Ein paar Gedanken dazu, wie "13 Reasons Why"/"Tote Mädchen lügen nicht" auf mich gewirkt hat

A

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Ich schicke mal kurz eine (Trigger-)Warnung/Zusammenfassung voraus, dass es in der Serie um ein Mädchen geht, das sich umbringt, und dann über dreizehn zuvor aufgenommene Audiokassetten posthum diejenigen heimsucht, die ihrer Meinung nach für ihr Elend verantwortlich sind. Es gibt ein paar Vergewaltigungsszenen, der Selbstmord an sich wird erst in der letzten Folge sehr deutlich gezeigt, allerdings gibt es immer wieder Flashbacks zu Situationen, die einen betroffenen Zuschauer vielleicht unangenehme Erinnerungen wachrufen. Wer mag, kann das ja gerne kommentieren, ich wollte das nur mal alles irgendwo loswerden.

Die Serie ist jetzt schon etwas länger auf Netflix verfügbar, in den USA hat die Sendung eine Debatte ausgelöst, die sich nicht so leicht auf ein Thema beschränken lässt, hier habe ich mal versucht, die Fragekomplexe aufzulisten:
Wie geht man am besten mit (potenziellen) Selbstmördern/Vergewaltigungsopfern um? Kann man so eine Sendung Kindern zumuten oder müssen Eltern dabei sein? Gibt die Serie die Verhältnisse an Schulen in der Zeit von Smartphones und WhatsApp/Facebook korrekt wieder? Ist das, was die Hauptfigur tut, irgendwo nachvollziehbar, ohne dass man dafür gleich "Depressionen" verantwortlich machen muss, und bedeutet das, dass nicht alle Teenager, die sich umbringen, automatisch depressiv sind, sondern es eben auch Strukturen und Individuen gibt, die wirklich ganz konkret schuld daran sind, dass sich jemand umbringt? Wie geht eine Gesellschaft und deren Strafrechts-/Schulsystem mit dieser manchmal sehr schwer einzugrenzenden Schuld mehrerer Einzelpersonen als Teil eines Kollektivs am besten um? Kann eine solche Serie einen Werther-Effekt auslösen, wenn nicht jede Kleinigkeit daran kritisch kommentiert wird, oder sollte sie lieber völlig für sich als eigenständiges Kunstwerk sprechen - gibt es vielleicht einen Mittelweg? Wenn die Produzenten der Serie sagen, dass der Vergewaltiger bewusst nicht als Psychopath dargestellt werden soll, sondern als Auswuchs eines fehlerhaften Systems, ist das nicht irgendwo auch etwas relativierend und befreit eine solche Figur zumindest teilweise von ihrer Eigenverantwortung? Was könnte die Serie besser machen?

Zu ein paar dieser Fragen möchte ich mal meine Meinung kundtun, wenn ich meine Antwort jetzt nicht schon irgendwie in der Frage untergebracht habe - ich fange mal von hinten an:
"Was könnte die Serie besser machen?"
Vieles, aber am meisten hat mich gestört, wie positiv das Verhältnis der Hauptfigur zu ihren Eltern durchweg dargestellt wird, weil es meiner Erfahrung nach gerade die Kinder von überbesorgten, kontrollsüchtigen Eltern sind, die gemobbt werden - und ich meine damit nicht nur mich selber, sondern alle Mobbingopfer, die ich jemals kannte.
Und der Umgang mit dem Thema Selbstmord ist wirklich problematisch, da die Hauptdarstellerin eigentlich viel zu intelligent wirkt, um so eine Krise nicht zu überwinden und sich nicht daran zu erinnern, dass ihre Schulzeit nur ein vorübergehendes Übel ist.

"Kann man so eine Sendung Kindern zumuten oder müssen Eltern dabei sein und sich auf Fragen ihrer Kinder vorbereiten?"
Ich glaube, das kommt sehr auf die Kinder und Eltern an. Ich persönlich hätte so eine Serie vor 12 Jahren gebraucht; dann hätte ich die meinen Eltern gezeigt und gesagt, "da schaut, so geht es mir in der Schule".
Ich bin etwas erschrocken, als ich einen Artikel gelesen habe, in der eine amerikanische Mutter (dort mit Klarnamen erscheinend) erklärt, dass sie ihre Kinder die Serie nur unter Aufsicht schauen lässt und an den kritischen Stellen immer pausiert und kommentiert, und sich vorher irgendwelche Seiten zu Selbstmord/Depression/Vergewaltigung usw. im Internet durchgelesen hat, um ihren Kinder dann eine Predigt darüber zu halten. Die Kinder genau solcher Eltern werden gemobbt.

"Ist das, was die Hauptfigur tut, irgendwo nachvollziehbar, ohne dass man dafür gleich "Depressionen" verantwortlich machen muss, und bedeutet das, dass nicht alle Teenager, die sich umbringen, automatisch depressiv sind, sondern es eben auch Strukturen und Individuen gibt, die wirklich ganz konkret schuld daran sind, dass sich jemand umbringt?"
Ja...JA! Das war genau der ungeschönte Zugang zu dem Thema, den ich bisher sehr in der öffentlichen Diskussion vermisst habe - man muss nicht depressiv sein, um alles andere scheiße zu finden - manchmal ist einfach alles scheiße, und man kann nichts daran ändern.

"Wie geht eine Gesellschaft und deren Strafrechts-/Schulsystem mit dieser manchmal sehr schwer einzugrenzenden Schuld mehrerer Einzelpersonen als Teil eines Kollektivs am besten um?"
Hoffentlich anders als bisher üblich, aber ich habe da leider auch kein Wundermittel. Es ist schon ein Anfang, wenn nicht mehr tabuisiert wird, wie Schüler die neue Technologie dazu benutzen, einzelne zu isolieren und fertigzumachen.
 

Benutzer147358  (27)

Sehr bekannt hier
Die Serie ist eine Jugendbuch Verfilmung. ich habe sowohl das Buch gelesen (das ist aber schon Jahre her), als auch die Serie gesehen (vor kurzem).
Tatsächlich habe ich das Buch nicht zuende gelesen, weil mir der Lesefluss nicht gefallen hat. Dank der Serie kenne ich jetzt endlich das Ende und fand es doch ganz fesselnd. Ob die Serie jetzt unbedingt für Kinder und junge Teenager geeignet ist weiß ich nicht, das kommt sicher auch sehr auf die individuelle Veranlagung an. Eltern sollten mMn bis zu einer gewissen Reife eh ein Auge darauf haben was ihr Kinder konsumieren. Im Umgang mit Kindern und Jugendlichen, egal ob als Eltern oder andere, sollte man schon darauf vorbereitet sein mit heftigen Gefühlen konfrontiert zu werden, die auch stark negativ sein können. Natürlich muss man keinen Master-Anti-Selbstmord-Plan pauschal parat haben, aber eben auf eine angemessene Erstreaktion vorbereitet sein.

Und der Umgang mit dem Thema Selbstmord ist wirklich problematisch, da die Hauptdarstellerin eigentlich viel zu intelligent wirkt, um so eine Krise nicht zu überwinden und sich nicht daran zu erinnern, dass ihre Schulzeit nur ein vorübergehendes Übel ist.
Ich denke nicht das Intelligenz unbedingt etwas damit zu tun hat ob sich jemand umbringt oder nicht.

und man kann nichts daran ändern.
Man kann immer etwas ändern. Klar wirst du nicht vom HarzIV Empfänger zum Millionär nur weil du dich bemühst. Aber irgendetwas kannst du immer ändern. Wie ging der Spruch nochmal? "Ich kann nicht versprechen das Anders besser ist, aber das es kein Besser ohne Anders gibt." Sinngemäß :grin:

isolieren und fertigzumachen
Fertigmachen ist schlimm keine Frage und sollte auch auf jeden Fall unterlassen werden. Aber Isolation ist schwierig. Wenn einfach keiner mit dem einen Kind befreundet sein will kann man da kaum etwas machen. Man kann versuchen etwas gegen zu wirken und zumindest geplante und gestaltete Gruppenaktivitäten so anpassen das jeder Anschluss hat. Aber das dieses Kind auf keinen Geburtstag eingeladen wird, keine Verabredungen hat, keinen der ihm freiwillig die Hausaufgaben vorbeibringt wenn er krank war,... daran kann Strafrecht und Schulsystem bei aller Hingabe nichts ändern. Und gerade diese Menschen trift es am meisten wenn kleine Piesakereinen passieren. Anderen würden die garnicht groß im Gedächniss bleiben, aber ohne Rückendeckung trifft es schwer.

Es handelt sich um eine Unterhaltungsserie und nicht um einen Lehrfilm. Deshalb finde ich es schwierig daraus Handlungsanweisungen zu ziehen wie du es versuchst. Aber die Moral von der Geschicht für mich war, das man Achtsam mit seinen Mitmenschen umgehen sollte, auch bei Taten die einem selbst als unwichtig und unbedeutend erscheinen.
 
K

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Gast
weil es meiner Erfahrung nach gerade die Kinder von überbesorgten, kontrollsüchtigen Eltern sind, die gemobbt werden - und ich meine damit nicht nur mich selber, sondern alle Mobbingopfer, die ich jemals kannte.
Die Kinder genau solcher Eltern werden gemobbt.
Das ist aber sehr pauschalisiert :cautious: Ich kenne durchaus aus andere "Mobbingopfer" die keine Gluckeneltern hatten und würde mich dazu zählen. Ich sehe auch nicht unbedingt einen Zusammenhang zwischen den Eltern und dem Thema Mobbing. Wie kommst du darauf?

Ich denke nicht das Intelligenz unbedingt etwas damit zu tun hat ob sich jemand umbringt oder nicht.
Das sehe ich genauso. Auch intelligente Menschen sind durchaus in der Lage Selbstmord zu begehen. Ich denke wenn man das wirklich plant bzw. vor hat, spielt viel mehr die Gefühlslage als die Intelligenz mit rein.

Es ist schon ein Anfang, wenn nicht mehr tabuisiert wird, wie Schüler die neue Technologie dazu benutzen, einzelne zu isolieren und fertigzumachen.
Aber das ist doch auch nicht erst seit gestern so? Social Media Kanäle wurden doch schon seit Anfang an für solche Zwecke missbraucht und der eigentliche Auslöser in der Serie ist ja auch ein ganz anderer (die Liste).
 

Benutzer78484 

Planet-Liebe-Team
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Und der Umgang mit dem Thema Selbstmord ist wirklich problematisch, da die Hauptdarstellerin eigentlich viel zu intelligent wirkt, um so eine Krise nicht zu überwinden und sich nicht daran zu erinnern, dass ihre Schulzeit nur ein vorübergehendes Übel ist.
Das Intelligenz sich positiv auf den Umgang mit psychischen Problemen auswirkt, halte ich jetzt aber für WEIT hergeholt :what:
 
G

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Sehr kontroverses Thema. Ich habe erst am Wochenende das Buch gelesen, nachdem ich die Serie mit meiner Freundin gesehen habe.
Viele fanden es z.B. nicht gut, dass der Selbstmord des Mädchen explizit gezeigt wurde, weil sowas andere Menschen mit Problemen zusätzlich zum Selbstmord motivieren würde. Andererseits soll gerade das Zeigen des Suizids das Thema insgesamt greifbarer machen. Ich weiß nicht, was da die bessere Vorgehensweise ist. Vermutlich stimmt beides. Wenn man offener über das Thema Suizid sprechen wird, dürfte das mit Sicherheit eine gute Sache sein.
 

Benutzer163957 

Öfters im Forum
Vieles, aber am meisten hat mich gestört, wie positiv das Verhältnis der Hauptfigur zu ihren Eltern durchweg dargestellt wird, weil es meiner Erfahrung nach gerade die Kinder von überbesorgten, kontrollsüchtigen Eltern sind, die gemobbt werden - und ich meine damit nicht nur mich selber, sondern alle Mobbingopfer, die ich jemals kannte.
Also ich kenne kein einziges Kind, dass überbesorgte und kontrollsüchtige Eltern hatte und gemobbt wurde - dafür einen Mobber, bei dem genau das zutreffend war.

Das "positive" Verhältnis zu ihren Eltern sehe ich als Teil des Problems der Protagonistin. Dadurch, dass sie mitbekommt, wie schlecht der Laden der Eltern läuft und wie belastend die Situation für die Eltern ist, möchte sie keine "weitere Belastung" sein, stellt keine Ansprüche, hilft den Eltern, möchte ihnen - mit ihren "existentiellen" Sorgen - nicht ihre eigenen Probleme "aufladen". Gerade die finanziellen Probleme ihrer Eltern sorgen auch dafür, dass aufhört sich positive Zukunftspläne nach der Highschool zu machen, bzw. ihre Träume verwirft - die nämlich Geld kosten würden, das sie von ihren Eltern nicht einfordern möchte, Und der Verlust der Geldtasche, die sie zur Bank bringen wollte (um den (zeitlichen) Stress der Eltern zu reduzieren, was im Ergebnis dann aber zum Gegenteil führt), versetzt ihr auch nochmal einen deutlichen Stich, als alles für sie eh schon ausweglos erscheint.
(Reine Küchentischpsychologie meinerseits, ich hoffe ich hab das überhaupt richtig in Erinnerung).
 
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Ich denke nicht das Intelligenz unbedingt etwas damit zu tun hat ob sich jemand umbringt oder nicht.
Das habe ich auch so nicht gemeint (oder genau so geschrieben, auch wenn das vielleicht etwas nachlässig von mir war, das so zu formulieren)...jetzt hat sich das irgendwie verselbstständigt.

Um das etwas gerade zu rücken: Natürlich gibt es unzählige Beispiele für intelligente Menschen, die sich aus Kummer umgebracht haben. Ich hatte nur bei der Hauptfigur irgendwie den (selbstverständlich völlig subjektiven) Eindruck, dass sie eine Schlagfertigkeit, einen Sarkasmus und einen sehr objektiven Blick auf ihre Umwelt besitzt (auch wenn sie nicht immer ein zuverlässiger Erzähler ist, wie sich im Handlungsverlauf herausstellt), der ihren Entschluss in meinen Augen irgendwie unglaubwürdig erscheinen lässt.

Aber irgendetwas kannst du immer ändern. Wie ging der Spruch nochmal?
Dem würde ich widersprechen - man kann vielleicht seine Einstellung zu etwas ändern und sich Dinge schönreden, aber nicht immer hilft das auch dauerhaft, wenn man keine Kontrolle über das hat, was einen bedrückt, und es auch nicht akzeptieren will. Ich find halt nicht, dass man wegen einer solchen Unfähigkeit zur Akzeptanz von einem unangenehmen Sachverhalt gleich als "depressiv" oder "hoffnungslos" abgestempelt werden sollte.
Es handelt sich um eine Unterhaltungsserie und nicht um einen Lehrfilm.
Dem würde ich dann mal entgegensetzen, dass die Serie groß damit beworben wird, dass die Produzenten Psychologen konsultiert haben und dass sie von Anfang an das erklärte Ziel hatten, eine Debatte über Teenager-Selbtmord auszulösen und zu prägen. Und beim Schauen der Serie merkt man ja auch, dass vieles bewusst so gehalten ist, dass der Zuschauer sich leicht mit den Figuren identifizieren kann und sich an seine eigene Schulzeit erinnert fühlt. Die Serie hat an sich selbst also einen gewissen Bildungsanspruch gestellt, und nach meinem Kunstverständnis kann man jetzt darüber diskutieren, ob sie diesem eigenen Anspruch gerecht wird. Wenn es "nur" eine Unterhaltungsserie wäre, würde ich das aber genauso sagen. Auch Unterhaltung kann man ernstnehmen - muss man vielleicht sogar noch mehr, da das Publikum ein größeres ist.

Das ist aber sehr pauschalisiert :cautious:
Klar ist es das :-P

Wie kommst du darauf?
Persönliche Erfahrung.
Aber das ist doch auch nicht erst seit gestern so? Social Media Kanäle wurden doch schon seit Anfang an für solche Zwecke missbraucht und der eigentliche Auslöser in der Serie ist ja auch ein ganz anderer (die Liste).
Ich habe die Liste nicht als Auslöser verstanden, sondern eher als eine Kränkung von vielen, die sich anhäufen und letztlich nur ein Symptom sind. Die Hauptfigur (und andere Figuren auch) wird auf viele verschiedene Arten gedemütigt, meist geschieht dies, indem irgendjemand ein Foto oder ein Gerücht verbreitet und direkt alle anderen davon erfahren. Es ist niemand da, der für eine Richtigstellung sorgt, jeder benutzt die Gerüchte über Hannah, um sich selbst besser darzustellen. Die anderen Figuren scheinen diese Vorfälle gleich wieder zu vergessen oder finden sie nicht weiter wichtig, für die Hauptfigur bricht die Welt jedesmal etwas mehr zusammen. Für mich ist der "Auslöser" mehr bei der Unmöglichkeit so einer Richtigstellung zu suchen. Ich meine, was hätten die Leute gesagt, wenn Hannah ihre Kassetten *vor* dem Suizid veröffentlicht und vor Gericht zu einem Rundumschlag ausgeholt hätte?
 
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