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Benutzer190729  (23)

Ist noch neu hier
Ich würde gerne mal schreiben, wie ich es geschafft habe, komplett alleine einen neuen Bekanntenkreis aufzubauen. Ich bin zwar nicht umgezogen o.ä., und hatte auch schon immer Freunde aus der Schule etc., die habe ich auch heute noch. Mit denen habe ich auch viel unternommen, in der Kindheit schon, als wir dann so 16-17 wurden hats dann angefangen dass wir draußen mal was trinken, wie das einige in diesem Alter halt so machen, einfach auf irgendwelchen Parkplätzen oder Spielplätzen. Klingt etwas asozial, ich weiß, aber wir waren eben 16-17 und da weiß man es nicht besser. Haben trotzdem immer unseren Müll mitgenommen etc. und nie rumgestresst o.ä. . Als ich dann etwas "älter" wurde, also mit so 20, hatte ich langsam Lust, mal weg zu gehen, also in Bars, Clubs und sowas. Wobei Club noch relativ weit entfernt war, weil ich nicht der selbstbewussteste bin und auch relativ introvertiert. Meine Freunde hatten allerdings nie Lust darauf, warum auch immer. Auf dem Parkplatz hatten sie verständlicherweise auch keine Lust mehr, aber auf irgendwo anders hingehen auch nicht. Die sind dann eher zum zocken gekommen. Da bin ich zeitweise echt verzweifelt, weil ich unbedingt mal raus wollte und eben das erleben wollte, was man in den Zwanzigern oft so erlebt, Partys, Leute kennenlernen, Dates, usw. Aber ich hatte eben niemanden, der mit mir irgendwo hingeht und so hockte ich oft am Wochenende zuhause und hatte Langeweile.

Irgendwann habe ich dann eine App entdeckt, wo man sich mit anderen Leuten treffen kann und was unternehmen kann. Klang für mich einerseits toll, andererseits auch beängstigend. Ich hatte zwar keine Sorge dass am Ende dann irgendeiner da steht, der schlimmes mit mir vor hat, weil man sich ja öffentlich trifft und vorher schreibt, aber ich bin, wie ich eben geschrieben habe, eher introvertiert und habe mich damals schwer getan neue Leute kennenzulernen. Deswegen habe ich da auch erst gezögert, aber irgendwann dachte ich mir einfach, komm ich machs jetzt, was hab ich zu verlieren...

Gesagt getan, ich bin dann irgendwann ganz alleine zum ersten Treffen gefahren, war extrem (!) nervös, weil ich nicht wusste, wie die mich aufnehmen werden. Ich war in der Schule nicht all zu beliebt, wurde zwar nicht gemobbt oder so, hatte aber einfach nur meinen Kreis mit meinen paar Leuten und nichts weiter. Dort angekommen, immer noch sehr nervös, war dann bereits eine Gruppe mit ein paar Getränken. Die Nervosität stieg immer weiter als ich auf sie zulief, aber als ich dann da war war alles extrem locker. Sehr nette Leute, wir haben uns unterhalten, haben in der Bar ein wenig getrunken, sehr toller Abend gewesen, mit ein paar Leuten habe ich die Nummern ausgetauscht und so habe ich die ersten neuen Leute kennengelernt. Da habe ich dann auch gelernt, dass es sogar vielleicht besser ist, sowas wirklich ganz alleine zu machen, und nicht mit Freunden, weil man quasi ein unbeschriebenes Blatt ist und man dann bei neuen Leuten die Chance hat, authentischer zu sein. Die Leute haben halt noch kein Bild von einem und man kann so sein wie man will. Dadurch wurde ich generell viel offener.

Das habe ich dann immer öfter gemacht und hatte echt teilweise die besten Abende meines Lebens. Natürlich gab es aber auch keinen Maßstab, wenn man vorher nur auf Parkplätzen rumhing :grin:. Die meisten Leute sieht man dann zwar nur einen Abend und man hat keinen weiteren Kontakt, auch wenn man sich sympathisch war, aber hier und da gabs eben mal welche, mit denen man sich besonders gut Verstand und man blieb weiter in Kontakt. Mit diesen Leuten hat man dann auch wiederrum neue Leute kennengelernt, wenn man unterwegs war, und so hab ich mir dann über Jahre einen neuen Kreis (bzw sogar mehrere Kreise) aufgebaut.

Über die Zeit war ich wie gesagt in Bars, dann irgendwann auch auf Hauspartys, auf Outdoorpartys, in Musikstudios, später dann auch auf Festivals, in Clubs oder auf Raves. Und mit der Zeit brauchte ich die App immer weniger, weil man eben seine Leute gefunden hat. Auch spannend war, dass ich wirklich alle Art von Leuten kennengelernt hab. Da waren Zahnärzte bei, Lehrer, Studenten, normale Bürokräfte, Musiker, Arbeitslose und noch viele weitere, wirklich aus allen Bereichen und es gab nie Stress, alles war immer friedlich. Meine Schulfreunde waren dann auch ab und zu dabei, wobei ich sagen muss, dass ich die Kreise eher voneinander fernhalte, nicht weil ich denke sie verstehen sich nicht, sondern weil ich denke, es ist gut, mehrere Kreise zu haben und nicht alles zu vermischen. Allerdings sind die auch nicht so gerne und oft unterwegs wie ich. Irgendwann habe ich natürlich auch mal Frauen kennengelernt und meine ersten Dates und Erfahrungen mit Frauen gemacht. Vielleicht im Vergleich ein wenig spät mit 20, aber davor war ich eben die ganze Zeit nur in meiner Blase und konnte gar keine neuen Leute kennenlernen. Leider wurde daraus bisher nichts ernstes, aber immerhin habe ich die Erfahrung gesammelt, was auch wichtig ist.

Und jetzt bin ich hier heute, knapp 3 Jahre später und kann mich kaum entscheiden, was ich nächstes Wochenende unternehme, weil es so viele Möglichkeiten gibt :'D. Und ich muss sagen ich bin dahingehend wirklich Stolz auf mich selber. Ich bin, wie öfter bereits geschrieben, eher introvertiert. In der Schule wurde immer gesagt, "du bist so ruhig, du musst mehr aus dir rauskommen". Wenn meine Lehrer von damals die Geschichte hören würden, würden sie definitiv denken ich bin ein anderer Mensch, weil niemand wahrscheinlich dachte, dass ich das hinbekomme, so alleine neue Kontakte aufzubauen. Ich weiß, vielleicht klingt das für den ein oder anderen doof, weil es natürlich Menschen gibt, die brauchen wahrscheinlich nicht mal das Internet um neue Freunde zu finden, aber selbst damit ist das für mich schon eine Herausforderung gewesen. Ich wurde dadurch echt viel, viel offener und selbstbewusster, auch wenn mein Selbstbewusstsein immer noch nicht zum Himmel scheint, aber immerhin. Ich habe Leute gefunden die mich akzeptieren und mögen, und das ist sehr viel Wert. Teilweise kann ich viel leichter auf Leute zugehen, wobei das für mich immer noch Überwindung kostet, aber vor 3-4 Jahren war das für mich noch undenkbar, und hätte mir jemand diese Geschichte über mich selbst erzählt, als ich 19 war, hätte ich im Leben nicht geglaubt dass das so kommt. Ich hätte auch nie gedacht, dass ich mich mal traue in einer Menschenmenge mitzutanzen. Damals habe ich mir immer Gedanken drüber gemacht, was die anderen wohl denken, wie ich mich bewege etc. Heute weiß ich dass der Gedanke absoluter Schwachsinn ist und es einer der besten Sachen ist, mit tausenden Menschen zu guter Musik zu tanzen.

Die Leute auf meiner Arbeit denken immer noch ich bin ein sehr ruhiger Typ, was ich auf der Arbeit auch bin, weil die Offenheit sich dahin irgendwie nicht übertragen hat. Dort habe ich aber auch schon lange bevor ich das alles gemacht habe angefangen zu arbeiten, und das meinte ich auch vorhin mit "man ist ein unbeschriebenes Blatt, wenn man neue Leute kennenlernt und kann authentischer sein". Die Leute auf der Arbeit haben bereits das Bild von mir, dass ich ruhig bin und das ist schwer das zu ändern. Aber auf der Arbeit ist es auch eher semi-wichtig, dort bin ich zum Geld verdienen und nicht um neue Freunde zu finden.

Jedenfalls war das meine Geschichte dazu, vielleicht ist es leicht durcheinander geschrieben und natürlich geht es auch eher Richtung Kurzform, weil jeder Abend, vor allem am Anfang des ganzen, eine Geschichte für sich war/ist. Wollte das nur mal runter schreiben, irgendwie hatte ich das Bedürfnis danach! :smile:

Einen schönen Abend!
 
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Benutzer191064  (45)

dauerhaft gesperrt
Erstmal schön, wenn es dir in deinem "neuen Leben" gut geht. Bist du dir denn aber ganz sicher, dass das so ist?

Ich war auch immer der ruhigere Mensch, auch immer eher der Außenseiter. Als ich dann aber versucht habe, jedes Wochenende "Party" zu machen mit zig verschiedenen Leuten und "zu guter Musik zu tanzen", hab ich schnell gemerkt, dass ich mich nur verstelle.

Das waren üble Jahre, fast genau deckungsgleich mit dem Studium damals. Ich hab mitgemacht, was alle gemacht haben, außer der elenden Trinkerei, war bei allen beliebt und hab das fürchterlich hohl und unsinnig gefunden.

Heute haben meine Frau und ich exakt zwei gute Freundinnen, mit denen wir unsere Zeit verbringen. Auf Reisen, in der Sauna, beim Sport, auch mal in einem Restaurant. Und das seit nun 20 Jahren.

Versteh mich nicht falsch. Genieß dein Leben, so, wie du magst - aber hinterfrage manchmal, ob das dein Leben ist, was du da führst und nicht das von anderen.
 
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