Einsam in neuer Umgebung

Benutzer155094 

Verbringt hier viel Zeit
Ich bin wohl an einem Punkt in meinem Leben angelangt, wo ich meine Gedanken einfach mal runterschreiben muss, um sie Fremden im Internet anzuvertrauen.
Ich bin 27, habe studiert, bin dieses Jahr mit meinem Freund zusammen gezogen (wir haben seit einigen Jahren eine Fernbeziehung geführt). Er wohnt leider in einer ziemlich ländlichen Gegend, weit weg von meiner restlichen Familie. Wäre ich nicht hergezogen, hätten wir uns trennen müssen. Er kann aus Gründen nicht umziehen. Ich bin eigentlich gerne bei ihm.
Und doch - mit meinem Studiengang findet man hier keine/kaum Jobs (Corona hat die Lage noch verschlimmert), sodass ich jetzt nach meinem Studium keinen Job finde. Ich arbeite zwar, arbeitslos bin ich immerhin nicht, aber der Job, den ich gerade habe, hat nichts mit meinem Studium zu tun und unterfordert mich. (außerdem halbtags = viel freie Zeit)
Ich habe hier keine Freunde und keine Hobbys (auch wegen Corona...). Meiner Familie will ich nicht erzählen, wie einsam ich mich hier manchmal fühle, sie machen sich eh schon Sorgen um mich.
Mein Freund arbeitet viel, sodass wir uns auch nicht oft sehen. Ich bin einfach oft alleine zuhause und weiß nichts mit mir anzufangen. Ich versuche zu basteln oder zu kochen oder mich sinnvoll zu beschäftigen, aber meistens hänge ich am Handy rum und tue nichts. Ich habe Angst, depressiv zu werden.
Wenn ich nach Jobs suche, die mehr zu meinem Studium passen und nichts finde (so wie heute mal wieder), könnte ich heulen. Ich komme mir so nutzlos vor, naiv, dass ich dachte, ich werde schon was finden, und weinerlich, weil es mir eigentlich objektiv gesehen, immer noch ziemlich gut geht.
Ich weiß nicht, ob es nicht die falsche Entscheidung war, herzuziehen und ob nicht eine Trennung vielleicht die langfristig bessere Variante gewesen wäre. Vielleicht würde ich nun dann aber jetzt in meiner Heimatstadt sitzen und die Trennung bereuen. Es ist einfach alles Scheiße gerade.
Was ich jetzt von irgendwem hören möchte, weiß ich auch nicht. Ich musste diesen Mist nur mal loswerden.
Danke fürs Lesen.
 

Benutzer173507  (38)

Öfter im Forum
Ich weiß nicht, ob es nicht die falsche Entscheidung war, herzuziehen und ob nicht eine Trennung vielleicht die langfristig bessere Variante gewesen wäre
Was sagt denn dein Bauchgefühl?

Ist die Beziehung so stabil/in Ordnung/problemlos (bist du dir sicher mit ihm als Partner), dass es daran gar nichts zu rütteln gibt und nur das Drumherum (in deinem Fall, dein geschriebener Text) die Hürde darstellt.
Oder ist es eher andersrum und die Beziehung läuft auch nicht so gut und das Drumherum hat bei dir viel mehr Priorität?

Evtl hilft dir eine Pro/Contra Liste zum Abwägen.
 

Benutzer106548 

Team-Alumni
Das soll kein Vorwurf sein, aber war das nicht schon im Vorfeld klar? Was hattest Du erwartet, wie die Realität sein wird?
Wieso kann Dein Freund nicht wegziehen?
Was sagt jetzt Dein Freund zu Deiner Situation und was hat er gesagt, bevor Ihr Euch dazu entschieden habt? Wie hat er sich vorgestellt, wie Du dort klar kommst?

Verstehe ich das richtig, dass Du nach dem Studium noch nie in einem Job gearbeitet hast, für den Du Dein Studium brauchst? Wie lange ist der Abschluss jetzt her?
 

Benutzer155094 

Verbringt hier viel Zeit
Oh, ich hätte nicht mit Antworten gerechnet. Danke für eure Antworten.
fraukraehe fraukraehe die Beziehung läuft gut. Wird durch das drumherum belastet und von unserer Arbeitsbelastung, an der sich leider nichts ändern lässt. Ich mache mal eine Liste, aber irgendwie ist mein Gefühl, dass ich dem ganzen Zeit geben muss, und jetzt einfach irgendwie durchhalten muss, weil es hoffentlich nächstes Jahr wieder etwas besser wird.
Mark11 Mark11 ich habe meinen Abschluss erst dieses Jahr gemacht. Ist also eigentlich noch kein Grund zum Verzweifeln. Im Studium entstand nur durch die Verfügbarkeit von Praktika und Arbeit an der Uni der Eindruck, dass es etwas besser bestellt sein würde mit Arbeitsplätzen. Ich habe viele Praktika gemacht und die ganze Zeit gearbeitet.
Und das war natürlich auch noch vor Corona. Also, ja, ich habe nach dem Studium noch in keinem Job gearbeitet, der mit meinem Studium zu tun hatte.
Keine Ahnung, wie er sich das vorgestellt hat. Er ist eher so der Einzelkämpfertyp und beißt sich durchs Leben, daher versteht er meine Sorgen nur zum Teil. Er versucht mir zu helfen, aber er hat auch seinen eigenen Haufen Probleme... (Arbeit, Familie...)
Und vielleicht ist auch das naiv, aber ich hätte nicht gedacht, dass dieser Winter Coronatechnisch nochmal soooo schlimm wird. Wir haben bei uns Lockdown und es ist einfach zum kotzen.
 

Benutzer185561  (31)

Sorgt für Gesprächsstoff
Erst einmal muss man Dir wirklich zurechnen, dass Du den Schritt zu ihm gemacht hast und Dich damit ein starkes Stück zurückgestellt hast für Eure Beziehung. Das machen auch nicht alle. Warum kann er denn nicht umziehen? Langfristig kann das ja nicht der richtige Weg sein, wenn Du keinen Job findest, der Dir gerecht wird und Dir Spaß macht. Ich finde, dass er sich da auch bewegen muss, wenn er eine Beziehung mit Dir haben will. Du scheinst sehr unglücklich zu sein. Irgendwann wir das zwangläufig zwischen Euch stehen.
Du musst auch an Deine berufliche Zukunft denken. Irgendwann ist ein Punkt erreicht, an dem es wirklich schwierig werden kann. Nicht das Du das irgendwann ma bereust.
Rede mit Ihm und sag Ihm, dass es aus Deiner Sicht so nicht weitergehen kann. Wenn er Dich liebt, muss er auch Opfer bringen. Auch wenn ich natürlich nicht weiß, aus welchen Gründen er nicht weg kann. Ggf. muss man ihm das auch zugestehen. Dann klappt aber eben die Beziehung nicht.
 

Benutzer106548 

Team-Alumni
Wieso kann Dein Freund nicht wegziehen?
Warum kann er denn nicht umziehen?
Wäre ganz hilfreich, die Situation besser einschätzen zu können, wenn Du das noch beantworten könntest.


ich habe meinen Abschluss erst dieses Jahr gemacht. Ist also eigentlich noch kein Grund zum Verzweifeln.
Ah, ok. Da hast Du Recht, das ist noch kein Grund, deswegen jetzt panisch etwas zu verändern. Wichtig ist natürlich, dass Du den (regionalen) Arbeitsmarkt genau beobachtest, um vll einschätzen zu können, ob sich dort etwas entwickelt. Aber das wirst Du wohl eh machen.


aber er hat auch seinen eigenen Haufen Probleme... (Arbeit, Familie...)
Ja, gut. Kann sein. Aber jetzt bist Du da, und zwar einzig und alleine wegen ihm. Da hat er m.E. schon Verantwortung, Dir auf die Füße zu helfen. Und seine Familie bist jetzt erst einmal Du.
Was sind denn das für Probleme? Wieso sind die so intensiv, dass er nicht oder nur wenig für Dich da sein kann?

Ich weiß, dass der nächste Satz wenig hilfreich ist, aber ich sage ihn trotzdem: m.E. bist Du sehr naiv in diese Geschichte getapert, Du hast einerseits viel zu wenig darüber nachgedacht, was Alles nicht so rosa-rot laufen kann und wird und v.A. hast Du viel zu wenig Gespräche mit Deinem Freund geführt. Jetzt, wo das Kind in den Brunnen gefallen ist und es Dir schlecht geht und Du auch wenig Perspektiven hast, fällt ihm nichts weiter als ein Achselzucken ein? DAS hättest Du vorher klären müssen, wie so einiges Andere auch.
Ok, wie gesagt, das hilft Dir jetzt nicht mehr. Aber jetzt geht es darum, dass Du Dir Perspektiven schaffst. Dass Du beginnst, realistisch Deine nahe und mittelfristige Zukunft zu überdenken. Klar, wir haben Corona. Aber sei mal ehrlich: wäre Deine Situation ohne Corona wirklich anders? Spiele in Gedanken mal alle möglichen Szenarios durch, gewichte sie nach Eintrittswahrscheinlichkeiten. Spiele v.A. auch die unangenehmen Szenarien durch, wie z.B., dass Dein Freund Dich weiterhin nicht versteht und unterstützt. Dass sich das vll mal auch auf andere Bereiche Eures Lebens auswirken kann, z.B. gemeinsame Kinder und wer dafür zu Hause bleibt - nur so als Gedankenanstoss. Und lass in diese Szenarien auch die Ergebnisse Eurer hoffentlich bald erfolgenden, wirklich mal ehrlichen und offenen, Gespräche einfliessen.
Vielleicht ergibt sich daraus ja, dass es noch Sinn machen würde, z.B. ein Jahr noch abzuwarten. Oder dass sich ganz andere Probleme auftun. Oder...
Im Moment ist das Alles nur ein ungutes (und sehr nachvollziehbares) Bauchproblem bei Dir. Darauf kann und sollte man aber keine Entscheidungen bauen, daher mein Tipp, mehr "Fakten" in die möglichen Zukunftsszenarien zu bringen.
 

Benutzer155094 

Verbringt hier viel Zeit
H HasePD7 Danke. Ja, das haben mir auch viele gesagt, dass sie sich das nicht trauen würden, alle Zelte abzubrechen und so weit weg zu gehen.
Mark11 Mark11 da hast du recht. Er muss mir mehr Platz einräumen und sich mehr kümmern.
ich weiß nicht, ob ich zu naiv war. Ja wahrscheinlich, hast du damit auch recht. Aber es ist immer schwierig, sich im Vorhinein etwas vorzustellen. Man kann ja nicht jede Eventualität einplanen.
Und ja, ohne Corona wäre es schon einfacher. z.B. werde ich jetzt den Teufel tun und mich im Sportverein anmelden und mit anderen Menschen Sport in einer Halle oder so machen. Das würde ich jetzt eigentlich gerne machen, damit ich hier mal Anschluss finde.
Und Betriebe, die mich einstellen könnten, wüsste wie ihre betriebliche Zukunft aussieht und würden eher Leute einstellen. Wenn sie nicht öffnen dürfen, brauchen sie auch weniger Personal.

Er kann nicht weg, wegen seiner Arbeit. Es geht nicht. Das wusste ich auch von Anfang an und habe mich damit einverstanden erklärt. Es war von Anfang an klar, dass, wenn wir diese Beziehung führen wollen, ich zu ihm ziehen muss. Der Moment passte nun auch ganz gut. Ich bin mit dem Studium fertig geworden und dann umgezogen. Es hätte sich danach eh alles verändert.

Ich muss mir wohl über einige Sachen klar werden, danke für eure Antworten.
 
G

Benutzer

Gast
Ich weiß nicht, ob man immer von Naivität ausgehen muß, wenn man sich in eine unangenehme Lage gebracht hat. Mit dem Kopf voran ins kalte Wasser sehe ich schon auch als Fähigkeit und Mut an, auch wenn's mir als frühere Rettungsschwimmerin manchmal die Haare aufstellt. Manche Dinge kann man erst mit zunehmendem Alter anders abschätzen, das bedeutet nicht, daß man als jüngerer Mensch naiver wäre, sondern schlicht: ältere hatten mehr Zeit, Erfahrungen zu sammeln und die in ihre Entscheidungen mit einzubeziehen.

Na, egal. Ich war 40, als ich zu meinem Mann 500 km von der mir vertrauten Umgebung gezogen bin. Und ich konnte nicht abschätzen, was das für mich bedeuten würde. Manches habe ich "sehenden Auges" in Kauf genommen und andere Dinge vorab ausgehandelt, wo es um eher pragmatische Dinge wie Versorgungsausgleich geht (im Hinblick auf meine Rente, ich hatte an meinem bisherigen Wohnort ein besseres Einkommen und wußte, daß ich das voraussichtlich nicht mehr bekommen werde).

Aber was mir schon oft geholfen hat ist, daß ich mich vor solchen Entscheidungen immer frage, ob ich mit einem möglichen Scheitern meiner Entscheidung klar komme. Das ist wichtig. Selbst wenn man dann feststellt, daß man eine "Fehlentscheidung" getroffen hat, finde ich es für's Selbstbewußtsein gut, wenn man weiß: "Ok, Risiko eingegangen, schief gelaufen, aber ohne Risiko auch keine neuen Erfahrungen".

Was meinen Umzug zu meinem Mann bzw. später dann wir beide in eine neue Umgebung angeht inkl. Übernahme eines Betriebs, Hauskauf usw.: ich sag's ganz offen, daß fast alles für mich dermaßen mühsam lief, sich schlecht angefühlt hat und ich mehr als ein Mal nahe dran war, meine Koffer zu packen und nur noch abzuhauen. Daß ich's nicht getan habe: tja. Liebe eben. Besonders viel helfen konnte mein Mann mir übrigens nicht, was die emotionale Seite angeht. Er ist loyal und ein Fels in der Brandung, aber meine emotionale Not hat er allenfalls theoretisch nachvollziehen können.

Was mir / uns geholfen hat war: neue, kreative Wege gehen. Ohne zu sehr ins Detail zu gehen: wir leben "Teilzeitgetrennt", ich wohne wieder in meinem früheren Bundesland, er mit Hauptwohnsitz immer noch dort, wo wir unseren Betrieb haben. Wir pendeln, besuchen uns, leben etwa die Hälfte des Monats miteinander, die andere hören wir uns abends am Telefon und tauschen uns über unseren Discord aus, im Wesentlichen aber bestreitet in diesen Zeiten jeder von uns sein Leben selbst.

Klingt drastisch, muß nicht für alle so umsetzbar sein, zumal das ja auch eine finanzielle Frage ist. Aber rückblickend denke ich, daß ich mich das hätte früher trauen sollen, weil ehrlich gesagt: ein Teil meines bescheidenen gesundheitlichen Zustands geht auf Jahre von Streß, Unwohlfühlen, soziale Vereinsamung am früheren Wohnort zurück. Ich würd's so nicht wieder tun, weil traurige Jahre sich nicht mehr zurückdrehen lassen.
 

Benutzer155094 

Verbringt hier viel Zeit
Frau Mann
Danke für deine Antwort. Das beschreibt meine Situation auch ganz gut. "tja, liebe eben"
Teilzeitgetrennt wollen wir nicht leben, die jahrelange Fernbeziehung war ätzend genug. :grin: aber ich kann mir gut vorstellen, dass das für euch funktioniert. :smile: ich besuche meine Heimat so oft es geht, gerade etwa einmal im Monat und telefoniere regelmäßig mit meiner Familie und Freunden. Aber es ist einfach nicht das gleiche, wie dort zu sein. Einfach eine Situation wo es wahrscheinlich kein richtig und falsch gibt, sondern nur zwei gleich doofe Möglichkeiten.
Liebe Grüße
 
Oben
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