Beruf: Rechtsanwalt

Benutzer472 

Verbringt hier viel Zeit
Ich denke, in vielen Fällen ist "Recht" sehr relativ. Wenn die Lage immer so eindeutig wäre, gäbe es keine Streitigkeiten. Im übrigen: Streitigkeiten MÜSSEN irgendwie entschieden werden, soviel ist klar. Daß diese Entscheidung vor Gericht erfolgen muß, wenn sich die Parteien anders nicht einig werden, ist auch klar.
Recht ist immer eindeutig und nie relativ. Relativ ist höchstens Gerechtigkeit. Streitigkeiten werden auch nicht entschieden, sondern es wird das zukünftige Handeln festgelegt. Entscheidungen sind - da recht eindeutig ist - analytisches Vorgehen, denn das Zutuende steht im zusammenhang mit der Situation entweder explizit in Gesetzestexten oder implizit oder es ist implizit in Grundsätzen enthalten, nach denen das zukünftige Handeln bestimmt wird.
Die Rolle der Juristen wäre damit auch eindeutig definiert, nämlich beständ sie darin das implizite Recht zu extrahieren und den streitenden Parteien mitzuteilen.
Wie wir aber wissen, beschränken sich Anwälte nicht auf diese Tätigkeit, sondern in der Regel versuchen sie - mehr oder weniger - Streitigkeiten zum Vorteil ihrer Partei zu lösen. - Ob man dies nun zu einem Vorwurf macht, bleibt die Frage, denn nur jede fünfte Entscheidung trifft der Mensch nach rationalen Aspekten.
Was will man jetzt also tun? Nur dem "moralisch richtig Handelnden" einen Anwalt zugestehen? Das wäre ja ein schöner Rechtsstaat... auch der, der falsch gehandelt hat, hat Anspruch auch rechtlichen Beistand. Und diese Aufgabe halte ich nicht für moralisch verwerflich, nur weil sie die "falsche Seite" vertritt.
Im beschränkten Maße stimmt das natürlich völlig. Benachteiligungen der einen Partei können nie dadurch aufgehoben werden, indem man einfach die andere Partei benachteiligt. - Aber es bleibt obiges Problem, dass beide Parteien mit Anwalt genauso wenig nach dem dem Recht suchen, was zur Tatzeit galt, sondern ein Recht schaffen wollen, was zu ihrem Vorteil ist.

Im übrigen: Wo zieht man die Grenze? Wenn z.B. eine Bank oder irgendein Unternehmen Forderungen gegen eine hoffnungslos überschuldete Familie hat, weil der Mann nicht mit Geld umgehen kann - wer sollte dann Recht bekommen? Die Bank, die ja nunmal den Anspruch hat? Oder doch die Familie, weil sie vom moralischen Standpunkt aus von einer Prozeßniederlage viel stärker belastet wäre als die Bank? Muß der Anwalt, der für die Bank tätig ist, deshalb gleich moralische Bedenken haben?
Bitte nicht Gerechtigkeit mit Recht verwechseln, das ist bekanntlich nicht dasselbe. Außerdem ist auch nicht alles moralisch, wo man gern Recht hätte...:zwinker: - Wenn es einen Zusammenhang zwischen recht und Moral gibt, dann kann der meiner Meinung nach nur darin bestehen, dass man, will man moralisch handeln, rechtlich richtig handeln muss. Anderenfalls würde die Richtigkeit von Recht als solches in Frage gestellt und wäre deswegen unmoralisch. (Das hat nichts damit zutun, dass Recht ungerecht sein kann, und genauso wenig damit, dass Rechtsaspekte angewendet werden, die kein Recht sind, weil sie höherem Recht wie evtl. den Menschenrechten widersprechen.) Damit folgt für das Beispiel, dass der Anwalt dann moralisch richtig handelt, wenn er der Sache zum recht verhilft. Dies kann bedeuten, dass die Bank "gewinnt", auch wenn es uns ungerecht vorkommt.
 

Benutzer10736 

Benutzer gesperrt
Recht ist immer eindeutig und nie relativ. Relativ ist höchstens Gerechtigkeit.
Nein, so stimmt das nicht. Was glaubst du, warum z.B. der BGH immer mal wieder die in früheren Urteilen vertretenen Auffassungen wieder revidiert? Das Recht ist von Menschen gemacht, es ist nichts, was objektiv bestimmbar oder keinem Wandel unterworfen wäre.
Mag sein, daß die Gesetze feststehen - bei der Interpretation besteht dennoch einiges an Spielraum. Und das MUSS auch so sein - denn wollte man Gesetze ohne Spielraum, dann müßte man jeden erdenklichen Einzelfall bis ins Detail mit einer eigenen gesetzlichen Vorschrift regeln. Und das geht schlichtweg nicht.

Streitigkeiten werden auch nicht entschieden, sondern es wird das zukünftige Handeln festgelegt. Entscheidungen sind - da recht eindeutig ist - analytisches Vorgehen, denn das Zutuende steht im zusammenhang mit der Situation entweder explizit in Gesetzestexten oder implizit oder es ist implizit in Grundsätzen enthalten, nach denen das zukünftige Handeln bestimmt wird.
Und da hakt der Gedankengang. Denn Recht ist nicht eindeutig. Wenn es so leicht wäre, würden weniger Prozesse geführt, weil der Ausgang schon im voraus klar wäre. Natürlich wird "analytisch vorgegangen", Gesetzestexte werden ausgelegt und so auf den Einzelfall bzw. die aufgeworfene Rechtsfrage bezogen und angewandt. Nur ist das Ergebnis eben nicht eindeutig und von Anfang an feststehend. Es gibt verschiedene mögliche Ergebnisse. Was das "Maß der Dinge" ist, geht im Regelfall nach der höchstrichterlichen Rechtsprechung. Aber, wie bereits gesagt, selbst die ist einem gewissen Wandel unterworfen und nicht absolut und objektiv feststehend und im voraus bestimmbar.

Die Rolle der Juristen wäre damit auch eindeutig definiert, nämlich beständ sie darin das implizite Recht zu extrahieren und den streitenden Parteien mitzuteilen.
Wie wir aber wissen, beschränken sich Anwälte nicht auf diese Tätigkeit, sondern in der Regel versuchen sie - mehr oder weniger - Streitigkeiten zum Vorteil ihrer Partei zu lösen. -
Hier widersprichst du dir selbst. Wenn Recht wirklich eindeutig wäre, wo bliebe dann noch Raum für die Anwälte, Streitigkeiten "zum Vorteil ihrer Parteien" und eben nicht im Einklang mit dem Recht zu lösen?

Im beschränkten Maße stimmt das natürlich völlig. Benachteiligungen der einen Partei können nie dadurch aufgehoben werden, indem man einfach die andere Partei benachteiligt. - Aber es bleibt obiges Problem, dass beide Parteien mit Anwalt genauso wenig nach dem dem Recht suchen, was zur Tatzeit galt, sondern ein Recht schaffen wollen, was zu ihrem Vorteil ist.
Und wieder: Ist Recht jetzt eindeutig oder nicht?
Im übrigen: Was ist verwerflich daran, wenn Anwälte ihren jeweiligen Mandanten zum Vorteil verhelfen wollen? Es liegt gerade im Wesen des Anwalts, parteiisch zu sein, und das ist auch durchaus so gewollt. Denn zum Ausgleich gibt es ja wiederum den unparteiischen Richter. Der dafür sorgt, daß die Suche nach eigenen Vorteilen nicht auf Kosten des Rechts geht.

Bitte nicht Gerechtigkeit mit Recht verwechseln, das ist bekanntlich nicht dasselbe.
Ja, MIR war das von Anfang an klar.

Außerdem ist auch nicht alles moralisch, wo man gern Recht hätte...:zwinker: - Wenn es einen Zusammenhang zwischen recht und Moral gibt, dann kann der meiner Meinung nach nur darin bestehen, dass man, will man moralisch handeln, rechtlich richtig handeln muss.
Das tun doch aber Anwälte gerade?! :confused_alt: Sie nutzen die Möglichkeiten, die das Gesetz ihnen bietet (und NUR die, zaubern können sie nämlich auch nicht), um die Interessen ihrer Mandanten zu vertreten - was daran jetzt "rechtlich falsch" sein sollte, ist mir immer noch rätselhaft.

Damit folgt für das Beispiel, dass der Anwalt dann moralisch richtig handelt, wenn er der Sache zum recht verhilft.
Und damit wären wir wieder am Anfang: Recht ist nicht eindeutig.

Sternschnuppe
 

Benutzer472 

Verbringt hier viel Zeit
Nein, so stimmt das nicht. Was glaubst du, warum z.B. der BGH immer mal wieder die in früheren Urteilen vertretenen Auffassungen wieder revidiert? Das Recht ist von Menschen gemacht, es ist nichts, was objektiv bestimmbar oder keinem Wandel unterworfen wäre.
Weder Existenz noch Konsistenz des Rechts ergeben sich aus dem Revidieren von analytischem Handeln. Ob Recht aus der Natur entstammt (was keine weitere Erläuterung mehr bedürfte) oder positivistisch ist, ist nicht von Bedeutung bei der Frage, ob es parallele Versionen von Recht geben kann. Die kann es selbst verständlich nicht geben. Es ist die Aufgabe des Juristen das Recht zu finden, indem er Gesetze und Situation analysiert. Wenn er dies richtig macht, so kann er nur zu einer Lösung kommen, aber selbst wenn er dabei Fehler begeht, so ist das Recht, was er zu Recht macht (Ansatz des Rechtspositivismus).

Wenn es so leicht wäre, würden weniger Prozesse geführt, weil der Ausgang schon im voraus klar wäre. Natürlich wird "analytisch vorgegangen", Gesetzestexte werden ausgelegt und so auf den Einzelfall bzw. die aufgeworfene Rechtsfrage bezogen und angewandt. Nur ist das Ergebnis eben nicht eindeutig und von Anfang an feststehend. Es gibt verschiedene mögliche Ergebnisse. Was das "Maß der Dinge" ist, geht im Regelfall nach der höchstrichterlichen Rechtsprechung. Aber, wie bereits gesagt, selbst die ist einem gewissen Wandel unterworfen und nicht absolut und objektiv feststehend und im voraus bestimmbar.
Du machst es dir zu einfach, wenn du von einem Kreis ein Stück abschneidest und mir dann vorwirfst, er sei nicht mehr rund: Die dynamische Veränderung von Recht gehört zur Situation. Was vor dem Richterspruch Recht war, ist es nach dem Richterspruch nicht mehr, weil sich Recht durch den Richterspruch verändert. Das ist so wie mit dem weisen Medizinmann: Wenn man ihn fragt, ob es morgen regnet, er seine Steine in die Luft wirft und aufgrund der Lage dieser die Frage beantwortet, dann konnte es natürlich vor der Frage sein, dass es regnet, und genauso gut, dass es nicht regnet. Vor dem Werfen bestanden also zwei Möglichkeiten, also musste man den Medizinmann fragen, aber er hat die Aufgabe diese Frage zu beantworten und mit Beantwortung der Frage schafft er eine eindeutige Antwort. Und natürlich konnte niemand sagen, was der Medizinmann antworten würde.

Hier widersprichst du dir selbst. Wenn Recht wirklich eindeutig wäre, wo bliebe dann noch Raum für die Anwälte, Streitigkeiten "zum Vorteil ihrer Parteien" und eben nicht im Einklang mit dem Recht zu lösen?
Nein, hier widerspreche ich mir absolut nicht in der Weise, wie du es glaubst. Es gibt Recht vor der "richterlichen Entscheidung" (wie die Lage zu deuten und die Gesetze auszulegen sind), was eindeutig ist. Aber es gibt auch nach der richterlichen Entscheidung Recht, was neu, aber wiederum eindeutig ist. (Ein Richter sagt ja nicht: "Sie können jetzt dem Kläger Schadenersatz zahlen, Sie können es aber auch lassen. Ihre Handlung war nämlich entweder falsch oder richtig.") Bevor ein Richter aber neues Recht schaffen kann, muss er sich ein Bild der Lage machen. Dieser Prozess wird aber zu einem großen Teil emotional bewältigt und kann deswegen beeinflusst werden. Und genau hier setzen die Anwälte an und versuchen die Wahrnehmung der Situation zu Gunsten ihrer Partei zu beeinflussen. (Superbeispiel sind dafür das Verschweigen von Details, von der die Gegenseite nichts weiß und zum eigenen Vorteil ist.)

Im übrigen: Was ist verwerflich daran, wenn Anwälte ihren jeweiligen Mandanten zum Vorteil verhelfen wollen? Es liegt gerade im Wesen des Anwalts, parteiisch zu sein, und das ist auch durchaus so gewollt.
Sorry, Gegenfrage: Wofür braucht es parteiische Anwälte?

Das tun doch aber Anwälte gerade?! :confused_alt: Sie nutzen die Möglichkeiten, die das Gesetz ihnen bietet (und NUR die, zaubern können sie nämlich auch nicht), um die Interessen ihrer Mandanten zu vertreten - was daran jetzt "rechtlich falsch" sein sollte, ist mir immer noch rätselhaft.
Vielleicht findest du keine Antwort auf deine Frage in meinem Text, weil ich davon überhaupt nicht gesprochen habe... Ich habe mich nur mit moralisch falsch befasst und unsere Ausgangsfrage so beantwortet, dass man sein Handeln nach Gesetzen in jedem Fall als moralisch richtig bewerten kann, wenn man die Vorausetzung trifft, dass es moralisch richtig ist und Recht gesatzt ist. - Setze ich Naturrecht voraus, so ist das Recht nicht nur genauso eindeutig, sondern auch nicht veränderbar. Es kann dann unter Umständen falsch sein zum Vorteil der eigenen Partei zu handeln, wenn die Partei im Unrecht ist.
- Ich verlange ja nur von einem Juristen, dass er sich mit dieser Grundsatzfrage auseinandersetzt!

Und damit wären wir wieder am Anfang: Recht ist nicht eindeutig.
Nehmen wir einmal an, Recht sei nicht eindeutig. (Ich glaube, du meinst aber eher: Die richterliche Entscheidung ist nicht vorhersehbar.) Dann gibt es parallel mindestens zwei Versionen von Recht. Dann kann es z.B. falsch sein zu morden nach Recht1 und richtig nach Recht2, das ist aber logisch ausgeschlossen. -> Es kann nur ein Recht geben und es ist damit eindeutig.
 

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