"Co-Abhängig" bei Depression des Partners

Benutzer70435 

Verbringt hier viel Zeit
Ich will gar nicht groß um den heißen Brei herumreden, deshalb hier eine stichwortartige Zusammenfassung des Problems.

Wir sind drei Jahre zusammen und das war/ist eine ganz große Liebe. Das Problem, das von Anfang an zwischen uns stand ist seine schwere Depression, bzw. sein Umgang damit. Er war in Therapie, stationär, ambulant, teilstationär, auch während unserer Beziehung. Geändert hat das nichts oder zumindest nicht viel.

Er hat keinerlei soziale Kontakte, lebt wie ein Messi, hängt nur vor dem Pc oder im Bett. Wenn ich da bin, hat er gute Laune. Wenn ich nicht da bin nicht, also soll ich am liebsten immer da sein.

Er arbeitet nicht an sich. Gerade hat er eine neue Therapie angefangen, will die aber wieder abbrechen. Wie gesagt, das geht seit dem Anfang unserer Beziehung so.

Und jetzt kann ich nicht mehr. Es ist weder Trauer, noch Mitleid oder Wut, es ist einfach meine Lustlosigkeit. Ich wills mir nicht mehr antun. Ich kann ihn nicht mehr sehen, ehrlich gesagt, auch wenn das hart klingt. Ich lieb ihn nämlich trotzdem. Eigentlich ist er eine phantastische Person und wir haben auch immer noch Spaß miteinander. Aber wenn ich an die Zukunft denke, die mir bevorsteht, wenn ich mich nicht von ihm löse - da wird mir schlecht.

Wir haben darüber geredet. Ich hab diskutiert, ich hab geschrien, ich hab geheult - alles durch. Er sagt, er versteht was ich meine, was mein Problem daran ist, glaubt aber selbst nicht so recht, dass ers auf die Reihe kriegt. Er sagt, er kann nicht, ich sage, er bemüht sich nicht. Wahrscheinlich ist es was dazwischen.

Ich bin mittlerweile so extrem abgestumpft, dass es mir für ihn auch wieder leid tut. Ich zieh mich raus, wo ich nur kann. Wir hatten einmal wirklich tollen Sex, aber heute kann ich mich dazu nicht mehr motivieren. Lustlosigkeit einfach, allerdings nur auf ihn bezogen. Weils nicht sexy ist. Auch wenn es mir fürchterlich weh tut, das so zu sagen.

Ich liebe ihn, wirklich. Sehr, sehr stark. Aber ich will einfach trotzdem nicht mehr. Ich will allein sein und irgendwann vielleicht wieder eine gesunde Beziehung haben. Eine, die mich irgendwie fordert, positiv.

Nur krieg ichs nicht hin, die Trennung. Früher hat er mir wiederholt mit Selbstmord gedroht. Man sagt immer, Leute, die davon reden, tuen es nicht. Aber ich traus ihm zu. Nicht als Kurzschlusshandlung, sondern einfach weil mit mir die letzte Konstante wegfallen würde.

Aber selbst wenn er nicht so weit geht - ich will auch nicht, dass er noch weiter abrutscht. Und ich daran quasi eine Mitschuld trage. Weil ich mich vielleicht mehr hätte anstrengen, mehr für ihn da sein, ihm mehr helfen sollen.
Doch immer, wenn ich das getan habe, blieb hinterher von mir selbst nichts mehr übrig. Dann war da nur noch er, nur noch seine Bedürfnisse. Und ich hab mich selbst gern um mich, das kriegt mich auf Dauer einfach nicht gebunden, diese Fürsorge und Aufopferung.

Kennt das jemand? Wie komm ich da raus? Und vor allem, wie schaff ich das, ohne dass er daran zerbricht?
 

Benutzer98976 

Sehr bekannt hier
Erstmal, und das sag ich Dir als jemand, der selbst schon depressiv war: Du bist nicht für ihn verantwortlich.
Sondern für Dich. Es ist niemandem geholfen, wenn Du wegen ihm auch noch abrutschst. Und was er mit seinem Leben anfängt...das ist, trotz Krankheit, immer noch seine Entscheidung.
Hat er noch Angehörige? Kannst Du die davon in Kenntnis setzen, dass Du Dich trennen wirst und er deshalb Hilfe brauchen wird, weil Du einen Suizidversuch befürchtest?
Viel mehr kannst Du meines Erachtens nicht tun, denn er hätte sich ja auch bemühen können, mehr Konstanten in seinem Leben zu schaffen bzw Dich nicht von ihm wegzutreiben. Du brauchst Dich nicht schuldig fühlen, weil Du Dich selbst schützt. Das ist Dein gutes Recht und lebensnotwendig, es ist gut, dass Du das machst.
 
Zuletzt bearbeitet:

Benutzer109511  (28)

Planet-Liebe Berühmtheit
Hallo Ruby,

ich habe zwar nicht viel, aber immerhin ein kleines bischen "Erfahrung" im Umgang mit Depressionen. Und zwar durch eine depressive Freundin/ Bekannte. Sie sieht in mir eine super enge Freundin, beansprucht mich sehr sehr oft und auch über die Maßen (dazu gab es hier sogar schon mal einen Thread von mir). Ich fühle mich zwar einerseits verantwortlich,mich um sie zu kümmern, für sie da zu sein, ihr zu helfen etc. Andererseits wird es mir aber auch oft zu viel,dann kann und will ich nicht zum x-ten Mal die selbe Geschichte über ihr Elend hören, dann geht es einfach nicht mehr. Und dann geh ich auch auf Abstand. Und dann kommen Aussagen wie "Ich bringe mich jetzt um, habe eh niemanden mehr" "Heute mache ich Schluss es kümmert sich ja doch niemand um mich".

Was diese Krankheit für eine Beziehung bedeutet,weiss ich zwar nicht aus Erfahrung,kann es mir aber ansatzweise recht gut vorstellen.
Wenn du nicht mehr kannst, das alles nicht mehr packst,ist es dein gutes Recht dich zurückzuziehen. Schuldig musst du dich nicht fühlen,denn du kannst ihm nicht helfen! Er braucht professionelle Hilfe und wenn er die ablehnt,dann kannst du auch nichts tun! Du machst dich am Ende selber kaputt,wenn du dich von ihm runterziehen lässt.
Mit Selbstmord drohen wäre emotionale Erpressung und das geht gar nicht.

Ich würde dir raten,eventuell mal selber zu einem Psychologen zu gehen und dich zu erkundigen, wie du dich als Partner eines depressiven Menschen verhalten kannst.
 
D

Benutzer

Gast
Ich will gar nicht groß um den heißen Brei herumreden, deshalb hier eine stichwortartige Zusammenfassung des Problems.

Dann war da nur noch er, nur noch seine Bedürfnisse.

Kennt das jemand? Wie komm ich da raus? Und vor allem, wie schaff ich das, ohne dass er daran zerbricht?

Wie kommst DU da raus, ohne dass DU dran zerbrichst?
Wie schaffst DU es, dich zu motivieren und DICH zu schützen?

WO sond DEINE Bedürfnisse?
Wo ist DEIN Ausgleich?

HEy, das erste, oder fast das Erste, was man lernt, wenn man eine Therapie macht, ist, nur noch auf sich zu achten - sich zu schützen und - fast schon egoistisch, auf sein Wohlbefinden und seine Gesundheit hinzuarbeiten - auch wenn dafür eine Beziehung zerbricht.

So. Nichts Anderes macht er. Er hat nur seinen Part nicht verstanden, bzw so interpretiert, wie es für ihn am Einfachsten zu sein scheint.

Du bist ihm völlig egal! Ausser, du kannst da sein und für ihn ein kleiner Ausgleich.

ICh spreche aus Erfahrung, da ich selber schwer Depressiv war.
Die Beziehung ist letztendlich gescheitert.
Hätte ICH keinen Schlssstrich gezogen, wäre sie mit mir versackt und depressiv geworden. Es war eh schon sehr schwer für sie.
Sie verstand mich dann plötzlich nicht mehr - auch, und weil ich zu Allererst an mich gedacht habe. Weil ich gelernt hatte, dass man NEIN sagen muss, und das man keine Erwartungen anderer Menschen erfüllen muss und kann, die sie garnicht haben.

So. Mit der Sucht ist es das Selbe!
Ich bin Alkoholiker, im 11. Jahr trocken.

Wenn ich nicht so egoistisch wäre und NEIN sagen würde - ich hätte schon längst wieder angefangen.

Es gibt keinen "goldenen Mittelweg" - so wie es sich anhört ist es brutal, aber ja - jeder hat seinen eigenen Willen und auch der Alkoholiker, der sich letztendlich zu Tode säuft, macht das nur, weil er das KANN.
Weil ihn Menschen unterstützen, ihm Geld geben, ihm was zu trinken besorgen um IHN zu schützen vor einer Gesellschaft, die zu gerne mit den Fingern auf diese Minderheiten zeigt.

Du musst ihn gnadenlos mit seinem VErhalten konfrontieren. Du kannst ihn nur verlassen und auch erstmal liegen lassen.
Menschen die Süchtig sind und die Krank sind, haben es "gelernt" andere für ihre Ziele zu missbrauchen!

Darum heisst es ja auch "Co-Abhängigkeit" - du bist nicht von ihm, sondern von seinem Verhalten abhängig.

Wende dich bitte an (s)einen Hausarzt, an eine Beratung oder die Klinik, in der er ist/war.
Es gibt überall Hilfsangebote für Angehörige!

Die zeigen dir auch, wie wichtig es ist, dass DU eventuell eine Therapie machst um von ihm wegzukommen.
Überlasse die Diagnose und das Krankheitsbild den Ärzten!
"Und nicht, dass du glaubst, dass es nicht so sein kann, weil es nicht sein darf"
Sage DU nicht, er wird jenes tun oder er wird dieses oder jenes NICHT tun.......!
Sage DU DIR, dass DU co abhängig bist und sehr viel Kraft brauchst, um da raus zu kommen.

Denn sonst zieht er dich gnadenlos mit ins Verderben.

Ich wünsche Dir viel Kraft und auch Glück!
Nimm dein LEben in die Hand. Auch wenn und weil ER sich für SEINEN Weg entschieden hat - und das ist SEIN WEG und nicht Deiner!

Kopf hoch!
 

Benutzer106548 

Team-Alumni
Hallo Ruby,

ich kann Dir leider auch nur etwas aus der Perspektive eines Depressiven ("nur" mittelschwer diagnostiziert und es ging auch "nur" ein 3/4-Jahr) sagen, aber in den Jahren danach hat mir meine Frau auch viel darüber erzählt, wie sie es damals empfunden hat.

Das Wichtigste ist schon gesagt worden und Du siehst es im Grunde ja auch: Du musst Dich schützen. Nicht vor ihm, sondern vor Dir selbst. Vor Deiner Bereitschaft, große Teile Deines Lebens und Deiner Wünsche aufzugeben, damit es ihm vordergründig besser geht. Vor Deiner Angst, schuld daran zu haben, dass er daran zerbricht, wenn Du diese Beziehung beendest. Vor Deinem Gefühl, auf Ewigkeit verpflichtet zu sein, ihm beizustehen.
Dass Du so denkst und fühlst, spricht für Dich und Deinen Charakter. Dass Du aber selber an Deinen hohen (moralischen) Ansprüchen an Dich selber kaputt gehst, siehst Du. Was folgt aber daraus? Sorry, ich bin Logiker: also, wenn Du das so weiter treibst wie bisher und selber daran zerbrichst, kannst Du ihm auch nicht mehr helfen. Dann seid Ihr Beide am Tiefpunkt. Wenn Du aber jetzt die Trennung (wie auch immer diese aussieht) vollziehst, hast Du wenigstens Dich geschützt. Und ihn vll wachgerüttelt. Vielleicht. Man weiß es nicht und niemand kann es wissen, nicht mal er selber.
Du bist ihm völlig egal! Ausser, du kannst da sein und für ihn ein kleiner Ausgleich.
Ich glaube, das gilt für Viele, für den Don auf jeden Fall. Für mich galt das z.B. überhaupt nicht. Ich habe seltsamerweise in der Zeit sehr viel darüber nachgedacht, wie es meiner Freundin geht und wie sie mitleidet und von mir sch*** behandelt wird. Und das hat mich noch weiter 'runter gezogen, weil ich mich selber nicht gegen mich, mein Verhalten und die Depresssion "wehren" konnte (zumindest fühlte ich so). Keine Ahnung, wie das bei Deinem Freund ist.

Eins sollte Dir klar sein: solange sich in seinem Leben nichts entscheidend ändert, wird er nicht die Notwendigkeit erkennen, an sich zu arbeiten. Wie DonMartin so richtig sagt: wer sich selbst ins Elend fallen lässt, der tut es, weil er es kann. Das heißt für Dich: solange Du so weiter machst und sich bei ihm nicht entscheidend etwas ändert, wird es so weiter gehen. Denn seine Kraft, an sich zu arbeiten, scheint er schon lange verloren zu haben. Weil er nicht versteht, was das für ihn bedeuten könnte.

Das ist seine Seite. Deine muss sein, Dich selber zu schützen. Meine Freundin (äh, Frau mittlerweile) hat damals zu mir gestanden, hat Alles versucht, mich da raus zu reissen. Aber es war sinnlos. Ich war mit meiner Krankheit selber schon komplett überfordert und sie genauso. Es war für uns Beide der erste Kontakt mit so etwas. Mehr so aus dem Bauch heraus hat sie dann die Reissleine für sich gezogen: sie war weiter für mich da, aber nicht mehr bedingungslos. Sie hat meine Ängste (Agoraphobie) und meine Antriebslosigkeit nicht mehr versucht, zu bekämpfen. Dafür hat sie sich selber soviel Ausgleich geschaffen, wie möglich war. Mit ihren Eltern, mit denen sie sich schon immer gut verstand, mit Freundinnen usw. Viel für sich getan, mal ein Friseurbesuch mehr, mal ein Paar Schuhe gekauft, die sie beim besten Willen nicht gebraucht hätte :grin: usw. Abschalten und sich 'was Gutes tun. Damit konnte sie mich dann auch besser ertragen und ich verlor das Gefühl, durch meine Krankheit dafür verantwortlich zu sein, dass es ihr Sch*** geht. Es war also für uns Beide die bessere Lösung.
Keine Ahnung, ob solche "kleinen Fluchten" bei Dir/Euch noch etwas bewirken können, da ich das Gefühl habe, bei Euch ist das Alles weit krasser als bei uns damals. Aber vll ist es ja einen Versuch wert.
Wichtig ist dabei aber, dass Du es schaffen musst, immer, wirklich immer, ein Mindestmaß an Distanz zu wahren, mehr als im Moment und der Vergangenheit auf jeden Fall.
Ich hatte übrigens das Glück, schnell in eine wirklich gute Therapie zu kommen, bei uns hier im Klinikum. Und die boten auch eine wöchentliche (kostenlose) Gesprächsrunde für Angehörige an, natürlich unter fachlicher Leitung. Erkundige Dich mal, vll findest Du so etwas ja auch für Dich. Bevor es zu spät ist.

Eins noch zum Schluss: mache Dir bitte klar, dass Du jetzt nicht und nie Schuld daran trägst, wie es ihm geht und gehen wird, egal, wie Du Dich bald oder irgendwann entscheidest! (ich verweise dazu nochmal auf Dons Beitrag!)

Alles Gute!
Mark11
 

Benutzer125136  (30)

Öfter im Forum
Kurze und Knappe Antwort: --> PC Sucht <-- (me <- Exabhängiger)

Pack dir deinen Freund wenn du da bist geht es ihm gut also nutz das aus um schwung in die Beziehung zu bringen geht raus, Spazieren, Fahradfahren (falls vorhanden), Wandern, Schwimmen, Kino, Shoppen, Geocaching (hat diesen belohnungseffekt wie der PC), alte Freunde wiederfinden, Party machen gehn.

Einfach raus aus dem Alltag ansonsten kannst du es vergessen das sich das je bessert, wenn du schon abgestumpft bist bringt das alles nichts entweder du bringst ihn dazu das er wieder lust am leben hat und ihr somit lust aufeinandern oder versuch loszulassen (nicht langsam entfernen // sondern einen harten schnitt machen) ich weis es ist schwer aber erst wenn er was ändert wird es besser.

Grüße
 

Benutzer70027  (36)

Verbringt hier viel Zeit
@CMarc: Das halte ich in diesem Fall für den falschen Weg - Gerade wenn die TS sich ihren Freund "packt und versucht da raus zu holen" verstärkt sie ja alles weiter (und ich gehe mal davon aus, dass sie schon vieles versucht hat wenn man sich das so durchliest). Ich würde eher den Rat vom Don befolgen: Gucken das die TS zu einem Arzt kommst und mit seiner Hilfe anfängt für sich etwas zu tun, nicht immer nur für den Partner leben!
 

Benutzer48403  (52)

SenfdazuGeber
Ich kann mich nur meinen Vorrednern anschliessen; Solange DU nichts an der Situation änderst, wirst Du von ihm in den Depri-Sumpf immer tiefer mit hineigezogen.
Und hier gilt der Spruch: Was man liebt, muss man loslassen können. Also treffe eine Entscheidung. Hier geht es um Dich, und in einem Ausnahmefall wie diesen stimme ich mit Donmartin überein, dass man auch mal egoistisch sein soll.
Was er aus seinem Leben macht, hat Dich nicht zu kümmern, denn er ist alt genug, um zu begreifen, ob er an sich arbeiten möchte oder nicht.
 

Benutzer70435 

Verbringt hier viel Zeit
Erst einmal vielen, vielen Dank an all die Meinungen, Aufmunterungen und Erfahrungsberichte. Ich werde die Tage sicher noch einmal näher auf alles eingehen, heute bin ich etwas zeitknapp, möchte aber trotzdem noch etwas da lassen, was die dringensten Fragen beantwortet.

Dass ich ihm "egal" bin, glaub ich manchmal auch. Also nicht im Sinne von "ich scheiß auf sie", sondern eher in die Richtung, dass es für ihn letztenendes nicht zählt, ob mir die Situation schadet oder nicht. Um mal ein Beispiel zu nennen: Ich hatte im letzten Monat eine Woche, die arbeitstechnisch extrem zugeparkt war und damit ungewohnt stressig. Ich hab ihm gesagt, mir gehts damit jetzt nicht gut und ich möchte meine wenige freie Zeit in dieser Woche für mich allein haben, weil ich so k.o. bin. Schön und gut.
Als ich dann zu ihm kam nach dieser Woche, hats eigentlich nur Vorwürfe deswegen gegeben. Er hing rum, heulte, weil es ihm so mies ging, weil ich keine Zeit hatte und es kam nicht ein Wort darüber, wie ich meine schlimme Woche hingekriegt hab. Ich hab versucht, ihn aufzumuntern, mich noch einmal zu erklären und er hat einfach weiter richtig Drama geschoben, solange, bis ich gesagt habe "Du kannst mich, ich geh wieder." Da hat er von einer auf die andere Minute umgeschaltet, hatte plötzlich wieder ganz gute Laune und war mir gegenüber fürsorglich.
Ihr versteht sicher, was ich damit sagen will: er ist manipulativ. Er nutzt mitunter meine Sorge um ihn, um mir ein schlechtes Gewissen zu machen, so dass ich mich wieder eingehender um ihn kümmer. Und das ist so ne Sache - da platzt mir der Kragen. Da bleibt dann nämlich keinerlei Raum mehr für mich und es zeigt auch, dass es ihm im Endeffekt sonstwo vorbei geht, wie es um mich steht, hauptsache ich bediene seine Vorstellungen von unserer gemeinsamen Tagesplanung.

Klar hab ich versucht mehr mit ihm außerhalb zu machen. Zeitweise klappte das, zeitweise dann wieder überhaupt nicht. Momentan scheitern solche Versuche schon daran, dass er keine saubere Kleidung hat, weil er nicht wäscht. Jaaa...
Und die Wohnung. Haben wir versucht. Ich hab auch mitgemacht und alles. Aber da verlässt mich dann eben schnell die Motivation, wenn ich mich an meinem freien Wochenende bei ihm Zuhause krumm schufte (und das ist ne Wahnsinnsarbeit, man kann sich gar nicht vorstellen, was das für Ausmaße angenommen hat) und er, sobald ich wieder weg bin, keinen einzigen Finger mehr rührt. Da könnte ich das quasi zu meiner Hauptbeschäftigung für die Wochenenden werden lassen, das Chaos kriegt er innerhalb der Woche immer ganz schnell wieder aufgebaut.
Ich bin nicht pingelig und selbst auch recht unordentlich - so Marke ich werf meine Jacke auf den Boden, wenn ich von der Arbeit komme. Bei ihm muss ich mich erst mal durch Berge Müll und schimmliges Essen kämpfen, wenn ich in die Wohnung will.

Das jetzt als Beispiel. Ich bin bereit zu helfen, aber nicht so "für lau". Also wenn ich was mache, dann will ich sehen, dass es auch irgendwie fruchtet. Richtung angeleierte Eigeninitiative eben. Dann gerne. Aber wenn es so ausartet, dass ich alles mache und er sich nen Dummen angehen lässt (klingt jetzt blöd, ich weiß auch, dass das mit der Krankheit zusammen hängt und er da vielleicht nicht viel für kann, aber ich hoffe, ihr versteht trotzdem, was ich meine) - da zeig ich schnell der Gesamtsituation den Mittelfinger, mach mein Ding und lass ihn da quasi "liegen".

Ich bin leider weder so ein "Kümmer-Typ" noch irgendwie resolut genug, um so deutlich hinter ihm her zu schimpfen, dass er nicht anders kann, als mal aus dem Pott zu kommen. Aber ich weiß auch gar nicht, ob ich mir die ein oder andere Variante überhaupt antrainieren möchte. Es ist einfach nicht meine Art und eigentlich kann ich mich mit der Eigenschaft, Leute grundsätzlich eher so zu lassen, wie ich sie vorfinde, auch am besten identifizieren. Nur im Hinblick auf ihn ist das wohl kontraproduktiv.
Im Grunde gehe ich komplett mit allem, was ihr gesagt habt, konform. Es ist sein Bier. Und Initiative für eine Besserung kann nur von ihm selbst kommen, ich kann vielleicht mal nen Anstoß geben, aber auf das, was er daraus macht, habe ich kaum Einfluss.

In Therapie bin ich (meine Therapeutin sagt dazu, auf den Punkt gebracht, eigentlich auch nur noch: "Lauf, Mädchen, lauf!"). Also ich war schwer krank, früher. Nicht depressiv, aber eine andere psychische Störung. Mittlerweile bin ich sehr stabil, würde ich sagen.
Man könnte denken, deshalb sollte ich mehr Verständnis haben. Seltsamerweise ist dem aber nicht so, ich kann mich überhaupt nicht reindenken in sein Problem. Also logisch gesehen natürlich schon, aber nicht emotional. Gerade auch, weil ich weiß, wie es sich anfühlt, sich aus einem Tief kämpfen zu müssen - es ist hart, aber man tut es eben. Weil man muss, weil man es sich wert ist. Aber das ist bei ihm überhaupt nicht mehr vorhanden.

Angehörige hat er nicht oder zumindest nicht in greifbarer Nähe. Einen Vater, der ähnlich drauf ist wie er, der fällt also weg als nutzbarer Ankerpunkt. Und einen Bruder, der allerdings weit von ihm entfernt wohnt.
Und er hat einen gesetzlichen Betreuer. Der kümmert sich nur leider wenig. Ich weiß nicht genau, wie sich das verhält, vielleicht schickt er ihn auch weg, wenn er kommt - vorgekommen ist das schon. Aber da könnte ich mir zur Not die Nummer besorgen und ihn von der Situation in Kenntnis setzen.

Mit der Schuld ist es so eine Sache. Im Grunde weiß ich es, stehe auch dahinter, dass ich mich damit nicht fertig machen darf und sollte. Aber diese dämliche Emotionalität, die interessiert das nicht. Es ist wirklich unglaublich schwer, da nicht immer wieder einzuknicken. Wahrscheinlich müsst ichs mir auf die Stirn schreiben, dass ich nichts dafür kann, dann werde ich zumindest immer wieder daran erinnert.

Ich hab alle eure Worte gelesen, noch einmal in Ruhe darüber nachgedacht und komme nur immer wieder zu dem Schluss, dass ich die Trennung unbedingt durchziehen will. Die Frage ist jetzt noch, wie. Lass ich es langsam ausklingen, zieh mich immer mehr zurück, so dass er sich ans "Allein sein" wieder mehr gewöhnt oder zieh ich nen radikalen Schlussstrich?
 

Benutzer6428 

Doctor How
Hallo RubyTuesday,

du hast bisher ein echt gutes Bild von dir und deiner Situation gemalt. Bisher hatte ich das Gefühl, nicht wirklich etwas sinnvolles beisteuern zu können und da es bisher schon exzellente Beiträge gab, gab es eben auch keinen Grund etwas zu sagen.

Mit jedem deiner Beiträge, erfährt man - logischerweise - ja mehr von dir und mit jedem Beitrag kbemerkt man einmal mehr, wie schlimm es eigentlich um deinen Freund bestellt ist.

Weisst du..ich bin ein Mensch, der vordergründig positiv eingestellt ist. Ich kämpfe jeden Tag darum, diese Einstellung nie zu verlieren und bisher klappt das auch ganz gut. Generell gesehen bin ich wohl einfach nicht mehr ganz so naiv, wie ich es noch vor 10 Jahren war. Damit bin ich natürlich auch nicht mehr gnadenlos optimistisch in jeglicher Hinsicht. Ich habe aber eine realistische Sicht gewonnen, die durchaus auch zu meiner Lebensqualität beiträgt. Die ist natürlich auch nicht vom Himmel gefallen und basiert auf Erfahrungen und eigenen Gedanken. Darauf bin ich durchaus stolz...auf jede noch so kleine Erkenntnis.

Eine davon ist, dass man Menschen nicht helfen kann, einen Weg einzuschlagen. Grundsätzlich nicht. Wenn mir jemand seine Hand reicht, um Hilfe bittet und mir sagt in welche Richtung er denn möchte, dann wird meine Tür offen stehen. Wenn jemand mir aber seine Hand reicht und jammert, dass alles ganz schlimm ist und alles so böse zu ihm sind und ich doch mal seinen Kopf streicheln soll, dann habe ich mich schon fast umgedreht, bin die Stufen runter und zur Tür raus.
Als Partner hatte ich noch niemanden, der sich schlichtweg hängen lässt, in meiner 'Freundschaft' schon. Und ich kann dir sagen, dass ich da ganz schön viel Energie hab verpuffen lassen...für nichts...garnichts. Ich habe, so sehr ich mich auch angestrengt habe, niemals eine Änderung bewirken können. Bei manchen, mit denen ich keinen Kontakt mehr habe, bekomme ich über mehrere Ecken ab und zu mal ein update...selbst nach mehr als 10 Jahren hat sie NICHTS geändert.

Die Rechnung ist am Ende genauso hart, wie sie traurig ist. Eiskalt gesagt: Wenn du unglücklich in einer Situation bist, dann solltest du sie ändern. Wenn es am Ende nur einen Weg dazu gibt, dann musst du ihn gehen wenn du nicht weiter in dieser unglücklichen Situation leben kannst und willst.

Aus diesem Grund unterstütze ich, insbesondere nach deiner detaillierten Beschreibung in deinem letzten Beitrag, die Aussage deines Therapeuten: Lauf Mädchen, lauf!

Das wirst du meiner Meinung nach sowieso irgendwann tun, denn du bist nicht (mehr) der Typ dazu, der sich mit in das tiefe schwarze Loch ziehen lässt. Die Frage ist, wie tief du dann schon unten bist und wie sehr du dann wieder mit dir selbst zu kämpfen hast.

Ein langsames Beziehungsende gibt es übrigens nicht. Ich würde es kurz machen. Nicht nur für dich, sondern auch für ihn. Du musst zusehen, dass du bald wieder tief durchatmen kannst und glaube mir...das wird eine Erleichterung, wie du sie in deinem Leben noch nicht erlebt hast, selbst wenn erstmal Tränen fließen, sondern auch für ihn, damit er vielleicht die Chance hat, auf dem Boden der Realität aufzuschlagten und selbst an sich zu arbeiten. Tut er das nicht, hättest du ohnehin niemals eine Chance gehabt.

Ich weiss, dass das keine leichte Aufgabe ist und ich weiss, dass dir das sicher nicht leicht fallen wird, aber wie hast du da so schön gesagt? "Weil man muss, weil man es sich wert ist."

Du bist es wert.
 
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