Bindungsangst

Benutzer72934 

Verbringt hier viel Zeit
Vor einiger Zeit hat mir eine Freundin anvertraut, dass sie Bindungsangst hat. Einerseits möchte sie eine Beziehung, andererseits stößt sie jeden weg, der ihr emotional zu nahe kommt. Ich habe mir inzwischen einiges durchgelesen um sie halbwegs verstehen zu können, würde aber jetzt gerne mal die Meinung anderer hören (lesen).

1. Wisst ihr ad hoc, was man unter 'Bindungsangst' versteht?

2. Kennt ihr jemanden, der Bindungsängste hat oder habt sogar selbst welche?

3. Falls ja bei 2: Wie geht der/die Betreffende damit um? Hat oder hatte er/sie schonmal eine 'normale' Beziehung (was immer ihr unter 'normal' verstehen mögt)? Falls ja: Konnta die Person ihre Bindungsanst unter Kontrolle bringen?

4. Glaubt ihr daran, dass es tatsächlich so etwas gibt, oder haltet ihr es generell für eine Ausrede von Personen, die keine Lust auf Beziehungen haben?

5. Würdet ihr das Risiko eingehen eine Beziehung mit einer unter Bindungsangst leidenden Person zu beginnen?

--------
Kurze Erklärung für diejenigen, die mit dem Begriff nichts anfangen können (weiß nicht, ob ich etwas verlinken darf, Infos findet man auch im Netz):
Unter Bindungsangst leidende Personen verbinden Nähe mit Schmerz. Sie haben (aus verschiedenen möglichen Gründen) regelrecht erlernt, dass sie verletzt werden, ihre Selbstständigkeit erlieren, ihr Selbst verlieren etc., wenn sie sich an andere Menschen binden. Auch wenn sie sich nach Beziehungen, Geborgenheit, Freundschaften etc. sehnen hindert sie ihre unterbewusste Angst oft daran Bindungen aufzubauen.
Dass man verletzt werden kann, wenn man sich bindet, ist vermutlich jedem klar. Im Gegensatz zu anderen Personen überschattet dieses Risiko für Betroffene aber oft alle möglicherweise zu erreichende positiven Erfahrungen. Frei nach dem Motto "Wenn ich keine Emotionen zulasse kann ich nicht verletzt werden." (allerdings ist das keine bewusste Entscheidung).
 

Benutzer91095 

Team-Alumni
1. Wisst ihr ad hoc, was man unter 'Bindungsangst' versteht?
Ja

2. Kennt ihr jemanden, der Bindungsängste hat oder habt sogar selbst welche?
Ja, ich bin der Meinung, dass ich selbst darunter leide, jedoch ist es bei mir nicht so stark ausgeprägt.

3. Falls ja bei 2: Wie geht der/die Betreffende damit um? Hat oder hatte er/sie schonmal eine 'normale' Beziehung (was immer ihr unter 'normal' verstehen mögt)? Falls ja: Konnta die Person ihre Bindungsanst unter Kontrolle bringen?
Ich habe jetzt gerade meine erste "normale" Beziehung. Es war jedoch schwierig, diese Beziehung in Gang zu bringen, und das hat nur funktioniert, weil mein Freund zu Beginn irgendwie genau das Richtige getan hat und mir viel Zeit und Freiraum gelassen hat. Alle anderen zuvor haben mich immer nur sehr schnell wieder vertrieben. Ich bin außerdem recht reflektiert und kann meine Bindungsangst jetzt rational unter Kontrolle bringen, aber es kostet mich ziemlich viel Energie. Jedes Mal, wenn es in meiner Beziehung kleinste Anzeichen dafür gibt, dass mein Freund und ich nicht harmonieren, flippe ich geistig total aus und muss erstmal langsam begreifen, dass ich überreagiere und mir zu viele Gedanken mache. Das ist ziemlich anstrengend.

4. Glaubt ihr daran, dass es tatsächlich so etwas gibt, oder haltet ihr es generell für eine Ausrede von Personen, die keine Lust auf Beziehungen haben?
Natürlich gibt es sowas. Jedoch glaube ich auch, dass manche Menschen es als Ausrede benutzen.

5. Würdet ihr das Risiko eingehen eine Beziehung mit einer unter Bindungsangst leidenden Person zu beginnen?
Wenn ich nicht selbst drunter leiden würde: Nein. Und weil ich selbst darunter leide: Nein. Ich rechne es meinem Freund hoch an, dass er immer noch den Mut hat, es mit mir weiter zu versuchen.
 

Benutzer78109 

Sehr bekannt hier
Ich kann mir vorstellen, was Bindungsangst ist. Wie beschrieben sehnt man sich unendlich doll nach Nähe und einer engen Beziehung. Die ersten Wochen der Verliebtheit sind toll, der andere wirbt um einen, zeigt einem ständig, dass er einen will und man fühlt sich auf der sicheren Seite, als hätte man alles unter Kontrolle.
Sobald man aber merkt, dass die Nähe zu der anderen Person und somit auch die Abhängigkeit von dieser zu groß wird und man die Kontrolle verliert, stößt man sie von sich, oft unbewusst, indem man versucht, nur noch das Schlechte zu sehen, Kleinigkeiten, die der andere "falsch" macht, werden als riesige Enttäuschungen ausgelegt, man erfindet Gründe, wieso man die Person nicht mehr mag, was sich letztendlich auch realisiert. Oft empfindet man hauptsächlich Schmerz, weil man nicht gelernt hat zu vertrauen und dass die Nähe zu einer anderen Person auch glücklich machen kann. Liebe bedeutet Leid und Angst vor Enttäuschung und so handelt man (unbewusst) auch und schafft es, so indirekt seine schlimmsten Ängste Wirklichkeit werden zu lassen (indem man die Person durch für sie unerklärliches Verhalten ständig vor den Kopf stößt). Dieses Verhalten kann auch ein Testen der anderen Person sein, man will wissen, ob sie dennoch bei einem bleibt. Dadurch provoziert man jedoch auf lange Sicht gesehen nur, dass der andere die Biege macht, weil es ihm zu anstrengend ist. Letztendlich sieht man sich dann in seiner Meinung, dass man sowieso immer nur enttäuscht und verlassen wird, bestätigt und kann wieder im Leid versinken, was ja eh das Einzige ist, was man an Gefühlen zulassen kann.

Das ist zumindest das, was ich unter Bindungsangst verstehe und kenne.

Es ist schwer, die Bindungsangst unter Kontrolle zu bringen. Ich denke, das schafft man nur, wenn man sich ständig selbstreflektiert und genau weiß, an welchen Punkten man welches Verhalten normalerweise an den Tag legen würde und man dies dann gezielt ändert (und viellicht so handelt, wie es andere, normale Leute täten), auch wenn es schwerfällt, und durch (wohl ganz unerwartete positive Reaktionen des anderen) langsam "lernt", dass eine Beziehung dann nicht automatisch kaputt geht und dass man ruhig vertrauen darf. Ob das wirklich klappt, weiß ich nicht, aber ich kann es mir vorstellen und ich hoffe es.

Dass Bindungsangst als Ausrede benutzt wird, glaube ich schon, denn viele wissen gar nicht, was das wirklich ist, bzw. wie sehr der Betroffene darunter eigentlich leidet. Das ist genau wie mit dem Wort Depression, damit wird bei jedem kleinen Stimmungstief gleich nur so um sich geschmissen, ohne dass die meisten überhaupt wissen, was eine Depression wirklich ist. Und vermutlich wird Bindungsangst oft auch mit der einfachen Angst vor einer Enttäuschung verwechselt, die ja aber fast jeder hat, weil er das schon mal erlebt hat.

Ob ich eine Beziehung mit einer bindungsphobischen Person eingehen würde, kann ich nicht sagen, da ich selbst in die Richtung ticke und ich mir nicht vorstellen kann, dass sowas dann funktioniert. Oder aber es würde besonders gut klappen, weil wir beide immer wüssten, was in dem anderen vorgeht. Wer weiß.
 

Benutzer30217 

Sophisticated Sexaholic
1. Wisst ihr ad hoc, was man unter 'Bindungsangst' versteht?
- Ja, auch wenn ich es nicht so gekonnt wie deine Definition formuliert hätte.

2. Kennt ihr jemanden, der Bindungsängste hat oder habt sogar selbst welche?
- Ja.

3. Falls ja bei 2: Wie geht der/die Betreffende damit um? Hat oder hatte er/sie schonmal eine 'normale' Beziehung (was immer ihr unter 'normal' verstehen mögt)? Falls ja: Konnta die Person ihre Bindungsanst unter Kontrolle bringen?
- Er geht gar nicht damit um und führt dementsprechend auch keine normalen Beziehungen.

4. Glaubt ihr daran, dass es tatsächlich so etwas gibt, oder haltet ihr es generell für eine Ausrede von Personen, die keine Lust auf Beziehungen haben?
- Ich glaube daran.

5. Würdet ihr das Risiko eingehen eine Beziehung mit einer unter Bindungsangst leidenden Person zu beginnen?
- Vermutlich.
 

Benutzer72934 

Verbringt hier viel Zeit
Vielen Dank schon einmal für die Antworten. Im Internet findet man zwar viele Beschreibungen und Erklärungen, aber halt wenige Aussagen darüber, wie es für Betroffene oder Personen aus ihrer Umgebung ist.

Wir z.B. kennen uns schon über drei Jahre. Seit etwa 1,5 Jahren sind wir wirklich befreundet und erst seit einem Jahr vertraut sie mir ab und zu persönliche Dinge an. Ich kann schon verstehen, dass es schwierig ist unter solchen Umständen eine stabile Beziehung aufzubauen...
Selbst mir gegenüber hat sie oft das Gefühl nicht offen sein zu können, weil sie befürchtet, dass ich dann sauer auf sie sein oder die Freundschaft beenden würde. Und das bei wirklichen Kleinigkeiten (also aus meiner Sicht).
Wir haben beide recht viel um die Ohren und uns einige Wochen nur selten gesehen. Zwischen Weihnachten und Silvester haben wir uns deshalb Zeit genommen und stundenlang über alles mögliche geredet. Dabei hat sie mir dann so einiges erzählt (wie sie sich fühlt, weshalb sie manchmal so abweisend scheint obwohl sie es gar nicht böse meint etc.). Sicher kann man nicht alles darauf münzen, aber jetzt habe ich das Gefühl, sie ein wenig besser zu verstehen.
Einerseits finde ich es schade, dass sie es mir erst jetzt erzählt hat. Andererseits kann ich schon verstehen weshalb... Ich finde es wirklich schade, dass sie Bindungsprobleme hat, denn wenn sie eine Freundschaft zulässt ist sie echt super. Sie meinte auch, dass es außer mir niemand weiß, deshalb suche ich auch Infos und ähnliches zusammen. Direkt helfen kann ich ihr zwar nicht, aber vielleicht indirekt. Nämlich wenn sie merkt, dass sie mit mir auch über für sie wichtige Dinge sprechen und mir anvertrauen kann, ohne, dass es für sie negative Konsequenzen hat.

Ob ich selbst eine Beziehung mit einer Person mit Bindungsangst eingehen würde weiß ich nicht. Wenn, dann am ehesten, wenn ich ihn schon vorher als Freund kennen würde. Einfach deshalb, weil ich die Art dann schon gewohnt und nicht mehr so sehr vor den Kopf gestoßen wäre.

Edit:
Der Thread umgreift an sich auch nicht romatische Beziehungen. Ich habe ihn hier eröffnet, weil sie vor allem Probleme in Partnerschaften hat und mich der Bereich besonders interessiert.
 

Benutzer91095 

Team-Alumni
Ok, wenn es um freundschaftliche Beziehungen geht, kann ich dir von meiner Taktik erzählen. Und zwar hab ich schon einen guten und stabilen Freundeskreis, mit dem ich einen sehr vertrauten Umgang pflege. Aber, ich erzähle dennoch wenig wirklich persönliche Dinge über mich und es gibt keinen Freund, der alles über mich weiß, sondern Freund 1 weiß X, mit Freund 2 spreche ich über Y und Freund 3 ist mein Ansprechpartner für Z. Und, diese Freunde kennen sich untereinander auch nicht und das soll auch so bleiben. Ich habe das nie bewusst so organisiert, aber seit ich darüber nachgedacht habe, denke ich, dass das ein Resultat von meiner Bindungsangst ist. Ich habe also durchaus gute Freunde, aber es gibt keinen, der mich inklusive aller meiner Probleme in und auswendig kennt. Und ehrlich gesagt habe ich auch nicht das Bedürfnis, das zu ändern. Freundschaftlich gesehen läuft das ganz gut, denn es sind wider Erwartung keine oberflächlichen Freundschaften. Aber in einer Partnerschaft sollte der Partner natürlich schon ziemlich viel über den anderen wissen. Das ist durchaus ein Problem in meiner Beziehung.
 

Benutzer72934 

Verbringt hier viel Zeit
Freund 1 weiß X, mit Freund 2 spreche ich über Y und Freund 3 ist mein Ansprechpartner für Z.

Das ist wirklich interessant und bei Freundschaften sicher auch gut umsetzbar. Aber du hast recht, für eine Partnerschaft wäre dieses Einteilen der Informationen schwierig...
Vielleicht geht es ihr ja ähnlich. Sie hat drei Freundeskreise, die sich untereinander nicht kennen. Damit, mir von ihrem Problem zu erzählen, ist sie natürlich das Risiko eingegangen, dass andere aus unserem gemeinsamen Freundeskreis etwas erfahren. Aber inzwischen hat sie scheinbar genug Vertrauen zu mir um zu wissen, dass ich bei wichtigen Dingen nicht plaudere.
Aber bei einem Partner das Gefühl zu haben nicht alles sagen zu können ist ja wieder etwas anderes. Selbst bei einer nicht rein monogamen Beziehung möchte man sich ja geborgen fühlen. Stelle ich mir schwierig vor, wenn man gleichzeitig Angst hat sich fallen zu lassen, offen zu sein etc.
 
Oben
Heartbeat
Neue Beiträge
Anmelden
Registrieren