Das Gefühl, so viel verpasst zu haben

Benutzer119213 

Benutzer gesperrt
Hallo ihr Lieben,

ich mache mir schon seit ein paar Jahren Gedanken darüber, wann man eigentlich anfängt, sich "erwachsen" zu fühlen und wann man seine Jugend hinter sich lassen sollte. Und mit jedem Jahr, das ich älter werde, wachsen meine Zweifel, ob ich mich meinem Alter entsprechend verhalte, ob meine Vorstellungen und Gedanken altersgerecht sind.
Dass ich diese Gedanken habe, scheint auf den ersten Blick vielleicht nicht wirklich nachvollziehbar zu sein, denn mir hat nie jemand vorgeworfen, unreif oder unselbstständig zu sein. Genau genommen habe ich aufgrund meiner familiären Situation nie die Möglichkeit gehabt, derartige Eigenschaften zu entwickeln und musste schon recht früh lernen, alleine zurechtzukommen und Verantwortung zu übernehmen. Ich denke, dass genau in diesem Punkt der Ursprung meines Problems liegen könnte: Ich musste immer vernünftig und stark und selbstständig sein und dadurch habe ich das Gefühl, viel verpasst zu haben. Eine Kombination aus meiner Familienkonstellation, Geldmangel und geringem Selbstbewusstsein gekoppelt mit einer stark ausgeprägten sozialen Phobie hat mir vieles verwehrt, was bei Gleichaltrigen selbstverständlich gewesen zu sein scheint. Es sind einfach kleine Dinge wie Urlaub, Unternehmungen mit Freunden, eine Party zum 16. Geburtstag, Familienfeiern, und einfach ein "normales" Familienleben, die mir immer sehr gefehlt haben. Ich weiß, dass ich bei weitem nicht die einzige bin, die auf diese Dinge überwiegend verzichten musste, und ich möchte mich auch keinesfalls beschweren, denn ich bin sehr dankbar für alles Gute, was geschehen ist, und vor allen Dingen auch dafür, was insbesondere mein Vater alles getan hat damit es meinen Geschwistern und mir gut geht.
Aber es hat mir dennoch gefehlt und das merke ich nun um so stärker - jetzt, wo ich erwachsen sein soll. Ich bin jetzt 21 und ich schaue auf die letzten Jahre zurück und frage mich, wo ist eigentlich meine Jugend geblieben? Ich habe mich stets zu älteren hingezogen gefühlt, doch jetzt bin 21 komme ich mir eher vor wie 17.
Ich kann nicht genau erklären, was das Problem ist oder was mir fehlt oder warum ich denke, nicht erwachsen genug zu sein. Da ist nur einfach dieses Gefühl, dass ich etwas verpasst habe, dass ich irgendwie noch in der Vergangenheit festhänge, dass ich noch so viel zu lernen und nachzuholen habe, dass ich noch lange nicht "fertig" bin.
Es ist, als würden alle um mich herum bei ihrer Entwicklung auf dem Nullpunkt anfangen und von dort aus immer weitegehen. Ich hingegen muss mich erst einmal aus dem Negativen in den neutralen Bereiech hocharbeiten, bis ich mit den "normalen" Dingen anfangen kann.
Ich weiß, dass das lächerlich ist und so gar nicht stimmt, aber so fühlt es sich für mich an.

Versteht irgendjemand, was ich meine? Oder war das jetzt zu verworren? :frown:
 

Benutzer72433 

Planet-Liebe ist Startseite
ja, kenne ich, ging mir etwa in deinem alter auch so. irgendwie hatte ich auch überhaupt keinen zusammenhang zwischen meinem körperlichen alter und dem gefühlten - war ne ziemlich schräge sache.

jetzt bin ich 26, sollte theoretisch wirklich mal erwachsen sein - fühl mich aber überhaupt nicht so. auch wenn ich grade die sache mit den sozialen kontakten mittlerweile hinbekommen habe... aber wenn ich dann leute in meinem alter seh, verheiratet und mit kind, und mir denke "omg, die sind doch grad ma so alt wie ich..." ist das schon schräg.

das einzige was ich dir empfehlen kann ist, dir darüber möglichst wenig nen kopf zu machen, und die energie lieber auf das richten was du tun möchtest - auf die art kommt man dann doch schneller voran. und ich bin mittlerweile auch der meinung, dass man mit ner gewissen anzahl von geburtstagen nicht zwingend "erwachsen" sein muss.... ne gewisse individualität ist schon voll in ordnung.
 

Benutzer35148 

Beiträge füllen Bücher
In einigen Dingen kann ich es Dir gut nachfühlen. Ich frage mich auch ob ich etwas verpasst habe, nur weil ich in jungen Jahren keine Beziehung, nie Händchenhalten, keine zaghaft gewagten Küsse usw. hatte.
Sicher sind die Gedanken daran eher traurig oder wehmütig.
Aber das ist eben Vergangenheit.
Schaue nach vorne, mach alles was Du kannst damit es Dir gut geht und damit Du glücklich wirst.
Es kann nur anders und sogar besser werden!

:engel:
 

Benutzer44981 

Planet-Liebe Berühmtheit
Ich habe auch teilweise das Gefühl, gewisse typisch jugendliche Dinge verpasst zu haben.
Als Jugendlicher war ich eben eher der Außenseiter, hatte kein Interesse an Parties, usw. und in Sachen Liebe war ich bisher auch völlig erfolglos. - Da habe ich natürlich Einiges verpasst.

Damals fühlte ich mich total "erwachsen", weil ich den ganzen kindischen Schwachsinn nicht gemacht habe, den meine Mitschüler gemacht haben, weil ich vernünftig genug war, mich nie großartig zu betrinken, usw. - Dass so etwas evtl. auch einfach ein Stück weit zur Jugend dazu gehört und eine Menge Spaß machen kann, habe ich nicht mal wirklich geahnt.

Aber inzwischen, mit 25, fühle ich mich irgendwie weniger erwachsen als damals, mit 16...
Es fühlt sich jedes mal seltsam an, wenn ich gesiezt werde, ich mache Dinge, die ich mit 16 als kindisch und niveaulos abgetan habe und habe eine Menge Spaß dabei, usw. - Wirklich erwachsen fühle ich mich dabei nicht.
Wenn ich dagegen als Trainer und Betreuer die Verantwortung für eine Horde Kinder habe und sogar noch einen angehenden Trainer dabei habe, der sich Dinge von mir abschaut, fühle ich mich schon ziemlich erwachsen...
Wenn ich an die jetzt anstehende Jobsuche denke, schwanke ich ständig zwischen "Endlich! - Das Studium hat schon lange genug gedauert!" und "Was?!? - Jetzt schon? - Habe ich nicht gerade erst das Abi gemacht?"
Und wenn ich an die Hochzeiten von ungefähr Gleichaltrigen denke, bei denen ich in letzter Zeit eingeladen war oder bald eingeladen bin, denke ich wieder gleichzeitig "Was? - Die heiraten jetzt schon?!?" und "Ich hatte noch nie eine Beziehung, während Andere in meinem Alter schon heiraten."

Irgendwie passt das alles nicht wirklich zusammen.
Aber muss das alles überhaupt zusammen passen? - Ich versuche einfach, mein Leben zu leben - egal, was ich nun möglicherweise verpasst habe und ob nun das, was ich jetzt mache, kindisch oder erwachsen ist.
 

Benutzer109402 

Meistens hier zu finden
Das heißt ja nicht, dass du Dinge nicht nachholen kannst. Du bist immer noch sehr jung und bestimmte Erfahrungen sind ja nicht nur dem Jugendalter vorbehalten. Genieße dein Leben und sei stolz darauf, das du dich aus den "negativen Bereichen hochgearbeitet hast" und leg los. Vergleiche dein Alter nicht mit irgendwelchen Normen, wie man sich in welchem Alter zu verhalten hat und das man jetzt auf Teufel komm raus erwachsen sein muss (was auch immer das eigentlich bedeutet). Ich kenne deine Gedanken gut & ich erinner mich dann an eines meiner Lieblingszitate (siehe Signatur).
 

Benutzer98976 

Sehr bekannt hier
Zwar kenne ich das mit dem 'negativen Bereich' nicht, aber ich finde, das klingt nicht verworren, sondern sehr nachvollziehbar. Du fühlst Dich so weit hinten dran, dass es schon fast wie ein Minusbereich wirkt. Aber, sieh es mal so: Heute bist Du älter, Du hast mehr Möglichkeiten - und kämpfst viel weniger mit den pubertären Hormonen als Du es damals getan hättest :zwinker: Du kannst also effektiver da rangehen, Dich aus diesem negativen Bereich rauszuholen. Und zwar, indem Du beginnst, Dir Dein Leben jetzt bewusst schön und nach Deinen Vorstellungen zu gestalten. Wenn Du das konsequent immer wieder tust und durchziehst, dann kannst Du in 1-2 Jahren so zufrieden und ausgefüllt sein, dass das, was in der Vergangenheit fehlte, viel weniger weh tut (ich sprech da aus Erfahrung).

Ich kenne das Gefühl, etwas verpasst zu haben und gegenüber meinen Altersgenossen noch etwas nachholen zu müssen. Auch, sich noch nicht so gut selbst zu kennen und deswegen weniger 'erwachsen' zu sein.
Als dieses Gefühl bei mir aufkam, habe ich beschlossen, etwas daran zu ändern. Man kann die Zeit nicht nachholen, aber Du kannst Dein Leben jetzt umso mehr geniessen und herausfinden, wer Du bist und was Du willst.
Du würdest gern reisen? Such Dir einen Nebenjob und finanzier Dir das! Du wirst so viel mehr davon haben, wenn Du stolz bist, Dir das selbst ermöglicht zu haben.
Ich lese in Deinem Profil gerade auch, dass Du Au Pair in London bist - super :smile: Damit ermöglichst Du Dir doch schon etwas von dem, was Dir früher gefehlt hat.

Du würdest gerne mehr mit Freunden machen? Frag die Leute, die Du kennst - lad sie zum Frühstück ein (jeder soll was mitbringen), zum Spieleabend oder zum Grillen im Park/ Hinterhof. Fang einen Sport an - zB im Unisport. Darüber lernst Du schnell neue Leute kennen.
Würdest Du gerne mehr erleben? Was genau? Informier Dich, probier Dinge aus und finde damit heraus, was zu Dir passt.
Dir fehlen die Geburtstagsfeiern? Dann mach Deine eigene, in Deiner WG oder Wohnung (wenn Du wieder in D bist).
Bist Du in London eigentlich auch in einer Sprachschule, begleitend zum Aupair-Aufenthalt? Wenn ja, dann lernst Du dort ja auch ein paar Gleichaltrige kennen und es gibt etwas, was Du bis dahin auch in London tun kannst: Geh auf die Menschen zu, überwinde Dich bewusst und frag nach diesen harmlosen Unternehmungen, die Dir so fehlen. Wie einen Kaffee oder Kakao trinken - oder auch mal auf ein kleines Livekonzert gehen, immerhin bist Du über 18 und keine 17, auch wenn Du Dich so fühlst :zwinker: muss ja Vorteile haben, dass Du jetzt durchstartest.

Und zuletzt möchte ich noch sagen, dass es völlig okay ist, traurig über all das zu sein, was Du damals nicht haben konntest. Betrauer das, verabschiede Dich von dieser Zeit.
Sag Dir "Es ist traurig, dass ich das damals nicht haben konnte. ". Und wenn Dich das dann ein wenig getröstet hat, dann sag Dir "Aber nun kann ich das haben und es mir schön machen. Das habe ich mir verdient und ich kann das auch."

Bist Du eigentlich wegen Deiner sozialen Phobie und Deinem niedrigen Selbstwert in eine Therapie gegangen? Manchmal kann das sehr hilfreich sein, wenn man jemanden an seiner Seite hat, der einen immer wieder erinnert, was einem gut tut.
 
S

Benutzer

Gast
Die selbst auferlegte Bürde, oder bestreben nach "Erwachsen sein", führt mit zunehmenden Alter halt immer mehr zur Hürde. Ist ja klar das man sich fragt ob das was man in Vergangenheit getan hat richtig wahr. Die Frage ist nur ob man überhaupt richtig und falsch unterscheiden kann. Wichtig ist im Grunde doch nur, das du das getan hast was du in der Vergangenheit als richtig angesehen hast. Das das mit fortschreitender Entwicklung noch genauso sein muss, das sagt niemand. Man sollte nicht in richtig oder falsch denken, sondern stets das tun wovon man überzeugt ist, völlig gleich ob das in naher oder ferner Zukunft noch genauso ist.
 

Benutzer6428 

Doctor How
Ich habe da vielleicht eine ganz eigene Art und Weise "Erwachsen" zu definieren. Vielleicht gefällt sie dir, vielleicht auch nicht, aber ich werde sie dir jetzt mal auf die Nase binden:

Erwachsen ist für mich Entscheidungen zu treffen und für die Folgen die Verantwortung zu übernehmen. Beide Teile sind für mich dabei sehr wichtig. Jemand der sich traut Entscheidungen zu treffen und sich nicht jemand, der meint einer Entscheidung entgehen zu können, in dem er einfach nichts tut. Jemand der am Ende aber auch die positiven, wie auch die Negativen Konsequenzen und damit die Verantwortung auf sich nimmt.

Das alles kannst du und, wenn ich richtig zwischen den Zeilen gelesen habe, tust du das auch. Damit gehörst du zu den vielleicht 20% der Menschen, die das auch können und bist in meinen Augen so Erwachsen, wie du nur sein kannst. Ja..ich bin da manchmal etwas zynisch...vielleicht sinds auch 30%...ich glaube da aber nicht mehr an mehr.

Übrigens...Menschen die diese Eigenschaften haben und sich dann immer noch laut singend auf einem Bein hüpfend durch die Fußgängerzone bewegen können, sind deswegen nicht weniger erwachsen in meinen Augen.

Alles eine Frage der Wahrnehmung und der Definition.

Das Gefühl Parties verpasst zu haben kann ich nachvollziehen. Was machst du eigentlich? Gehst du studieren? Wenn ja, dann mach dich auf was gefasst :zwinker:
 

Benutzer96466 

Planet-Liebe Berühmtheit
Gucke genau, was die Dinge sind, die du machen wollen würdest, und dann tu sie. Und scheiß drauf, ob dir jemand verbieten will, nackt im Dorfbrunnen zu schwimmen. Im Zweifelsfall einfach machen, egal wie alt du bist.
 

Benutzer37188 

Meistens hier zu finden
Wer will sich denn schon richtig "erwachsen" fühlen? :zwinker: Das verbindet man doch meist mit Abgeklärtheit und dem Gefühl, alles schon erlebt zu haben. Dein ganzes Leben lang wirst du neue Dinge entdecken, dich manchmal auch dumm und unsicher fühlen, wenn du keine Ahnung hast. Da ist gar nichts schlimmes dabei - im Gegenteil; das hält neugierig! :smile:
Du brauchst dich überhaupt nicht lächerlich fühlen dabei.

Damian hat eine schöne Definition vom Erwachsen-Sein gegeben und kami-katze hat auch gute Dinge dazu gesagt.
Deinen Zeilen nach bist du ein intelligenter und reflektierter Mensch; du wirst deinen Weg finden und ihn gehen, da bin ich mir sicher!

Btw, ich erkenne mich in deinem Text gut wieder; ich hatte auch immer das Gefühl, alle anderen entwickeln sich weiter und nur ich stecke irgendwie fest und bin dann plötzlich über 20 und wohne in einer WG, während andere schon verheiratet sind mit Kind, Hund und festem Job. Das ist ein Fehlschluss; die anderen entwickeln sich einfach nur in andere Richtungen als man selbst und ich bin mir sicher, die meisten davon empfinden das insgeheim genauso wie du. Wer geht schon mit seinen Unsicherheiten und Zweifeln hausieren? :zwinker:
 
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