AMA AMA - ich lebe in Schweden

Benutzer123034 

Verbringt hier viel Zeit
Wow, sooo viele Fotos! :whoot: Dein Haus ist wirklich beeindruckend. Vielen Dank.
Wieso heizt ihr in Schweden mit Strom statt mit Gas? Ist das soviel billiger? Immerhin habt ihr einen Kamin :cool: Wie groß ist das Haus?

Was ist den dass für ein schönes Auto?

P.S. Ihr habt im Supermarkt echt interessante Preisschilder. Bei uns werden E-Paper-Preisschilder verwendet :smile:
 

Benutzer133456  (49)

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Wow, sooo viele Fotos! :whoot: Dein Haus ist wirklich beeindruckend. Vielen Dank.
Wieso heizt ihr in Schweden mit Strom statt mit Gas? Ist das soviel billiger? Immerhin habt ihr einen Kamin :cool: Wie groß ist das Haus?

Was ist den dass für ein schönes Auto?

P.S. Ihr habt im Supermarkt echt interessante Preisschilder. Bei uns werden E-Paper-Preisschilder verwendet :smile:
Vielen Dank - also, es ist wirklich nur ein eher kleines Haus, aber fuer zwei Leute ist es voellig ausreichend. So ungefaehr 100 Quadratmeter duerfte es haben.

Schwedens Strompraeferenz ist auffallend - hier war schon immer Elektrizitaet die bevorzugte Energiesorte, weil man sie natuerlich in einem so spaerlich besiedelten, aber grossen Land ganz elegant mit Wasserkraft machen kann. Folglich hat man auch kein so schlechtes Gewissen, hier alle Blingblings nachtsueber anzulassen... wir bezahlen fuer den Strom monatlich zwischen 50 und 300 Euro, aber das ist inklusive alles - Heizung, Kochen, Heisswasser, Beleuchtung...

Die Autos sind ein 1986er Pontiac Parisienne und ein 2006er Lincoln Town Car. Ich fahre schon immer gerne grosse Amerikaner...
:smile:
 

Benutzer133456  (49)

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Meine Kollegen sind entzueckt, dass meine Youtube Playlist mittlerweile urschwedischen "Raggar Rock" enthaelt; Raggare sind ein schwedisches Phaenomen aus den 50er Jahren. Im wesentlichen Dandies, die sich mit ihren Amischlitten schoen fanden, aber sie blieben in der Epoche stecken, und vergoetttern noch heute diese Fahrzeuge aus den Jahren 1955 bis 1975.

Da ich auch amerikanische Autos habe, und oft von ihnen erzaehle, vermuteten mich meine Kollegen schon lange im Camp der "Raggare." Closet Raggare, quasi. Und vielleicht haben sie recht.

 

Benutzer3277 

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In Schweden möchte ich nicht unbedingt gern wohnen. Zu kalt (ich gehe im Sommer zu gern baden) und in einigen Punkten unpassend für mich: Das Land ist zu sehr technikbegeistert und Prostitutions-feindlich. Was ich positiv finde, sind die vielen hübschen Frauen, die sehr natürlich (ungeschminkt) wirken im Gegensatz zu vielen dt. Frauen.
 

Benutzer123446 

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P ProxySurfer
Also, ich bin ja begeisterte Schweden-Urlauberin und baden kannst du da alle mal! :grin: Man gewöhnt sich an die Kälte und es gibt sooooo viele Seen, in denen man schwimmen kann und die nicht so überlaufen sind wie die hiesigen Badeseen. Gar nicht zu vergleichen. Selbst im Meer war ich schwimmen (ein Stück nördlich von Göteborg).
 

Benutzer133456  (49)

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P ProxySurfer
Also, ich bin ja begeisterte Schweden-Urlauberin und baden kannst du da alle mal! :grin: Man gewöhnt sich an die Kälte und es gibt sooooo viele Seen, in denen man schwimmen kann und die nicht so überlaufen sind wie die hiesigen Badeseen. Gar nicht zu vergleichen. Selbst im Meer war ich schwimmen (ein Stück nördlich von Göteborg).
Es ist in der Tat so, dass man sich da irgendwie "einreguliert." Man ist ja von Deutschland her noch so konditioniert, dass alles unter 16 Grad als "kalt" gilt, und sobald man an die null Grad rankommt, ist's Zeit fuers Arktisforscheroutfit.

So zumindest kam ich als 20-jaehriger im westlichen Kanada an, wo man eigentlich von November bis Maerz durchgehend minus 25 Grad hatte. Anfangs fuerchtete ich noch um mein Leben, aber im zweiten Winter dann uebernahm ich die kanadischen Standards fuer Temperaturwahrnehmung, und die dienen mir auch heute noch gut in Schweden:
  • minus dreissig Grad und darunter: Arktisforscheroutfit.
  • minus zwanzig bis minus dreissig Grad: kalt; definitiv gut vermummen, Schal, Muetze, Handschuhe, dicke Jacke.
  • minus zehn bis minus zwanzig: Normaltemperatur im Winter; Schal, Muetze, irgend 'ne Jacke. Keine grosse Aufregung.
  • null bis minus zehn: mild; kann man auch mal im Hemd zum Auto rausgehen, oder vom Auto in die Shopping Mall.
  • zehn bis null: da gehe ich schon auch mal in Badeschlappen und Bademantel zum Apfelbaum raus, oder zu den Johannisbeeren, und hole Fruehstueck, so im September, morgens.
  • zwanzig bis zehn: sommerlich.
  • ueber zwanzig: kaum auszuhalten.
 

Benutzer24152 

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Off-Topic:
Es ist in der Tat so, dass man sich da irgendwie "einreguliert." Man ist ja von Deutschland her noch so konditioniert, dass alles unter 16 Grad als "kalt" gilt, und sobald man an die null Grad rankommt, ist's Zeit fuers Arktisforscheroutfit.

So zumindest kam ich als 20-jaehriger im westlichen Kanada an, wo man eigentlich von November bis Maerz durchgehend minus 25 Grad hatte. Anfangs fuerchtete ich noch um mein Leben, aber im zweiten Winter dann uebernahm ich die kanadischen Standards fuer Temperaturwahrnehmung, und die dienen mir auch heute noch gut in Schweden:
  • minus dreissig Grad und darunter: Arktisforscheroutfit.
  • minus zwanzig bis minus dreissig Grad: kalt; definitiv gut vermummen, Schal, Muetze, Handschuhe, dicke Jacke.
  • minus zehn bis minus zwanzig: Normaltemperatur im Winter; Schal, Muetze, irgend 'ne Jacke. Keine grosse Aufregung.
  • null bis minus zehn: mild; kann man auch mal im Hemd zum Auto rausgehen, oder vom Auto in die Shopping Mall.
  • zehn bis null: da gehe ich schon auch mal in Badeschlappen und Bademantel zum Apfelbaum raus, oder zu den Johannisbeeren, und hole Fruehstueck, so im September, morgens.
  • zwanzig bis zehn: sommerlich.
  • ueber zwanzig: kaum auszuhalten.
Und wie sieht das deine Lebenspartnerin? Sie kommt doch aus dem Bejing Gebiet, das ist doch im Winter auch relativ "frisch".
 

Benutzer133456  (49)

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Off-Topic:

Und wie sieht das deine Lebenspartnerin? Sie kommt doch aus dem Bejing Gebiet, das ist doch im Winter auch relativ "frisch".
Madame Tahini fuehlt sich im schwedischen Klima ganz wie zu Hause. Es fuehlt sich ja durchgehend an wie Peking an einem klaren Tag (zumindest im kuehleren Teil des Jahres), und sie geht auch bei minus zwanzig lediglich im Parka raus. Wir bevorzugen die im Alltag mittlerweile, weil man sich das ganze Klimbim mit Muetzen und Schals spart. Einfach Parka an, Kapuze auf, Reissverschluss zu bis zur Nase hoch, fertig.

Im Sommer bin eher ich der Sonnenanbeter und Seeschwimmer, aber das liegt auch daran, dass man in China Sonnenbraeune vermeidet; dort gilt dunkle Haut als das Markenzeichen der Armen und Ungebildeten, und so sitzt sie hoechstens mal beim Grillen mit auf der schattigen Veranda. Da dann tendenziell jedoch mit mehr Kleidung als ich - was wohl aber ganz normal "fraulich" ist, nehme ich an. Die frieren ja doch tendenziell eher.
 

Benutzer131834 

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Es ist in der Tat so, dass man sich da irgendwie "einreguliert." Man ist ja von Deutschland her noch so konditioniert, dass alles unter 16 Grad als "kalt" gilt, und sobald man an die null Grad rankommt, ist's Zeit fuers Arktisforscheroutfit.

So zumindest kam ich als 20-jaehriger im westlichen Kanada an, wo man eigentlich von November bis Maerz durchgehend minus 25 Grad hatte. Anfangs fuerchtete ich noch um mein Leben, aber im zweiten Winter dann uebernahm ich die kanadischen Standards fuer Temperaturwahrnehmung, und die dienen mir auch heute noch gut in Schweden:
  • minus dreissig Grad und darunter: Arktisforscheroutfit.
  • minus zwanzig bis minus dreissig Grad: kalt; definitiv gut vermummen, Schal, Muetze, Handschuhe, dicke Jacke.
  • minus zehn bis minus zwanzig: Normaltemperatur im Winter; Schal, Muetze, irgend 'ne Jacke. Keine grosse Aufregung.
  • null bis minus zehn: mild; kann man auch mal im Hemd zum Auto rausgehen, oder vom Auto in die Shopping Mall.
  • zehn bis null: da gehe ich schon auch mal in Badeschlappen und Bademantel zum Apfelbaum raus, oder zu den Johannisbeeren, und hole Fruehstueck, so im September, morgens.
  • zwanzig bis zehn: sommerlich.
  • ueber zwanzig: kaum auszuhalten.
So geht es mir mittlerweile auch. :grin: Dadurch, dass ich eine ganze Wintersaison in Westkanada verbracht habe, habe ich mich echt an die Kälte gewöhnt. Anfangs dachte ich, dass ich bei -25°C sterben werde, später haben wir bei -38°C draußen 8 Stunden lang gearbeitet und bei -5°C haben wir es gar nicht mehr für nötig gehalten, beim Einkaufsbummel eine Jacke anzuziehen. Pullover hat da vollkommen ausgereicht.
Hier in Deutschland werde ich wie ein Alien angesehen, wenn ich mal bei 0°C im Sweatshirt raus gehe.
 

Benutzer133456  (49)

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So geht es mir mittlerweile auch. :grin: Dadurch, dass ich eine ganze Wintersaison in Westkanada verbracht habe, habe ich mich echt an die Kälte gewöhnt. Anfangs dachte ich, dass ich bei -25°C sterben werde, später haben wir bei -38°C draußen 8 Stunden lang gearbeitet und bei -5°C haben wir es gar nicht mehr für nötig gehalten, beim Einkaufsbummel eine Jacke anzuziehen. Pullover hat da vollkommen ausgereicht.
Hier in Deutschland werde ich wie ein Alien angesehen, wenn ich mal bei 0°C im Sweatshirt raus gehe.
Interessant, dass auch Du durch Kanada "umgestellt" wurdest. Und es ist wohl tatsaechlich reine Einstellungssache.
In England und Neuseeland hatte ich Studenten, die kamen Winter wie Sommer mit Flip Flops und im T-Shirt zur Uni. Ich weiss noch, einmal kam ich auf die Farm eines Freundes in Kanada, und da lag der unter seinem Chevy Truck im T-Shrirt im Schnee und machte seelenruhig den Oelwechsel. Das war so bei null Grad. Ich glaube, ein grosser Teil des "mir ist kalt" ist reines Selbstverruecktmachen.
 

Benutzer159764 

Sorgt für Gesprächsstoff
Temperaturempfinden hängt stark mit der Luftfeuchtigkeit zusammen, daher sind zb trockene -20 gut auszuhalten
 
4 Woche(n) später

Benutzer133456  (49)

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Und jetzt wurde es Zeit, fuer ein wintergerechtes Dorf-Transportmittel zu sorgen. Man verwendet in Nordschweden gerne einen "Spark", eine Art Steh-Schlitten mit Sitz vorne fuer Passagiere oder Tiere. Mit ein bisschen Garagenplunder und Spaxschrauben kann man das wunderbar selbst bauen...

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Benutzer133456  (49)

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Schweden macht umso mehr Spass, wenn einem noch das Deutsche im Kopf rumspukt. All diese goettlich grotesken Assoziationen! Der Busfahrer letzte Woche dachte sich vermutlich seinen Teil ueber den kichernden Passagier, der dieses Schild im Buseingang fotografierte: Pälsdjur bak! Bedeutet einfach nur "Katzen und Hunde bitte im hinteren Wagenteil unterbringen", aber woertlich uebersetzt heisst es eigentlich "Pelztiere nach hinten!" Und da ging einfach mein Kopfkino an, wie da hinten im Bus Leute mit Mardern und Bibern und Opossums sitzen.
:ROFLMAO:
 

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Benutzer89539 

Planet-Liebe-Team
Moderator
Aaaah... :herz:

Ich habe den gesamten Thread jetzt in einem Aufwasch durchgelesen. Das klingt echt toll! Und auch ich kriegte spontane, heftige Auswanderungsgelüste. Durch diese Mischung aus Zusammenfassungen, Anekdoten und Bildern (und das gleich von zwei Exilschweden!) kriegt man so richtig ein Gefühl vor das Land. :love: Ich selbst war leider erst ein einziges Mal in Schweden, und da war ich so klein dass ich mich nicht erinnern kann. Zum Urlaub machen ist es da aber alles recht teuer, oder?

Dennoch, bei aller Faszination, beschleicht mich ein leicht ambivalentes Gefühl. Die freundliche, rücksichtsvolle Art des Miteinanders, das geringe soziale Gefälle, die Offenheit, das klingt alles echt toll. Ein etwas kühleres Klima würde mich auch nicht stören, und ich kann mir vorstellen dass mich auch die Sprache zu lernen total interessieren würde.

Aber bei all der "heilen Welt" kommt es mir doch auch, man verzeihe mir die Formulierung, etwas spießig vor. Und spießig mag für manche toll sein, aber ich habe halt doch ein bisschen was paradiesvogelartiges an mir. Aber vielleicht täuscht mich auch mein Eindruck. Du sagst Tahini Tahini , die schwedische Gesellschaft basiere viel auf Gleichheit, auch in Verbindung mit einem gewissen sozialen Druck, und das Andersartigkeit für viele eher beängstigend ist. Wie sieht es da aus, z.B. mit der schwarzen Familie, dem schwulen Pärchen, der Esoterikerin, dem Typen der lieber bis nachts um 5 wach ist und dafür den Vormittag verschläft, dem Kauz mit dem ausgefallen Kleidungsstil, der Ökoveganerin, dem introvertierten Computernerd oder der Crazy Cat Lady aus? Ich mag es auch gerne mal etwas bunter im Leben, Persönlichkeiten die nicht so 08/15 sind (wozu ich mich selbst auch zähle). Sind die in Schweden eher Außenseiter? Oder sind das Eigenheiten, die man freunlich-achselzuckend zur Kenntnis nimmt und respektiert?

Und was das "gutbürgerliche-aufgeräumte-behagliche" angeht... hat ja seinen Charme, aber offen gesagt steckt in mir auch eine Chaotin. :engel:

Und die Ruhe... hmm, ich weiß nicht. Ich ticke da eher paradox. Einerseits liebe ich Ruhe, und ich liebe Natur. Einen ganzen Tag durch die ewigen Wälder zu streifen, egal ob bei Schnee oder im Sommer wenn alles blüht - das muss ein Traum sein! Und trotzdem brauche ich von Zeit zu Zeit auch den Trubel der Stadt, die Lichter, die vielen Menschen... was in Schweden außerhalb weniger Orte vermutlich eher Mangelware sein dürfte?

Darum frage ich mich, ob ich mich so hypothetisch in Schweden (obwohl es ganz ohne Frage ein sehr tolles Land ist) wirklich rundum wohl fühlen würde. Oder völlig unbegründete Sorgen?
[doublepost=1516741906,1516741773][/doublepost]Passend zum Thema schaue ich jetzt erstmal eine Episode Vikings. :link:
 

Benutzer133456  (49)

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Dennoch, bei aller Faszination, beschleicht mich ein leicht ambivalentes Gefühl. Die freundliche, rücksichtsvolle Art des Miteinanders, das geringe soziale Gefälle, die Offenheit, das klingt alles echt toll. Ein etwas kühleres Klima würde mich auch nicht stören, und ich kann mir vorstellen dass mich auch die Sprache zu lernen total interessieren würde.

Aber bei all der "heilen Welt" kommt es mir doch auch, man verzeihe mir die Formulierung, etwas spießig vor. Und spießig mag für manche toll sein, aber ich habe halt doch ein bisschen was paradiesvogelartiges an mir. Aber vielleicht täuscht mich auch mein Eindruck. Du sagst Tahini Tahini , die schwedische Gesellschaft basiere viel auf Gleichheit, auch in Verbindung mit einem gewissen sozialen Druck, und das Andersartigkeit für viele eher beängstigend ist. Wie sieht es da aus, z.B. mit der schwarzen Familie, dem schwulen Pärchen, der Esoterikerin, dem Typen der lieber bis nachts um 5 wach ist und dafür den Vormittag verschläft, dem Kauz mit dem ausgefallen Kleidungsstil, der Ökoveganerin, dem introvertierten Computernerd oder der Crazy Cat Lady aus? Ich mag es auch gerne mal etwas bunter im Leben, Persönlichkeiten die nicht so 08/15 sind (wozu ich mich selbst auch zähle). Sind die in Schweden eher Außenseiter? Oder sind das Eigenheiten, die man freunlich-achselzuckend zur Kenntnis nimmt und respektiert?

Das freut mich, dass das hier Anklang findet!
:love:
Und Du bringst da einige richtig interessante Fragen ins Spiel. Ich fasse die mal so zusammen:
  1. kann man als Individualist in diesem hochdefinierten Bildchen einer Idylle real einen Platz innehaben?
  2. ist das womöglich auf Dauer langweilig und beengend hier?
  3. gibt es Möglichkeiten, Schweden mit einem kleinen Budget besuchsweise zu geniessen?
Wohlan, ich versuche mal, das bestmöglich zu beantworten:

1. Vergleichbar mit den Engländern sehen die Schweden das vorgefertigte Stereotyp ihrer Kultur nicht als tiefgreifendes Dogma, dem man sich seelisch verschreiben muss, sondern als eine Art Mantel, den man sich anzieht, um im Alltag reibungslos durchzukommen. Unter diesem Mantel sind sie alle grellbunte Viecher, und jeder weiss es. Man könnte sogar sagen, nur, wer sich hier nicht irgendwann mit absonderlichen Neigungen outet, gilt hier als Sonderling. Ich habe noch nie so viele Exzentriker getroffen wie hier - Leute, die in ihrer Scheune seit 40 Jahren ein echtes Flugzeug bauen, oder geheime Unterwasserfotoanlagen installieren, um ein legendäres Seeungeheuer zu fotografieren, oder bei sich zu Hause alles auf Manga getrimmt haben. Aber auch sie kommen im Alltag brav im Karohemd an, sagen "tjena," essen Zimtschnecken, trinken Kaffee, und fahren einen Volvo Kombi. Schwedens Oberflächenspiessigkeit ist in Wahrheit eine Art allgemeines, neutrales Interface, auf dem sich alle einstöpseln können, um im Alltagsbereich miteinander zu kommunizieren. Wenn den Schweden Exzentrik fremd wäre, hätten sie nie IKEA, Pippi Langstrumpf, Karlsson vom Dach, Heidi, oder Volvos erfunden. Oder ihren eigenen Staat, der es geschafft hat, sich aus zwei Weltkriegen selbstbewusst rauszuhalten.

2. Aufgrund Punkt 1: nein. :smile: Kann gar nicht passieren. Entweder, weil man seine exzentrischen Neigungen auslebt, oder, weil man wirklich keine hat und sich mit dem gediegenen weisse-Tischdeckenleben aufgrund seiner eigenen Natur ganz gut arrangieren kann. Es gibt Gruppierungen, die wider die wahrgenommene Bravheit rebellieren, z.B. die Raggare - Greasers, wuerde man sie in USA nennen. Die, und allerlei Motorradgangs gibt es hier zuhauf, und es ist Teil des schwedischen Mannseins, irgendsowas anzugehören. Notfalls freiwillige Feuerwehr. Und dann ist da noch die Sache mit dem Stadtleben: Irgendwie schaffen es die Schweden, mit jedem Schuss einen Treffer zu landen, wenn sie Etablissements eröffnen. Die sind einfach unglaublich geschmacksfest, und somit kann man getrost z.B. auch mal eine "Dorfdisco" aufsuchen - man wird ueberrascht sein, wie hoch das Niveau ist. Bei aller Landidylle wissen die hier sehr genau, wie hoch die Messlatte hängt, und Angebote jedweder Art sind normalerweise immer Cutting Edge oder besser (Entrepreneure hier sind der Ehrgeiz in Person; die denken alle "heute Katthult, morgen Manhattan").

3. man kann Schweden auch ohne viel Geld geniessen. Bevor ich hierherzog, fuhr ich oft mit dem Auto hierher und zeltete wild, was hier legal ist. Und man kann sich an den Mittagsbuffets fuer ca. zehn Euro in Städten derart laben, dass man weder Fruehstueck noch Abendessen braucht. Also, ich zumindest bin da ein begnadeter Fressack. Mit etwas Disziplin schaffe ich auch zehn Teller. Mit dem Fahrrad erradelt sich Schweden auch hervorragend, denn die Strassen sind breit und wenig befahren, normalerweise mit einem Pannenstreifen auch auf Bundesstrassen, den man prima fuer sich in Anspruch nehmen kann. Die Bahn akzeptiert Fahrräder hervorragend, und man bekommt auch ganz brauchbare Angebote, um mal grössere Strecken zu bewältigen (mal gucken, es gibt die Gesellschaften Norrtåg und SJ, Svenska Järnvägar). Anreise per Billigflug sollte auch keine Magie sein. Und ein Ferienhaus zu mieten (Stuga) ist ein schwedischer Klassiker, der wirtschaftlich grossen Sinn macht, wenn man in einer Gruppe oder zumindest mit ein paar anderen sowas anmietet. Die Kostenunterschiede fuer Essen und Getränke lassen sich ja eigentlich auch ganz einfach managen, indem man eben nur halb so viel konsumiert wie z.B. in Deutschland. Tut einem vielleicht mal ganz gut (also, mir tat's das).

:zwinker:
 
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Benutzer123446 

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Off-Topic:
Immer, wenn Tahini Tahini von Schweden schwärmt, will ich dann doch auswandern. :cry:
Oder aber mich massiv auf den nächsten Urlaub (vielleicht 2019...) freuen. :grin:
 

Benutzer123034 

Verbringt hier viel Zeit
Ist das auf dem einen Foto eine Eingangstüre? Braucht ihr kein Sicherheitsschloss? :ratlos:
 

Benutzer133456  (49)

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Ist das auf dem einen Foto eine Eingangstüre? Braucht ihr kein Sicherheitsschloss? :ratlos:
Ja, das ist unsere Haustuere. Da ist aber schon ein Sicherheitsschloss dran. Oberhalb der Klinke. Zwar sagt man uns oft, man bräuchte nicht abzuschliessen, aber das ist natuerlich nur so lange wahr, bis was wegkommt, und die Versicherungsgesellschaft nachfragt.
:smile:
Einbrueche sind in Schweden seit ein paar Jahren unerhört auf dem Vormarsch, und es sind tatsächlich meistens osteuropäische, professionelle Banden. Da sind auch alle hellwach, und auf den Facebookgruppen (die meisten Dörfer haben eine, und so gut wie alle sind drin), wimmelt's vor "Einbrechervanfotos" oder zumindest Beschreibungen (fast immer weisse VW LTs mit bulgarischer oder rumänischer Nummer).
 
Zuletzt bearbeitet:

Benutzer83901  (36)

Planet-Liebe Berühmtheit
Ich mag es auch gerne mal etwas bunter im Leben, Persönlichkeiten die nicht so 08/15 sind (wozu ich mich selbst auch zähle). Sind die in Schweden eher Außenseiter? Oder sind das Eigenheiten, die man freunlich-achselzuckend zur Kenntnis nimmt und respektiert?

Und was das "gutbürgerliche-aufgeräumte-behagliche" angeht... hat ja seinen Charme, aber offen gesagt steckt in mir auch eine Chaotin. :engel:
Du hast das Wort spiessig benutzt und das passt ganz gut. Viele Schweden sind recht spiessig und pruede, man folgt so einem klassischen Lebensweg (Ausbildung, fest binden mit Anfang zwanzig, Haus kaufen, dann zuegig zwei oder besser drei Kinder mit oder ohne Heirat, stuga kaufen, schönes Leben leben). So sieht das in unserem Umkreis meist aus.

Exzentriker findest du sicherlich auch, die aber eher in kreativen Zentren oder den grossen Städten, wo es okay ist, etwas anders zu sein. Ich habe ja extrem viele Musiker im Freundeskreis, die diesem klassischen Modell gar nicht folgen, die sich gegen etablierte Normen sträuben, weil sie nicht ihrer Kreativität entsprechen.

Mein Kerl war selbst fuerchterlich genormt hier, der hat sich in all den Jahren abgewöhnt so zu sein, wie er ist. Jetzt fängt er wieder an zu leben. Das heisst, die Heavy Metal-Mähne kommt zurueck und abends spielt er halt wieder Gitarre und rockt die Huette. :grin:

Die meisten seiner Freunde und Bekannten beziehungsweise der ganze Dunstkreis seiner Exfreundin hat mich von Anfang an skeptisch beäugt, besser geworden ist das nicht unbedingt, seit auch Kerl sich weg von dem bewegt, was er frueher mit seiner Ex zur Schau gestellt hat. Das macht ihm selbst noch manchmal Angst. :grin:

Ich kann persönlich nicht so sagen, wie das mit Homosexualität ist. Ich kenne hier niemanden, der homosexuell ist. Das liegt aber eben auch daran, dass man ueber Sexualität niemals öffentlich redet, das geht gar nicht.
 
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