Regal und zieht ein dickes Buch heraus. Liebevoll streicht er den angesetzten Staub herunter. Wie Weihnachtsschnee rieselt er zu Boden.

Fast wie mit letzter Kraft lässt er sich in den Sessel fallen und schlägt sich eine dicke Decke über die Beine, dann nimmt er das Buch und betrachtet es lang. Ein großes Herz ziert den Einband. Das Rot nicht mehr so rot wie damals als es noch neu war sondern sehr verblichen, wie die Erinnerung an sie.

Er schlägt es auf und blättert ganz langsam durch die Seiten. Bilder, Erinnerungen, Stimmen. Es ist als würde das Buch jetzt zu ihm sprechen. Das Herz wird ganz schwer. Ganz vorsichtig berührt er die Bilder mit Ihr als wolle er Kontakt herstellen aber sie nicht verschrecken. Zweisamkeit aus vergangenen Zeiten. Abenteuer mit Ihr. Momente.

Ihr Lachen - immer sinnlich, lieb und mit so viel Gefühl. Auch jetzt lacht sie ihn an. Das hat sie immer getan. Das tut gut. Auch wenn es nur ein Foto ist. Eine Träne fällt nach unten. Das Fotopapier saugt sie schnell auf. Die Seiten so trocken, als dürsten sie auch nach ihr.

Er blättert weiter. Die Bilder mittlerweile schlecht zu sehen. Eine Träne nach der anderen verzerrt die Sicht auf eingeklebte, gemeinsame Erinnerungen, verzerrt die Sicht auf ihr Gesicht. Aber das ist egal. Er sieht sie sowieso nur mit dem Herzen. Alles ganz klar. Alles wie früher. Alles mit Ihr.

Wie in einem Film ziehen sie vorbei – Momente des Glücks. In einer Zeitreise verlässt er den Raum um an den anderen Orten in der Erinnerung einzutauchen.

Sie zieht ihn an der Hand vorwärts. Sie lacht und tanzt auf der Straße. Im Kleid sieht sie so toll aus. Die Sonne brennt von oben. Der Eisverkäufer grüßt belustigt. „Los komm das Schiff legt gleich ab“ sie spurten dem Wasser entgegen. Die Luft so warm. Die Stimmung so herzlich. „Gleich fahren wir ab“ sagt ein Matrose mit einer Wink Bewegung.

Auf dem Oberdeck angekommen röhrt auch der Schiffsdiesel schon los. Sie hält seine Hand und lehnt sich an die Reling. Sie schaut dem aufgewirbelten Wasser zu. Er tut es ihr gleich. Sein Arm legt sich um ihre Hüfte und zieht sie zu sich ran. Ihr Parfum riecht so gut. Gischt spritzt hoch.

Der Wind hat das Fenster aufgeschlagen. Regen fällt auf das Fotoalbum und in sein Gesicht. Das Feuer im Kamin flackert verstört. Es riecht nach Winter. Der alte Mann legt das Buch behutsam beiseite, erhebt sich aus seinem Sessel und schließt das Fenster wieder. Dann legt er dem Feuer ein paar Holzscheite nach und stellt sich wieder an das Fenster um hinaus zu sehen – um auf sie zu warten. Das Feuer knistert leise während es im fahlen Schein das Zimmer erhellt.
 

Benutzer102933 

Sorgt für Gesprächsstoff
Das ist wirklich wunderschön geschrieben. Danke für diese tolle Geschichte. ♥
 
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