Ein mitfühlender Brief an die notleidende Musikbranche

Benutzer1744  (37)

Verbringt hier viel Zeit
Allmählich sind eure Klagen wirklich herzergreifend, liebe Labelchefs,
Musikmanager, Besitzer von Medienkonglomeraten: Wieder ein Umsatzminus
von 11,3 Prozent, meldet ihr gerade aus Deutschland; wieder 65
Millionen CDs weniger verkauft, stöhnt ihr aus Amerika. Und dass
jemand wie die Grammy-Siegerin Norah Jones ziemlich viele Tonträger
verkauft hat, dafür hat ihr Produzent Arif Mardin eine lustige
Begründung: "Ihre Musik spricht ältere Menschen an, die noch nicht
wissen, wie man sie illegal aus dem Netz zieht." Jeden Tag kündigt ihr
neue Allianzen an, neue Vertriebswege im Internet, neue Angebote für
den Konsumenten. Jeden zweiten Tag verklagt ihr irgendwen auf
Milliarden von Dollar Schadensersatz - und immer öfter zerrt ihr euch
auch gegenseitig vor Gericht, wie im neuen Napster-Prozess,
Bertelsmann gegen den Rest der Industrie. Falls ihr also den Eindruck
erzeugen wollt, ihr wärt völlig kopflos - dann ist euch das bisher
recht gut gelungen.
Warum es euch so schlecht geht, meint ihr zu ahnen: Die Menschen sehen
keinen Grund mehr, Musik zu kaufen. Sie laden Songs über Tauschbörsen
aus dem Internet herunter, sie verschenken wie die Wilden selbst
gebrannte CD-Kopien. Alles sonnenklar. Die Idee hingegen, dass eure
Künstler fauler und unkreativer werden, dass die Popmusik insgesamt an
Qualität verloren hat, die schließt ihr kategorisch aus. Gut, das
wollen wir vorläufig glauben- ihr müsst es ja wissen. Manchmal
allerdings wirkt es so, als wüsstet ihr überhaupt nicht mehr, was ihr
tut.
Die Idee mit dem Kopierschutz zum Beispiel - die Leute, die euch
dieses Konzept aufgeschwatzt haben, solltet ihr teeren, federn und
vierteilen. Reduziert man das technische Gelaber auf den lächerlichen
Kern, dann ist die Idee ungefähr folgende: Wir bauen ganz viele Fehler
in die CDs ein, damit man sie kaum noch abspielen kann. Hand aufs
Herz: Ist es in der Geschichte des Kapitalismus je gelungen, mehr
Produkte zu verkaufen, indem man sie schlechter macht und ihre
Lebensdauer verkürzt? Das ist der erste Punkt. Der zweite ist, dass
mancher wahre Musikfan gerade sehr viel Geld in den todschicken MP3-
Player von Apple investiert hat, den so genannten iPod. Vereinfacht
ausgedrückt dient ein iPod dazu, sehr viel Musik in der Manteltasche
zu haben, ohne dass man die dazugehörigen CDs mitschleppen muss. Wisst
ihr, was passiert, wenn ein stolzer iPod-Besitzer zum ersten Mal
versucht, die neue Robbie- Williams-CD auf sein Gerät zu überspielen?
Er stellt fest, dass der Kopierschutz das verhindert. Dann steuert er
eine Tauschbörse im Netz an, um sich die Songs im nötigen Format zu
holen, und entdeckt: Um das komplette Album kostenlos herunterzuladen,
in perfekter Qualität, braucht er 15 Minuten. Glaubt ihr im Ernst,
dass so ein Kunde jemals wieder eine kopiergeschützte CD kauft?
Lasst ab von euren Feinden!
Außerdem wird es immer smarte Programmierer geben, die jeden
Kopierschutz knacken können. Und sie werden immer den Drang verspüren,
ihre illegalen Kopien massenweise an weniger smarte Menschen zu
verschenken - so funktioniert nun einmal der Kodex der Hacker.
Digitale Daten, das ist ein Naturgesetz der modernen Medienökonomie,
wollen frei durch die Netze fließen. Wenn ihr dieser Tatsache jetzt
ins Auge blickt, könnt ihr euch Jahre der Frustration ersparen. Diesen
Strom nämlich stoppen zu wollen, das wäre .. . - okay, hier brauchen
wir ein großes Bild: Es wäre so sinnlos wie der Versuch, die Weltmeere
trockenzulegen. Kein Gericht, kein Gesetz der Welt kann das erreichen.

Das alles hat, im übrigen, nichts mit Musik zu tun. Es betrifft alle
digitalen Informationen - ihr spürt nur, aus verschiedenen Gründen,
als erste den Wandel der Zeit. Wenn ihr also das Gefühl habt, in einen
Sog geraten zu sein, aus dem ihr nicht mehr rauskommt - dann habt ihr
völlig recht. Und die bange Frage, wann genau die Dinge schiefgelaufen
sind, lässt sich klar beantworten: Vor zwanzig Jahren, mit der
Einführung der CD. Damals habt ihr die Entscheidung getroffen, eure
Ware, die bisher aus analogen Schwingungen bestand, in Nullen und
Einsen zu verwandeln und digital unters Volk zu bringen. Nullen und
Einsen ist es aber völlig gleichgültig, ob sie auf eine Silberscheibe
gepresst werden, auf einer Festplatte oder in einem iPod lagern, oder
ob sie gerade mit irrer Geschwindigkeit durch eine Telefonleitung
rauschen. Damals ist eure Ware körperlos und endlos reproduzierbar
geworden. Dass dies für eine Branche, die Silberscheiben in bunte
Hüllen steckt und dafür Phantasiepreise verlangt, gefährlich werden
musste - völlig klar. Denn am Ende seid ihr eine Verpackungsindustrie.

Hier allerdings zeigt sich auch ein Ausweg, der einzige vielleicht.
Denn dafür, dass ihr eine Verpackungsindustrie seid, sind eure
Verpackungen lächerlich einfallslos. Ein Heftchen mit schlechten
Begleittexten, eine Klarsichthülle, die sofort zerbricht - kann das
alles sein? Bisher musstet ihr nichts tun, es ging euch, wenn wir
ehrlich sind, auch viel zu gut: Das Geld reichte sogar für Michael
Jacksons Neverland und die sechzehn Schrankkoffer von Jennifer Lopez
und all die Rapper-Paläste. Das ist nun vorbei. Zum Glück! Eure Preise
müssen kleiner und eure Verpackungen größer, glamouröser,
interessanter werden. Nehmt euch ein Beispiel am DVD-Geschäft: Im
Grunde keine technische Revolution, sondern eine Revolution des
Drumherum. Die Filme sind genauso scharf wie ein normales Fernsehbild,
ob man's glaubt oder nicht - aber die Extras, die Stunden von
Zusatzmaterial, die liebevollen Kommentare, Editionen, Sammlerboxen!
Das kaufen die Leute wie die Irren. Und keiner beschwert sich über die
Preise.
Gerade die avancierten iPod-Besitzer, die bis zu 4000 Songs in einer
Box von der Größe eine Zigarettenschachtel speichern können, die
Hunderte von Platten immer mit sich herumtragen - sie kennen diese
neue Sehnsucht: Musik auch wieder körperlich zu besitzen, die
dazugehörigen Bilderwelten zu betrachten, dazu Texte und Analysen zu
lesen. Ein Album muss mehr sein als ein Eintrag in einer
iPod-Playliste - aber es muss auch mehr sein als ein paar Bits und
Bytes im öden Standardgefäß eurer CD. Labelchefs, Musikmanager,
Besitzer von Medienkonglomeraten! Lasst ab von euren Feinden, den
Raubkopierern und Nichtzahlern, und konzentriert euch auf eure
Freunde! Verpackt eure Werte mit Liebe und Intelligenz. Denn falls
eure zentrale These wahr ist, dass der Strom der Kreativität und
Schönheit, den ihr kanalisiert, niemals abreißen wird, woran wir ja
gerne glauben möchten - dann geht es ja wirklich nur um das Drumherum.

Und genauso könntet ihr überleben: Als lässige und einfallsreiche
Drumherum-Industrie.

quelle: süddeutsche
 
K

Benutzer

Gast
Hab das nur mal überflogen, aber zu dem Thema: Ich hab kein Geld mir ne CD von 15 - 20 € zu kaufen... Und was soll ich mit ner CD auf der 2, 3 gute Lieder sind und der ander "Füllstoff"?? Richtig Geile CDs wo alle Lieder hammer sind kauf ich mir natürlich, aber sonst.... Bessere Musik, besserer Umsatz, ganz einfach...
 
T

Benutzer

Gast
da kann ich mich kaninchen nur anschließen...
hm ich hätt zwar eventl. des geld um mir die CD's zu kaufen, aber wieso sollte ich für 3-4 lieder die mir auf einer CD gefallen 20€ ausgeben ? dazu mal ne beispiel-rechnung:

sagen wir mal jeden monat 1 CD macht 20€ pro monat
meine DSL-flat kostet ohne trafficbegrenzung 40€ pro monat

40€ => ca. 720 stunden online im monat (theoretisch möglich)
20€(preis der CD) => 360 stunden online

wenn man nun annimmt, dass ein lied ungefähr 10min dauert um es runterzuladen und man immer einen stabilen down-stream hat, kommt man auf folgendes:

360 stunden/monat =^ 21.600 minuten/monat
21.600 minuten/monat : 10 minuten pro lied
= 2.160 lieder im monat

also könnte ich mir (betonung liegt auf KÖNNTE!! ) 2.160 lieder im monat ausm netz ziehen, zum preis von 1 CD und dann hätte ich aber auch nur die lieder, die ich wirklich will

allerdings kauf ich mir trotzdem die eine oder andere CD, man kann ja die musik-industrie net ganz pleite gehen lassen (was die ja immer behaupten) :grin:
 
J

Benutzer

Gast
Moin :smile:

Kenn mich in diesem Business ja nen bissel aus und einerseits verstehe ich die Plattenfirmen, andereseits die User wie Raver.

Die CDs werden zwangsläufig teurer, wenn immer mehr benutzer Songs runterladen. Werden die CDs teurer, laden aber immer mehr Menschen Musik runter: Ein teufelskreis. schon bei 25000 illegal kopierten CDs, liegt die Plattenfirma bei +/- 0 € gewinne/Verlust.

Ich finde folgende Idee eigentlich ganz ok: Man geht in einen Musikladen, hört sich Musik an und kann sich dann aus den verschiedensten Alben, Samplern & Maxis Songs zusammensuchen und sich eine eigene CD brennen. Diese Möglichkeit gibts ja schon teilweise im Internet. Und jedes Stück kostet dann einen bestimmten Geldbetrag. Bei Remixen (bes. im trance/techno/House-Bereich etc) ist es dann eben etwas günstiger, wenn man das Original auch mit draufpressen lässt...

Zumindest vom Ansatz her sehr vernünftig!
 

Benutzer1680  (40)

Meistens hier zu finden
@Jan-Hendrik

Die Idee hört sich gar nicht mal schlecht an aber die wird sich die Musikindustrie sehr schnell selbst verbauen weil dann jede Plattenfirma denkt das sie dann ja Minus macht und die andere mehr Gewinn.
 
J

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Gast
Tjaja... dann muß sich die Plattenfirma eben mal anstrengen und zusehen, dass sie die Zielgruppe wieder besser erreicht und nicht nur zwei "gute" & 20 "schlechte" Songs produzieren lässt....
 

Benutzer1744  (37)

Verbringt hier viel Zeit
hm was mich stoert sind auch die extrem hohen Gehälter fuer manche künstler in den usa. Ich mein was die im vergleich zu normal sterblichen verdienen ist schon wahnsinn. Und wuerden sie bei diesen stars mal sparen koennten sie die cd's auch einiges billiger verkaufen un dann wuerde ja auch der umsatz wieder steigen...
 
J

Benutzer

Gast
Die Stars werden von den Plattenfirmen ja teilweise gar nicht mal sooooo hoch vergütet... zwar schon nicht schlecht, aber Britney, Christina und N Sync sind Ausnahmen. Richtig Kohle machen die mit Werbeverträgen....
 
T

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Gast
ändern, bzw zum positiven verbessern könnte man da viel. aber so wie es aussieht sind die plattenfirmen einfach zu träge und zu bequem dazu.
zum glück gibt es (zumindest bei meiner musikrichtung :grin:) ein paar kleine erfolgreiche labels, die nicht so an die große industrie gebunden ist.
 
T

Benutzer

Gast
seh ich genauso :grin:
da ich selber einer bin.... *g*

die plattenfrimen sollten vielleicht mal schauen was die DJ's so auflegen *g* weil ich glaub die haben mehr ahnung, was ihre gäste hören wollen als die musikindustrie ;-)
 
J

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Gast
Joa... die Plattenfirmen (vor allem die großen Labels) haben ja imemr Trendforscher im EInsatz :zwinker:

DJs wissen eh immer, was angesagt ist :zwinker: vor allem im Trance/Techno-Bereich wissen DJs 1-2 Monate im Vorraus, was kommen wird.... wozu gibt's White-Labels (e.g. Boney M 2005 :zwinker:)
 
B

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Gast
Also wenn mir auf einer CD wirklich alle Liede gefallen, kaufe ich mir sogar die CD. Ja! :grin: Aber da sowas eigentlich so gut wie nie passiert, sehe ich nicht ein, dass ich dafür soviel Geld zahlen soll.
Das letzte Mal ist mir das übrigens bei "Tool -> Lateralus" passiert. Dafür habe ich gerne 11,99 € gezahlt.
 
N

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Gast
*lol*

Also im Moment rege ich mich mehr darüber auf, dass meine Zimmertür immer wieder aufspringt wenn ich Musik mit viel Bass laut drehe als Mindereinnahmen der Plattenmillionäre....scheiß verzogene Holztür :grin:
 
Oben
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